Im Schutz der Steine: Die Bories der Provence

Wie steinerne Träume aus längst vergangener Zeit schmiegen sie sich in die sanften Hügel der Provence. – die Bories, jene rätselhaften Trockensteinbauten, die still und unbewegt von Jahrhunderten des Lebens, der Arbeit und des Überlebens in der Provence künden. Kein Mörtel hält ihre Mauern zusammen, und doch trotzen sie Wind, Regen und der Zeit mit stoischer Geduld. Ihre runde, fast archaische Form scheint mehr als nur Zweckmäßigkeit zu verkörpern: Sie erinnern an uralte Mythen, an das enge Band zwischen Mensch und Natur, an eine Zeit, da das Haus noch Eins mit dem Boden war, aus dem es geboren wurde. Entstanden aus schichtweisen aufgeschichteten Kalksteinen, erzählen sie von einer bäuerlichen Baukunst, die mit einfachsten Mitteln ein Maximum an Schutz und Stabilität hervorbrachte – und dabei eine stille Schönheit, die sich nicht aufdrängt, aber einprägt. Die Bories sind keine monumentalen Bauwerke, doch in ihrer stillen Würde bergen sie ein Vermächtnis, das tief in der Seele der Provence verwurzelt ist. Sie stehen verstreut in den Landschaften des Luberon und darüber hinaus – einsam, gruppiert, verlassen oder behutsam restauriert – und jeder dieser kleinen Steinräume erzählt von harter Arbeit, von Schafherden, von Oliven und Lavendel. Wer sich ihnen nähert, nähert sich auch dem Herzschlag eines Landstrichs, dessen Geschichte in Stein gemeißelt ist.

Stein auf Stein: Ursprung der Bories

Wer sich aufmacht, den Ursprüngen der Bories nachzuspüren, begibt sich auf eine Reise tief hinein in die Gedächtnisschichten des Landes. Ihre Wurzeln reichen weit zurück – so weit, dass sich ihr genaues Entstehungsdatum kaum festlegen lässt. Zwar wurden die ältesten Bauten dieser Art lange Zeit voreilig der Megalithkultur zugeschrieben, ja gar als prähistorisch betrachtet, doch archäologische Untersuchungen zeichnen ein differenzierteres Bild: Die meisten der heute erhaltenen Bories stammen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert – einer Epoche, in der die Bevölkerung der Provence stark anwuchs und der verfügbare Boden intensiv genutzt wurde. Es war eine Zeit der agrarischen Expansion, in der auch die steinigen, wenig fruchtbaren Flächen gerodet und urbar gemacht wurden.

Diese Rodungen führten dazu, dass große Mengen an Kalkstein aus der Erde geholt wurden – ein Nebenprodukt der mühevollen landwirtschaftlichen Erschließung. Der Stein, den man nicht einfach wieder vergraben konnte, wurde zum Baumaterial: pragmatisch, lokal verfügbar und in unbegrenzter Menge vorhanden. So entstanden die Bories – aus der Not heraus, aber mit einer fast meditativen Hingabe geschichtet, Stein auf Stein, ganz ohne Bindemittel, gehalten nur durch das genaue Wissen um Statik und Gleichgewicht. In dieser Trockensteinbauweise, die auf Französisch als construction en pierre sèche bekannt ist, zeigt sich eine stille Meisterschaft, eine Kunst, die nicht an Pomp interessiert war, sondern an Beständigkeit.

Die Funktion dieser kleinen Bauten war so vielfältig wie ihre Formen. Manche dienten als saisonale Unterkünfte für Schäfer, andere als Lagerräume für Werkzeuge, Oliven, Feigen oder Mandeln. Es gab Bories, die als Stallungen für Ziegen genutzt wurden, und solche, die als Notquartiere dienten, wenn die Felder weit entfernt vom Heimatdorf lagen. Immer aber waren sie Ausdruck eines Lebens, das im engen Rhythmus mit der Erde pulsierte – ein Leben, das den Wechsel der Jahreszeiten ebenso achtete wie das archaische Gesetz des Gebens und Nehmens mit der Natur.

Verstreut über weite Teile der Provence, findet man Bories nicht nur im Département Vaucluse, wo sie besonders zahlreich und gut erhalten sind, sondern auch in den Alpes-de-Haute-Provence, im Var, ja selbst im südlichen Ardèche. Der Begriff „Borie“ selbst ist dabei ein regional geprägtes Wort, das besonders im Luberon geläufig ist – andernorts spricht man eher von „cabanes en pierre sèche“, von „capitelles“ oder „caselles“. Diese regionale Vielfalt in der Benennung spiegelt die enge Verwurzelung der Bauform in den jeweiligen lokalen Traditionen wider – und auch ihre Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche klimatische und geografische Gegebenheiten.

Doch trotz ihrer Nützlichkeit waren die Bories immer mehr als bloße Zweckbauten. Sie waren kleine Bastionen des Menschlichen inmitten der rauen Natur – stille Zeugen eines bäuerlichen Wissens, das über Generationen weitergegeben wurde, ohne je niedergeschrieben zu werden. In ihrer Einfachheit offenbaren sie ein Gleichgewicht zwischen Notwendigkeit und Schönheit, das uns heute, in einer Zeit der Überproduktion und des schnellen Verschleißes, fast schon fremd anmutet.

So sind die Bories nicht nur historische Objekte, sondern auch kulturelle Spiegel: Sie erzählen von einer Epoche, in der der Mensch noch kein Eroberer, sondern Teil des Kreislaufs war. Und vielleicht ist es genau diese stille Weisheit, die aus ihren Mauern spricht – und die sie zu etwas weit Größerem macht als bloße Steinhaufen auf einem provenzalischen Feld.

Die Kunst des Einfachen

Die Architektur der Bories ist eine stille Kunst – eine, die ohne Zeichnungen, ohne Theorien, ohne Namen großer Meister auskommt. Sie wächst aus Erfahrung, aus Beobachtung, aus dem engen Gespräch zwischen Hand, Stein und Landschaft. Und vielleicht liegt genau darin ihre Faszination: In einem Zeitalter des Spektakulären und des Digitalen sprechen diese kleinen, gedrungenen Bauten von etwas Unmittelbarem, Ursprünglichem – einer Architektur, die aus dem Geist der Erde geboren ist.

Ihr Baumaterial ist der Kalkstein – genauer gesagt, der plattige Kalkstein, den die Bauern beim Pflügen und Aufbrechen des Bodens in großen Mengen zutage förderten. Dieser Stein, der in der Provence vielerorts von Natur aus in dünnen, schieferartigen Schichten vorkommt, ließ sich ohne großes Werkzeug brechen und stapeln. Kein Mörtel, kein Lehm hielt die Bauten zusammen – allein die Schwerkraft, die Reibung, das präzise Setzen jedes einzelnen Steins machten die Stabilität aus. Es war eine Bauweise, die Jahrhunderte überdauern konnte – nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Schlichtheit.

Die Grundstruktur einer Borie besteht meist aus einer kreisrunden oder ovalen Kammer, überdacht von einer sogenannten Kraggewölbekuppel. Dabei werden die Steinschichten nach oben hin zunehmend enger gesetzt, bis sich die Öffnung schließlich schließt – ein Prinzip, das sich bis in die Bronzezeit zurückverfolgen lässt. Der Eingang ist meist niedrig, schmal, nach Süden oder Südosten ausgerichtet, um Schutz vor den kalten Mistralwinden zu bieten. Fenster sucht man vergebens – Licht drang nur durch die schmale Tür ein, was das Innere in ein kühles Halbdunkel tauchte. Doch gerade diese Sparsamkeit in Form und Öffnung machte die Borie zu einem idealen Rückzugsort bei Hitze, Kälte oder Regen.

In manchen Fällen wurden die Innenräume durch kleine Nischen ergänzt, die in die Mauern eingelassen waren und Platz für Werkzeuge oder Vorräte boten. Andere Bories wiederum zeigen komplexere Strukturen mit mehreren Kammern, Anbauten, teils sogar kleinen ummauerten Höfen oder Tränken. Diese Varianten lassen vermuten, dass einige der Bauten länger oder intensiver genutzt wurden – vielleicht als Sommersitze während der Transhumanz, als Hirtenstationen oder als Werkstätten für einfache landwirtschaftliche Verarbeitung.

Doch so funktional die Bories auch sind – ihre Form spricht eine tiefere Sprache. Die runde, in sich geschlossene Geometrie, die dickwandige Ruhe, das fast embryonale Umschließen des Innenraums – all das verleiht ihnen eine symbolische Dichte, die über das rein Praktische hinausweist. Sie erinnern an Urhütten, an früheste Formen menschlichen Wohnens, ja sogar an archaische Grabarchitekturen. Ihre Gestalt ist weder modern noch vergangen, sondern zeitlos – als ob sie sich jedem modischen Zugriff entzieht und einfach nur ist: gewachsen, nicht gemacht.

Hinzu kommt ihre Einbettung in die Landschaft, die nichts Zufälliges hat. Die Bories ducken sich ins Gelände, ihre Farben mischen sich mit Erde und Gestein, ihre Linien folgen dem Hang, der Mauer, dem Wind. Man sieht sofort: Sie wurden nicht gegen die Natur gebaut, sondern mit ihr. Ihre Präsenz ist leise, fast verschwindend – und doch nehmen sie den Raum ein mit einer Würde, die keinen Prunk braucht.

Diese Verbindung von Form und Funktion, von Erdverbundenheit und poetischer Strahlkraft, macht die Architektur der Bories so besonders. Sie sind keine Denkmäler, die etwas demonstrieren wollen – sie sind Spuren eines Lebens, das sich im Stein niedergeschlagen hat. Und vielleicht ist das ihr größtes Geheimnis: Dass sie mehr über den Menschen erzählen, als es so manch palastartige Villa je könnte.

Ein Dorf ohne Zeit: Das Village des Bories bei Gordes

Am Rand des provenzalischen Städtchens Gordes, wo sich die steinernen Häuser wie Schwalbennester an den Hang klammern und der Blick weit über die Hügel des Luberon schweift, liegt ein Ort, der wirkt, als sei er aus der Zeit gefallen. Das Village des Bories – kein lebendiges Dorf im heutigen Sinne, sondern ein Ensemble stummer Steinzeugen, die, umgeben von Wacholder, Steineichen und Lavendelduft, in ihrer Stille eine ganze Epoche heraufbeschwören. Wer zwischen seinen gewölbten Kammern wandelt, hört kein Wort, doch in jedem Kragstein, jeder Mauer, jeder engen Türöffnung liegt eine Erzählung – von Mühsal, von Anpassung, von ländlichem Überleben.

Die Anfänge dieses Dorfes lassen sich – wie bei den meisten Bories – nicht mit absoluter Sicherheit datieren. Archäologische Studien und archivalische Quellen legen nahe, dass die meisten der heute sichtbaren Bauten zwischen dem 17. und dem frühen 19. Jahrhundert entstanden. In dieser Zeit verzeichnete das Umland von Gordes eine landwirtschaftliche Expansion, die mit Rodung und Nutzbarmachung zuvor unerschlossener Flächen einherging. Das karge, steinige Gelände wurde urbar gemacht – und die dabei aus dem Boden gewonnenen Kalkplatten wurden genutzt, um Unterstände, Vorratsräume, Unterkünfte für Hirten und Tierställe zu errichten. So wuchs über Jahrzehnte hinweg ein „Dorf ohne Dorfbewohner“: kein klassischer Siedlungsraum, sondern ein funktionales Ensemble, das im Rhythmus der Jahreszeiten genutzt wurde.

Doch wie so vieles in der ländlichen Provence, fiel auch dieses Steindorf irgendwann in den langen Schlaf des Vergessens. Die Mechanisierung der Landwirtschaft, die Landflucht, das Aufgeben mühsam zu bewirtschaftender Böden führten dazu, dass die Bories nach und nach sich selbst überlassen wurden. Regen, Wind, Wurzelwerk und der Zahn der Zeit begannen ihr stilles Werk. Manche Dächer stürzten ein, Mauern neigten sich, und bald verbargen Büsche und Moos die Spuren des früheren Lebens. Das Dorf versank im Dornröschenschlaf.

Es brauchte einen wachen Blick, einen Sinn für das Verborgene, um die Schönheit und Bedeutung dieses Ortes wieder ans Licht zu holen. In den 1960er-Jahren war es der Lehrer und Ethnologe Pierre Viala, der sich der Rettung des Village des Bories annahm. Mit Hingabe, wissenschaftlicher Genauigkeit und dem Willen, dieses Kulturerbe vor dem vollständigen Zerfall zu bewahren, begann er mit der Restaurierung des Areals. Stein für Stein wurde neu gesetzt, Dächer neu geschichtet, Wege freigelegt – stets nach den überlieferten Prinzipien der Trockensteinarchitektur. Es war eine stille, respektvolle Wiederbelebung, kein Versuch der Modernisierung, sondern der Bewahrung.

1977 wurde das Village des Bories als Monument historique unter Schutz gestellt – eine Anerkennung, die nicht nur dem Ort selbst, sondern der gesamten Tradition des Trockensteinbaus galt. Heute umfasst das Gelände rund zwanzig restaurierte Gebäude: einfache runde Hütten, mehrkammerige Unterstände, kleinere Scheunen, Brotbacköfen, Mauern und Gehege. Manche Bauten zeigen noch Spuren von Nutzung – ausgehöhlte Steintröge, Reste von Rauchabzügen, eingelassene Ablagen. Andere lassen durch ihre reine Form staunen, durch die Eleganz ihrer Steinschichtung, durch das Gleichgewicht von Funktionalität und Schönheit.

Ein Spaziergang durch das Village ist mehr als eine touristische Besichtigung. Es ist ein stilles Eintauchen in eine vergangene Welt, ein Erfahrbarmachen jener Lebensweise, die so ganz im Einklang mit der Natur stand. Nichts Lautes, nichts Glänzendes – aber alles durchdrungen von einer leisen Tiefe, die berührt. Es ist auch ein Ort der Meditation: über das Verhältnis von Mensch und Landschaft, über die Dauer der Dinge, über das, was bleibt, wenn alles andere vergeht.

Darüber hinaus hat das Village des Bories eine wichtige Rolle im kulturellen Selbstverständnis der Provence eingenommen. Es ist zu einem Symbol geworden – für die Verbundenheit mit der eigenen Geschichte, für die Wertschätzung einfacher Handwerkskunst, für das stille Erbe der Bauern und Hirten, das lange übersehen wurde. Es hat Architektinnen inspiriert, Ethnologinnen beschäftigt, Besucher*innen aus aller Welt zum Staunen gebracht. Und vielleicht ist es gerade diese stille Wirksamkeit, die das Dorf so einzigartig macht: Es erhebt keine Stimme – und spricht doch Bände.

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