Die Provence ist seit Jahrhunderten ein Ort des Lichts, der Düfte und des Wassers. Wie ein leises, beständiges Flüstern begleiten die Brunnen die Geschichte dieser Region – sie sind nicht nur architektonische Kunstwerke, sondern auch Zeugen einer Zeit, in der Wasser das wertvollste Gut war. Es sind die verspielten Wasserspiele auf den Plätzen, die murmelnden Fontänen in verwunschenen Gassen und die ehrwürdigen Quellen, die das Herz der provenzalischen Orte schlagen lassen. Vier Städte ragen besonders hervor, wenn es um die Schönheit und Bedeutung der Brunnen geht: Pernes-les-Fontaines, Aix-en-Provence, Saint-Rémy-de-Provence und Nîmes. Jede dieser Städte erzählt durch ihr Wasser ihre eigene Geschichte – eine Geschichte von Wohlstand, Tradition und mediterraner Lebenskunst.
Pernes-les-Fontaines – Die Stadt der vierzig Brunnen
Inmitten der malerischen Landschaft des Vaucluse liegt ein Juwel der provenzalischen Wasserkunst: Pernes-les-Fontaines. Der Name dieser charmanten Stadt ist kein bloßes Versprechen – mehr als vierzig Brunnen prägen die Straßen, Plätze und versteckten Winkel des Ortes und verleihen ihm eine beinahe märchenhafte Aura. Hier scheint das Wasser in jeder Ecke gegenwärtig zu sein, sei es in kunstvoll verzierten Steinbecken oder in schlichten, von Moos überzogenen Quellfassungen. Doch die Brunnen sind mehr als nur schmückende Elemente; sie erzählen die Geschichte einer Region, in der Wasser einst eine wertvolle, fast heilige Ressource war.
Der Ursprung dieser beeindruckenden Brunnenkultur reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Während dieser Zeit erlebte Pernes-les-Fontaines einen wirtschaftlichen Aufschwung, und mit ihm wuchs auch der Wunsch nach städtischer Verschönerung. So entstanden über die Jahrzehnte hinweg zahlreiche Brunnen, die nicht nur der Wasserversorgung dienten, sondern auch den sozialen Mittelpunkt des Ortes bildeten. Frauen kamen hierher, um Wäsche zu waschen, Kinder spielten im kühlen Nass, Reisende stärkten sich an den plätschernden Quellen. Jeder Brunnen hatte seine eigene Bedeutung und oft auch eine kleine Legende, die ihn umrankte.
Einer der prächtigsten Brunnen der Stadt ist der Fontaine du Gigot, ein imposantes Werk aus Stein, das den Geist der alten Provence in sich trägt. Sein Name („Brunnen des Lammkeuls“) geht auf eine humorvolle Anekdote zurück, die besagt, dass ein wohlhabender Bürger einst aus reiner Extravaganz ein Stück Fleisch in das Wasserbecken warf, um zu demonstrieren, wie üppig die Wasserversorgung der Stadt sei. Heute erhebt sich der Brunnen mit seiner würdevollen Struktur im Herzen von Pernes-les-Fontaines und spendet in heißen Sommermonaten erfrischende Kühle.
Nicht weniger faszinierend ist der Fontaine de la Place Saint-Gilles, der durch seine kunstvolle Schmiedearbeit und sein zierliches Mauerwerk besticht. Seine Geschichte reicht weit in die Vergangenheit zurück, als er einst Pilger und Händler auf ihrem Weg durch die Provence mit frischem Quellwasser versorgte. Noch heute wirkt er wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, ein stiller Zeuge zahlloser Begegnungen, die sich um ihn herum abspielten.
Neben diesen prachtvollen Exemplaren gibt es in Pernes-les-Fontaines auch zahlreiche kleinere, versteckte Brunnen, die dem aufmerksamen Besucher erst auf den zweiten Blick ins Auge fallen. Manche sind von dichten Efeuranken umschlungen, andere thronen auf schattigen Hinterhöfen, als hätten sie sich vor der Welt verborgen. Besonders romantisch sind die Wasserspiele in den engen Gassen der Altstadt, wo das sanfte Murmeln des Wassers sich mit dem Zirpen der Zikaden vermischt und eine Atmosphäre schafft, die an längst vergangene Zeiten erinnert.
Ein Spaziergang durch Pernes-les-Fontaines gleicht einer Reise durch die Geschichte des Wassers. Jeder Brunnen ist ein Kapitel in diesem Buch aus Stein und Flüssigkeit, ein Denkmal für den Wert und die Schönheit einer lebensspendenden Ressource. Wer hier verweilt, wird unweigerlich von dem meditativen Klang der Tropfen umfangen und spürt, wie tief das Wasser mit der Seele dieser Stadt verwoben ist.
Aix-en-Provence – Die Stadt der tausend Brunnen
In Aix-en-Provence scheint das Wasser nicht nur zu fließen, sondern zu tanzen. Es glitzert in der Sonne, sammelt sich in kunstvoll gearbeiteten Becken und plätschert leise in versteckten Innenhöfen. Diese Stadt, die schon in der Antike als „Aquae Sextiae“ bekannt war, verdankt ihren Namen und ihre Identität dem Wasser. Kein Wunder also, dass Aix heute als „Stadt der tausend Brunnen“ gilt. Ob groß oder klein, prunkvoll oder bescheiden – die Wasserspiele von Aix sind weit mehr als nur Dekoration. Sie sind das pulsierende Herz der Stadt, Ausdruck ihres künstlerischen und kulturellen Erbes, das sich über Jahrhunderte hinweg erhalten hat.
Der wohl berühmteste Brunnen der Stadt thront an dem zentralen Place de la Rotonde: der Fontaine de la Rotonde. Dieses monumentale Bauwerk wurde 1860 errichtet und ist mit seinen 32 Metern Durchmesser der größte Brunnen von Aix. Drei majestätische Figuren blicken in verschiedene Richtungen – eine nach Marseille, die andere nach Avignon und die dritte in Richtung der Stadt selbst. Jede dieser Skulpturen repräsentiert einen wichtigen Aspekt der Region: Justitia symbolisiert das Recht, Handel und Industrie stehen für den wirtschaftlichen Aufschwung, und die schönen Künste erinnern an die kulturelle Blüte von Aix. Umgeben von Löwen, Delphinen und Fabelwesen, sprudelt das Wasser in einem kunstvollen Schauspiel, das besonders bei Sonnenuntergang eine fast magische Anmutung erhält.
Doch nicht nur die großen, prunkvollen Brunnen verleihen Aix seinen unverwechselbaren Charakter – es sind gerade die kleinen, versteckten Wasserspiele, die den Charme dieser Stadt ausmachen. Einer der schönsten ist zweifellos der Fontaine des Quatre Dauphins, der Brunnen der vier Delfine. Er befindet sich in einem ruhigen Winkel des Mazarin-Viertels, dem eleganten Stadtteil mit seinen prachtvollen Herrenhäusern aus dem 17. Jahrhundert. Der Brunnen wurde 1667 von dem Bildhauer Jean-Claude Rambot erschaffen und zeigt vier verspielte Delfine, die ihre Wasserstrahlen in die Mitte eines steinernen Beckens lenken. Hier, im Schatten der Platanen, verweilen Einheimische und Reisende gleichermaßen – sei es für eine kurze Pause oder um die Atmosphäre vergangener Zeiten auf sich wirken zu lassen.
Ein weiteres Juwel unter den Brunnen von Aix ist der Fontaine d’Eau Chaude, auch Moosbrunnengenannt. Dieser Brunnen wirkt beinahe wie ein lebendes Wesen: Seine Oberfläche ist mit dichtem, grünem Moos überzogen, das durch das warme, mineralhaltige Wasser gedeiht. Selbst im Winter steigt hier sanfter Dampf auf, da das Quellwasser konstant eine Temperatur von rund 18 Grad Celsius hat. Er erinnert an die römischen Ursprünge der Stadt und an die Thermalquellen, die schon vor über 2.000 Jahren genutzt wurden.
Während ein Spaziergang durch Aix von Brunnen zu Brunnen führt, begegnet man noch unzähligen weiteren kleinen Wasserspielen, die in versteckten Höfen oder an schmalen Gassen plätschern. Manche erzählen ihre eigene Geschichte – wie der Fontaine de la Place d’Albertas, der von den opulenten Fassaden des gleichnamigen Platzes umgeben ist und ein typisches Beispiel für die Eleganz des 18. Jahrhunderts darstellt. Andere sind einfach stumme Zeugen des Alltags, aus deren Wasserhähnen die Menschen früher ihre Krüge füllten.
Aix-en-Provence wäre ohne seine Brunnen nicht dieselbe Stadt. Sie sind nicht nur pittoreske Elemente einer ohnehin schon schönen Kulisse, sondern untrennbar mit der Identität dieses Ortes verbunden. Sie flüstern Geschichten von vergangenen Zeiten, kühlen die Luft an heißen Sommertagen und laden dazu ein, für einen Moment innezuhalten und den Klang des Wassers zu genießen.
Saint-Rémy-de-Provence – Die Brunnen der Künstler
Es gibt Orte, die scheinen in der Zeit zu schweben, als hätten sie sich der Hektik der Welt entzogen. Saint-Rémy-de-Provence ist einer dieser Orte. Eingebettet in die sanften Hügel der Alpilles, durchzogen von schmalen Gassen, die im Sommer von Platanen beschattet werden, besitzt die Stadt eine zeitlose Schönheit, die schon Künstler, Dichter und Visionäre in ihren Bann gezogen hat. Vincent van Gogh fand hier Inspiration für einige seiner berühmtesten Gemälde, Nostradamus erblickte in dieser Stadt das Licht der Welt, und die Brunnen von Saint-Rémy erzählen von einer Vergangenheit, die noch immer lebendig scheint.
Die Wasserspiele von Saint-Rémy sind keine monumentalen Werke wie in Aix-en-Provence, aber sie haben eine stille, poetische Kraft. Sie sind wie die Stadt selbst – bescheiden, aber voller Geschichten. Ihre steinernen Becken sind von Moos überzogen, ihre Ränder von jahrhundertelangen Wasserspuren gezeichnet. Manche stehen versteckt in stillen Innenhöfen, andere beleben die kleinen Plätze und sorgen mit ihrem sanften Plätschern für eine meditative Ruhe.
Einer der bekanntesten Brunnen ist der Fontaine Nostradamus, benannt nach dem berühmten Propheten, der 1503 in Saint-Rémy geboren wurde. Der Brunnen steht unweit seines Geburtshauses und verströmt eine beinahe geheimnisvolle Aura. Sein Wasser sammelt sich in einem von Zeit gezeichneten Steinbecken, das von einem kunstvollen Wasserspeier gespeist wird. Die Legende besagt, dass Nostradamus selbst gerne an diesem Brunnen verweilte, um über seine Prophezeiungen nachzudenken – ob es stimmt, bleibt der Fantasie überlassen, aber es passt zur mystischen Atmosphäre dieses Ortes.
Nicht weit entfernt befindet sich der Fontaine de la Place Jules Pellissier, ein charmanter Brunnen aus dem 18. Jahrhundert, der die Mitte eines kleinen Platzes schmückt. Umgeben von Cafés und Bougainvillea-geschmückten Fassaden, ist er ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Besucher gleichermaßen. Hier kommen die Menschen zusammen, um das südfranzösische Leben in vollen Zügen zu genießen – bei einem Café au Lait oder einem Glas Rosé, während das Wasser leise vor sich hinmurmelt.
Wer sich weiter durch Saint-Rémy bewegt, stößt auf viele kleinere Brunnen, die oft in versteckten Winkeln auf Entdeckung warten. Einige befinden sich in den Gärten alter Herrenhäuser, andere säumen die Wege, die hinaus in die provenzalische Landschaft führen. Besonders reizvoll sind jene Brunnen, die an den Wegen zum berühmten Kloster Saint-Paul-de-Mausolestehen. Dieses Kloster war einst eine Heilanstalt, in der Vincent van Gogh nach seinem psychischen Zusammenbruch Zuflucht fand. Die Brunnen, die auf dem Weg dorthin verstreut sind, verleihen der Landschaft eine besondere Poesie – sie sind wie stumme Zeugen der Gedanken und Emotionen des Malers, die er in seinen Werken verewigte.
Ein außergewöhnlicher Brunnen befindet sich außerhalb der Stadt: die römische Quelle von Glanum. Diese antike Stadt, nur wenige Kilometer von Saint-Rémy entfernt, war einst eine bedeutende römische Siedlung, und ihre Wasserversorgung war von zentraler Bedeutung. Die Quelle, die seit mehr als 2.000 Jahren sprudelt, wurde in beeindruckenden Steinbecken gefasst und zeugt von der Ingenieurskunst der Römer. Hier, zwischen den Ruinen von Tempeln und Triumphbögen, kann man sich vorstellen, wie das Wasser einst das Leben dieser vergangenen Zivilisation prägte – genauso, wie es heute noch das Leben in Saint-Rémy bestimmt.
In Saint-Rémy-de-Provence sind die Brunnen mehr als nur architektonische Schmuckstücke. Sie sind Teil der Seele dieser Stadt, Ausdruck ihrer stillen, nachdenklichen Schönheit. Sie erzählen von Künstlern, Propheten und Reisenden, die in ihren Spiegelbildern ihre eigenen Geschichten fanden. Wer sich einen Moment Zeit nimmt, um das Plätschern des Wassers zu hören, wird verstehen, warum Saint-Rémy nicht nur ein Ort, sondern eine Quelle der Inspiration ist.
Nîmes – Die Brunnen aus der Antike
In Nîmes fließt das Wasser mit einer erhabenen Anmut, die an eine längst vergangene Epoche erinnert. Diese Stadt, die oft als das „Rom Frankreichs“ bezeichnet wird, atmet noch immer den Geist der Antike. Hier stehen einige der am besten erhaltene römische Bauwerke der Welt – darunter das imposante Amphitheater und der berühmte Tempel Maison Carrée. Doch ebenso beeindruckend wie die steinernen Monumente ist die Art und Weise, wie das Wasser in Nîmes in Szene gesetzt wird. Von den prunkvollen Brunnen der Altstadt bis hin zu den sanft plätschernden Wasserspielen der Jardins de la Fontaine– Nîmes ist eine Stadt, in der sich Geschichte, Eleganz und die lebensspendende Kraft des Wassers auf einzigartige Weise vereinen.
Die Brunnen von Nîmes sind untrennbar mit der antiken Wasserversorgung der Stadt verbunden. Schon die Römer erkannten die Bedeutung der nahegelegenen Quelle von Fontaine de Nemausus, die der Stadt ihren Namen gab und eine konstante Wasserquelle darstellte. Um das Wasser in die Stadt zu transportieren, errichteten sie ein ausgeklügeltes System aus Kanälen und Aquädukten, darunter das weltberühmte Pont du Gard, das heute noch als eines der beeindruckendsten Bauwerke der römischen Ingenieurskunst gilt. Die Tradition des Wassers setzte sich über die Jahrhunderte hinweg fort, und so entstanden in Nîmes zahlreiche Brunnen, die nicht nur der Versorgung dienten, sondern auch als Ausdruck von Wohlstand und kultureller Blüte.
Ein wahres Juwel unter den Brunnen von Nîmes ist der Fontaine Pradier, der majestätisch auf dem Place du Pradier thront. Dieser Brunnen, der 1851 errichtet wurde, ist eine Hommage an die reiche Geschichte der Stadt. Im Zentrum des Brunnens erhebt sich eine stolze weibliche Figur – die Allegorie von Nîmes. Ihr Blick schweift in die Ferne, während unter ihr Wasserspeier in Form von Löwen, Tritonen und mythologischen Wesen das Wasser in das Becken ergießen. Die Symbolik ist unübersehbar: Hier vereinen sich Kraft, Schönheit und der ewige Fluss der Geschichte.
Nicht weniger beeindruckend sind die Wasserspiele in den Jardins de la Fontaine, einem der ältesten öffentlichen Parks Europas. Diese prachtvolle Gartenanlage wurde im 18. Jahrhundert um die römische Quelle von Nemausus herum angelegt und ist eine Oase der Ruhe und Schönheit. Überall im Park begegnet man kunstvoll gestalteten Brunnen, deren Wasser in sanften Kaskaden über Steinstufen hinabfließt. Besonders eindrucksvoll ist der zentrale Wasserlauf, der von Skulpturen und antiken Relikten umgeben ist und ein magisches Zusammenspiel aus Natur und Geschichte schafft.
Ein weiteres Beispiel für die raffinierte Brunnenkunst von Nîmes ist der Fontaine du Crocodile, der an das berühmte Wappen der Stadt erinnert. Nîmes war einst eine römische Kolonie für Veteranen der ägyptischen Feldzüge, und so findet sich das Symbol des Krokodils, das an eine Palme gekettet ist, bis heute in vielen Bereichen des Stadtbildes wieder. Der Brunnen greift dieses Motiv auf und verbindet es mit der sanften Eleganz des Wassers – eine subtile, aber tiefgründige Erinnerung an die römischen Wurzeln der Stadt.
In den engen Gassen der Altstadt entdeckt man immer wieder kleinere, oft vergessene Brunnen, die sich harmonisch in das historische Stadtbild einfügen. Manche sind in die Fassaden alter Gebäude eingelassen, andere verbergen sich in Innenhöfen, die nur Eingeweihte kennen. Diese versteckten Wasserspiele tragen zur einzigartigen Atmosphäre von Nîmes bei – einer Stadt, die das Wasser nicht nur als lebensnotwendiges Element begreift, sondern als ein Symbol von Kultur, Kunst und Beständigkeit.
Die Brunnen von Nîmes sind keine bloßen Dekorationen – sie sind ein Echo der Vergangenheit, ein Spiegel des römischen Erbes und ein Zeugnis für die untrennbare Verbindung zwischen Mensch und Wasser. Sie erzählen Geschichten von Kaisern und Bürgern, von Triumphzügen und Alltagsszenen, von der Ewigkeit des Wassers, das immer wieder neue Wege findet. Wer sich an ihren Becken niederlässt und dem Klang des Wassers lauscht, kann für einen Moment spüren, wie die Vergangenheit in Nîmes niemals versiegt.
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