Sie strahlen im Licht der provenzalischen Sonne und bringen die Farben der Provence besonders intensiv zur Geltung. Die provenzalischen Stoffe überzeugen mit ihrer hervorragenden Qualität, doch zeichnen sie sich vor allem durch ihre tiefwirkenden Färbungen aus. Hierbei kommen gleich zwei Traditionshandwerke der Provence zusammen: das Weben und die Farbgewinnung. So sind die Stoffe der Provence außerordentlich robust, wirken jedoch gleichzeitig sanft und leicht aufgrund ihrer phänomenalen, leuchtenden Farben. Beides zusammen ergibt die traditionelle provenzalische Stoffherstellung, die für wunderschöne Hingucker sorgt. Mit ihren strahlenden Farben und ausgefallenen Motiven tragen sie die provenzalische Sonne in sich und bringen überall ein Stückchen Provence in jedes Haus.
Tradition
Die leuchtenden Stoffe aus der Provence erinnern auf den ersten Blick an die ehrwürdige orientalische Webkunst. Und das nicht ohne Grund. Denn schon im frühen Mittelalter galten die intensiv gefärbten und aufwendig gewebte und verzierte Seide- und Wollgewebe der Sassaniden, Byzantiner oder Sarazenen als Statussymbol der königlichen Oberschicht in ganz Europa. In allen Königshäusern statte man sich mit dem orientalischen Luxusstoff aus. Doch bei diesem Handel zwischen dem Alten Orient und europäischen Königshäusern spielte besonders eine Stadt eine entscheidende Rolle: Marseille. Die Hafenstadt war zentraler Port für die Ankunft von Ware aus aller Welt wie Gewürze, Metalle, Steine, Tee oder eben die kostbaren Stoffe. Schon in der Antike war das griechische Massalia, wie Marseille als griechische Polis genannt wurde, einer der Mittelpunkte im antiken Handelsnetz. Der Handel mit Stoff, der in der Spätantike oder im frühen Mittelalter zunehmend begann, war dabei jedoch das einzige Geschäft im Stoffwesen, das in der Provence von Bedeutung war, denn zu dieser Zeit hatte sich noch keine eigene provenzalische Stoffherstellung etabliert.
Als sich in der Frühen Neuzeit der internationale Handel mit außereuropäischen Ländern intensivierte, erlebte der Marseiller Hafen einen weiteren Aufschwung als Drehkreuz für allerlei Waren. Allerdings dominierte in Marseille vor allem der Handel mit Waren aller Art aus Indien das Geschäft, worunter vor allem die indischen Stoffe auf große Begeisterung bei den Käufern in ganz Europa stießen. Im 17. Jahrhundert kamen einige findige Händler auf die Idee, sich auf den Handel mit indischen Stoffen zu konzentrieren und gründeten daher eine Handelsgesellschaft, die sich allein auf den Import und Weiterverkauf der kostbaren Stoffe aus Indien konzentrierte. Vor allem die Seidenstoffe mit ihren aufwendig bestickten Mustern und außergewöhnlichen Motiven waren in der europäischen Oberschicht beliebt. Allerdings regte der lukrative Handel mit den wunderschönen Stoffen aus Indien andere Marseiller Händler an, das kostbare Gewebe billig zu imitieren und zu verkaufen. Zugleich stieg die Nachfrage nach dem edlen Stoff aus dem Orient so sehr, dass die professionelle Marseiller Stoffgesellschaft nicht mehr alle ihre Kunden zufrieden stellen konnte. Dies nutzten die einfallsreichen Händler aus und bedruckten kurzerhand günstige Bauwollstoffe mit ähnlichen Mustern wie jene der hochwertigen Seidenstoffe. So wurde 1648 die erste Tuchdruckerei in Marseille unter dem Namen „Les Indiennes“ (die Indischen) gegründet, wo von nun an die ersten provenzalischen Stoffe hergestellt wurden. Doch so einfach das Kopieren klingen mag, darf man den Innovationsgeister der Marseiller Stoffdrucker nicht vergessen, denn sie entwickelten neue Techniken, um ihre Kopien herzustellen, womit sie den Stoffmarkt revolutionierten. Ihre zunächst vermeintlich „orientalisch“ wirkenden Muster schnitzten sie in weiches Holz, das sie als Stempel für ihre Stoffe verwendeten. Schwieriger war die Farbgewinnung zur Nachahmung der intensiv leuchtenden Farben der indischen Seidenstoffe, was herausragendes Merkmal der Luxusgüter bekannt waren. Doch auch dafür fanden die Drucker in Marseille eine Lösung: geschickt entwickelten sie neuen Verfahren zur Farbgewinnung und machten sich kurzerhand die leuchtenden Farben der Provence zunutze. Mit ihren intensiven Farben und detailgetreuen Drucken waren die Bauwollstoffe aus Marseille den kostbaren Originalen überraschend ähnlich und fanden auch schnell Gefallen in der Oberschicht.
Aus der anfangs lediglich aus dem indischen Raum inspirierten Stoffherstellung wurde in der Provence bald ein eigenständiges Handwerk, das sich mit charakteristischen Webtechniken auszeichnete und regionale, provenzalische Motive auf die neuen Stoffe brachte. Das Grundprinzip, das einst von aus der Marseiller Stoffdruckerei entwickelt wurde, hat jedoch bis heute Bestand. Denn es sind Bauwollstoffe in unterschiedlichen Texturen, die mit allerlei Farben und Motiven bedruckt werden. Mit der Zeit wurden die provenzalischen Tuchdrucker immer selbstbewusster, lösten sich von der vermeidlichen Imitation der indischen Seidenstoffe und wurde so zu einem eigenständigen Verfahren der Stoffherstellung. Die indischen Muster wurden zunehmend durch eigene Motive ersetzt, die die Region und ihre Kultur verdeutlichen sollen. Bis heute sind es daher vor allem die floralen und ganz im Stil der herrlichen provenzalischen Landschaft gehaltenen Stoffe, wofür die Provence bekannt ist.
Farbgewinnung
Die Provence zeichnet sich in allen möglichen Bereichen durch ihre atemberaubend leuchtenden Farben aus. Es scheint unmöglich ihre natürlichen Farben, die in der provenzalischen Sonne nur so leuchten, festzuhalten. Einige Künstlerinnen und Künstler versuchten sich immer wieder an der Verewigung dieses Farbenschauspiels auf der Leinwand, doch schienen allesamt immer zu scheitern. Die Provenzalen hingegen fanden geschickt einen Weg, die himmlischen Farben festzuhalten. Dafür griffen sie auf die natürlichen Farbpigmente ihrer Umgebung zurück, die der provenzalischen Landschaft ihre charakteristische Färbung verleiht. Sie schafften es, ihre wunderbaren Stoffe durch die Farben ihrer Region zu unverwechselbaren Gütern zu machen, denn die provenzalischen Stoffe zeichnen sich vor allem durch ihre leuchtenden Farben aus. Dies ist den findigen Stoffdruckern zu verdanken, die Mitte des 17. Jahrhunderts neue Arten der Farbgewinnung erfanden, um ihre Bauwollstoffe möglichst ähnlich wie die faszinierenden Seidenstoffe gestalten zu können.
Dabei bedienten sich die provenzalischen Stoffdrucker vor allem auf ein außergewöhnliches Pigment, für das die Provence bekannt ist: Ocker. Malerische Orte wie Roussillon oder der „Colorado provençal“ bei Rustrel verdanken ihre Schönheit den Ockerfelsen, aus dessen roten, orangenen, gelben und braunen Gestein sie geformt sind. Doch nicht nur als außergewöhnliches Baumaterial oder als sehenswerte Landschaften eignet sich der Ocker. Vielmehr erkannten die Provenzalen schon früh, dass sich der Ocker als ideales Färbemittel eignet und begannen alles Mögliche in dem Farbenspektakel der Ockerfelsen zu färben. Denn aus dem Ocker lässt sich ein unfassbar breites Spektrum an verschiedenen Farben gewinnen, weshalb das Pigment universell einsetzbar ist. Von satten Rottönen über erdige Brauntöne bis hin zu leuchtendem Orange oder Safrangelb lässt sich aus Ocker eine wahre Farbenvielfalt gewinnen. Vergleicht man die faszinierenden Felsen des Ockerzentrums Roussillon mit bezaubernden bunten Stoffen, so fällt schnell auf, dass sich die Farbgebung beider sehr ähneln. Die Einwohner von Roussillion benutzten schon früh Ockerpigmente zum Einfärben ihrer Häuser. Diesem Brauch wandelten die Stoffhersteller um und erschufen dadurch die Grundlage für die Färbung der provenzalischen Stoffe. Gerne werden die herrlichen Stoffe mit ihrem wunderbaren Färbemittel auch als „Bandol ocre“ bezeichnet. Es sind die Stoffe des Ockers, die aus der Provence mit ihrer besonderen Farbgebung berühmt geworden sind.
Allerdings ist die Verwendung des Ockers nicht die einzige Art und Weise der Farbgewinnung in der Provence. Die Region zeichnet sich durch verschiedene Produktionsverfahren für die Gewinnung von unterschiedlichen Färbemitteln aus. So gehört das Färben zu einer der wirtschaftlichen Grundlagen der Region, die sich in der Industrialisierung etabliert haben. Zu dieser Zeit wurden professionelle Manufakturen zu Farbgewinnung in der Provence erbaut, wodurch sich die Region ein weiteres wirtschaftliches Standbein aufbauen konnte. Nicht nur die Förderung des Ockers im großen Stil erlaubte es den Provenzalen, außergewöhnliche Farben herzustellen, sondern es wurden auch unterschiedliche Färberpflanzen gezielt angebaut, um sie anschließend für ihre besonderen Farbstoffe zu verwenden. Dabei bedienten sich die Provenzalen an einem der vielen Kräfte, die ihre Region ihnen zur Verfügung stellt. Sie verwendeten die Kraft des Wassers, die in den Flussörtchen wie Fontaine-de-Vaucluse, Isle-sur-la-Sorgue, aber auch Les Taillades mit Hilfe Wasserrädern für verschiedene industrielle Herstellungsverfahren wie der Papiergewinnung oder des Getreidemahlens genutzt wurde. Noch heute schaufeln die riesigen Holzräder in den Dörfchen das klare Wasser, das meist aus den Bergmassiven der Provence fließt. Durch sie wurden einst Mühlen angetrieben, die allerlei verschiedene Güter produzierten. Neben der Papierherstellung oder dem Mahlen von Mehl wurde in Les Taillades das Wasser für die Herstellung eines roten Farbstoffes gebraucht. Die Tailladais hoben sich mit der Verarbeitung der Wurzeln der Färbepflanze „Garance“ mithilfe der Wasserkraft von den umliegenden Dörfern ab, denn nur wenige setzten auf diese besondere Art der Farbförderung.
Der weltberühmte Stoff
Vor allem in den Orte nahe der Küste florierte das Stoffgeschäft, denn hier waren die Hersteller den ursprünglichen Inspirationen aus Fernost am nächsten und betrieben neben dem Handelszentrum Marseille oft selbst Handel über ihre Häfen. Dabei sollte neben dem Haupthafen in Marseille vor allem ein Ort in der Provence von dem aufkommenden Stoffhandel profitieren: In Nîmes entwickelte sich ein hervorragendes Stoffgeschäft, das einen ganz besonderes Gewebe hervorbrachte, ohne das die Welt heute ganz anderes aussehen würde. Kaum einer vermutet, dass der berühmte Jeansstoff aus der provenzalischen Kleinstadt mit antiker Geschichte stammt. Denn „denim“, wie der Stoff nach intensivem Handel mit Amerika im englischsprachigen Raum genannt wurde, heißt nichts anderes als „de Nîmes“, also „aus Nîmes“. Mit dem Beginn der Seefahrt und zunehmenden Handel über das Mittelmeer verschrieb sich Nîmes der Herstellung eines neuartigen robusten Stoffes, der später zum Symbol der US-amerikanischen Kultur werden sollte. Im 17. Jahrhundert stieg Nîmes zum Produktionszentrum für Stoffe aller Art auf, wobei es seine Stoffe nicht nur über seine Grenzen hinaus verkaufte, sondern auch für eigene Zwecke benutzte. So sollte für die Bauern zur Erleichterung ihrer harten Arbeit, Kleidung aus besonders widerstandsfähigem Stoff entwickelt werden. Einige Fabrikanten in Nîmes erkannten ihre Chance und entwarfen einen einfachen Stoff aus Baumwolle, der angenehm zu tragen und gleichzeitig Wind und Wetter standhalten kann. Es war das „Gewebe aus Nîmes“ – das „Serge de Nîmes“ – in das sich von nun an die vielen Landarbeiter der Provence kleideten. Dieser robuste Stoff wurde von dem findigen Unternehmer Strauss (Levi Strauss) in die USA importiert und stieß hier auf große Begeisterung. Zu dieser Zeit war das Baumwollgewebe noch nicht mit dem charakteristischen Jeans-Indigoblau gefärbt, sondern ganz natürlich im strahlenden Weiß der Baumwolle gehalten, was die Arbeit unter der provenzalischen Sonne ermöglichte. Strauss hingegen kombinierte den Stoff „de Nîmes“ mit dem wunderbaren Blau aus Genua (Jeans) und erschuf so die weltberühmte Denim Jeans. In der Provence jedoch trugen die Arbeiter weiterhin ihren einfachen, ungefärbten robusten Stoff, der sie unter freiem Himmel schütze und ihnen das Arbeiten leichter machte.