Die weltberühmte Pariser Künstlerin Louise Bourgeois hatte sich zwar aus ihrem Heimatland nach New York zurückgezogen, doch bekam sie einen außergewöhnlichen Auftrag aus dem Herzen der Provence, vom Nordhang des Luberon – aus Bonnieux. Ein Pariser Bankier hatte hier ein ehemaliges Kloster gekauft, das bereits in der Französischen Revolution säkularisiert wurde, jedoch nach wie vor das kirchliche Ambiente bewahrte. Hier sollte die Künstlerin, die für ihren unkonventionellen Stil bekannt ist, die Gestaltung übernehmen und die kleine Kapelle in eines ihrer bemerkenswerten Kunstwerke verzaubern. Es war ein Auftrag, den Bourgeois nur schwer ablehnen konnte, schließ bot sich ihr in Bonnieux ein unvergleichlicher Raum, in dem sie ihre künstlerischen Aussagen auf eine vollkommen neue Art und Weise darstellen kann.
Das einstige Kloster
Die Räumlichkeiten, in denen heute die wundersamen Werke der Künstlerin Louise Bourgeois zu bestaunen sind, blicken auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Es waren die Franziskaner-Rekollekten, die 1605 ein kleines Kloster abseits der Gemeinde von Bonnieux, im Schutz des Nordhanges des Luberon erbauten. Die bewaldeten Höhen des Luberon boten ihnen die hervorragende Umgebung, um ihre Gelübde ausleben zu können. Hier konnten sich die Rekollekten, deren Ordensbezeichnung von dem lateinischen „se recolligere“ (sich zurückziehen) ableitet, ganz im Sinne ihres Namens in ihren Glauben zurückziehen. Als einer der Reformorden, der sich von den Franziskanern abgezweigt hatte, war das kleine Kloster auf dem Gemeindegelände von Bonnieux von Anfang etwas Besonderes. Denn es gab nicht viele Rekollektenkloster in Frankreich und nur wenige, in denen die Klostergemeinschaft so lange Bestand hatte wie in Bonnieux. Die Rekollekten schätzen die besondere Lage in Bonnieux und tauften ihr Kloster daher „Couvent d’Ô“ (Kloster von Ô). Hier konnten sie fast zweihundert Jahre ihrem Glauben nachkommen und friedlich in ihrer Klostergemeinschaft leben.
Als jedoch in der Französischen Revolution eine allgemeine Säkularisierung Frankreichs einsetzte, musste sich auch die Rekollekten-Bruderschaft im „Couvent d’Ô“ auflösen. Am Nordhang des Luberon blieb wenig von dem sakralen Leben, das die Mönche hier mehrere Jahrhunderte gelebt hatten, denn ihr kleines Kloster wurde um 1800 entweiht. Die Rekollekten verließen die Wälder von Bonnieux und ließen ihr Kloster zurück. Ihr verlassenes „Couvent d’Ô“ galt nun als Nationalgut und wurde von dem konstitutionellen Bischof des neu eingeführten Départements Vaucluse, Abbé Rovère, erworben. Doch damit war es keineswegs weiterhin in kirchlicher Hand, sondern galt ganz im Sinne der Säkularisierung als entweihtes Gebäude inmitten der Wälder des Luberon. Damit fand das Kreuzgratgewölbe schnell neue Verwendung für die Einwohner der umliegenden Ortschaften. Mal wurde es als Unterschlupf inmitten der Wälder des Luberon verwendet, mal als Schafs- und Ziegenstall genutzt und zeitweise sogar in eine Seidenmanufaktur umgebaut.
Nach mehr als 100 Jahren ständigem Wechsel der Besitzer und der Funktionen des ehemaligen Klosters, hatte das „Couvent d’Ô“ im 20. Jahrhundert vollkommen seinen Glanz als sakraler Rückzugsort verloren. Seine Mauern wurden nur noch notdürftig in Stand gehalten, das Gebäude war jedoch zum Großteil zerfallen. Ende des 20. Jahrhunderts wurde der Pariser Bankier Jean-Claude Meyer auf das außergewöhnliche Kloster in spektakulärer Lage aufmerksam und fand schnell Gefallen an diesem besonderen Ort. Kurzentschlossen erwarb er das zerfallene Gebäude bei Bonnieux und investierte in dessen Erhalt. Auch die Denkschutzbehörde des Vaucluse erkannten den Wert des einstigen Rekollektenklosters und unterstützte die Restaurierungsmaßnahmen Meyers. Gemeinsam stellten sie das ursprüngliche Klostergemäuer in seiner Architektur wieder her, auch wenn das Gebäude niemals wieder ein geistlicher Ort werden würde. Denn der Bankier hatte eine andere Idee, wie er den einstigen sakralen Ort in moderner Zeit wiederbeleben könnte. Für seinen Plan, das „Couvent d’Ô“ umzugestalten, wandte er sich 1998 an die berühmte Künstlerin Louise Bourgeois, die inzwischen schon 87 Jahre alt war.
Ein Spätwerk von Bourgeois
Louise Bourgeois, die 1911 in Paris geboren wurde, ist für ihre außergewöhnlich provokative Kunst berühmt, mit der sie ihre eigene Wertevorstellung, Lebenserfahrungen und Rollenverständnisse ausdrückt. Sie war einer der ersten Künstlerinnen, die Installationen entwarfen und damit eine neue Art der plastischen Kunst, die ganze Räume einnahm, kreierte. Als Künstlerpionierin verstand sie es, die Räume, in denen sie ihre Installationen aufstellte, Teil der Kunstwerke werden zu lassen. Als sie 1998 um die Gestaltung der Räumlichkeit des ehemaligen Klosters geboten wurde, war sie fasziniert von der Idee, ein geistliches Gemäuer als Raum für ihre Kunst nutzen zu können. Nur wenige Jahre zuvor, seit Mitte der 1990er Jahre, hatte Bourgeois im hohen Alter endlich mit ihren gigantischen Spinnenfiguren, ihren „Mamans“, den Höhepunkt ihrer künstlerischen Karriere erreicht. Das Werk, das sie im „Couvent d’Ô“ gestalten sollte, war eine neue Herausforderung für die erprobte Künstlerin. Es war ein vollkommen neuer Raum, in dem sich Bourgeois ihren psychoanalytischen Themen auf völlig neue Art und Weise nähern konnte. Bourgeois Werke behandeln ihre eigenen Lebenserfahrungen im Umgang mit häufigen Themen wie Geschlechtlichkeit, Rollenverhältnisse, Unbewussten und Tod, wobei sie oft Sinnbilder für ihre Eltern, die Weber waren, verwendete, aber auch mit weiblichen und männlichen Stereotypen spielte. Ihre Werke stehen auf den ersten Blick in einem krassen Kontrast zu der kirchlichen Kunst und geistlichen Ausdrucksweise, die Bourgeois 1998 mit ihrem Stil verbinden sollte. Gleichzeitig war der Auftrag in Bonnieux für die Künstlerin die Chance, ihre Aussagen und Themen in einem völlig neuen Kontext darstellen zu können.
Die Werke von Bourgeois, die sich heute in der kleinen „Église Louise Bourgeois“ in Bonnieux finden lassen, enthüllen erst auf den zweiten Blick das Wirken ihrer Erschafferin. Denn sie sind nicht gleich als die großen Installationen zu erkennen, für die Bourgeois berühmt ist. Außerdem verbinden sie sich auf einzigartige Weise mit der sakralen Architektur des ehemaligen Klosters. So stehen die unterschiedlichen Installationen für sich allein, ergänzen sich jedoch in dem kirchlichen Ambiente zu einem Kunstwerk. Bourgeois bediente sich der klassischen Kirchenarchitektur und erschuf kirchliche Einrichtungsgegenstände in ihrem Kunststil. Auf den ersten Blick wirkt das „Couvent d’Ô“ daher wie ein herkömmliches Kloster, doch wer genauer hinsieht, der erkennt, dass Bourgeois Kunst und Religion zusammengebracht hat. Die vermeidlich vertrauten Kirchengegenstände erzählen eine ungewöhnliche Geschichte und werden in ihrer bestimmten Funktion hervorgehoben. Selbstverständlich entwarf Bourgeois neben den einzelnen Werken auch die räumliche Anordnung der Installationen. Sie sollen dabei, um möglichst verbunden mit dem kirchlichen Ambiente zu sein, an den herkömmlichen Orten im Klosterinnere stehen, wo man sie auch in jeder anderen Kirche vermuten würde.
Zwischen Intimität und Heiligem
Betritt man das Kloster durch die von zwei hohen, geraden Zypressen gesäumte Holztüren, so fällt zuerst das einsam stehende Kreuz am Kopf des Kirchenschiffes auf. Erhaben blickt das hohe Bronzekreuz auf die einfachen Holzstühle hinab, die in ordentlicher Reihe unterhalb des einstigen Altars aufgestellt sind. Doch dort, wo man normalerweise den Altar vermutet, platzierte Bourgeois das einsame Kreuz auf einem einfachen Metallfuß. Von Weitem wirkt es wie ein normales Kruzifix, doch wer nähertritt, der erkennt, dass der Querbalken mit zwei Händen versehen ist. Die eine Hand bietet den Betrachtern ihre ganze Verletzlichkeit und Offenheit an, denn ihre Handfläche und die ausgestreckten Finger zeigen die gesamte Verwundbarkeit dieser empfänglichen Geste. Die andere Hand ist jedoch verschlossen, zu einer Faust geballt und damit wahrlich konträr zu ihrem offenen Gegenüber. Mit seinen Armen wirkt das Bronzekreuz menschlich, vor allem, da es mit diesen einfachen zwei Handgesten die konträren menschlichen Gefühle ausdrückt.
Die Faust deutet auf eine kleine Figur an der Wand, die unter einer Glasglocke hervorlugt und auf einem einfachen Metallbrett sitzt. Es ist eines der typischen Motive von Bourgeois, das die Künstlerin auf hervorragende Weise mit der kirchlichen Umgebung verbinden kann. Denn unter der Glasglocke sitzt eine aus rosafarbenem Strick gehäkelte Mutter, die an ihrer Brust ihr Kind säugt. Mütterlichkeit und Weiblichkeit ist eines der zentralen Themen, die Bourgeois immer wieder in ihren Kunstwerken darstellt, so ist ihre berühmte Spinne „Maman“ eine Hommage an ihre eigene Mutter. Doch im besonderen Ambiente des ehemaligen Klosters gelingt es Bourgeois die Mutterrolle in einem neuen Kontext darstellen zu können. Denn in dieser kirchlichen Umgebung wird das sonst eher als provokativ angesehene Motiv sofort als christliches Motiv der Jungfrau Maria mit ihrem Jesuskind aufgenommen. Der außergewöhnliche Raum in Bonnieux ermöglicht Bourgeois, ihre immer wiederkehrende Thematik der Mutterrolle neu einzuordnen, denn sie spielt mit den Grenzen zwischen Sagbarem und Verborgenen, zwischen Tradition und Progression. Generell nutzte Bourgeois das „Couvent d’Ô“ in Bonnieux, um ihr weibliches Rollenverständnis auf neue Art und Weise ausdrücken zu können. So stehen insgesamt drei der fünf Werke Bourgeois im ehemaligen Kloster im Zeichen der Weiblichkeit und Mütterlichkeit.
Das wohl provokativste Werk von Bourgeois lässt sich gleich am Eingang des ehemaligen Klosters finden. Zugleich ist es jene der fünf Installationen im „Couvent d’Ô“, die am deutlichsten das Intime und das Heilige in einen Dialog treten lässt. Das Weihwasserbecken, das sich an seinem traditionellen Platz gleich am Eingang des Klosters befindet, ist aus fleischfarbenem Marmor geformt. Das Becken ist außen rau und uneben in seiner natürlichen Form des einstigen Marmorrohlings belassen, wohingegen im polierten Beckeninneren Brüste aus dem Rand wachsen. Das Weihwasserbecken verbindet sich mit der stillenden Marienfigur unter der Glasglocke zu dem außergewöhnlichen Rollenverständnis Bourgeois.
Die Künstlerin konnte jedoch auch im „Couvent d’Ô“ nicht auf ihr Erkennungsmerkmal der gigantischen Spinne verzichten. Allerdings erfährt die Spinne, die Bourgeois stets als Hommage an ihre Mutter versteht, in der kirchlichen Umgebung eine neue Bedeutung. Bourgeois platzierte eine übergroße Spinne an einer der kahlen Wände, von wo aus sie auf die Holzstühle in der Mitte blickt. Wie das Kreuz in Altarposition über die Besucher des „Couvent d’Ô“ wacht, so sind die Klosterbesucher seitlich von der übergroßen Spinne an der Wand geschützt. Die Spinne, die in der kirchlichen Symbolik ein völlig neues Motiv ist, ist für Bourgeois keineswegs angsteinflößend, sondern durchweg positiv konnotiert. Für die Künstlerin steht sie für ihre „Maman“ (Mutter), die als Weberin wie die Mutterspinne Zeit ihres Lebens das sichere Zuhause für Bourgeois und ihre Geschwister gewebt hat. Das Mutterbild, das Bourgeois auch mit ihrer Strickfigur der stillenden Mutter unter der Glasglocke verewigte, erlebt durch das Motiv der Spinne eine neue Facette, die auch so im Kirchlichen nicht auftritt.
Eine weitere Hommage an den Weberberuf ihrer Eltern stellt für Bourgeois im „Couvent d’Ô“ der vermeidliche Beichtstuhl des Klosters dar. Gleichzeitig benutzte die Pariser Künstlerin hier ein weiteres ihrer charakteristischen Motive, dem Käfig. Denn der mitten im Raum aufgestellte Beichtstuhl besteht aus zwei Käfigen mit dunklem Gitter. Einzig ein überdimensionaler Webteppich, der erneut an die Arbeiten von Bourgeois´ Familie erinnert, verleiht dem schwarzen Käfigen etwas Farbe. Es ist eines der wiederholenden Aussagen Bourgeois, die sie in Bonnieux mit dem christlichen Brauch der Beichte verbindet. Der Ort der Beichte wird dabei zu einem offenen, für jeden einsichtbaren, für jeden einsichtbaren Käfig, der jedoch durch den schützenden Webteppich wieder seine Intimität als Beichtstuhl erhält. Gleichzeitig integrierte Bourgeois im Beichtstuhl zwei christliche Symbole, die sie in ihrer einfachen Form beließ und nicht durch ihren künstlerischen Stil ergänzte. Zwei zum Gebet gefaltete Marmorhände unterstützten den Büßer, denn sie stehen in dem Käfig der Büßerseite. Auf der Seite des Beichtvaters hängt dagegen ein schlichtes Kruzifix. Beide Ornamente lassen die beiden Käfige, die mit dem Teppich bedeckt sind, erst als einen Beichtstuhl erkennen, der bereits in der kirchlichen Tradition Intimes und Sakrales miteinander verbindet, womit Bourgeois immer wieder in dem „Couvent d’Ô“ spielt.