Albert Camus Traum in Lourmarin

Lourmarin ist eines der schönsten Dörfer Frankreichs, denn es verkörpert den provenzalischen Traum mit seinem besonders pittoresken Ambiente und authentischen Charme. Von diesem traumhaften Ambiente ließ sich auch einer der größten französischen Schriftsteller und bedeutendsten Literaten des vergangenen Jahrhunderts verzaubern. Albert Camus, Literaturnobelpreisträger und einer der bekanntesten Autoren des 20. Jahrhundert, erfüllte sich mit einem Haus in Lourmarin seinen Lebenstraum. In seinen gekürten Werken lassen sich zum Teil sogar Anspielungen auf die wunderschöne Landschaft der Provence erkennen, doch vielmehr inspirierte die Region mit ihrem außergewöhnlichem Ambiente Camus auf unvergleichliche Art und Weise für seine literarische wie philosophische Arbeit. Denn für den Schriftsteller stand das kleine Örtchen Lourmarin und seine unmittelbare Umgebung wie nichts anders für das „mittelmeerische Denken“, in dem Camus die die Freiheit seiner Philosophie verkörpert sah.  

Das mittelmeerische Denken (la pensée de Midi)

Der Ausdruck des mittelmeerischen Geistes stammt aus der Feder des Schriftstellers Jean Grenier, der als Lehrer Camus ein wahres Vorbild für den späteren Literaturnobelpreisträger war. Allerdings beeinflusste der Grenier seinen Schüler Albert Camus nicht nur durch seine Lehre, sondern vielmehr durch seine Begeisterung für ein kleines Örtchen namens Lourmarin im Süden von Frankreich, am Hang des Luberon. Hier nahm Grenier als einer der einflussreichsten Schriftsteller seinerzeit 1927 an einer Schriftstellertagung teil. Zwar war sein Aufenthalt in dem kleinen provenzalischen Örtchen nur von kurzer Dauer, doch empfand er eine tiefe Verbundenheit mit der Region und ihrer Kultur. Lourmarin und der Luberon regten Grenier zu neuen Werken an, in denen er seine freiheitsliebende Philosophie untermauerte. Zwei kurze Essays mit den Titeln „Lourmarin“ und „Terrasses de Lourmarin“ (Terrassen von Lourmarin) erschienen daraufhin in den 1930er Jahren. Sie zeigen den tiefgreifenden Eindruck, der das provenzalische Örtchen auf den Schriftsteller gemacht hat und der mehr oder weniger für Grenier Ausdruck des „mittelmeerischen Geistes“ wurde. Seine Begeisterung für die Landschaft übertrug Grenier auch auf seine Schüler, darunter der zielstrebige Albert Camus. Von da an stand für den späteren Literaturnobelpreisträger fest, dass er diesen hochgepriesenen Ort einmal selbst besuchen und sich am besten in dem von Grenier beworbenen Ambiente niederlassen könne.

Lourmarin wurde durch die Begeisterung seines Lehrers für Camus die Personifikation des „mittelmeerischen Denkens“. Das provenzalische Dörfchen sei damit der Ort, wo der Mensch frei leben und agieren könne. Es ist das letzte Kapitel seines Essays „L’Homme révolté“ (Mensch in der Revolte), wo Camus 1951 den Begriff der Revolte nach dem Schrecken des 2. Weltkrieges analysiert. Gegen den Totalitarismus präsentiert Camus abschließend ein Gegenmodell im Kapitel mit dem Titel „pensée de Midi“ (mittelmeerisches Denken). Diese mediterrane Kultur sei für Camus weniger eine Kultur an sich, sondern ein Denken; ein Geist, der Mitte des 20. Jahrhunderts nach dem totalitären Gedankengut des Nationalsozialismus zu verschwinden vermag. Ursprünglich stamme diese Art des Denkens aus dem antiken Griechenland und habe sich im gesamten Mittelmeerraum ausgebreitet. Für Camus müsse dieses „pensée de Midi“ bewahrt werden. Denn mit dem nationalsozialistischen Schrecken, den die Welt erst kurz zuvor erlebt hat, sei die antike freie Gesellschaft, in der jede und jeder akzeptiert und respektiert wird, verloren gegangen. Das Konzept wendet sich dabei nicht nur gegen Totalität und Radikalität, sondern möchte eine möglichst heterogene und vielfältige Gesellschaft erhalten. Nicht umsonst nennt Camus diese gesellschaftliche Vorstellung „pensée de Midi“, denn für ihn ist der gesamte Mittelmeerraum und nicht nur das antike Griechenland Ort und Zeichen des Gegenmodells zu dem (deutschen) totalitären Modellen in Europa. Mit seinem Werk „Mensch in der Revolte“ appelliert er an seine Leserinnen und Leser, aber auch an die Gesellschaft generell, sich nicht von dem Schrecken totalitärer Herrschaft einnehmen zu lassen, sondern dass, nach dem mediterranen System, jeder Mensch in der Gesellschaft einen Platz hat.

Als Camus sich endlich ein Haus unter der mediterranen Sonne, in Lourmarin, kaufen konnte, wurde für ihn der Traum wahr, inmitten des „pensée de Midi“ leben und arbeiten zu können. Für ihn ist das provenzalische Dörfchen Inbild dieser Denkweise – es steht für die Verherrlichung des Lebens, der Erde, der Natur und der Schönheit. Camus selbst schwärmt in seinem Tagebuch immer wieder von der Schönheit der provenzalischen Natur und dem Genuss, durch die herrlichen Landschaften um Lourmarin herum zu streifen. Hier findet er schließlich den Mut, sich seiner eigenen Fremdheitserfahrung zu stellen, als er als Algerier nach Frankreich kam. Zwar lebte er den Großteil seines Lebens in Frankreich, doch gelingt es ihm erst jetzt, nachdem er in der ruhevollen Landschaft der Provence leben kann, sich mit seiner Kindheit und Jugend in Algerien zu befassen. Es ist seine erste Autobiografie, die er in Lourmarin beginnt, wobei Camus seine eigene Identitätssuche und die der Algerienfranzosen in ihren postkolonialen Erfahrungen verarbeitet.

Durch den Nobelpreis zu einem Haus in Lourmarin

Seitdem Jean Grenier als Vorbild von Camus voller Begeisterung von dem Ort in der Provence sprach, der seine Lehren und seine Philosophie widerspiegelt, war Camus selbst von der Idee fasziniert, einmal ein Haus in dem angepriesenen Lourmarin zu erwerben. Langezeit konnte er sich diesen Lebenstraum nicht ermöglichen, doch mit zunehmender Bekanntheit und letztlich dem Literaturnobelpreis ging für Camus endlich sein Traum in Erfüllung. Denn ein Jahr, nachdem er den Nobelpreis für Literatur gewann, konnte sich Camus endlich ein Häuschen in Lourmarin kaufen. Finanziert hat er sich das Anwesen in Lourmarin mit dem Preisgeld, das er für den Nobelpreis bekam. Denn sofort, nachdem er den prämierten Preis bekam, begab sich Camus auf die Suche nach einem Haus in der Provence. Es soll der 30. September 1958 gewesen sein, als er das Haus in Lourmarin schließlich kaufte. Zwar hatte er sich in der gesamten Region umgeschaut, doch fand er schließlich in dem von seinem Lehrer angepriesenem Lourmarin endlich sein Traumhaus. Von nun an verbrachte er lange Perioden in Lourmarin, bereiste die Gegend und ließ sich voll und ganz von der traumhaften Umgebung des Luberon einnehmen. Sein Häuschen lag inmitten von Lourmarin, in der „Grand rue de l´église“, die heute zu Ehren des berühmten Einwohners „Rue Albert Camus“ heißt.

Im Schutz von Lourmarin begann Albert Camus seinen autobiographischen Roman „Le premier homme“ (der erste Mensch) zu verfassen. Jetzt, wo sein Traum von einem Leben in der Provence Realität geworden war, sah sich Camus dazu bereit, seine Kindheit und seine Jugendzeit in Algerien zu reflektieren. Inmitten des „mittelmeerischen Geistes“ konnte er sein literarisches Können frei ausleben. Lourmarin selbst wurde zu seiner neuen Heimat, von wo aus er, als weltbekannter Literaturnobelpreisträger, einige Reisen in die Welt unternahm. Doch er kehrte stets nach Lourmarin zurück, was für ihn sein Zuhause geworden ist. In seinem Tagebuch hielt er viele der Eindrücke fest, die das Dörfchen, die Provenzalen und die Landschaft auf ihn machten. Sie machen deutlich, wie wohl und angekommen sich Camus in Lourmarin fand.

Noch immer ist das Anwesen im Besitz der Familie Camus, die vieles daransetzten, den Charme des Hauses aufrechtzuhalten, den Albert Camus einst zum Kauf überzeugt hat. Das Camus-Haus macht daher heute, wie wahrscheinlich schon zu Zeiten von Albert Camus, einen eher abgeschotteten Eindruck. Nur wenig deutet auf das Haus von Albert Camus hin, es trägt keine Hinweistafel oder Ähnliches und nur der Name der Straße gibt Hinweise auf seinen ehemaligen berühmten Bewohner. Die Tochter von Albert Camus, Catherine, verbringt hier die meiste Zeit und will das Häuschen ihres Vaters so gut es geht vor neugierigen Blicken schützen. Unwissende gehen daher schnell an dem unscheinbar wirkenden Haus in der Rue Albert Camus vorbei, das sich wie jedes andere Gebäude perfekt in das Stadtbild von Lourmarin eingliedert.

Die Gemeinde von Lourmarin respektiert den Wunsch der Familie Camus, die Ruhe des Anwesens des berühmten Literaten zu wahren. Als stilles Andenken an ihren berühmten Bewohner taufte sie einige Straßen, Gebäude und Plätze um und benannte sie nach Albert Camus. Lourmarin will damit die Begeisterung und die Leidenschaft, die Camus für den Ort und ihre Kultur verspürte, ehren. So hat Lourmarin Camus einige Besucher zu verdanken, die sich jährlich auf die Spuren des Schriftstellers begeben. Wer um das besondere Erbe von Lourmarin weiß, der macht sich hingegen noch auf einen etwas anderen Weg, hinaus zum Friedhof, wo Albert Camus begraben ist. Ein unscheinbarer Grabstein mit seinem Namen und Lebensjahren, ohne viel Aufmerksamkeit zu erregen, deutet auf den großen Literaten hin, der nur zwei Jahre in seinem Traumhaus in der Provence leben konnte. Trotz der Unscheinbarkeit pilgern Camus-Bewunderer aus der ganzen Welt nach Lourmarin und verweilen einen Moment vor seinem Grab. Allerdings hat Lourmarin hat in ihrem Ortszentrum die „Promenade littéraire“ entworfen, um den Ort auf den Spuren von Camus entdecken zu können. Auf einem Rundgang durch Lourmarin begibt man sich an all die Orte in der Gemeinde, die Albert Camus vermutlich am meisten geprägt haben. Vorbei an dem ehemaligen Hôtel Ollier, dem Lieblingsrestaurant von Camus in Lourmarin, das heute jedoch unter ganz anderem Namen eine unscheinbare Pizzeria geworden ist oder dem Wohnhaus seiner Haushälterin Suzanne Ginoux am Kirchenplatz – auf dem literarischen Spaziergang entdeckt man eines der schönsten Dörfer Frankreichs durch die Augen des Literaturnobelpreisträgers. Gleichzeitig präsentiert Lourmarin sich und seine Ortsgeschichte selbst in dem Camus-Spaziergang, denn der Rundgang führt ebenso hoch zum geschichtsträchtigen Schloss, für das Lourmarin bekannt ist oder durch viele der verwinkelten Gässchen, an die mit Springbrunnen gezierten Plätze und allerlei anderen Orten im wunderschönen Lourmarin. Mit dem Hintergedanken an Camus erscheint die Gemeinde wie das wohltuende Zuhause, an dem sich der Schriftsteller zu neuen literarischen Meisterwerken anregen ließ.

Hinterlasse einen Kommentar