Es mag ein kleines und überschaubares Dörfchen am Fuße des Luberon sein, doch dafür ist Les Taillades ein wirklich ansehnliches provenzalisches Örtchen. Das oft überschaute Dorf ist vor allem aufgrund seines bemerkenswerten Wasserrads, das das glitzernde Wasser des „Canal de Carpentras“ schöpft, ein reizender Hingucker. Zudem ist die Gemeinde so eng mit dem weißen Stein des Luberon verbunden wie kaum eine andere Ortschaft. Hinzukommt, dass Les Taillades ein Traum aus dem weißen Gestein der Provence ist: dem Kalkstein. All seine Bauten sind aus Kalkstein geformt, die Tailladais – die Einwohner von Taillades – haben das Gestein Langezeit professionell gefördert und schließlich die Kalksteinbrüche in ein Kunstwerk verwandelt. Das Dörfchen ist somit sehr eng mit dem Luberon verbunden und dabei Ausdruck der herrlichen provenzalischen Natur, in dessen Namen sie steht. Viele Wanderfreunde freuen sich daher über diesen idealen Startpunkt für zahlreiche Wanderungen in die Höhen des Luberon durch das vorgelagerte Pinienwäldchen.
Inmitten der Natur
Am westlichen Ende des Luberon gelegen ist Taillades eines der Dörfer, das das Tor zum Luberon bildet. So nahe am Fuße der Bergkette gelegen, ist die Ortschaft besonders eng mit ihrem schützenden Berg verbunden. Unweit von hier, am Ende des Luberon, nutzten schon früh die ersten Bewohner der Provence die zahlreichen Höhlen, die sich in den Höhen der Hügel gebildet haben. So sind auf dem Gebiet von Les Taillades einige eindrucksvolle Funde aus der Jungsteinzeit gemacht wurden, die auf eine Besiedlung des Gebiets vor tausenden von Jahren hindeuten. Vor allem die Fundstücke aus der Höhle Saint-Guimelle sind von unschätzbarem Wert für die Forschung. Denn hier wurden Töpferarbeiten unserer Vorfahren gefunden und ebenso einige Grabstätten, die Aufschlüsse auf diese lang vergangene Zeit geben.
Doch noch heute verbindet die Gemeinde Vieles mit der Natur, weshalb der Schutz und das Wohl des natürlichen Reservoirs der Region eine bedeutsame Rolle in Les Taillades spielt. Berühmt ist der Ort vor allem für seinen wunderschönen Pinienwald, der entlang des Luberon führt und indem Groß und Klein Ausflüge, Spaziergänge und Wanderungen unternehmen kann. Daher ist der Pinienwald von Les Taillades ein wunderbarer Startpunkt für herrliche Wanderungen in die Höhen des Luberon, schließlich kann die Bergkette von hier aus hervorragend erkundet werden kann. Angeschmiegt an den Petit Luberon, eröffnen sich hier allerlei Pfade und Wege in den Wald und auf die Gipfel des Luberon. Ob zu Fuß, mit dem Fahrrad oder gar mit dem Pferd – Les Taillades bietet den idealen Standort für Ausflüge aller Naturliebhaber.
Ort des Kalksteins
Taillades ist untrennbar von dem wunderbaren Kalkstein des Luberon. Bereits der Dorfname steht für diese Verbundenheit mit dem weißen Gestein, doch rätselt man, woher seine Bezeichnung wirklich stammt. Denn auf der einen Seite könnte sich „taillades“ von dem provenzalischen Wort „talhada“ ableiten, was „schneiden“ oder „spalten“ bedeutet. Dies würde die Tätigkeit bezeichnen, die den Ort ausmacht: das Spalten des weißen Steins – der Kalksteinabbau. Auf der anderen Seite könnte sich „taillades“ von dem lateinischen Begriff „tailladae“ ableiten, womit der Ort das „Dorf auf dem Felsen“ wäre. Doch egal, woher der Name von Les Taillades letztendlich stammt, feststeht, dass der Ort fest mit dem weißen Gestein verbunden ist, zu dessen Füßen er ruht und woraus er besteht. Von dem Abbau des Kalksteins lebten die Tailladais seit dem Mittelalter bis in die Moderne hinein. Der Steinabbau in der Provence und insbesondere im Luberon ist von besonderer Bedeutung, betete er vor allem im 18. und 19. Jahrhundert die finanzielle Grundlage der Region und wurde hier im großen Stil betrieben. Überall in an den verschiedenen Bergmassiven der Provence wurde das kostbare Gestein abgebaut, dass den Provenzalen selbst schon lange als essenzieller Baustoff für all ihre traditionellen Mauern und typischen Trockensteinbauten diente. Les Taillades ist im Abbau dieses kostbaren Gesteins wohl Vorreiter, schließlich förderten die Tailladais schon seit der Entstehung der Ortschaft den Kalkstein, aus dem sie all ihre Häuser bauten und der ihnen als Grundlage für den Ausbau ihrer Gemeinde diente. Im 18. und 19. Jahrhundert konnte so das bis dahin außer Acht gelassene Dörfchen von der Professionalisierung des Steinabbaus und der steigenden Nachfrage des provenzalischen Kalksteins profitieren. Nun sicherte der weiße Stein nicht nur ihre fundamentale Grundlage, sondern bot den Tailladais einen finanziellen Aufschwung. Ende des 19. Jahrhunderts kam es zum Höhepunkt des Kalksteinabbaus, wurden 1873 auf dem Gebiet von Les Taillades ganze 12 Steinbrüche gezählt. Allerdings wurde die Förderung des Steins nur wenige Zeit später im Jahr 1925 eingestellt, doch blieben damit eindrucksvolle Kulissen leerstehender „carrières“ (Steinbrüche), die noch heute das Bild des Dörfchens entscheidend prägen.
Der Steinbruch, der den Tailladais wohl am meisten am Herzen liegt, ist jener, der das Zentrum des Ortes bildet. Im Herzen des Dorfes ragt ein hoher Felsen in die Höhe, auf dem das kleine Schlösschen und die alte Kirche thronen. Doch dies ist kein gewöhnlicher Felsen. Als erstes galt der Felsen als Basis für die alterwürdige Burg, die später in das Schlösschen umgewandelt werden sollte. Danach begann mit der zunehmenden Kalksteingewinnung in der Region auch der Felsen Ort für den Kalksteinabbau zu werden und einer der vielen Steinbrüche entstand. Als der „carrière“ jedoch stillgelegt wurde, erkannten die Bewohner das künstlerische Potential dieses besonderen Ortes, der durch die Kraft der ehemaligen Steinmetze geformt wurde. Dort, wo einst in mühevoller Arbeit das weiße Gestein aus dem Felsen geschlagen wurde, ist eine wundersame Kulisse entstanden. Zwar wird hier nicht mehr der wertvolle Stein gefördert, doch haben die ehemaligen Steinbrüche weiterhin einen essenziellen Platz in der lokalen Kultur. Der offene Steinbruch im Herzen des Dorfes wurde zum „Théâtre des Carrières“, wo heute regelmäßig Schauspiel, Musik und Theater aufgeführt wird. Wo einst große Steinquader aus dem Felsen gehauen wurden, ist nun eine spektakuläre Kulisse entstanden, die als ideale Umgebung für Veranstaltungen aller Art dient. Ohne Lautsprecher wird das Gesagte und die Musik von dem weißen Stein in perfekter Art und Weise wiedergegeben und verteilt sich im gesamten Steinbruchtheater. Auch eine natürliche Bühne, die ein wenig erhöht vor dem Publikum thront, ist durch die Steinarbeiten entstanden. Gleichzeitig ist ein Teil der ehemaligen Carrières nach oben hin offen, sodass, vor allem im Sommer, das aufgeführte Spektakel unter freiem Himmel genossen werden kann. Den Eingang zu diesem besonderen Theater bildet das hohe Eisentor, wodurch einst die Arbeiter zum Felsen gelangten. Vor allem im Sommer ist das „Théâtre des Carrières“ ein beliebter Schauplatz für zahlreiche Aufführungen, die im Schutze des Steines und seiner natürlichen Akustik zu einem ganz besonderen Spektakel werden.
Historisches Schmuckstück
Les Taillades ist ein kleiner Hüter der provenzalischen Geschichte. Der Felsen im Herzen der Ortschaft, aus dem im 19. Jahrhundert weiße Steinquader geschlagen wurden, ist schon immer das Zentrum der Gemeinde gewesen. Denn hier wurde die erste Burg gebaut, um die sich Les Taillades im Mittelalter bildete. Es ist der Beginn der abwechslungsreichen Geschichte des Ortes, dessen Herrschaft oft wechselte. Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Gemeinde durch die Benennung dieser Burg, dessen Fundament noch heute entscheidende Basis des alten Dorfkerns ist. So erzählte man 1253 in der Region von einer kleinen Burg namens „Taillades“, um die sich ein kleines Dörfchen entwickelt hatte. Zu dieser Zeit gehörte das Gebiet zu der Grafschaft der Provence, wo das Adelsgeschlecht der Anjous das Sagen hatten. Doch kaum war die kleine Burg „Taillades“ erstmals erwähnt, schon wurde sie als Lehen an das Haus von Sabran verkauft, das zu dieser Zeit über Forcalquier herrschte. Keine 60 Jahre später sollte das überschaubare Örtchen wieder als Lehen herhalten und wurde an den regionalen Seneschall, dem obersten Hofamt im damaligen französischen Königreich, vermacht. Schließlich ging die Ortschaft Ende des 14. Jahrhunderts in die Hände des Bischofs von Gap. Er stärkte die religiöse Präsenz in Les Taillades, die durch die Flucht der Benediktiner aus ihrem Kloster in Les Taillades nach der Verwüstung des südlichen Luberon.
Die beiden Bauwerke, die heute auf dem Felsen thronen, entstammen jedoch nicht dieser lebendigen mittelalterlichen Zeit, doch ist ihr Besitz ebenso wechselhaft wie die Herrschaft in Les Taillades. So ist die heutige Kirche, die ganz oben auf dem Berg über den Ort wacht, ein Konstrukt des späten 18. Jahrhunderts. Sie sollte die neue Kirche des Dorfes werden und als das neue Glanzstück über dem Örtchen ruhen, doch war schnell das Interesse an dem jungen Bauwerk erloschen. Wo kurz nach dem Bau prächtigere Glocken angebracht wurden und die Kirche insgesamt als ein kleines Kunstwerk angesehen war, wurde der Bau danach nicht mehr renoviert und zunehmend vernachlässigt. Erst seit kurzer Zeit hat es sich die Gemeinde zur Aufgabe gemacht, ihre schmuckhafte Kirche aufzuarbeiten und gleichzeitig der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Etwas weiter unterhalb der Kirche befindet sich das „Château de Taillades“, das auf den ersten Blick recht unscheinbar wirkt. Einst lebten hier die Grafen von Toulouse, doch heute befindet sich das Gebäude in Privatbesitz. Doch eines darf man bei dem schlichten Anblick nicht vergessen: Einst war es die mittelalterliche Burg, die das Dörfchen zum Leben erweckte, die anstelle des nun umgebauten Schlösschens auf dem Felsen thronte. Die mittelalterliche Burg wurde Anfang des 17. Jahrhundert zu einem Schloss umgebaut, das zunächst den Machthabern in Les Taillades als Residenz diente. Nach der Französischen Revolution jedoch, als in ganz Frankreich allerlei Besitztümer dem Volk zur Verfügung gestellt wurden, begann das Ringen um die ehemalige Festung in Les Taillades. So gelangte das Schlösschen schließlich in Privatbesitz und ist daher heute für die Öffentlichkeit unzugänglich.
Neben seiner Bedeutung für den Kalksteinabbau sowie als sicheres Fundament für die Machthaber von Les Taillades, birgt der Felsen in der Mitte des Dorfes einige Rätsel um sein Wesen. Gleich beim Eintritt in den alten Dorfkern ist eine Skulptur zu finden, die selbst den Tailladais bis heute ein Rätsel ist. Das Fundament des gelblichen Steines soll einst der Bergfried der kleinen mittelalterlichen Burg gewesen sein, die den Anfang für Les Taillades gesetzt hat. So ist in den riesigen Molasseblock eine Skulptur eingearbeitet, die heute nur noch schemenhaft zu erkennen ist und von den Tailladais liebevoll „Morvellous“ genannt wird. Diese kleine „Rotznase“, wie sich sein Name ins Deutsche übersetzten lässt, begrüßt jeden Besucher am Fuße des Turmes, auf dem die Burg einst thronte. Wahrscheinlich war es ein Steinmetz, der im 14. oder 15. Jahrhundert ein Kunstwerk schaffte und seine Arbeit im Burgfried verewigte. Zwar wird diese rätselhafte Skulptur heute gerne belächelt, doch verbindet Les Taillades eine bedeutende Legende mit dieser Figur. Der Geschichte nach soll die Skulptur keine „Rotznase“ sein, sondern den Bischof Saint-Véran darstellen. Er soll im 6. Jahrhundert die Region vor dem „Couloubre“, einem Höllenmonster, befreit haben und wird als Heldenfigur im Luberon verehrt. Die Figur in Les Taillades soll ihn auf einem Drachen reitend, mit dem Stab in der Hand, dem Kreuz auf seiner Brust und zwei Wappenschilden zu seinen Füßen abbilden. Es ist ein Mahnmal und gleichzeitig eine Art Opferungsort für die Tailladais: Die Geschichte um diese mysteriöse Figur erzählt, dass jeder Verbrecher des Ortes an diese Figur gebunden und anschließend von den Bewohnern des Ortes zur Strafe mit Steinen beworfen wurde. So ist diese heutige „Rotznase“, die noch immer nicht ihre wirkliche Herkunft offenbaren vermag, der Geschichte nach zwar ein Symbol für die Kraft der Bewohner gegen das Böse, doch gleichzeitig auch Ort des Mahnens gegen die Verbrechen und Vergehen. Ehrenvoll blicken die Tailladais daher auf diese sagenumwobene Gestalt in ihrem gelblichen Gestein.
Das wunderschöne Wasserrad
Ganz anderes als die sagenumwobene Figur im gelben Gestein ist das bemerkenswerteste Schmuckstück des Ortes: seine alte Wassermühle samt Schaufelrad am Canal de Carpentras. Sie ist ganzer Stolz der Tailladais, schöpft sie seit ihrer Erbauung 1859 unaufhörlich das klare Wasser aus den Bergen des Luberon. Die „Moulin Saint-Pierre“ zog Langezeit ihre Kraft aus dem Wasser des Kanals und ist heute das Symbol der industriellen Vergangenheit des Ortes. Zunächst diente die Mühle der Verarbeitung der Färbepflanze „Garance“, deren rot leuchtender Farbstoff mithilfe der Wasserkraft aus seinen Wurzeln in Les Taillades gewonnen wurde. Doch schnell stellte die Tailladais fest, dass sie die kostbare Kraft des Wassers für andere Zwecke nutzen konnten. Sowohl für den Verkauf als auch für den Eigenbedarf sahen sie ihre Chance in dem fließenden Wasser. Kurzerhand wurde die Mühle 1874 in eine Getreidemühle umgebaut, wo bis 1970 das Getreide für die angrenzende Bäckerei gemahlen wurde. Noch heute befindet sich eine kleine Bäckerei unmittelbar an der alten Mühle, wo das traditionelle Brot gekauft werden kann, das einst mithilfe der Wassermühle gebacken wurde. Zwar ist die Mühle heutzutage im Besitz der Gemeinde und so wird hier auch kein Mehl mehr für die angrenzende Backstube gemahlen, doch zeugt die Nähe der traditionellen Bäckerei von dem Stolz der Tailladais für ihre bemerkenswerte Mühle. Denn im 19. Jahrhundert, als die Ortschaft durch den Steinbruchabbau einen kleinen wirtschaftlichen Aufschwung erfuhr, war die Mühle wohl wichtigster Bestandteil in der Ortschaft, um die wachsende Bevölkerung versorgen zu können. Gleichzeitig breitete sich die Gemeinde nach der Schließung des Steinbruchs immer weiter in die Ebene und zum Wasser aus, wodurch das Bild des Wasserrads bald das Symbol der Steinbrüche von Taillades ersetzte. Heute ist es das größte Schaufelrad im Vaucluse. Dabei gibt es in den vielen kleinen Wasserörtchen wie Isle-sur-la-Sorgue oder Fontaine-de-Vaucluse zahlreiche solcher Wasserräder, doch ist das in Les Taillades mit seinen 24 Schaufeln das größte. Noch immer schaufeln sie das klare Wasser des Canals de Carpentras in die Höhen des provenzalischen Himmels. Ganz in der Nähe, auf dem Kreisverkehr gleich neben dem Mühlrad, befindet sich das ehemalige Getriebe der Mühle, das von den Tailladais nur liebevoll „la mémoire du Moulin“ (das Gedächtnis der Mühle) genannt wird. Es ist eine Rekonstruktion des originalen Zahnrades, das bei Frost 1956 beschädigt wurde. Es soll all´ die Erinnerungen und Erlebnisse des Ortes in sich tragen, die Les Taillades mit seiner bewegten Geschichte gesammelt hat so wie das Mühlrad noch heute das Wasser sammelt. Mit nun begrünten Holzschaufeln, vor dem glitzernden Wasser des Canals und inmitten der das Wasser säumenden Allee aus jahrhundertealten Platanen, ist das alte Mühlrad der wunderschöne Blickfänger von Les Taillades. Dazukommen die hellen Steinhäuschen des Dorfes und die stetige Präsenz des Luberon, wodurch Les Taillades zu einem kleinen Traum von einem provenzalischen Dorf wird.