Das Zirpen der Zikaden, das ist der Gesang der Provence. Untrennbar verbunden sind die laut zirpenden Insekten mit den heißen Sommertagen in der Provence. Sie sind einer der Wahrzeichen der Provence und als solche Inspirationsquelle für allerlei Künstlerinnen und Künstler. Ob in der Malerei, als Skulptur, in der Musik oder in der Literatur – überall findet die Zikade ihren Platz als Symbol des provenzalischen Idylls. Denn sie wurde zum Wappentier der Provenzalen, denen ständige Begleiterin sie ist. Als Königin der provenzalischen Sommer hat sie einen festen Platz in der provenzalischen Kultur und repräsentiert diese in der gesamten Welt.
Außergewöhnliche Tiere
In der Provence verwandeln die verschiedensten Zikadenarten mit ihren besonderen Gesängen die Landschaft in ein Konzert sondergleichen. Insgesamt 61 Arten sind im Mittelmeerraum verbreitet, womit die Zikaden in Europa vor allem ein Phänomen des Südens ist. Sie alle gehören aufgrund ihrer charakteristischen Laute zu den sogenannten Singzikaden, deren Paarungsgesang auch für menschliche Ohren klar und deutlich zu hören ist. Anders als Grillen, die durch das Aneinanderreiben ihrer Hinterbeine das laute Zirpen erzeugen, bilden Singzikaden über ein eigenes Trommelorgan ihren charakteristischen Gesang. Jede Art klingt für das geschulte Ohr anderes, sodass die verschiedenen Zikaden oft nur anhand ihrer Gesänge voneinander getrennt werden können. Nehmen die Zikaden Fahrt auf, so können sie richtig laut werden und mit ihrem Zirpen eine Lautstärke von bis zu 100 Dezibel erreichen. Gezirpt wird dabei nur von den Männchen, die durch ihren Gesang Weibchen anlocken oder ihr Revier markieren. Die Männchen können über Stunden unermüdlich zirpen und das in voller Lautstärke. Ihre Ausdauer stellt die Forschung immer noch vor Rätsel, denn die kleinen Insekten scheinen an manchen Tagen gar nicht aufzuhören zu zirpen.
Das laute Zirpen der Zikaden kündet vom heißen Sommer in der Provence, denn die Provenzalen vertrauen auf den Zikadengesang wie auf den Wetterbericht. Schon die kleinsten Wetteränderungen können dazu führen, dass die Zikaden verstummen. So muss es mindestens 25°C haben, die Sonne vom tiefblauen Himmel scheinen und es windstill sein, damit die Männchen mit ihren lauten Paarrufen beginnen. Denn erst bei dieser Temperatur ist die Schallmembran elastisch und durch bestimmte Muskeln in Schwingung versetzbar. Schon der sanfteste Windstoß ist für die Zikadenmännchen Grund genug zu verstummen. Entsprechend genau kann man das Wetter erahnen, wenn der laute Gesang der Zikaden zu hören ist. Jedoch sind Forschende aufgrund der Klimaerwärmung alarmiert, denn zu hohe Temperaturen lassen die Zikaden ebenfalls verstummen. An vielen Orten der Provence ist es in den heißen Sommertagen überraschend still geworden, wenn die Temperaturen auf mehr als 36°C ansteigen. Eine derartige Hitze können die Insekten nicht gut aushalten, denn reguliert sich ihre Körpertemperatur über die Außentemperatur. Um nicht zu überhitzen, versuchen die Zikaden so wenig Eigenwärme wie möglich zu produzieren. Sie verharren im Schatten, bewegen kaum einen Muskel und hoffen auf ein baldiges Abkühlen. Entsprechend bleibt auch ihre Trommelorgan stumm, das in derartiger Hitze, wie sie in den letzten Sommern teilweise über Wochen in der Provence vorgekommen ist, zusätzliche, für die Zikade lebensbedrohliche Wärme produzieren würde. Mit den steigenden Temperaturen in den Sommermonaten in der Provence ist ihre Insektenkönigin bedroht und der Bestand der Zikaden in den letzten Jahren zurückgegangen. Die Provenzalen sind besorgt, dass mit den zunehmend heißen Sommern bald ihr geliebtes Tier mit seinem wunderschönen Gesang völlig verschwinden könnte.
Ein ganz anderes, aber ebenso bemerkenswertes Phänomen wie das laute Zirpen der Zikaden ist ihre letzte Häutung, wenn sie aus der Erde kommen und ihr Larvenstadium verlassen. Mehrere Jahre verbringen die Zikaden als Larven unter der Erde, ernähren sich von Wurzeln und sind oft sehr unscheinbar. Doch dann, nach zwei bis fünf Jahren des Heranwachsens, graben sie sich einen Weg ins Freie, um aus ihrem Larvenpanzer zu schlüpfen. Unter dem bräunlichen bis schwärzlichen Panzer schillert das Insekt in allen möglichen Farben. Es kommt ein glitzerndes Hellgrün zu Tage, das in der Sonne der Provence nur so funkelt. Die Häutung der Zikaden dauert meist mehrere Stunden, bis das Insekt schließlich seine feinen Flügel ausbreiten kann. Es ist der entscheidende Moment im Leben der Singzikaden, denn ihr bekanntest schilderndes Gewand trägt die Zikade nur eine relativ kurze Zeit. Nachdem sie sich von den unscheinbaren Bodenlarven in die majestätischen Zikaden verwandelt haben, begeben sie sich hoch hinauf, auf Bäume, Sträucher oder andere Pflanzen. Stimmt das Wetter, so beginnen sie sogleich mit ihrem Gezirpe. Nur wenige Monate werden die geschlüpften Zikaden nun noch leben, denn es ihre Reproduktion ist ihr letztes Lebensstadium. So ist ihr typischer Gesang, die Provence wie nichts anderes prägt, nur einen Sommer lang zu hören, auch wenn die Zikaden eigentlich mehrere Jahre leben.
Fabelwesen
Zikaden sind schon immer beliebte Motive und Symbole menschlicher Kunst gewesen. Vor allem die Singzikaden regten die Menschen zu allerlei Geschichten, Kunstwerken und Erzählungen an, die die Zikaden zu besonderen Tieren machen. In Musik, Malerei und Literatur verewigten schon die alten Ägypter oder die antiken Griechen Singzikaden und machten diese zum Teil ihrer Mythologie. Unüberhörbar war auch für unsere Vorfahren das laute Gezirpe, das bereits im Altertum nicht als störend, sondern als ein angenehmer Gesang wahrgenommen wurde. So wurden die Singzikaden zu Fabelwesen in der griechischen, römischen und ägyptischen Mythologie und auch in der asiatischen Kultur nahmen die Zikaden einen besonderen Platz ein. Ihr Gesang verzauberte die Menschen auf der ganzen Welt, er war allgegenwärtig und eng mit dem Sommer verknüpft. Außerdem galten die funkelnden Zikaden mit ihrem lieblichen Gesang als besonderes schöne Insekten, deren Schönheit viele Kulturen verehrten. Im Altertum stand sie sowohl in der chinesischen Han-Dynastie als auch im antiken Griechenland und Rom sowie bei den Ureinwohnern Amerikas für die Unsterblichkeit. Ihr Gesang war auf der ganzen Welt verbreitet und schien endlos, sodass die Zikaden als ewig lebende Tiere galten. Gleichzeitig symbolisierten sie jedoch auch die Wiedergeburt, die sie, so scheint es, bei ihrer auffallenden Häutung von Larve zu beflügeltem Insekt unternehmen. Überall in der Welt und durch alle Zeiten hindurch lassen sich Zeichnungen und Sagen finden, in denen die Zikaden eine besondere Rolle einnehmen. Die Zikaden sind damit ständiger Begleiterinnen des Menschen, den sie schon immer mit ihrem Gesang betüncht haben.
Provenzalisches Inbild
Mit ihrer Bedeutung in der antiken Welt, nahm die Singzikade selbstverständlich auch in der Provence eine besondere Rolle ein. Jedoch sticht der Mittelmeerraum und damit die Provence besonders hervor, da es die Region Europas ist, wo die meisten Zikaden beheimatet sind. Das Symbol der Zikade als Zeichen der Unsterblichkeit, Schönheit, der Wiedergeburt und des künstlerischen Gesangs übertrug sich somit auf das Gebiet, in dem die Singzikaden vermehrt vorkamen. Verbunden mit dem warmen Sommern und dem leichten, provenzalischen Lebensgefühl stiegen die Zikaden schnell zum Sinnbild des Savoir-Vivre der Provenzalen auf. Noch heute ist die Zikade tief in dem provenzalischen Alltag integriert und an jeder Ecke allgegenwärtig, auch wenn sie einmal nicht zu hören ist. Oft begrüßen sie in bunten Farben Gäste als Keramik- oder Tonfigur über der Haustüre, sind Teil vieler provenzalischer Gedichte, Lieder und Literatur oder bilden auf Postkarten das klassische Motiv der Provence neben den violetten Lavendelfeldern.
Etabliert in den provenzalischen Sagen und Geschichten hat die Zikade kein anderer als der Verfechter der provenzalischen Sprache Frédéric Mistral. Für ihn war das Insekt das Inbild seiner geliebten Provence mit all ihren wunderschönen Facetten. Der Singzikade widmete Mistral seinen Leitspruch: „Lou Soulèu mi fa canta“ („le soleil me fait chanter“ – Die Sonne lässt mich singen). Der Literaturnobelpreisträger machte die Zikade zum Symboltier der Provence, indem er sie als zentrales Motiv für sein persönliches Wappen einsetzte. Auf vielen seiner Publikationen verwendete er ein Wappen, auf dem eine goldene Zikade auf azurblauem Grund die goldene Sonne ansingt. Der Leitsatz Mistrals steht dabei ebenso auf goldenem Hintergrund, gleich unter der erhabenen Zikade. Es ist deutlich, wen die provenzalische Sonne laut Mistral singen lässt: die Singzikade, die mit ihrem Gesang alle provenzalischen Sommer begleitet. Der Schriftsteller gilt als außerordentlicher Förderer des Provenzalischen, schrieb er nicht nur selbst seine preisgekrönten Werke in seiner Heimatsprache, sondern entwarf die heute noch gültige Grammatikregeln und das Wörterbuch der provenzalischen Sprache. Gleichzeitig prägten seine Erzählungen die provenzalische Mythologie und ließen viele Figuren und Geschichten entstehen, die bis heute erzählt werden. Da für Mistral die Zikade das Symbol alles Provenzalischem war, wurde das Insekt mit der Verehrung Mistrals zum Zeichen der gesamten Provence, ihrer Bewohner und ihrer Kultur. Schnell verbreitete sich das singende Symbol der sonnenliebenden Region und die Zikade wurde auch in anderen Ländern als Inbild der Provence angesehen.
Frédéric Mistral ist es damit zu verdanken, dass die Zikade Symboltier der Provence und ihrer Bewohner wurde. Allerdings geht die klassische Keramikzikade, die heute viele der Türen, Tore und Eingänge der Provence ziert, auf die bewusste Entscheidung eines Keramikers zurück, der aus dem mystischen Fabeltier ein greifbares Motiv kreierte. Verbunden mit dem traditionellen Kunsthandwerk des Töpferns und der provenzalischen Keramik, der „Fayence“, ist diese Zikade wahres Inbild der Provence geworden. In der Keramikhauptstadt der Region, Aubagne, bekam der angesehene Keramiker Louis Sicard 1895 den Auftrag, ein Motiv zu entwerfen, das sinnbildlich für die Provence stand. Auftraggeber war eine angesehene Tuilerie (Ziegelei) von Marseille, die ein Werbegeschenk für ihre Kunden in der gesamten Welt gestalten wollte, das sofort an sie und ihre Heimatregion erinnerte. Es waren nur einige Jahre nachdem Mistral die Zikade zu seinem Wappentier und dem der Provence erklärt hatte. Sicard war entsprechend von der goldenen Zikade angeregt und betrachte diese selbst als Symboltier der Provence. Für Sicard war es daher klar, dass es die Zikade sein muss, die als unbestrittenes Motiv die Provence repräsentieren soll. Kurzentschlossen entwarf er für die Marseiller Ziegelei eine Zikade, die auf einem Olivenzweig sitzend über dem Leitspruch von Mistral thront. Es soll ein Briefbeschwerer werden, den die Ziegelei von Marseille an ihre Kunden in der ganzen Welt verschicken wird. So wachte die provenzalische Zikade mit dem Lebensmotto von Mistral über allerlei verschiedensprachigem Briefe auf der ganzen Welt. Der Ziegelei, aber vielmehr ihren Kunden, gefiel die schmuckhafte und fein ausarbeitete Zikade aus dem Atelier von Sicard. Von nun an stand fest, dass die Zikade das Symboltier der Provence ist. Sicard produzierte seine Fayence-Zikade zunächst in allen möglichen Farben, bis er sich schließlich auf den ursprünglichen Goldton beschränkte, den Mistral einst für sein persönliches Wappen gewählt hat. Damit wollte Sicard ebenfalls die provenzalische Sonne hervorheben, mit der die Zikade aufs Tiefste verbunden ist und die ebenso ein Wahrzeichen der Provence ist. Die goldenen Zikaden aus Aubagne wurden zu einer kleinen Kostbarkeit, denn viele wollten die Botin der strahlenden provenzalischen Sonne in ihrem Zuhause haben. Seitdem wärmt die funkelnden Keramikzikaden allerlei Häuser auf der ganzen Welt, doch sind auch die Provenzalen selbst stolz auf ihr Wappentier.
Mit dem zunehmenden Erfolg mit der Sicard-Zikade, übernahmen viele Keramiker der Provence das berühmte Motiv und formten ihre eigenen Zikaden. Aufwendig bemalt in allerlei Farben und in verschiedenen Größen geformt, bieten viele provenzalische Töpferinnen und Töpfer seither die Zikaden für Provence-Liebhaber aus allen Ecken der Welt an. Schnell übernahmen auch andere Künstlerinnen und Künstler das bewährte Motiv und verewigten die provenzalische Zikade auf Stoffen, Tellern, Tassen, Schüsseln und anderen Gegenständen oder nahmen die Zikade als Hauptmotiv für ihre Malereien. Andere kreierten ausgefallene Skulpturen aus Draht, Holz, Metall, Stein und vielen anderen Materialen in Form der Zikade. Das Insekt wurde noch vor dem duftenden Lavendel zum klassischen Souvenir aus der Provence, schließlich war die Keramikzikade schon bei ihrer Erfindung als Mitbringsel und Geschenk als Erinnerung an die Provence gedacht.