Vaison-la-Romaine

Vaison-la-Romaine ist mit seiner 2.000-jährigen Geschichte einer der historisch bedeutsamsten Orte der Provence. Die Gemeinde ist als „die Römische“ vor allem für ihre Blüte in der Antike berühmt, von der noch heute einige eindrucksvolle Funde und Überreste erzählen. Doch auch nach der Römischen Herrschaft behielt Vaison-la-Romaine ihren Status als kulturelle Hochburg. So vereinen sich hier heute Antike, Mittelalter und Neuzeit, die allesamt ihre Spuren in der Kleinstadt hinterlassen haben.  Es bietet sich ein faszinierendes Schauspiel aus den unterschiedlichen Zeitabschnitten der Provence mit ihren verschiedenen Herrschern, Traditionen und Kulturen, die bei einem Besuch von Vaison-la-Romaine auf einen Blick entdeckt werden können. Doch nicht nur durch ihre eindrucksvolle Geschichte ist das Städtchen so bemerkenswert. Denn „die Römische“ ist durch und durch ein wahrer Hingucker mit wunderschönem Ambiente. Neben den eindrucksvollen Steinhäuschen, die sich einen kleinen Hügel hinaufschlängeln, sorgt vor allem das Flüsschen „Ouvèze“, das Vaison-la-Romaine zweiteilt, für den pittoresken Charm. Zusätzlich ist Vaison-la-Romaine mit ihrer Lage am nördlichen Rand des Département Vaucluse, das Tor in die herrliche Provence und in den Süden Frankreichs.  

Römische Hochburg

Bereits der Name der Gemeinde deutet auf seine römische Vergangenheit hin. Denn als „die Römische“ ist die Kleinstadt durch und durch von ihrer antiken Zeit unter der Besatzung des Römischen Reiches geprägt. Es ist die erste und zugleich prächtigste Blütezeit des Örtchens, die sich während der römischen Zeit in der Provence entfaltet. Das römische Erbe ehrte die Gemeinde mit dem erst 1924 eingefügten Attribut „la-Romaine“ (die Römische). Zuvor hieß der Ort lediglich Vaison – wie er bereits als römische Kolonie genannt wurde. Die Kolonie „Vasio Voccontiorum“ nahm dabei eine Schlüsselrolle in der römischen Province ein, denn sie zählte mit mehr als 10.000 Einwohnern zu einer der größten der Region.

Vaison-la-Romaine ist daher heute außerordentlich stolz auf ihr einzigartiges Erbe der Antike. Dabei glänzt die Gemeinde vor allem mit einer Besonderheit: seine vielen Ausgrabungsstätten und spektakulären Funde aus der Römerzeit. Denn Vaison-la-Romaine ist die größte Ausgrabungsstätte in Frankreich und damit einer der weltweit bedeutendsten Forschungsstätten zur Erforschung der antiken Welt. Allerdings begann erst Anfang des 19. Jahrhunderts die professionelle Sichtung auf dem heutigen Ausgrabungsgebiet, wo zuvor nur sporadisch gesucht wurde. Seitdem wurden einige bedeutende archäologische Schätze um den Puymim-Hügel freigelegt. Vor allem das Amphitheater, das in den Nordhang des Felsen gebaut wurde, ist das Schmuckstück aus römischer Zeit. Doch auch an anderen Stellen von Vaison wurden beeindruckende Funde gemacht. Der Tempel zu Zeit von Kaiser Augustus mit seinem weitläufigen Garten oder die vielen, überall in der Gemeinde freigelegten Thermalbäder zeugen von der einstigen Größe der römischen Kolonie. Im angrenzenden archäologischen Museum werden allerlei Fundstücke präsentiert, was vielerlei Besucher alljährlich wertschätzen, denn es zählt zu den meistbesuchten Museen der Provence.

Neben den zahlreichen, überall im Ort verteilten Ausgrabungsstätten und Grabungen, existiert bis heute ein Überbleibsel römischer Architektur, das seit der Antik den Bewohner von Vaison wertvolle Dienste leistet. Es ist die römische Brücke über der „Ouvèze“, die als einer der spektakulärstten Sehenswürdigkeiten von Vaison-la-Romaine gilt. Mit ihrer 9 Metern Breite und 17 Metern Länge ist sie Zeugin der beeindruckenden Architekturkunst der Römer, die es schafften, über die wilde „Ouvèze“ eine robuste Brücke zu bauen. Die Römerbrücke wurde zwar bereits im 1. Jahrhundert n.Chr. erbaut, doch prägt sie bis heute das Stadtbild von Vaison. Es überrascht, dass diese Jahrhunderte alte Brücke noch immer sicher beide Ufer miteinander verbindet und auch im Laufe der Zeit relativ wenig Schaden genommen hat. Die robuste Brücke überstand nicht nur Millionen von Menschenfüßen, die sie in den fast zweitausend Jahren über den Fluss trug, sondern hielt ebenso Wind und Wetter der Jahrtausende stand. Vor allem die zerstörerischen Hochwasser konnten der Brücke kaum etwas anhaben, auch wenn die Überschwemmungen einigen Schaden in Vaison selbst genommen haben. Ebenso scheiterten die wiederholten Versuche, die Brücke in Kriegen und Konflikten zu sprengen, an dem robusten Stein. Die Romerbrücke von Vaison-la-Romaine ist damit das Auszeigemerkmal der Ortschaft, denn sie verteidigte und sicherte den Ort über die Jahrtausende hinweg.

Mittelalterlicher Neubeginn

Von den turbulenten Zeiten des Untergangs des Römischen Imperiums blieb auch Vaison nicht verschont. Als römische Hochburg in der Provence war die Gemeinde sogar besonders betroffen von den einfallenden germanischen Truppen, die in das gesamte Römische Reich im 4. Jahrhundert einfielen. Die römische Provence wurde zum Großteil von Goten erobert, die Mitte des 5. Jahrhunderts nach knapp 700 Jahre römischer Herrschaft in der bedeutenden römischen Provinz einfielen. Mit der Übernahme der Goten begannen unruhige Zeiten in der gesamten Provence und damit musste sich auch die wichtige Kolonie Vaison den neuen Machthabern anpassen. Die Einwohner der gesamten Provence suchten nach einem sichereren Ort, wo sie Schutz vor den kriegerischen Auseinandersetzungen um Macht und Einfluss zwischen verschiedenen Herrschern finden konnten. Wieder einmal erwies sich in dieser angespannten Situation der Standort von Vaison als hervorragender Rückzugsort für die friedlichen Provenzalen. Dabei waren es vor allem religiöse Gruppen, die den Schutz des Berges von Vaison suchten. Denn noch zu Römerzeiten hatte sich hier eine christliche Gemeinde mit einem eigenen Bischof gebildet, der nach dem Untergang der römischen Herrschaft über immer mehr Macht verfügte. Der Bischof von Vaison war das Rückgrat des Ortes und eigentlicher Machthaber über das Dorf. Zwar kämpften immer verschiedenen Herrscher um die Vorherrschaft in Vaison, doch war es schließlich der Bischof und die Kirche, die als ständige Instanz Ruhe in das turbulente Treiben brachte.

Erst 1160 sollte sich an den chaotischen Zuständen in der Gemeinde etwas ändern. Denn nun eroberte Graf Raymund VI. von Toulouse die Ortschaft und sicherte sich und seinem Adelshaus für einige Jahrhunderte die Herrschaft über Vaison. Allerdings war die Eroberung durch den Grafen alles andere als friedlich verlaufen und große Teile der Gemeinde waren zerstört. Nach Jahren des Krieges und wechselnden Herrschaften war Vaison von den Turbulenzen gezeichnet, die den einstigen römischen Glanz vertrieben hatten. Die Grafen von Toulouse begannen jedoch mit dem Wiederaufbau der Gemeinde und errichteten auf den Überresten der ersten keltischen Besiedlungsspuren eine mittelalterliche Burg auf dem Gipfel des Berghanges von Vaison. Die Burg sollte Sicherheit in den Ort bringen und für Ruhe und Stabilität sorgen. Der Plan der Grafen von Toulouse ging auf, denn immer mehr Einwohner trauten sich in die sicheren Gemäuer der neuen Anlage. Damals wie heute ist die Umgebung um die mittelalterliche Burg als „Haute Ville“ der pittoreske Teil der Ortschaft mit einem atemberaubenden Blick auf die Umgebung. Wie Teile des Kalksteinfelsen erscheinen die in den blauen Himmel ragenden Steinhäuser, die größtenteils im Zuge der Wiederbesiedlung im Mittelalter erbaut wurden. Zwar war nun die konsequente Macht des Bischofs in Vaison durch die bestehende Herrschaft der Grafen gebrochen, doch behielt die Kirche weiterhin ihre besondere Stellung und genoss weiterhin einige Privilegien in dem Örtchen. Die Bedeutung von Vaison in der christlichen Welt wurde im 14. Jahrhundert bestärkt, als die Gemeinde an das päpstliche Comtant Venaissin angeschlossen wurde. Die Grafschaft Venaissin stand unter der Schirmherrschaft des Papstes und galt als letztes vom Königreich Frankreich unabhängig Gebiet der Provence. Vaison nahm hier erneut eine wichtige Rolle ein, schließlich war bereits vor dem Anschluss die päpstliche Enklave der Bischof von Vaison von einiger Bedeutung. In dieser christlichen Zeit von Vaison entstanden zahlreiche Sakralbauten, die noch heute das Bild des Ortes prägen. In der Kathedrale „Notre-Dame de Nazareth“ kommen dabei Antike und Mittelalter zusammen, denn die Kathedrale wurde auf den Fundamenten eines römischen Tempes gebaut. Sie steht damit wie nichts anderes für die Religiosität des Ortes, die bereits mit den Römern begonnen hatte. Die Bedeutung des Bischofs von Vaison wird durch die Kapelle „Saint-Quenin“ aus dem 6. Jahrhundert deutlich, die einen der ersten Bischöfe der Gemeinde ehrt. Von Weitem fällt jedem Besucher jedoch die Kathedrale „Saint-Marie-de-l´Assomptio“ auf, die hoch oben auf dem Felsen in der Nähe der mittelalterlichen Burgruine thront.

Neben den imposanten Häuschen und religiösen Bauten auf dem hohen Felsen begannen die Bewohner von Vaison jedoch auch, sich in am Ufer des Flusses „Ouvèze“ anzusiedeln. Die Ouvèze“ verläuft unmittelbar vor dem Felsen und zog bereits in der Bronzezeit die ersten Menschen an, die sich hier niederließen. Bis an das Wasser heran wurden nun im Mittelalter Unterkünfte gebaut, die oftmals eher der ärmeren Bevölkerung gehörten, die keinen Platz im „Haute Ville“ fanden. Mit ihrer Ansiedlung am Flussufer kam jedoch ein Problem auf die Gemeinde zu: die Kraft des Wassers. Denn die Geschichte der Kleinstadt ist nicht nur durch das menschliche Handeln in den verschiedenen Epochen geprägt, sondern vielmehr bestimmt der Fluss „Ouvèze“ das Leben in Vaison-la-Romaine seit der ersten Besiedlung des Gebiets. Denn schon in der Bronzezeit war der Hügel am Ufer der „Ouvèze“ ein attraktiver Siedlungsort für unsere Vorfahren, so fanden sie hier nicht nur Schutz in den Höhlen des Berges, sondern sorgte der Fluss für die Lebensgrundlage der Menschen. Seit im Hochmittelalter jedoch einige Bewohner damit begannen, die einfachen Unterkünften unmittelbar neben dem Wasser zu errichten, wurde die Gefahr, die von dem Fluss mit den schnellen Stromschnellen ausgeht, von vielen Einwohnern unterschätzt. Das pittoreske Ambiente der „Ouvèze“ hat auch seine Schattenseiten, denn so friedlich, wie das Flüsschen heute durch den Ort fließen mag, so sehr darf man die Kraft des Wassers unterschätzen, das tagtäglich in schneller Strömung Vaison-la-Romaine zweiteilt. Vor allem im Frühling, wenn das Wasser der Berge in die Täler und damit in die „Ouvèze“ fließt, muss sich die Gemeinde vor Überschwemmungen schützen. Alles, was sich in unmittelbarer Nähe des Flusses befindet, muss daher gegen die aufkommenden Wassermassen gewappnet sein. Schon als die ersten Bewohner ihre Häuser am Ufer der „Ouvèze“ bauten, waren sie bald darauf von den gravierenden Folgen des massiven Anstieg des Wassers betroffen. Es kam in der bewegten Vergangenheit des Dorfes immer wieder zu gravierenden Überschwemmungen, die viel Unheil forderten. Die letzte heftige Überschwemmung reicht bis in unsere Zeit hinein, denn erst 1992 starben mehr als 30 Menschen bei dem Übertritt der „Ouvèze“. Hunderte der altehrwürdigen Steinhäuser wurden 1992 von den Wassermassen zerstört und die Gemeinde erholte sich nur schwer von den gravierenden Folgen der Überschwemmungen. Sie waren Anlass für die Gemeinde, eine solche Katastrophe mit allen Mittel zu verhindern, weshalb die Ufer der „Ouvèze“ aufwendig befestigt wurden. 

Kulturelles Zentrum

Vaison-la-Romaine weiß um ihr besonderes kulturelles Erbe. Nicht nur hat sich die Gemeinde der Bewahrung und Aufarbeitung ihrer bewegten Geschichte verschrieben, sondern zieht sie aus ihrer Vergangenheit als kulturelles Zentrum der Römerzeit den Auftrag als Kultur- und Geschichtsstadt. Zahlreiche kulturelle Veranstaltungen finden daher jährlich in der beeindruckenden Kulisse von Vaison-la-Romaine statt. Ihnen bietet die Ortschaft einen einzigartigen Schauplatz und unterstützt mit besonderer Hingabe die Kunst des Theater, der Musik und der Literatur. Die Gemeinde wurde aufgrund ihrer Anstrengungen, ihr historisches und kulturelles Erbe zu wahren und aufrechtzuerhalten als einer der „100 Plus Beaux Détours de la France“ gewürdigt. Damit gilt Vaison-la-Romaine als Geheimtipp abseits der touristischen Massen, das sich nichtdestotrotz für sein beeindruckendes Erbe engagiert. Mit den „100 Plus Beaux Détours de la France“ will Frankreich die kulturelle Vielfalt seines Landes zeigen und auf Orte wie Vaison-la-Romaine hinweisen, die zwar klein erscheinen mögen, dafür aber umso Größeres zu bieten haben.

Ein wöchentliches Kulturhighlight ist jedoch der Dienstags-Markt auf dem Place. Er gehört zu den sehenswertesten „marché provençal“ (provenzalischer Markt) und ist gleichzeitig einer der größten Bauernmärkte der Provence. In der beeindruckenden Kulisse von Vaison-la-Romaine präsentieren jeden Dienstag Erzeuger aus der gesamten Region ihre lokalen Produkte, sodass sich die Kleinstadt in einen bunten Trubel verwandelt.

Allerdings hat sich Vaison-la-Romaine besonders einer Kunstdisziplin verschrieben: der Musik. Vor allem Auftritte von Chören finden in der Ortschaft allgemeinen Unterstützung. Jedes Jahr, in den ersten 12 Tagen des Augustes, findet das Festival „Les Choralies“ statt, bei dem Sängerinnen und Sänger aus der ganzen Welt in den altehrwürdigen Kulissen der Gemeinde auftreten. Für fast zwei Wochen werden die gepflasterten Gässchen und das alte Amphitheater durch die Gesänge hunderter Chorsängerinnen und -sänger erfüllt, die mit ihrer Musik Vaison-la-Romaine Jahr für Jahr wiederbeleben. Vor allem französischen Chören wird hier eine Bühne geboten, doch auch Gastchöre aus der ganzen Welt dürfen bei dem besonderen Festival auftreten. Sie alle präsentieren ihr Können in den sogenannten „petits concerts“, wobei die Gemeinde Musikbegeisterten in kleinen „Ateliers“ die Kunst der Musik näherbringen will. So sind es nicht nur Auftritte der größten Sängerinnen und Sänger, die Anfang August in Vaison-la-Romaine auftreten, sondern kommen hier Zuhörer und Musiker zusammen, um gemeinsam im Sinne der Musik neue Kunst zu erschaffen. So mancher berühmte Dirigent nutzt die Gunst der Stunde, um inmitten der Créme de la Creme der Chorwelt während der „Choralies“ vor einem breiten Publikum neue Stücke einzustudieren und aufzuführen. Doch das Highlight des Chor-Festivals in Vaison-la-Romaine ist das gemeinsame Singen von Groß und Klein, Amateur und Profi, wenn im „chant commun“ alle Anwesenden ihre Stimme erheben und gemeinsam in den provenzalischen Sternenhimmel singen.

Außerdem erfüllt ein großes Tanzfestival jedes Jahr die Mauern der römischen Hochburg. Das ehrwürdige Amphitheater erscheint jeden Juli wieder in seinem alten Glanz, wenn auf seiner Bühne zahlreiche Tänzerinnen und Tänzer aus der ganzen Welt auftreten. Im „Vaison-Danses“ (Vaison tanzt) wird die Kleinstadt in Bewegung gesetzt. International renommierte Tanzensembles tanzen in den milden provenzalischen Sommerabenden die Geschichten der Welt. Im majestätischen Amphitheater erweckt die römische Kunst des Theaters und der Spiele wieder zum Leben, wenn heute wie damals bis zu 6.000 Besucherinnen und Besucher in die Welt auf der Bühne eintauchen können.

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