Jedes Jahr, wenn die Tage kürzer werden und die provenzalische Sonne sanfter auf die silbrig glänzenden Olivenhaine fällt, beginnt eine ganz besondere Zeit in der Provence: die Zeit der Olivenfeste, den „Fêtes de l’Olive“. Überall in den malerischen Dörfern, von Nyons bis Mouriès, wird das Olivenfest gefeiert – ein Fest, das weit mehr ist als eine einfache Erntefeier. Es ist ein lebendiger Ausdruck der tiefen Verwurzelung der Olive in der Kultur dieser Region, ein Ritual, das seit Jahrhunderten die Gemeinschaft zusammenführt und den Beginn einer neuen Olivenöl-Saison zelebriert. Hier, in der Heimat des „flüssigen Goldes“, ist die Olive nicht nur eine Frucht, sondern ein Symbol für das Leben selbst. Die Straßen füllen sich mit Musik und Gelächter, während Olivenbauern ihre frisch gepressten Öle stolz präsentieren. Es ist eine Zeit, in der die Jahrhunderte alte Tradition mit jedem Tropfen Olivenöl lebendig bleibt.
Olivenölproduktion in der Provence
Die Ursprünge der Olivenkultur in der Provence reichen weit zurück in die Antike. Schon die Phönizier und Griechen, die im 7. Jahrhundert vor Christus an der Mittelmeerküste Handel trieben, brachten die ersten Olivenbäume in diese Region. Mit den Römern, die die Provence später besiedelten, erlebte der Olivenanbau einen weiteren Aufschwung. Sie erkannten nicht nur den kulinarischen Wert des Olivenöls, sondern nutzten es auch als Heilmittel, in Kosmetika und als Grundlage für religiöse Rituale. Die Olive war für sie nicht nur eine Frucht, sondern ein Symbol des Wohlstands und der Zivilisation.
Die römischen Olivenhaine erstreckten sich über weite Teile Südfrankreichs, und das Olivenöl aus der Provence wurde zu einem geschätzten Handelsgut im gesamten Römischen Reich. Obwohl die Region nach dem Fall Roms durch zahlreiche Umbrüche und Invasionen ging, blieb die Olivenkultur ein konstanter Teil der Agrarwirtschaft. Im Mittelalter spielten Klöster eine zentrale Rolle bei der Pflege der Olivenhaine, da Mönche das Wissen über den Anbau und die Verarbeitung von Generation zu Generation weitergaben.
Die heutige Form der Olivenölproduktion in der Provence ist das Ergebnis einer kontinuierlichen Weiterentwicklung dieser alten Techniken. Während moderne Technologie Einzug gehalten hat, bleibt das Wissen über die richtige Pflege der Bäume und die schonende Ernte der Oliven ein wertvoller Schatz, der von den Bauern mit großem Stolz gehütet wird. In vielen Familienbetrieben der Provence wird Olivenöl noch immer in kleinen Mühlen gepresst, in denen man das rhythmische Stampfen der traditionellen Steinpressen hören kann. Es sind diese alten Traditionen, die die Qualität des provenzalischen Olivenöls so einzigartig machen.
Heute gibt es in der Provence zahlreiche geschützte Ursprungsbezeichnungen (AOC) für Olivenöl, die die hohe Qualität der lokalen Produktion unterstreichen. Von Nîmes bis nach Aix-en-Provence erstrecken sich die Haine, die im Sommer unter der gleißenden Sonne reifen und im Winter von den sanften Winden des Mistral umweht werden. Diese klimatischen Bedingungen, gepaart mit dem fruchtbaren Boden, verleihen dem Olivenöl seinen einzigartigen Geschmack: eine Mischung aus Kräutern, Mandeln und manchmal sogar einem Hauch von Zitrusfrüchten.
Die Kunst der Olivenölherstellung
Die Herstellung von Olivenöl in der Provence ist ein Prozess, der viel Geduld, Wissen und Fingerspitzengefühl erfordert. Alles beginnt mit der Pflege der Olivenhaine, die das ganze Jahr über gehegt werden müssen. Die Böden müssen gut belüftet und regelmäßig bewässert werden, insbesondere während der heißen Sommermonate. Die Olivenbäume selbst können Jahrhunderte alt werden, und viele Haine in der Provence beherbergen Bäume, die bereits zur Zeit der Römer gepflanzt wurden. Diese uralten Bäume tragen die Erinnerung an Generationen von Bauern in sich, die sie behutsam gepflegt und geerntet haben.
Die Erntezeit beginnt normalerweise im November und dauert bis Januar. In der Provence werden die Oliven traditionell von Hand geerntet, indem man die Äste der Bäume sanft mit Stöcken oder Kämmen bearbeitet. Dies ist eine mühsame Arbeit, die viel Erfahrung erfordert, da die Oliven zum richtigen Zeitpunkt gepflückt werden müssen: Nicht zu früh, damit sie ihre vollen Aromen entfalten können, und nicht zu spät, damit sie nicht überreif sind. Einige Bauern nutzen heutzutage moderne Erntemaschinen, doch die traditionelle Handernte bleibt die bevorzugte Methode, um die Qualität der Oliven und somit des Öls zu gewährleisten.
Nach der Ernte werden die Oliven schnellstmöglich in die Mühlen gebracht, da sie sonst an Aroma und Qualität verlieren. Der erste Schritt in der Mühle ist das Waschen der Früchte, um Schmutz und Blätter zu entfernen. Anschließend werden die Oliven zerkleinert, um das Fruchtfleisch von den Kernen zu trennen. Früher geschah dies mit großen Mühlsteinen, die von Hand oder mit tierischer Hilfe bewegt wurden, doch heute wird dieser Schritt meist von modernen Maschinen übernommen.
Das Fruchtfleisch wird dann gepresst, um das Olivenöl zu extrahieren. Traditionell geschah dies mit schweren Steinpressen, die langsam und gleichmäßig das Öl aus dem Fruchtfleisch herausdrückten. In vielen kleinen Mühlen der Provence wird diese Methode noch heute angewendet, da sie als besonders schonend gilt und das volle Aroma des Öls bewahrt. Nach der Pressung wird das Olivenöl gefiltert und in Flaschen abgefüllt, die es vor Licht und Luft schützen, um seine Frische zu bewahren.
Provenzalische Olivenorte
Die Olivenhaine der Provence erstrecken sich über weite Landstriche, doch es gibt einige Orte, die eine ganz besondere Bedeutung in der Olivenkultur der Region haben. Sie sind nicht nur landschaftlich reizvoll, sondern spielen auch eine zentrale Rolle in der Herstellung von Olivenöl und der Pflege des traditionellen Handwerks. Besonders in Orten wie Mouriès, Nyons und Les Baux-de-Provence schlägt das Herz der Olivenkultur.
Mouriès, das im Département Bouches-du-Rhône liegt, wird oft als die Hauptstadt des Olivenöls in der Provence bezeichnet. Mit über 80.000 Olivenbäumen in der Umgebung und einer langen Geschichte des Olivenanbaus ist Mouriès ein wahres Zentrum der provenzalischen Olivenproduktion. Hier findet jedes Jahr eine der größten „Fête de l’Olive“ statt, bei der die lokale Bevölkerung und Besucher aus der ganzen Region zusammenkommen, um die Olivenernte zu feiern. Der Stolz der Einwohner auf ihr hochwertiges „AOP Huile d’Olive de la Vallée des Baux-de-Provence“ ist überall spürbar – von den traditionellen Pressen in den Mühlen bis hin zu den Verkostungen auf den Märkten. Das Öl aus Mouriès ist besonders aromatisch und wird für seinen würzigen und leicht pfeffrigen Geschmack geschätzt.
Auch Les Baux-de-Provence, ein kleiner Ort, der hoch auf einem Felsen thront, gehört zu den bedeutenden Olivenorten der Provence. Die steinige Landschaft rund um das Dorf bietet ideale Bedingungen für den Olivenanbau, und die Olivenhaine ziehen sich bis an den Rand der Alpilles, einer kleinen Gebirgskette, die für ihre Schönheit und Artenvielfalt bekannt ist. Das Olivenöl aus der Region von Les Baux-de-Provence genießt international einen hervorragenden Ruf und wird vor allem in der Spitzengastronomie hochgeschätzt. Die Oliven, die hier geerntet werden, reifen langsam unter der heißen Sonne und entwickeln so ihren intensiven Geschmack. Der Ort selbst ist ein Magnet für Feinschmecker und Naturliebhaber, die das Olivenöl direkt von den Erzeugern kaufen und an der Fête de l’Olive teilnehmen können.
Nyons, in der nördlichen Provence, hat einen besonderen Platz im Herzen vieler Olivenliebhaber. Die „Fête de l’Olive“ in Nyons ist eines der ältesten Feste dieser Art und zieht jedes Jahr Besucher aus nah und fern an. Hier wird nicht nur das Olivenöl gefeiert, sondern auch die Olivensorte „Tanche“, die für ihre außergewöhnliche Qualität und ihren milden, fruchtigen Geschmack bekannt ist. Auf dem Fest können Besucher die Erzeuger treffen, ihre Geschichten hören und in den Genuss von frisch gepresstem Olivenöl kommen. Die Märkte sind erfüllt vom Duft der Oliven, und die Straßen erwachen mit Musik, Tanz und kulinarischen Genüssen zum Leben.
Das „Fête de l’Olive“: Tradition, Genuss und Gemeinschaft
Das „Fête de l’Olive“ ist eines der herausragenden Feste in der Provence, bei dem sich alles um die Olive und das daraus gewonnene Olivenöl dreht. Dieses Fest ist tief in den Traditionen der Region verwurzelt und hat sich über die Jahrhunderte hinweg zu einem Höhepunkt des jährlichen Lebens in den Olivenorten entwickelt. Von November bis Januar, wenn die Olivenernte in vollem Gange ist und das frische Öl gepresst wird, kommen die Menschen zusammen, um die Früchte ihrer Arbeit zu feiern.
In Nyons, einem der wichtigsten Olivenzentren, findet das Fête de l’Olive immer in der ersten Hälfte des Januars statt. Die gesamte Stadt verwandelt sich in einen lebhaften Markt, auf dem frisches Olivenöl, Oliven und andere Produkte rund um die Olive verkauft werden. Der Stolz der Olivenbauern ist an jedem Stand spürbar, und die Atmosphäre ist erfüllt von festlicher Musik und den Gerüchen der regionalen Küche. Das Fest beginnt oft mit einem feierlichen Umzug, bei dem die traditionellen Trachten der Olivenbauern und -bäuerinnen gezeigt werden. Am Abend finden in den alten Weinkellern und Scheunen der Stadt Verkostungen statt, bei denen das frisch gepresste Öl auf knusprigem Brot serviert wird.
Auch in Mouriès ist das Fête de l’Olive ein Highlight des Jahres. Hier dauert das Fest mehrere Tage und umfasst neben den Märkten auch Veranstaltungen wie Olivenöl-Wettbewerbe, bei denen die besten Öle der Region prämiert werden. Besucher haben die Möglichkeit, an Führungen durch die Olivenhaine teilzunehmen und die Mühlen zu besichtigen, in denen das Öl auf traditionelle Weise gepresst wird. Die enge Gemeinschaft in Mouriès macht das Fest besonders: Die Menschen kennen einander, und die Besucher werden herzlich aufgenommen, als seien sie ein Teil dieser jahrhundertealten Tradition.
Les Baux-de-Provence bietet während des Fête de l’Olive einen atemberaubenden Rahmen für das Fest. Das mittelalterliche Dorf, das auf einem hohen Felsen thront und einen weiten Blick über die Olivenhaine und die Alpilles bietet, ist der ideale Ort, um das Fest in malerischer Kulisse zu erleben. Die alten Gassen des Dorfes sind gefüllt mit Ständen, an denen das frische Olivenöl der Saison probiert und gekauft werden kann. Begleitet wird das Fest von kulinarischen Erlebnissen, bei denen die Besucher in die authentische Küche der Provence eintauchen und das Olivenöl in all seinen Facetten genießen können.
Das „Fête de l’Olive“ ist nicht nur ein Fest der Ernte, sondern auch ein Fest der Gemeinschaft. Hier kommen die Menschen zusammen, um die enge Verbindung zwischen Natur, Tradition und Lebensfreude zu feiern. Es ist ein Fest, das die Sinne anspricht und den Rhythmus des Lebens in der Provence widerspiegelt – ein Fest, bei dem der Genuss, die Geschichte und die Natur in Einklang stehen.