Allemagne-en-Provence – Deutschland in der Provence?

Hier, in einem kleinen Dörfchen auf dem Lavendel-Plateau Valensole, ist es auffallend ruhig und idyllisch. Dafür trägt die überschaubare Ortschaf inmitten des Nationalparks Verdon einen umso auffallenderen Namen: Allemagne-en-Provence – „Deutschland in der Provence“. Es ist ein außergewöhnlicher Ort in den Hautes-Alpes der Provence, wo sich Geschichten unterschiedlicher Epochen kreuzen. Vor allem Historiker und Archäologen fasziniert Allemagne-en-Provence nicht zuletzt aufgrund seines besonderen Namens, sondern auch aufgrund seiner bewegten Vergangenheit, von der heute das Schlösschen des Ortes berichtet. Doch das Schloss zeigt noch eine ganz andere Besonderheit der Gemeinde: im Mittelalter konkurrierten hier verschiedene Herrscher um Macht auf dem Gebiet. Das heutige Gemeindegebiet umfasst daher eine Ansammlung von mehreren, nebeneinander gelegenen mittelalterlichen Burgen, von denen heute jedoch nur noch das Schloss von Allemagne-en-Provence als einziges Überbleibsel dieser Zeit erzählt.

Ein außergewöhnlicher Ortsname

Allemagne-en-Provence fällt vor allem durch seinen Namen besonders auf, denn hier betritt man scheinbar „Deutschland in der Provence“. Der außergewöhnliche Ortsname machte auch einige Historiker aufmerksam, die eine möglicher Beziehung des provenzalischen Dörfchens mit Deutschland auf den Grund gehen wollten. Sie begaben sich auf eine Reise in die Vergangenheit; zurück zu den Anfängen der Gemeinde, doch ist der genaue Ursprung dieser Bezeichnung bis heute ein Rätsel. Auch die ursprüngliche Bezeichnung auf Provenzalisch „Alemanha de Provença“ betiteln die Gemeinde als „Deutschland in der Provence“ und bietet daher wenig Rückschlüsse auf die Herkunft des auffallenden Dorfnamens. Die Umstände und Geschichte der Erforschung des Ursprungs des Namens von Allemagne-en-Provence ist dabei ebenso spannend wie die Namensgeschichte selbst. Denn die Forschungsgeschichte um die kleine provenzalische Gemeinde zeigt das zeitweise angespannte Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland. Die Namensherkunft von Allemagne-en-Provence wurde zeitweise zu einem politischen Diskurs zwischen beiden Ländern. Vor allem im 19. und 20. Jahrhundert wollte Frankreich einen möglichen Zusammenhang zwischen der provenzalischen Ortschaft und Deutschland ausschließen, weshalb zu dieser Zeit einige interessante Hypothesen zur Namensherkunft von Allemagne-en-Provence aufgestellt wurden.

Doch um die Ursprünge der Gemeinde zu verstehen, muss man weit in die Vergangenheit zurückgehen, als germanische Stämme die Provence bevölkerten. Denn zu dieser Zeit wurde auch das Gebiet von Allemagne-en-Provence erstmals besiedelt. Anders als umliegende Ortschaften wurde Allemagne-en-Provence wahrscheinlich noch nicht in der Antike dauerhaft bewohnt, sondern erst mit dem Einfall der Goten in die Provence, die die Römer aus der Region zurückdrängten, zu einer kleinen, dauerhaft besiedelten Ortschaft. So soll auch auf dem Gebiet von Allemagne-en-Provence eine gotische Siedlung entstanden sein, die jedoch nicht von sonderlicher Größe und Bedeutung war. Überraschend ist, dass der heute so verwunderliche Name der Gemeinde als „Alamania“ das erste Mal 429 an einem weit entfernten Ort auftauchte. Denn in einer Chronologie des Zisterzienser-Klosters Lérins auf der Insel Saint-Honorat im Mittelmeer nahe Cannes berichtet ein Text von diesem außergewöhnlichen Ort auf dem Plateau de Valensole. Doch zu dieser Zeit existierte ein „Deutschland“ im Sinne von „Alamania“ noch lange nicht. Heutzutage ist man sich daher einig, dass der Name der provenzalischen Gemeinde nicht in Verbindung mit dem Land Deutschland steht und nie ein Stückchen deutschen Boden repräsentierte hat. Allerdings soll der Name auf einen germanischen Stamm zurückzuführen sein. Denn, bevor sich die Goten richtig in Allemagne-en-Provence niederlassen konnten, eroberten Alemannen das Gebiet. Der Begriff „Alamania“ zeigt mit dem geläufigen Suffix -ia deutlich die Verbindung zu dem Volk, das auf Französisch als „Alaman“ bezeichnet wird. Unklar ist jedoch, ob die Alemannen auf dem Gebiet eine florierende Siedlung erbauten oder hier nur einen ihrer Wachposten installierten. Doch letztlich hält der bis heute bestehende Name die Erinnerungen an die Zeit der Alemannen in der Provence fest, egal welchen Einfluss sie wirklich in ihrem Dörfchen in der Provence hatten.

Trotz dieser unübersehbaren Hinweise auf die Präsenz der Alemannen in dem Gebiet und damit in der Provence, wurde Langezeit versucht, die Anwesenheit alemannischer Siedlungen in der gesamten Provence zu widerlegen. Denn in der Forschung des 19. Und 20. Jahrhundert war das Anerkennen von Alemannen als Sinnbild „des Deutschen“ auf französischem Boden in Zusammenhang mit den andauernden deutsch-französischen Spannungen nur schwer zu ertragen. Entsprechend ging man Langezeit lediglich von gotischen Eroberern aus, die die Römer in der Schwäche des Römischen Reiches kurz vor dem Untergang Westroms aus der Provence vertrieben. Der Ortsname „Allemagne-en-Provence“ rückte jedoch zu Zeiten des deutsch-französischen Spannungsverhältnisses in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses. Die französische Regierung wollte vermeiden, den Eindruck eines „Deutschlands in der Provence“ auf ihrem Grund und Boden zu erwecken, weshalb sich die französische Geschichtswissenschaft um Erklärungen des Namens bemühten. Diese Erklärung sollte weder mit dem Sinnbild des Deutschen, den Alemannen, noch mit einem tatsächlichen Einfluss Deutschlands in Frankreich zu tun hat. Die Forschenden entwickelten die Theorie, dass sich der Name auf lateinische Gebietsbeschreibungen oder römische Gottheiten, die in der nahegelegenen Kirche sogar verehrt wurden, zurückführen lässt. So könnte die römische Fruchtbarkeitsgöttin „Alemona“ Namenspatronin der Gemeinde sein. Aber auch der Begriff „Armagnia“ von „area magna“ für „große Schotterebene“ könnte Namensursprung des provenzalischen Ortes sein. Allerdings lassen sich mehr und mehr Bezeichnungen aus dem Ende der Antike und dem frühen Mittelalter finden, wo die Gemeinde mit Namensgleichheiten für „Allemagne“ wie „Alemannia“ bezeichnet wurde. Es lassen sich jedoch keine Hinweise auf die von den Forschenden aus dem 19. Jahrhundert festgelegten Ursprünge finden und auch archäologische Funde, die auf eine alemannische Siedlung hinweisen, machen den Zusammenhang des Namens mit dem germanischen Stamm wahrscheinlicher.

Die Forschung negierte trotz dieser auffallenden Funde Langezeit die Verbindung der Dorfs Allemagne-en-Provence zu den Alemannen. Erst seit relativ kurzer Zeit, mit dem Ende der deutsch-französischen Spannungen, öffnete sich die Forschung für die Untersuchung alemannischer Spuren in der Provence und erkannte die Theorie der Namensherkunft von Allemagne-en-Provence nach der alemannischen Besiedlung als am wahrscheinlichsten an. Doch damit ist nicht nur das Rätsel um die Etymologie der kleinen provenzalischen Ortschaft mehr oder weniger geklärt, sondern öffnen sich mit dieser Erkenntnis auch weitere Türen für die Forschung in der Provence. Denn durch die Anerkennung einer „alemannischen“ Siedlung inmitten der Haute-Provence, ist der Weg frei für weitere Nachforschungen nach dem Handeln der Alemannen im 5. Jahrhundert in der gesamten Provence. Dies untermauert die Vermutung nach der Anwesenheit verschiedener germanischer Stämme in der Region, die unterschiedliche Gebiete in der Provence eroberten.

Dorf der mittelalterlichen Burgen

Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ist in Allemagne-en-Provence heute weniger sein herausragender Name, sondern wunderschönes Schlösschen, das das Herz der Gemeinde bildet. Denn hier kommen die verschiedensten Epochen zusammen, die das Land und seine Bewohner geprägt haben. Außerdem zeigt das beeindruckende Schloss die einstige Bedeutung der Gemeinde, als sie im Mittelalter zur führenden Grafschaft in ihrer Region aufstieg. Doch was heute nicht auf den ersten Blick zu sehen ist, sind die vielen ehemaligen Burgen und Residenzen verschiedener Herrscher, die hier einst von hier regierten. Auf dem Gebiet, das heute Allemagne-en-Provence ist, wurden im Mittelalter einige nebeneinander gelegene Burgen gebaut, die heute allerdings kaum noch zu erkennen sind. Die Ausnahme stellt das Schloss von Allemange-en-Provence dar, welches als einer der letzten Residenzen erbaut wurde, dessen Herrscher jedoch als „baron d´Allemagne“ sich als Grundherrscher der Region durchsetze. Es war die mächtige provenzalische Familie „Castellane“, die 1218 an die Herrschaft über das mittelalterliche „Castellentum de Alamania“ – der mittelalterliche Begriff für das heutige Allemagne-en-Provence – erlangte. Die Heirat zwischen Agnes Spata und Bonifaz IV. de Castellane sicherte der mächtigen Familie den Besitz in der Haute-Provence. Schon wenige Jahre später wurde das Castrum zur Baronie erhoben, womit „Alamania“ eine erste Blüte erlebte. Immer wieder wurde der Sitz der Baronie, das „Château Allemagne-en-Provence“, umgebaut und ist heute das Aushängeschild der Ortschaft. Trotz seiner bewegten Geschichte, in der es Religionskriege, Familienfehden, Duelle und Belagerungen standhielt, zählt es heute zu einem der besterhaltesten Schlösser der Haute-Provence. Es ist ein Gebäude, das die Spuren der großen Jahrhunderte in sich trägt, die allesamt die Geschichte des Schlosses geprägt haben. So stammt der Donjon aus dem 12. Jahrhundert, wohingegen viele Elemente im Stil Ludwig XII. aus dem 15. Jahrhundert gestaltet sind und das Schlösschen im 16. Jahrhundert teilweise zu einem Renaissance-Schloss umgebaut wurde. Es blieb jedoch stets der Sitz der Herrschenden von Allemagne-en-Provence und ist heute wie damals Herzstück der Gemeinde.

Entlang des Colostre-Tals, durch das heute die D952 verläuft, liegt jedoch nicht nur das Schlösschen von Allemagne-en-Provence. Ausgrabungen ergaben, dass sich entlang dieser Straße noch mindesten vier weitere Burgsiedlungen auf dem heutigen Gemeindegebiet befanden haben müssen. Ganz im Westen, nur etwa 700 m von Allemagne entfernt, lassen sich Spuren des Castrum „Notre-Dame“ finden. Wie der Name schon vermuten lässt, stand hier im 10. Jahrhundert eine kleine Kirche, von dem auch heute noch einige Überreste erhalten sind. Allerdings hat „Notre-Dame“ weniger mit Allemagne zu tun, als mit seiner Nachbargemeinde Saint-Martin-de-Brômes. Denn das einstige Castrum soll die Vorgängersiedlung des heutigen Saint-Martin-de-Brômes sein, wohin die Einwohner von „Notre-Dame“ vermutlich schon im 11. Jahrhundert zogen und ihr altes Castrum aufgaben.

Im Osten des heutigen Gemeindegebiets von Allemagne-en-Provence lassen sich zusätzlich noch mindestens drei weitere vergleichbarer Burgsiedlungen finden. Zu diesen mittelalterlichen Castra gehören „St. Marc“, „La Motte“ und „Le Castellet“, die allesamt gleich aufgebaut sind und sich in ähnlicher Lage befinden. Alle liegen erhöht am Rande des Vanesole-Plateaus. Von hier aus ergibt sich ein guter Überblick über die Landschaft und gleichzeitig schützt ein natürlicher Graben die Schwachstelle der Siedlung, welcher oft der Rand des Plateaus war. Hier, im Osten von Allemagne, kam es sehr wahrscheinlich zu einem harten Konkurrenzkampf zwischen zwei der ehemaligen Burgen „Le Castellet“ und „La Motte“. Denn beide sollen die ersten Befestigungen auf dem Gebiet des heutigen Gemeindegebiets von Allemagne-en-Provence gewesen sein und Langezeit vor dem heute erhaltenden Schlösschen erbaut worden sein. La Motte wurde im 9. Jahrhundert erbaut und bestand lediglich aus drei Gebäuden. Doch seine Überreste sind von besonderem Interesse. Denn im Konkurrenzkampf zu Castellet, wurde die Anlage in Brand gesetzt, wodurch jedoch einige seltene Fundstücke in der ehemaligen Asche konserviert wurden. So fand man hier sogar den mittelalterlichen Brotteig, der in dem Moment geknetet wurde, als das verehrende Feuer ausbrach, das das Castrum la Motte zerstörte. Verantwortlich für diesen Angriff waren wahrscheinlich die Herrscher von Le Castellet, die im 12. Jahrhundert ein kleines Schlösschen ganz im Osten erbaut hatten. Im „Château de Castellet“, das heute nicht mehr zu sehen ist, residierte die Familie Castellet  bis das Schloss vermutlich Anfang des 14. Jahrhunderts von sogenannten „routieres“ – umherziehenden Söldnern –  besetzt worden ist und kurz darauf völlig aufgegeben wurde. Etwas später als La Motte und Le Castellet wurden die beiden Kirchensiedlungen erbaut, zu denen im Westen Notre-Dame gehört und im Osten Saint-Marc entstand. Anders als bei der Kirche „Notre-Dame“ im Westen von Allemagne-en-Provence ist die Kirche von Saint-Marc noch heute herhalten, auch wenn sie einst „Saint-Véran“ hieß. Anfang des 15. Jahrhunderts wurde auch sie aufgegeben, da ihre Einwohner wie an vielen Stellen der Provence, von den Bergen in die Täler zogen, wo die Versorgung leichter war. Die Forschung hat es sich heute zur Aufgabe gemacht, den Untergang der einstig so einflussreichen Siedlungen und ihr scheinbares Verschwinden zu ergründen, um festzustellen, wie aus dieser überraschenden Anzahl an Burgen heutzutage nur noch eine erhalten geblieben ist. Das Schlösschen der Familie Castellane bleibt damit das einzige Überbleibsel dieser bewegten Zeit in den Höhen des Plateaus de Valensole.

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