Das Plateau de Valensole

Der lilafarbene Traum, ein Meer aus violetten Blüten, endlose Lavendelfelder – das „Plateau de Valensole“ ist das Inbild des provenzalischen Traums. Hier betritt man ein violettes Blütenmeer aus duftenden Lavendel, der sich auf dem hohen Plateau scheinbar ins Endlose erstreckt. Dabei sind die unendlichen Lavendelfelder nur das bekannteste wunderschöne Element der Märchenlandschaft des Plateau de Valensole. Ob das bunte Blütenmeer der vielen heimischen Pflanzen, das strahlende Weiß des robusten Kalksteins, das türkisfarbene Wasser in den pittoresken Bergseen oder die wilden Wälder im Norden – das Plateau de Valensole verzaubert jeden Besucher mit allerlei Gesichtern. Doch gleichzeitig ist es politisches, kulturelles und tradiertes Zentrum der Region und des Département Alpes-de-Haute-Provence. Die vielen pittoresken Dörfchen zeugen von einer bewegten Vergangenheit und bewähren sich schon seit mehreren Jahrtausenden als entscheidende Orte in der gesamten Provence. Ebenso entstanden hier, in den Höhen des Plateau de Valensole, einige Traditionen und Geschichten, die die gesamte Provence bis heute prägen.

Das Plateau

Auf mehr als 800 km2 erstreckt sich das bunte Plateau de Valensole im Département Alpes-de-Haute-Provence zwischen dem Tal der Durance im Westen und dem Lac de Sainte-Croix im Osten. Namensgeber für das Plateau ist das kleine provenzalische Örtchen Valensole, das sich heute stolz mit seiner so berühmten Hochebene schmückt. Bei der kleinen Gemeinde hinter der Durance, gleich hinter dem traumhaften Manosque, erhebt sich das Plateau mit all seinen Naturspektakeln, Örtchen und Idyllen auf bis zu 500m Höhe. Ausschlaggebend für die Bekanntheit dieser Hochebene sind die weitläufigen Lavendelfelder auf der Südflanke, die mitunter nicht nur das Plateau selbst, sondern ebenso die gesamte Provence berühmt gemacht haben. Mit dem Anblick der unbeschreiblichen endlosen Felder wurde der Lavendel zum Symbol der Provence und Ausdruck dieser wunderschönen Region. Gleichzeitig wurde das Plateau de Valensole zum Sinnbild des Lavendels und steht daher für viele synonym für das klassische Motiv der Provence. Schnell werden daher die vielen anderen Facetten der Hochebene übersehen. Denn eigentlich gibt es noch so viele mehr als nur die violetten Blütenmeere zu bewundern.

Neben den endlosen Lavendelfeldern ist die Hochebene auf besondere Art und Weise mit dem Wasser verbunden. Vor allem der Stausee „Lac de Saint-Croix“, der am Ende der berühmten Verdonschlucht liegt, ist mit seinem türkisfarbenen Wasser eines der vielen Schmuckstücke des Plateaus. Zwar befindet er sich am östlichen Ende des Plateau de Valensole, doch zählt er zur zum Gebiet der Hochebene. Insbesondere, da sein aufgestautes, türkisfarbenes Wasser dem Fluss Verdon zu verdanken ist, der nicht nur die Traumlandschaft der Verdonschlucht bildete, sondern auch maßgeblich für die auffallenden Formen des Plateau de Valensole verantwortlich ist. Denn der Verdon ist überall in der Natur der Hochebene zu finden und prägt mit seinem sprudelnden Wasser das Leben des Plateau de Valensole.

Wo sich im Süden der Blütentraum erstreckt, erinnert im Norden des Plateaus wenig an das sanfte violette Inbild der Provence. Denn hier sind die Hügel rau und die Landschaft wild. Große Wälder haben liegen an den schroffen Flanken und zeigen mit ihren vielfältigen Grüntönen und unterschiedlichen Tier- und Pflanzenarten ein ganz anderes Gesicht des Plateaus. Hier macht die Hochebene seiner Beschaffenheit alle Ehre, denn im Norden erinnern die schroffen Felsen und steilen Hänge an den natürlichen alpinen Charakter, den man leicht inmitten der Lavendelfelder zu vergessen mag. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die spektakuläre Aussicht auf die Hochalpen im Norden der Provence, die mit ihren schneebedeckten Bergen an die Höhen erinnern, in denen man sich bei einem Besuch auf dem Plateau de Valensole befindet. Der Norden des Plateaus steht, abseits von den Lavendelbegeisterten im Süden, für die sinnliche Ruhe im Einklang mit der vielseitigen provenzalischen Natur, die auf dem Plateau de Valensole auf einzigartige Weise zum Ausdruck kommt.

Das endlose Blütenmeer

Mitte Juni ist es endlich so weit: Der Lavendel blüht. Langsam öffnen sich die zarten Lavendelknospen und tauchen das Plateau de Valensole in ein wahres Blütenmeer. Bis Mitte August kann der violette Traum bewundert werden, dann ernten die Lavendelbauern ihre kostbaren Blumen und das berühmte Spektakel ist vorbei. Allerdings lässt sich das Inbild der Provence fast ausschließlich auf der südlichen Seite des Plateaus bestaunen, weniger jedoch auf der Nordflanke. Denn im Süden der Hochebene bietet das „Vale Asse“ (Tal der Asse) die hervorragende Möglichkeit für landwirtschaftlichen Anbau, vor allem für jene Pflanzen, die in dem heißen Klima der provenzalischen Täler nicht so gut gedeihen. Für den höhenliebenden Lavendel bildet das Plateau von Valensole daher das hervorragende Anbaugebiet. Dabei werde sowohl der sogenannte „echte Lavendel“ sowie der ergiebige „Lavandin“ auf den riesigen Feldern angebaut. Allerdings ist es eher der Lavandin, der auf den berühmten endlosen Feldern zu finden ist. Denn der Lavandin gilt zwar als weniger edel, da er nicht über dieselbe Konzentration an wohltuenden Ölen verfügt wie der echte Lavendel, doch ist der Lavandin dafür deutlich ergiebiger. Seine Blüten geben mehr der wunderbaren Duftstoffe her als der echte Lavendel hervorbringen würde. Mit dem bloßen Auge lässt sich jedoch kein wirklicher Unterschied zwischen den beiden Lavendelsorten feststellen, schließlich tauchen beide das Plateau de Valensole in ihr wunderschönes Lila.

Der Lavendel ist hingegen nicht die einzige bezaubernde Blüte, die die Höhen des Plateaus hervorzaubern. Denn hier erstrecken sich ebenfalls große Sonnenblumenfelder, wilde Korn- und Feldblumen sowie landwirtschaftlich genutzte Felder mit allerlei Nutzpflanzen. Auch Weinfelder und Olivenhaine sind zwischen den Blumen zu finden. Es eröffnet sich ein wahres Farbenspektakel in den provenzalischen Höhen, das durch das Königreich des Lavendels, aber auch durch das Gelb der Sonnenblumen und goldenen Weizenfeldern inmitten des Grüns der Wälder und dem hellen Weiß des Kalksteins alle Augen verzaubert. Doch die heute dominierende Farbe ist und bleibt das tiefe Violett der Lavendelblüte. Man darf allerdings nicht vergessen, dass das Plateau sich erst vor relativ kurzer Zeit in das Lavendel-Königreich verwandelte. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein prägte nämlich die zartrosa Blüten der unendlich vielen Mandelbäume das Plateau. Die Mandelblüte war Langezeit der Symbol der Provence, wo seit der Antike riesige Mandelbaumplantagen angelegt wurden. So blühten hoch oben auf dem Plateau de Valensole, wie in der gesamten Provence, die Mandelbäume als Boten des Frühlings und verwandelten die Hochebenen in einen zartrosa Traum. Doch mit der Zeit wurde die Provence erst für ihren Wein und dann für ihren Lavendel berühmt, weshalb die tradierten Mandelbäume zunächst den Weinstöcken weichen mussten, die jedoch im 20. Jahrhundert zugunsten des Lavendelanbaus aufgegeben wurde. Nichtdestotrotz verstecken sich inmitten der großen Lavendel- und Kornfelder nach wie vor einige Mandelbäume, die vor allem im Frühjahr auf sich aufmerksam machen, wenn sie die ersten Bäume der Region sind, die blühen. Ebenso sind die teils verwilderten Weinfelder ein herrlicher Kontrast zu den ordentlich gestutzten Lavendelreihen. Doch auch ein weiterer Schatz der Provence lässt sich in den Höhen von Valensole finden: der schwarze Diamant, wie der Trüffel so gerne von den Provenzalen genannt wird. Der Edelpilz wächst hervorragend an den provenzalischen Eichenbäumen, die an der waldigen Nordflanke des Plateau de Valensole wachsen. Die waldigen Gebiete der Hochebene sind daher ein wahres Paradies für die Gourmets der Haute-Cuisine, die hier immer wieder auf den edlen Trüffel stoßen, der anderswo nur selten zu finden ist.

Sagenumwobene Orte

Inmitten des sanften Dufts des Lavendels verstecken sich einige wunderschöne Dörfchen auf dem Plateau de Valensole, die mitunter auch zu den schönsten Dörfern Frankreichs zählen. Ganz im Zeichen des Lavendels stehen dabei besonders zwei Örtchen auf der Hochebene von Valensole: sein Namensgeber Valensole und die Département-Hauptstadt Digne-les-Bains. Beide Orte veranstalten in der Lavendelzeit zu Ehren der wunderschönen Blüte ausschweifende Festlichkeiten, wo das Lavendelparadies der Provence entdeckt werden kann. Als erstes im Jahr, gleich zu Beginn der Erntezeit am dritten Sonntag im Juli, verwandelt sich Valensole in den lilafarbenen Traum. Auf dem „Fête de Lavande“ (Lavendelfest) kann man die große Vielfalt entdecken, die die violette Blüte der Region verschafft. Egal ob frisch geernteter oder getrockneter Lavendel unverpackt oder abgepackt in kleinen Säcken, Lavendelhonig, Lavendelseife, Lavendeldüfte, Lavendelöle – hier wird jeder lila Traum wahr. Neben dem reinen Verkauf wird der Lavendel jedoch auch mit einigen andere kulturellen Veranstaltungen alljährlich geehrt und Einblicke in die Kultivierung und Verarbeitung der violetten Pflanze mit ihren beruhigenden ätherischen Ölen gegeben. Ist das Fest in Valensole vorbei, so ist der herrliche Duft noch lange nicht aus der Region des Plateau de Valensole verflogen. Denn nicht ohne Grund nennt sich der Hauptort des Départements Alpes-de-Haute-Provence, Digne-le-Bains, selbst „Hauptstadt des Lavendels“. Im August verwandelt sich die pittoreske Altstadt des beliebten Thermalkurorts in ein mehrtägiges Lavendel-Spektakel. Auch hier wird auf einer Lavendelmesse die wunderschöne violette Vielfalt der Provence präsentiert. Allerdings ist Digne-les-Bains nicht nur zur Lavendelzeit ein wunderschöner Juwel der Gegend. Denn es liegt in herrlicher Lage, eingebettet in die Höhenlagen mit spektakulärer Sicht auf die Voralpen. Gleichzeitig ist es mit auffallend vielen Sonnenstunden gesegnet, die trotz seiner hohen Lage und dem Blick auf die schneebedeckten Alpen verblüffen mag. Gleichzeitig erkannten schon die Römer eine weitere Besonderheit des Gebietes, wo heute Digne-les-Bains liegt: die vielen Thermalquellen. Noch heute ist Digne-les-Bains vor allem Kurort und für seine wohltuenden Wasserquellen bekannt. Blüht der Lavendel von Mitte Juni bis Mitte August, so verbinden sich in Digne-le-Bains die beiden Merkmal des Plateau de Valensole – das Wasser und der Lavendel, die beide auf ihre außergewöhnliche Art und Weise wohltuend für Leib und Seele sind.

Abseits des Lavendels verbergen sich auf und um das Plateau de Valensole jedoch noch einige weitere herausragende Ortschaften, die nicht selten als Sinnbilder klassischer provenzalische Dörfchen angesehen werden. Eines der herausragenden Schmuckstücke des Plateau de Valensole ist das Örtchen Moustiers-Sainte-Marie, das nicht ohne Grund zu den schönsten Dörfern Frankreichs gehört. Mit seiner spektakulären Lage an einem Hang des Plateaus und seinen wunderschönen steinerden Häuschen, ist es eines der bewundernswertesten Ortschaften der gesamten Provence. Doch nicht nur das, Moustiers ist ebenso Zentrum eines der tradiertesten provenzalischen Handwerke, der Töpferei. Schon im Mittelalter stieg Moustieres zum Zentrum des Keramikhandwerkes auf, bis es unter Ludwig XIV. zum Mittelpunkt der provenzalischen Keramik, der sogenannten „Fayence“, wurde. Als Keramikhauptstadt leuchten die Farben in Moustieres so intensiv wie die bunte Blütenmeere der Hochebene. Überall lassen sich die kunstvoll gestalteten Fayence-Werke entdecken, die hervorragend die steinerne Idylle des Bergdörfchens ergänzen.

Doch das Plateau de Valensole hat noch mehr als einige politische und kulturelle Zentren zu bieten. Denn schon seit Langem gilt die Hochebene als herausragender Standort zur Besiedlung. Besonders auffallend ist hier das Örtchen Riez, das sich zwischen Valensole und Moustiers, im Zentrum des Plateaus, inmitten der weiten Lavendelfelder, befindet. Hier ist die seit Jahrtausenden anhaltende Besiedlung der Hochebene besonders gut sichtbar. So lässt sich bereits an seinem Ortsname erkennen, dass das Plateau bereits zu vorrömischen Zeiten besiedelt sein musste. Der Begriff „Riez“ stammt vom gallischen Volk der „Reii“, die sich auf dem Gebiet des heutigen Riez wohl als erste niederließen. Es war der Beginn der geschichtsträchtigen Bedeutung von Riez, das auch unter römischer Herrschaft zu einer der bedeutendsten römischen Kolonien in der Provence wurde. Heute lassen sich noch einige Spuren der Antike finden, die in auffallend gutem Zustand sind. Außerdem zeichnet sich Riez durch seine christliche Vergangenheit aus. Schon überraschend früh, im 5. Jahrhundert, wurde die Gemeinde Bischofssitz und sicherte sich damit auch im Mittelalter den Charakter als einer der Zentren der Region. Heute ist Riez eines der historisch bedeutsamsten Örtchen des Plateau de Valensole und erzählt auf eindrucksvolle Weise die Geschichten der Hochebene. Im Mittelalter ebenso bedeutend wie Riez ist eine Gemeinde, die sich im Norden des Plateaus befindet. Auch ihr Ortsname hat, wie Riez, eine besondere Bedeutung und erzählt von einer bewegten Geschichte. Es ist die Gemeinde „Allemagne-en-Provence“, die jedoch trotz ihres Namens keineswegs „Deutschland in der Provence“ repräsentiert. Allerdings führte ihr Name in der Vergangenheit schon zu einigen Streitigkeiten. Vor allem in der spannungsgeladenen Zeit im 19. Jahrhundert, als Frankreich und Deutschland sich zunehmend rivalisierten, legte die französische Geschichtswissenschaft einiges daran, die Herkunft dieses sonderbaren Ortsnamens zu ergründen. Festgestellt wurde dabei – zur Freude der Franzosen – keine Verbindung mit Deutschland. Dafür wurden Spuren der Alemannen gefunden, die allen Anschein nach hier eine ihrer ersten Siedlungen in der Provence gründeten. Die Erkenntnisse über das alemannische Leben in Allemagne-en-Provence ermöglicht neue Blickwinkel auf die Zeit vom Übergang von der Antike in das Mittelalter, denn dadurch wurde der Abzug der Römer aus der Provence neubewertet. Doch auch für die mittelalterlichen Zeiten ist Allemagne-en-Provence berühmt, schließlich bildet sich die Gemeinde heute um das „Château d´Allemagne“, das die bewegte Geschichte des Ortes zusammenfasst. Das heute so gut erhaltene Schloss, das sowohl mittelalterlichen Bergfried als auch Renaissance-Schlösschen in einem ist, ist jedoch nicht die einstige Burg, die einst auf dem Gemeindegebiet von Allemagne-en-Provence gebaut wurde. Vielmehr ist hier, hoch oben auf dem Plateau de Valensole, eine Ansammlung verschiedener Residenzen und Burgen zu vermuten, die allesamt nebeneinander konkurrierten. Die Überreste, der heute kaum noch zu erkennenden Castra zeigen, wie sich das Plateau de Valensole als hervorragender Siedlungsort in der Provence durch die verschiedenen Epochen hindurch bewiesen hat.

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