Weihnachtszeit im Luberon

Wenn es kalt wird, der herbstliche Mistral der klare Wintersonne weicht und sich eine magische Ruhe über die Hügel des Luberon legt, dann beginnt für viele Provenzalen ihre Lieblingszeit im Jahr: die Weihnachtszeit. Hier gehören das Weihnachtsfest und die Feierlichkeiten rund um den Jahreswechsel zur wohl wichtigsten Zeit der provenzalischen Kultur. Vollgepackt mit allerlei Bräuchen, Traditionen und Gewohnheiten verwandelt sich die Provence zu jedem Jahresende in einen wahrlichen Wintertraum.

Die Weihnachtszeit

Schnee fällt im Luberon eher selten, doch verspricht die klare Luft und die strahlende Wintersonne bei strahlend blauem Himmel hier eine ganz eigene, unvergleichliche Weihnachtsstimmung. Diese beginnt bereits mit dem Anbruch des letzten Monates im Jahr. Die 31 Dezembertage sind daher die bedeutendsten im gesamten Jahr. Liebevoll schmückt sich jedes Dörfchen mit ihrer eigenen leuchtenden Weihnachtsdekoration, die die Region in ein Meer aus Lichtern in allen möglichen Formen und Farben verwandeln. Die Magie des provenzalischen Noël lässt sich von nun an in jedem Örtchen spüren.

Ergänzt wird die Traumwelt durch die vielen Weihnachtsmärkte der Region, denn jedes Dorf schmückt sich nicht nur durch Weihnachtslichter in ihren Sträßchen und auf ihren Plätzen, sondern ebenso mit einem eigenen winterlichen Markt. Für ihre wunderschönen Märkte ist die Region das gesamte Jahr über weltberühmt, doch bilden die provenzalischen Weihnachtsmärkte den wahrlichen Glanzpunkt. Entlang kleiner hölzerner Buden, unter dem Duft von „vin chaud“ (Glühwein) und den vielen traditionellen Leckereien taucht man in ein Weihnachtsparadies sondergleichen ein. Natürlich lassen sich auch hier die Provenzalen in ihrer Lichtdekoration nicht lumpen, so wird das winterliche Spektakel von einem atemberaubenden Lichtspiel begleitet. Oft finden ebenso weihnachtliche Auftritte aus Musik und Theater statt, die die Besucher schlussendlich in den Wintertraum eintauchen lassen. Mit jedem Besuch eines der einzigartigen Weihnachtsmärkte steigt man tiefer in die provenzalische Tradition ein, denn hier präsentieren die Holzbuden allerlei lokale und regionale Spezialitäten, die nicht nur besondere Leckereien sind, sondern auch kleine Schnitzereien oder andere Präsente. Jedes für sich erzählt ein kleines Stück provenzalische Geschichte und liefert Einblicke in die provenzalische Lebensart. Besonders aus diesem Grund ist die Winterzeit für die Provenzalen so besonderes: Sie ist förmlich Ausdruck ihres „savoir vivres“.

Was jedoch zu dieser Zeit auf gar keinen Fall zu kurz kommen darf, ist das freundschaftliche Miteinander. Das gemeinsame Zusammenkommen und Feiern gehört zum Jahresende genauso zur provenzalischen Tradition wie all die süßen Leckereien und Spezialitäten. Die unbeschreibliche magische Ruhe, die sich über die weiche Landschaft gelegt hat, zeugt nicht zuletzt von diesem, für die Provenzalen wohl wichtigeren Brauch. Das Jahresende steht hier ganz im Sinne der Erneuerung und der Belebung. Jetzt ist die Zeit, den frischen Wind des Mistrals auch zu Hause und im Geiste Eintritt zu gewähren, um, wie die klare Wintersonne, im neuen Jahr erstrahlen zu können. Neue Kraft schöpfen die Bewohner des Luberon dabei aus gegenseitigen Besuchen, kleinen Unterhaltungen und generellem geselligen Miteinander. Man besucht allerlei Freunde und Verwandte, und das nicht nur zwischen den Feiertagen, sondern den gesamten Dezember hindurch sind gesellige Unterhaltungen mit Jedermann willkommen. Dabei lautet eine traditionelle provenzalische Verabschiedung „à l´an que vèn“ („im kommenden Jahr“), worauf der Gegenüber antwortet „e se sian pas mai, que siguen pas mens“ („und wenn wir nicht mehr sind, lasst uns nicht weniger sein“). Damit wünschen sich die Provenzalen gegenseitig nur Zuwachs und Leben im nächsten Jahr, was ganz im Sinne der Erneuerung und der Neuorientierung steht.

Bräuche

Bereits Anfang Dezember beginnt das Brauchtum rund um Weihnachten. Mit dem „blé de Saint-Barbe“ läuten die Provenzalen ihre Weihnachtszeit ein. Die Heilige Barbara ist zwar nicht die Schutzpatronin der Landwirte, doch wurde ihr Gedenktag, der 4.Dezember, trotzdem für diese provenzalische Tradition gewählt. In drei mit feuchter Baumwolle ausgelegten Schälchen säen die Provenzalen Samen von Weizen oder anderen Getreiden. Diese sollen täglich gegossen werden und bis zum Weihnachtsabend gedeihen. Je kräftiger und dichter die grün gewachsenen Triebe in den 20 Tagen wachsen, umso mehr Glück und Wohlstand versprechen sie für das kommende Jahr. Das gute Keimen der Samen kündigt eine reiche Ernte an, doch wenn die Triebe eher schlecht gedeihen, so sind die Provenzalen felsenfest von einem schlechten Ertrag im kommenden Jahr überzeugt. Auch wenn nicht jeder Landwirt in der Provence heute dieser Vorhersage traut, so hält sich das Weizen der Heiligen Babara als beliebter Brauch in der Vorweihnachtszeit, der insbesondere für die Kinder wie eine Art Weihnachtskalender eine willkommene Abwechslung beim langen Warten auf den Weihnachtsmann ist.

Neben traumhaften Weihnachtsleuchten, magischen Weihnachtsmärkten und bunt geschmückten Häusern ist die provenzalische Weihnachtskrippe in jedem Ort ein besonderes Spektakel. Denn auch hier zeigen die Provenzalen ihre Liebe zum Detail, die die hiesigen Weihnachtskrippen in einzigartige Kunstwerke verwandelt. Liebevoll ausstaffiert mit kleinen Weinfeldern, Olivenbäumchen, Hügelchen und allerlei Figürchen bildet fast jede Familie ihre eigene kleine Provence als Weihnachtskrippe. Dabei bedienen sie sich an allem, was ihnen ihre geschätzte Region zu bieten hat: kleine Thymianzweige werden zu Olivenbäumchen, Moos und Gräser zum „Garrigue“ auf den Hügel, kleine Steine und Holzsplitter ergänzen die Miniatur-Provence. Von Gemeinde zu Gemeinde werden so nicht nur im Privaten die wunderschönen Krippen im Dezember aufgebaut, sondern lassen sich in den meisten Orten eine große provenzalische Weihnachtskrippe finden, die Groß und Klein gleichermaßen zum Staunen bringen. Unbeschreiblich ist das Arrangement von Miniaturen aller Art, die mit einer solchen Liebe drapiert wurden, die sie in einem traumhaften Glanz erstrahlen lässt. Dabei übertrumpfen sich die Gemeinden jedes Jahr aufs Neue, denn jede Krippe ist einzigartig aufgearbeitet. Besonders bekannt für ihre wunderschöne Krippe im Luberon ist Apt, deren üppige Weihnachtskrippe in der Cathedrale Sainte-Anne im Dezember jedermann verzückt. Einmal aufgebaut bleibt die Szenerie jedoch nicht die gesamte Zeit unverändert: Gemäß der Weihnachtsgeschichte wird sie immer wieder angepasst und ergänzt, womit die Krippen traditionell zu Lichtmess am 2.Februar abgebaut werden, wenn Jesus in den Tempel von Jerusalem zieht.

Für eine angemessene Inszenierung der wunderschönen Weihnachtskrippen ist eine weitere provenzalische Weihnachtstradition von Nöten: die „Santons“ (oder provenzalisch „santoun“). Die kleinen Heiligen aus Ton bilden das Herzstück einer jeden provenzalischen Krippe. Das Töpfern ist generell nicht aus der Provence wegzudenken: von handgefertigten Töpfen, Schalen, Tellern oder Schüsselchen in allen möglichen Farben bis hin zu bunten Keramik-Zikaden, die im goldenen Licht der Provence funkeln, erfüllt das provenzalische Töpferhandwerk auch zur Weihnachtszeit eine unverzichtbare Aufgabe. Im Zuge der Säkularisierung nach der Französischen Revolution wurde das Aufstellen von Weihnachtskrippen verboten, was für die Provenzalen ein schmerzlicher, nicht hinnehmbarer Verlust in ihrer geliebten Weihnachtszeit bedeutete. Doch sie ließen sich nicht abschrecken und bastelten sich ihre eigenen Figürchen aus Brotteig, den sie mit Wassermalfarben bemalten und so wenigstens ihre kleinen Krippen im Privaten unbemerkt fortbestehen konnten. Dieser Brauch entwickelte sich schließlich zu einem eigenen Kunsthandwerk mit eigenem Ausbildungsberuf, dem Santonnier. Dabei verwenden die Santonniers heutzutage natürlich keinen Brotteig, sondern berufen sich vielmehr auf die 1803 in Marseille vom ersten Santonnier entwickelten Arbeitsschritte. Er kreierte zuerst eine Figur und legte diese als Gipsabdruck als die sogenannten „moules“ an, mit denen er die zarte Figur immer wieder rekonstruieren kann. Diese „moules“ werden mit Tonerde gefüllt und die entstandene Tonfigur anschließend gebrannt und liebevoll bemalt. Natürlich erfolgt jeder Schritt von Hand, und so ist jede Figur einzigartig, auch wenn sie sich auf ein ursprüngliches Modell stützt. Für die provenzalische Weihnachtskrippe sind jedoch nicht nur übliche Krippenfiguren erforderlich, sondern wird für die Provence im Miniaturformat so ziemlich alles als Santon gebrannt: Bäcker, Bauern, Ärzte, Briefträger, Fischer, und viele andere Dorfbewohner stehen neben Priester, Mönchen und natürlich dem Jesuskind und seiner Familie. Mit etwas Glück findet man in den Ateliers eines echten Santonniers sogar ein Ebenbild von sich selbst, denn schließlich kann so eine Krippe im eigenen Haushalt aus bis über 200 Santons bestehen. Damit ist eine Weihnachtskrippe eine kleine Kostbarkeit, denn die außerordentliche Qualität der Tonfiguren wird entsprechend honoriert, weshalb viele Santons von Generation zu Generation weitergegeben werden und damit einen weiteren ganz persönlichen Wert erlangen. Besonders Aubagne in der Nähe von Marseille steht ganz im Zeichen der kleinen Figürchen, doch lassen sich in allerlei Orten und vor allem auf den Weihnachtsmärkten oft echte Santons erstehen, die auf traditionelle Weise von echten Santonniers hergestellt wurden. Dank ihrer uralten Tradition verstärkt jeder Santon damit den Weihnachtszauber in den provenzalischen Haushalten, auch wenn die kleinen Figürchen ungleich ihrer Bezeichnung nicht unbedingt im direkten Bezug zur Weihnachtsgeschichte steht, doch diese viel nahbarer und menschlicher für die Provenzalen werden lässt.

Für den Weihnachtszauber darf natürlich das Wichtigste nicht fehlen: das richtige Essen. Die Provenzalen zeigen in ihrer wohl bedeutendsten Zeit des Jahres so ziemlich alles, was ihre köstliche Küche zu bieten hat. Besonders die herrlichen Leckereien versüßen die Weihnachtszeit und das Warten auf den großen Weihnachtsabend, an dem das Weihnachtsessen das kulinarische Highlight des gesamten Jahres ist. Zwar werden anderes als in Deutschland hierzulande keine Plätzchen gebacken, doch zeichnet sich die provenzalische Küche durch andere Delikatessen aus, die spätesten zum „gros souper“ am 24.Dezember angemessen präsentiert und verköstigt werden. Traditionell gehört zum Beispiel ein „bûche de noël“ zur weihnachtlichen Pâtisserie, der als süßer Weihnachtsbaumstamm aus eingerolltem Biskuitteig mit traditioneller Schokoladenbestrich oder anderen süßen bis fruchtigen Füllungen ein wahrlicher Traum von Dessert ist.  Wer es lieber etwas herzhafter mag, der sollte auf jeden Fall das „pompe à l´huile d´olive“ probieren, ein süßes Olivenbrot, das alle Geschmackssinne explodieren lässt, aber nicht mit dem klassischen „fougasse“ verwechselt werden darf. Den Höhepunkt der provenzalischen Back- und Kochkünste bilden die dreizehn Desserts, die die Krönung des großen Abendessens am Weihnachtsabend bilden und jedes für sich die Provence und ihre Kultur widerspiegelt.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Frank Frank sagt:

    Die Krippenbilder sind immer wieder schön. Toll ist auch die Krippe in der oberen Kirchen von Bonnieux. Klein aber auch nett ist die in der Kirchen von Joucas! Joyeux Noël

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    1. Avatar von provence_blog Julia Kramatschek sagt:

      Schön zu wissen, die ist bestimmt einen Besuch wert! Joyeux Noël 🎄

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