Der spanische Künstler, der mit seiner Ponierkunst neue Maßstäbe setze, schien eine Region der Welt ganz besonderes zu lieben – die Provence. Denn hier besaß Pablo Picasso gleich fünf Anwesen, von denen sein Schlösschen Vauvenargues wohl das bekannteste ist. Fast drei Jahrzehnte seines Lebens soll Pablo Picasso in der Provence und an der französischen Rivera verbracht haben, bis er in seinem Haus in der Nähe von Cannes stirbt und für ewig im Garten seines Schlosses weilen soll. Mit seiner an der Landschaft und seinen Bewohnern inspirierten Werke bringt eine völlig neue Sicht auf die Region. Die provenzalische Natur, das regionale Ambiente und die lokale Kultur werden durch seine Liebe zur Provence neu charakterisiert, so krempelt er die Wahrnehmung der Provence vor allem für seine Nachwelt um. Zeit seines Lebens war das Licht und die Stimmung der Provence Inspirationsquelle für Picasso, der hier seine produktivste Phase erlebte.
Die Provence in den Augen von Picasso
Pablo Picasso wächst im heißen Spanien auf, unweit der südfranzösischen Grenze. Als Künstler wird ihm die Region, die ihn an seine ebenso sonnenverwöhnte Heimat erinnert, immerzu als Inspirationsquelle dienen. Die Provence und die Côte haben sich einen besonderen Platz in seinem Herzen gesichert und Picasso immer wieder dazu motiviert, hier die Zeit seines Lebens zu verbringen. Ganze fünf verschiedene Anwesen wird Picasso im Laufe seines Lebens in der Provence erwerben. Vieles spricht für die Begeisterung, die der weltberühmte Künstler der sonnigen Region entgegenbrachte. Vor allem soll das himmlische Licht gewesen sein, dass Picasso in den Bann der Provence gezogen haben soll. Mit dieser Verzauberung schließt sich Picasso einigen Künstlern seiner Zeit an, die sich ebenso von der provenzalischen Sonne verführen ließen und im Licht der Provence eine Kunstwende begründeten. Doch kaum einer blieb so lange in der Provence, lernte die Region so gut kennen und wechselte seine Standorte in der wunderbaren Gegend so oft wie Picasso.
1912 beginnt die Liebe Picassos zur Provence, doch soll er sich noch nicht sofort dauerhaft hier niederlassen können. Es war das bedeutende Kleinstädtchen Avignon, das bereits ohne die Persona Picasso eine wahre Berühmtheit mit seiner bewegten Geschichte ist, das den jungen Künstler für die Provence begeisterte. Allerdings darf man sein weltberühmtes Werk „Demoiselles d´Avignon“, das er 1907 in Barcelona malte, nicht mit seiner Reise zur gleichnamigen Stadt in der Provence verwechseln. Nicht nur war Picasso 1907 noch nicht selbst in Avignon gewesen, sondern bildet zudem dieses Werk das Treiben einer Straße in Barcelona ab, die den Namen der provenzalischen Kleinstadt trägt. Doch diese berühmte Malerei ist wie ein Ohmen für den zukünftigen Werdegang Picasso, schließlich soll er wenig später das echte Avignon kennenlernen und sich in die Stadt und seine Region verlieben. Jedoch konnte Picasso nicht schon nach seinem ersten Besuch in der Provence bleiben, zog es ihn zunächst in die chancenreiche Künstlerstadt Paris. Erst nach zwei Weltkriegen konnte Picasso sich endgültig für einen bleibenden Aufenthalt in der Provence entscheiden. Hier fand er nach den beiden schockierenden Kriegen und einem bereits sehr bewegten Leben Ruhe und Rast in seinen letzten Lebensjahren. Egal ob in Arles, Ménerbes, Aix-en-Provence oder in Antibes, Picasso bereiste die Provence ab den 1940er Jahren immer wieder. Jugenderinnerungen wurden in dem Picasso geweckt, der als Begründer des Kubismus und der Auseinandersetzung sowie der Konfrontation als spanischer Immigrant in zwei Weltkriegen bereits einiges erlebt hatte. In der Landschaft seiner unbekümmerten Jugendzeit kehrte er nun zurück und verbrachte immer mehr Zeit im Süden von Frankreich.
Einige Immobilien soll Picasso in seinen fast dreißig Jahren in der Provence und an der Côte erwerben. Von einem Dorfhäuschen in Ménerbes über mehrere Villen in Vallauris oder nahe Cannes in Mougins sowie ein Schlösschen in Vauvenargues. Picasso sollte sich an vielen Ecken der Provence niederlassen und bis zu seinem Lebensende unermüdlich im Licht der Provence malen. Noch im hohen Alter inspirierte ihn die provenzalische Landschaft. Doch der Süden von Frankreich war für ihn vor allem ein Rückzugsort, wo er neben seiner Kunst auch seine privaten Beziehungen pflegen konnte. Dabei pendelte er stets zwischen der Provence und Paris hin und her. Doch mit zunehmendem Alter entschied er sich schließlich für die Provence und richtete hier seinen Hauptwohnsitz ein. Schlüsselort wird dabei zunächst Vallauris sein, wo er mit seiner Muse François Gilot lebte, dann jedoch seine spätere zweite Ehefrau Jacqueline Roque kennenlernte. Mit der Zeit erwarb Picasso immer wieder neue Anwesen und verbrachte schließlich seine letzten Lebensjahre zwischen seiner Villa „la Californie“ in der Nähe von Cannes und seinem Schloss Vauvenargues.
Sein provenzalisches Landschlösschen in Vauvenargues spielte dabei eine entscheidende Rolle im provenzalischen Leben von Picasso. Mit zunehmendem Ruhm kann sich der Künstler endlich das von neugierigen Blicken abgeschirmte Schlösschen inmitten der Landschaft, die ihn so sehr begeistert, kaufen. Maßgeblich für die Wahl des Schlosses war wohl seine außergewöhnliche Lage. Denn das Schlösschen ist die Verkörperung des von Picasso verehrten Paul Cézanne, der von Picasso in Paris oft portraitiert wurde. Cézanne war überzeugter Provenzale und vielleicht für die Begeisterung seines spanischen Freundes für die Provence mitverantwortlich. Mit 77 Jahren konnte sich Picasso einen Lebenstraum erfüllen: denselben Blick bewundern können, den Cézanne so sehr geliebt und so oft gemalt hat – den Mont Sainte-Victoire. Von dem Schlösschen in Vauvenargues konnte Pablo Picasso den beeindruckenden Hausberg von Aix-en-Provence bewundern und sich von der phänomenalen Landschaft der Provence bezaubern lassen. Eigentlich wollte Picasso in der Nähe von Avignon ein ruhiges Plätzchen mit weiter Aussicht erwerben, doch der Kunstsammler Daniel Cooper verweigerte ihm den Verkauf seines Schlösschens. So kam Picasso 1958 nach Vauvenargues, das mit dem Blick auf den Montagne Sainte-Victoire alle ursprünglichen Zweifel aufhob. Schnell richtete sich Picasso in dem kleinen Landschlösschen ein Atelier ein, doch pendelte er von nun an zwischen seiner Villa „la Californie“ nahe Cannes und dem Schloss hin und her. Sein weitläufiges Anwesen war für ihn eine Oase der Ruhe, abseits der neugierigen Blicke, die ihn in „la Californie“ zunehmend belästigten. Seine letzten Lebensjahre gewann er hier stets ruhigen Abstand vom Treiben der Künstlerszene und dem Trubel um seine Person. Mit dem atemberaubenden Blick auf die wunderschöne provenzalische Landschaft konnte Picasso zu seiner künstlerischen Ader zurückfinden und malte daher bis ins hohe Alter hinein unablässig. Als Hommage an seine Liebe zu dem Schlösschen in Vauvenargues wurde Picasso zwei Tage nach seinem Tod im Garten des Schlosses begraben und ruht damit auf ewig an dem Ort, den er so sehr liebte.
Muse seines Lebens
Die Provence war für Picasso stets ein Rückzugsort. Hierhin kam er, um in Ruhe und abseits seiner aufkommenden Berühmtheit seiner künstlerischen Arbeit nachgehen zu können. Die Region stand in gewissen Sinnen für sein privates Leben außerhalb der öffentlichen Augen in Paris. Erst war es die Künstlerin Dora Maar, der er ein Haus inmitten des Dorfzentrums von Ménerbes kaufte. Picasso und Maar hatten sich einige Jahre zuvor an der Mittelmeerküste, in Saint-Tropez kennengelernt, wo der Künstler von der jungen Fotografin sofort begeistert war. Maar lebte und arbeite in dem schmalen Häuschen an den Hügeln des Luberon und wurde dort immer wieder von Picasso besucht. In den 1940er Jahren galt sie als die Muse Picassos, dem sie in dieser Zeit oft Modell saß. In Ménerbes soll daher das berühmte „Dora Maar au chat“ angeregt worden sein, das heute zu einer der teuersten Gemälde der Welt gilt. In dieser Zeit wendete sich Dora Maar sich der Liebe zu Picasso wegen von der Fotografie ab und widmete sich der Malerei. Picasso und Maar lebten jedoch nicht ständig in Ménerbes, sondern pendelten immer wieder zwischen der Provence und Paris hin und her. In Paris lernte Picasso 1943 die Malerin Françoise Gilot kennen und beendete daraufhin sein Verhältnis zu Maar. Als Abschied schenkte er Dora Maar neben einigen seiner Werke auch das Häuschen in Ménerbes, wohin die Künstlerin bis zu ihrem Tod häufig zum Arbeiten kam. Ménerbes und die herrliche Landschaft der Provence half Maar trotz der schmerzlichen Trennung weiterhin künstlerisch tätig zu sein, erinnerte sie die warme Sonne stets an ihren ehemaligen Geliebten. Ihr ehemaliges Wohnhaus in Ménerbes trägt heute ihren Namen und würdigt als „Maison Dora Maar“ die Künstlerin, die zu Lebzeiten im Schatten von Picasso stand.
Zwar verließ Picasso den Luberon mit der Trennung zu Dora Maar, doch blieb er im Süden Frankreichs, wo seine Beziehung zu Françoise Gilot begann. Beide zogen gemeinsam nach Vallauris, einer kleinen Gemeinde an der Mittelmeerküste. Es sollte der Beginn für Picassos Begeisterung für die Côte sein, die ihn mehr anzog als das Hinterland der Provence. 1948 kaufte Picasso eine Villa in Vallauris, wo er bis 1955 mit Gilot wohnte. Nun kehrte er seinen Lebensmittelpunkt endgültig von Paris ab und richtete sich ganz in seiner geliebten Region mit dem besonderen Licht ein. Er widmete sich ganz seinem neuen Wohnort in Vallauris und fördert den Ausbau des kleinen Dörfchens. Neben dem Bau seiner Villa ließ er eine stillgelegte Parfümfabrik von Vallauris zu seinem Atelier ausbauen, in dem er von nun arbeiten konnte. Vallauris wurde zu einem Zentrum der Kunst, denn der Ort konnte sich durch die Unterstützung ihres neuen Einwohners wieder der künstlerischen Keramikherstellung widmen, die Picasso besonders gut gefiel. Auch Picasso versuchte sich an dem Töpferhandwerk in Vallauris und so entstanden ein paar bildnerische Werke Picassos.
Das Töpfern beeinflusste Picassos Leben jedoch nicht nur auf künstlerische Art und Weise. 1948 lernte er hier Jacqueline Roque kennen, eine Keramikverkäuferin in Vallauris, die Picasso in ihrem Atelier für keramische Arbeiten zur Verfügung stellte. Als sich Françoise Gilot 1953 von Picasso trennte, kam der Künstler in das Keramikatelier von Roque. Die 27-Jährige hatte Picasso bereits ein paar Mal Modell gesessen und eine besondere künstlerische Bindung zu dem spanischen Künstler entwickelt. Niemand anderen sollte Picasso so oft portraitieren als seine letzte Liebe Jacqueline. Mit ihr bezog Picasso bald ein neues Anwesen in der Nähe von Cannes, die Villa „la Californie“ in Mougins. Trotzdem heiratete das Paar 1961 in dem Ort, wo ihre Beziehung ihren Anfang nahm – in Vallauris. Die Villa in der Nähe von Cannes soll jedoch, wie ihr Name es ausdrückt, mit den Anwesen der Berühmtheiten in Hollywood mithalten. Herrschaftlich ruht die Villa an der Mittelmeerküste unweit von Cannes, dem Hollywood à la française. Picasso ließ das 24-Zimmer-Anwesen um ein geräumiges Atelier erweitern, in dem er in Ruhe und mit viel Platz arbeiten konnte. Es wurde zu einem herrschaftlichen Anwesen, dass seinem Namen alle Ehren macht. Nach dem Tod Picassos in „la Califorine“ 1973 lebte seine Muse Jaqueline Roque noch weitere dreizehn Jahre in dem herrschaftlichen Haus. Doch ohne die Persona Picasso wurde es einsam in dem riesigen Anwesen und auch der besondere Charme, den das Paar einst angezogen hatte, war mit dem Ableben von Picasso verweht. In dieser Beklemmtheit nahm sich Roque 1986 das Leben und das Haus sollte für drei Jahrzehnte leer stehen. Die Erbin des Hauses, Picassos Stieftochter Catherine Hutin-Blay, hielt sich von dem zunehmend verwiesenen Haus in der Provence fern und tat nichts, um seinen ehemaligen Charme aufrechtzuhalten. Erst, als ein Niederländer das Anwesen kaufte, strebte sein belgischer Architekt die Wiederbelebung der Villa durch die Herstellung des Ursprungscharakters an und „la Californie“ wurde aufwendig renoviert. Doch der Ausbau war von solch einer Größe, dass der erste Käufer die Picasso Villa wieder verkaufen musste und sie daher 2017 erneut den Besitzer wechselte. Heute wurde das Anwesen zwar wieder in den Zustand seines ersten künstlerischen Besitzers gebracht, doch ist von dem künstlerischen Ambiente wenig geblieben ohne Picasso.
Überraschendes Erbe
Durch die zahlreichen Anwesen, die Picasso in der Provence und an der Mittelmeerküste erwarb, ist die Region für viele Kunstliebhaber von großem Interesse. Man kann sich auf die Spuren des spanischen Künstlers begeben und so auf ganz andere Art und Weise die bunten Seiten der Provence kennenlernen. All seine Anwesen locken Interessierte aus aller Welt an und widmen sich heute oft der Kunst. Allerdings sind viele der Besitztümer Picassos in der Provence weniger mit seiner Kunst als mit seinen Lebensgefährtinnen verbunden. So steht das Haus in Ménerbes für seine Anfangszeit in der Provence mit Dora Maar, seine Villa in Villaurages für seine Beziehung zur selbstbestimmten Françoise Gilot und „la Californie“ in Mougins wird ewig für die Liebe mit Jacqueline Roque in Verbindung stehen. Einzig sein Schlösschen Vauvenargues steht im wahrsten Sinne des Wortes für seinen Ruheort, wo er unermüdlich künstlerische Kraft sammelte. Gleichzeitig verbindet ihn das Schloss mit der provenzalischen Kunst, schließlich bietet es den von Picasso geschätzten Blick auf das Lieblingsmotiv des wohl bekanntesten provenzalischen Künstler Cézanne.
Allerdings steht noch ein anderer Ort in der Provence für die Kunst von Picasso. Der Künstler verbrachte 1946 zwar nur wenige Monate in dem Küstenort Antibes am Mittelmeer, doch erlebte er hier einen regelrechten künstlerischen Schub. In wenigen Monaten schuf er so viele Werke wie in keiner anderen Zeit. Es soll der Beginn der Begeisterung Picassos für die Côte sein, erwirbt er nur wenig später seine Villa in Vallauris. Doch eigentlich war es das Schloss in Antibes, dass einst den mächtigen Adelsfamilie Grimaldi, dem heutigen Oberhaupt von Monaco, gehört hatte, das Picasso ursprünglich kaufen wollte. Hier hatte ihm der Kurator erlaubt den zweiten Stock während seines Aufenthalts in Antibes als sein Atelier zu verwenden. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der bröckelnden Beziehung zu Dora Maar, konnte sich Picasso hier neuerfinden. Bei der neuen Selbstfindung hat ihm dabei ein eher unpassender Umstand geholfen: In der Nachkriegszeit war in dem kleinen Küstenort Antibes kaum Malermaterial zu erstehen und so musste sich Picasso an allem Material und Untergründen bedienen, die ihm seine direkte Umgebung bot. Von Sperrholz über Bootsfarbe oder bemalte der Künstler so ziemlich alles, was er in die Hände bekam, und entdeckte sich und seine künstlerische Ader neu. Nach wenigen Monaten, Ende 1946 verließ Picasso Antibes wieder, doch ohne seine geliebte Gemeinde mit leeren Händen zurückzulassen. Er schenkte Antibes einige seiner Bilder und Skulpturen, die er während seiner Zeit in dem Schloss geschaffen hatte. Heute ist Antibes besonders stolz auf ihren kurzzeitigen Bewohner und erklärte ihn kurzerhand zum Ehrenbürger Antibes. Ebenso verwandelten sie das das Schloss der Grimaldis, in dem Picasso seinen künstlerischen Aufschwung erlebte, in das „Musée Picasso“ um, das heute ein bemerkenswerte Sammlung moderner Künstler beherbergt mit Werken von ihrem großen Meister Picasso, aber auch Miró oder Max Ernst.