Santons – heilige Krippenfiguren

Die kleinen Tonfigürchen, die mit besonderes viel Liebe geformt und aufwendig bemalt werden, sind eines der bemerkenswertesten Traditionen der Provence. Die „Santons“ spielen beim wichtigsten Fest der Provenzalen – dem Weihnachtsfest – eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig sind sie einer der unvergleichlichen Brauchtümer der Provence, wodurch hier Weihnachten zu einem ganz außergewöhnlichen Fest wird. Dabei blicken die „Santons“ auf eine eigene, sehr bewegte Geschichte zurück, die eng mit jener der Provenzalen verbunden ist und die sie heute als kleine Botschafter noch immer in sich tragen. Die kleinen „Heiligenfigürchen“, wie sich ihr Name übersetzten lässt, verbindet die Bewohner der Provence mit dem Weihnachtsfest und lässt die Provenzalen auf unvergleichliche Art und Weise ein Teil der Weihnachtsgeschichte werden.

Ein jahrhundertealtes Handwerk

Das Töpfern ist in der Provence einer der wohl ältesten und tradiertesten Arbeiten. Überall leuchten die farbenfrohen Töpfe, Krüge und Teller, die mit der Hand aus der provenzalischen Tonerde geformt und anschließend mit ihren wunderbaren Farben verfeinert wurden. Mit diesem Traditionshandwerk entwickelte sich ein spezielles Metier, das die künstlerischen Tonarbeiten der Provence nochmals hervorhebt: der Beruf des „Santonnier“. Heute sind es immer noch die sogenannten „Santonniers“, die die heiligen Tonfigürchen, die „Santons“, herstellen. Ihr Beruf ist wohl einer der originellsten in der Provence, denn er ist nur hier zu finden. In ihren kleinen Ateliers formen die Santonniers ihre Figürchen über das Jahr, bis sie diese in der Weihnachtszeit auf weihnachtlichen Märkten, Geschäften oder direkt in ihren eigenen Ateliers verkaufen können. Es handelt sich um einen eigenständigen Beruf für den einen besondere Ausbildung von Nöten ist, denn die Kunst, einen wahren Santon zu formen will gelernt sein. Es ist sowohl die Arbeit mit dem Ton, das Herstellen der richtigen Formen sowie das detailgetreue Malen und Auskleiden der Figürchen nötig, um einen wunderschönen Santon traditionsgemäß fertigen zu können.

Wer jedoch das Handwerk der Santonniers verstehen will, muss sich tief mit der provenzalischen Geschichte beschäftigen. Denn der Brauch der Santons ist nicht auch der Tradition des Töpferns entstanden, sondern rührt aus der religiösen Kultur in der Provence. So führt die Geschichte der weihnachtlichen Provence-Tradition auf die Spuren des Heiligen Franz von Assisi. Er brachte, als er im 13. Jahrhundert bei seinem Missionsauftrag in die Provence kam, das Brauchtum des Krippenaufstellens mit sich. Der Mönch hatte am 25. Dezember 1223 das erste Mal in seinem italienischen Heimatdorf Greccio die Weihnachtsgeschichte mit einer Wachsfigur des Jesuskindes in einer echten Futterkrippe umgeben von lebenden Tieren nachgestellt und gilt als Erfinder der Weihnachtskrippe. Mit dieser Szenerie wollte Franz von Assisi den Gläubigen vor Augen führen, in welcher Verletzlichkeit, Armut und Schwachheit Jesus auf die Welt gekommen ist, um das Armutsgelöbnis seines Ordens zu bekräftigen. Dieses Schauspiel in der Mitternachtsmette erfreute alle Bewohner des Dörfchens Greccio und sprach sich von dort schnell herum. Viele Kirchen, Klöster und andere christliche Gemeinschaftsorte übernahmen die Idee von Franz von Assisi, doch ersetzten sie die Wachsfiguren und echten Tiere sowie die echte Futterkrippe durch Imitationen aus Holz. Außerdem fügten sie der Szenerie auch Joseph und Maria sowie etwas später auch die Heiligen Drei Könige hinzu, um die Weihnachtsgeschichte zu vervollständigen. Mit der Verbreitung und gleichzeitigen Missionierungsauftrags seines Ordens in ganz Europa brachten die Franziskaner auch den Brauch der Krippen in alle möglichen Länder.  In der, im Mittelalter ohnehin sehr religiös geprägten Provence wurden die Krippen schnell zu kleinen Berühmtheiten, doch waren sie zu diesem Zeitpunkt noch mit Holzfiguren besetzt und nicht mit Tonfiguren. Außerdem waren die Krippen ausschließlich in öffentlich religiösen Einrichtungen zu finden, jedoch noch nicht in den provenzalischen Privathaushalten aufgestellt, wie es heute üblich ist.

Der Wandel dieses Krippenbrauchs der Franziskaner hin zu den charakteristisch provenzalischen Santon-Krippen sollte sich erst einige Jahrhunderte nach der Einführung der Weihnachtskrippe etablieren. Denn die provenzalische Weihnachtskrippe zeigt die Hingabe der Provenzalen zu ihrem Weihnachtsfest, wo vor allem die Santons wie nichts anderes die Bedeutung dieses wichtigen Festes am Jahresende verkörpern. Als im 18. Jahrhundert, zur Zeit der Französischen Revolution und im Zuge der damit einhergehenden Säkularisierung, das Aufstellen der üblichen, großen Weihnachtskrippen in allen französischen Kirchen verboten wurde, ließen sich die Provenzalen nicht von ihrem liebgewonnenen Brauch abbringen. Kurzentschlossen bastelten sie sich mit viel Liebe und Hingabe aus einfachem Brotteig eigene Krippenfigürchen, die ihre hauseigenen Krippen ausstatten sollen. Damit begann der Brauch, auch im eigenen Zuhause eine Weihnachtskrippe aufzustellen und nicht nur die großen Krippen in den Kirchen zu bewundern. Manche kreative Köpfe bemalten die Brotfiguren sogar mit bunten Farben oder entwarfen kleine Kostüme für ihre eigenen Krippenfigürchen. Anfangs bastelten sie nur die nötigsten Heiligenfiguren, die in der Weihnachtsgeschichte eine Rolle spielen. Allerdings kamen mit der Zeit immer wieder neue Charaktere dazu, die neben der Christusfamilie auch die Provenzalen selbst darstellten. Daraus entwickelte sich der Brauch, die eigenen Familienmitglieder und ihre Berufe in den Krippen zu verewigen und von Generation zu Generation weiterzugeben, sodass jede Provenzalin und jeder Provenzale stets an dem so verehrten Weihnachtsfest teilnehmen kann.

Aus den Brotfigürchen, die aus der Not heraus entstanden sind, hat sich langsam ein Kunstgewerbe entwickelt, für das es sogar einen eigenen Ausbildungsberuf gibt. Denn auch, nachdem wieder große Krippen in den Kirchen aufgestellt werden durften, verschwanden die privaten Krippen nicht aus den provenzalischen Haushalten. Zu schön war der Brauch, sich und seine Liebsten mit dem Weihnachtsfest zu verbinden und dadurch noch familiärer zu feiern. Diese neue Tradition nutzte der Skulpteur Jean-Louis Lagnel in Marseille. Schon kurz nach der Französischen Revolution hatte der Bildhauer eine Frau und einen Mann aus Holz geschnitzt und nur wenige Jahre später bereits die Weihnachtsszenerie mit selbst geschnitzten Holzfiguren der Jungfrau Maria, dem heiligen Josef und die Heiligen Drei Könige nachgestellt und war als Krippenfiguren-Schnitzer bekannt. Etwa um dieselbe Zeit, Anfang des 19. Jahrhunderts, kam Lagnel nun eine andere Idee: Er wollte das alltägliche Leben in der Provence darstellen und entschloss sich, Tonfiguren von seinen Nachbarn samt ihrer verschiedenen Beruf- und Arbeitsutensilien zu formen. Der Ton ließ sich dabei leichter und schneller formen als das Holz und so entstanden die ersten Tonfiguren für die hauseigene Krippe. Selbstverständlich sollten sie auch die passende Kleidung der Zeit tragen, deren Kleidungsstil die Santons heute immer noch verewigen. Einmal eine Tonfigur geformt, so nahm Lagnel von dieser eine Gipsform, die er immer wieder reproduzieren konnte. Damit ermöglichte er eine kostengünstige Herstellung der Krippenfiguren, die obendrein noch das alltägliche Leben der Provenzalen repräsentierten. Schnell fanden die Provenzalen Gefallen an den Tonfigürchen für erschwingliche Preise, womit sie ihre Heimkrippen bestücken können und gleichzeitig ein Stück ihrer eigenen Persönlichkeit mit dem Weihnachtsfest verbinden konnten.

Nach dem Ende des Krippenaufstellungsverbots schoss die Nachfrage nach den tönernen Krippenfigürchen in die Höhe und Lagnel selbst konnte selbstverständlich nicht alleine den hohen Bedarf decken. Es war die Geburtsstunde des Handwerks der „Santonnier“ war. Seitdem formen die tradierten Santonnieres mit all ihrer Hingabe in der gesamten Provence die kleinen Heiligenfigürchen, unter denen sich stets die breite Bevölkerung der Provence versteckt. In der Weihnachtszeit sind sie heute sowohl in den ausschweifenden Kirchenkrippen zu bewundern und schmücken gleichzeitig das weihnachtliche Heim. Da es zur Tradition geworden ist, die Santons zu vererben, finden sich in manchen Krippen wahre Kostbarkeiten. Denn manchmal sind die aufgestellten Krippenfiguren mehr als 200 Jahre alt und werden daher besonders sorgsam behütet. Eine dieser altehrwürdigen Krippen lässt sich in Saint-Saturnin-lès-Apt finden, wo zur Weihnachtszeit die einzigartige Dorfkrippe in der örtlichen Kirche „Saint-Etienne“ aufgestellt wird, die einige jahrhundertealte Santons zeigt, die gemeinsam ein unvergleichliches Schauspiel darstellen.

Provence im Miniaturformat

Jeder Santonniers entwirft seine eigenen Figuren und arbeitet nach dem Verfahren, das einst Lagnel das erste Mal angewendet hat. Einmal eine Idee für die Gestaltung eines neuen Santon gehabt, formt der Santonnier eine Urfigur und verfeinert diese so lange, bis sie seinen Vorstellungen entspricht. Diese benutzt er nun als Abdruck, um eine Gipsform herzustellen, in denen er dieselbe Figur immer wieder gießen kann. Trotz der stets persönlichen Note der Santons je nach seinem Erschaffer, gibt es einige Charaktere, die in einer provenzalischen Krippe nicht fehlen dürfen. Doch dies sind nicht zwingend die Jesusfamilie oder andere biblische Figuren. Vielmehr bilden die Krippen ein Abbild der provenzalischen Gesellschaft mit all seinen Bewohnern und ihren Berufen. Auch ihre liebsten Tiere dürfen in den Krippen nicht fehlen, ja selbst einige provenzalische Bäume und Sträucher werden im Miniaturformat nachgebaut, um eine kleine Provence zu schaffen. So steht die übliche Krippengeschichte mit Jesuskind, Maria, Joseph und den Heiligen Drei Königen inmitten der provenzalischen Landschaft und umgeben von den vielfältigen Provenzalen, die gemeinsam mit ihnen das Weihnachtsfest feiern.

Dabei gibt es auch in der provenzalischen Weihnachtsgeschichte einige typische Charaktere, die der regionalen Kultur und ihren Bräuchen entsprungen sind. Sie repräsentieren die Provence im Miniaturformat und zeigen, wofür die provenzalische Tradition alles steht. Ebenso verkörpern die einzelnen Figürchen ihre eigenen Geschichten und erzählen ihre eigenen Märchen. Häufig sitzt zum Beispiel inmitten des Krippentreibens die Figürchen des alten Ehepaares „Grasset“ und „Grasette“ und verkörpern in ihrer stetigen Zweisamkeit die Liebe. Auch der „Lou Ravi“ – der „Glückselige“ – verzückt alle Zuschauer mit seinem leichten Herzen und seiner ewigen Unschuld, weshalb er vor Freude und Überraschung stets die Arme in die Luft wirft. Doch auch der Schutzpatron der Santonniers, der heilige Franz von Assisi, darf im Schauspiel nicht fehlen, weshalb er als „le moine“ (der Mönch) gleich neben dem gutmütigen „curé“ (Priester) dargestellt wird, die sich beide über die Geburt Jesu freuen. Neben diesen Figuren dürfen selbstverständlich auch die Traditionsberufe und -handwerke der Provence nicht in der Krippe fehlen. Oft findet man daher den Bürgermeister (maire) inmitten des Geschehens, den Fischer (lou pescadou) mit dem Fischhändler (lou peissouniero) am Fluss, einen Bäcker (lou boulangié) und Müller (lou móunié) in der Backstube oder die Bauern (lou masièro), Holzfäller (lou bouscatié) und Gärtner (la jardiniero) auf den Feldern der Provence. Manchmal lassen sich auch einige berühmte Persönlichkeiten der Region wie Frédéric Mistral oder Jean Giono bei der Arbeit beobachten, denn mit ihren Krippen wollen die Provenzalen all ihre wichtigen Persönlichkeiten und Bräuche zelebrieren. Dabei gleichen sich die Figuren stets ihrer Zeit an, weshalb man heute auch moderne Berufe und Besucher finden kann. Gleichzeitig bleiben die tradierten Charaktere Teil des sich stets modernisierenden Krippenspiels, da sie nach wie vor das provenzalische Brauchtum repräsentieren.

Weihnachtstraum

Bei dem Abbild der provenzalischen Krippen handelt es sich jedoch nicht einfach nur um die übliche Weihnachtsgeschichte, in die manche provenzalische Charaktere gesteckt wurden. Vielmehr gründet das Krippenspiel und seine typischen Tonfiguren auf die provenzalischen Weihnachtsgeschichte, die Antoine Maurel 1844 als „Pastorale provençale“ schrieb. Der Marseiller ließ die Geburt Jesu in der Provence stattfinden und dichte entsprechend einige Urcharaktere der Region hinzu, die bei dem wundersamen Ereignis zugegen waren. Dabei lässt er all die Dorfbewohner und Arbeiten auftauchen, die zu seiner Zeit üblicher Weise in jedem provenzalischen Ort zu finden waren. Noch heute wird diese provenzalische Weihnachtsgeschichte an Heiligabend in den Kirchen der Region, aber vor allem in den provenzalischen Haushalten, erzählt. Sie ist einer der letzten lebendigen Stücke, die auf Provenzalisch geschrieben und noch immer gerne in ihrer Originalsprache vorgetragen wird. Maurel erschuf durch seine kreierten Charaktere die Welt der typischen Santons und hielt fest, welche Santon-Charaktere nicht in einer authentischen Krippe fehlen dürfen. Durch die Santons wird die provenzalische Weihnachtsgeschichte noch glaubhafter und wahrlich ins Leben gerufen, wenn das Jesuskind tatsächlich inmitten eines provenzalischen Dorfes geboren wird.

Gleichzeitig sind die Santons jedoch nicht einfach nur Abbild der Weihnachtsgeschichte von Maurel, sondern für die meisten Provenzalen viel persönlicher. Sie sehen sich selbst und ihre Liebsten in den Tonfiguren repräsentiert. Nicht selten werden daher Santons für die eigene heimische Krippe erworben, die im Aussehen oder im Beruf einem ihrer Familienmitglieder oder Freunden entsprechen. Da die Santons von Generation zu Generation weitergegeben werden, sichern sich die Provenzalen daher zu, auf ewig mit ihren Liebsten das Weihnachtsfest feiern zu können, wenn sie als kleine Figürchen einen Platz inmitten der Weihnachtskrippen einnehmen.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Frank Klingner provefan sagt:

    In vielen der Krippenlandschaften findet man Szene aus dem provenzalischen Alltag. Eine tolle und fast schon überdimensionale Krippenlandschaft findet man in der (alten) oberen Kirche in Bonnieux. Klein aber auch schon die Grippe in der Kirche von Joucas. Schöne Weihnachten uns ein gutes neues Jahr 2024, mit hoffentlich weiteren tollen Geschichten aus dem Luberon.

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    1. Avatar von provence_blog luberon_blog sagt:

      Vielen Dank!

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