Schluchten im Luberon

Im Luberon lassen sich neben den herrlichen Spaziergängen in seiner wundervollen Natur vor allem seine vielen Schluchten entdecken. Sie bieten die Möglichkeit für manche außergewöhnlichen Wanderungen mit phänomenalem Ausblick über die Landschaft und besonderer Nähe zur provenzalischen Natur. Inmitten der Hügel des Luberon verstecken sich einige „Gorges“, die oftmals gut erschlossen sind und die hervorragend beschilderten und befestigten Routen zu einzigartigen Ausflügen einladen. Dabei lassen sich Wege für Anfänger bis Fortgeschrittene finden, die allesamt inmitten der hügeligen Landschaft des Luberon wandern können. Oft gelangt man auf die Gipfel des Luberon, wo der Aufstieg mit einem faszinierenden Blick über die Landschaft entlohnt wird. Doch vor allem die schroffen Felsen der Schluchten sind mit ihren beeindruckenden Canyons jedes Mühen wert, wandert man zumal meist inmitten einer grünen Traumwelt auf einem ehemaligen Flussbett. Manchmal kann man in den Felsen sogar auf anschauliche Überreste längst vergangener Zeit stoßen, bauten schon früh die Bewohner der Region an den kleinen Flüsschen Mühlen oder Unterkünfte, wo sie mit ihren alpinen Nutztieren unterkamen.

Die „Gorges de Véroncle“

Unweit von Gordes entfernt und direkt bei Murs gelegen, erstreckt sich die Gorges de Véroncle. Vor vielen Millionen Jahren hat sich durch Erosion und Wasser eine Schlucht in eines der großen Kalksteinplateaus gegraben, die nun mit einer Länge von 7,5 Kilometer ein besonderer Hingucker ist. Einst lief hier ein Flüsschen zwischen den heutigen Orten Apt und Murs entlang, der sich mit der Zeit in den Felsen gegraben und den weißen Canyon geschaffen hat. Doch die Véroncle-Schlucht wird von den Bewohnern als die Verbindungsschlucht (raccordement) bezeichnet, die den Graben bei Murs und das Becken von Apt miteinander verbindet. Es gibt verschiedene Wege, die Schlucht zu erkunden. Egal ob von Gordes, Murs oder vom Wanderparkplatz an der Landstraße D2 in dem „Chemin des Grailles“ – viele Wege führen in die Gorges de Véroncle und die außergewöhnliche Landschaft inmitten des weißen, schroffen Gesteins. Doch aufgepasst: An manchen Stellen muss ein wenig geklettert werden. Hier bieten ein paar an den Felswänden angebrachten Seile Halt, um sicher von einem Stein zum anderen zu kommen. Ebenfalls ist der Weg an ein paar Stellen ein wenig ausgesetzt, weshalb das Begehen der Schlucht stets mit Vorsicht zu genießen ist.

Ein jeder Wanderer der eindrucksvollen Schlucht wird zunächst von den atemberaubenden Felsformationen eingenommen, die sich über einem auftürmen. Vielzählige Schichten unterschiedlichen Gesteins aus verschiedenen Zeiten werden hier auf einen Blick sichtbar. All die Geheimnisse der Vergangenheit türmen sich in der Véroncle-Schlucht zu einem Meisterwerk aus Steinformationen auf, die im Kontrast zum tiefblauen Himmel die Geschichte der Provence erzählen. In den hohen Felsen lassen sich die Epochen erkennen, die die Region geprägt haben. Die zahlreichen Farben und Dicken deuten auf die Entstehung des Kalksteinplateaus und die Erhebung des Luberon vor mehreren Jahrmillionen hin.

Die Schlucht de Véroncle ist nicht allein ein Zeugnis des weißen Kalkgesteins, auch wenn der erste Anblick so scheinen mag. Vielmehr ist sie das Ergebnis des sprudelnden Wassers, das sich vor mehr als 35 Millionen Jahren langsam den Weg durch das Kalksteinplateau gegraben und den tiefen Canyon zurückgelassen hat. Denn die verschiedenen Steinschichten bilden ein komplexes System, das durch den Wasserfluss entstanden ist und heute noch als natürliche Leitungen des Wassers dienen. Immer, wenn das Wasser vor allem im Herbst und Frühling beginnt aus dem Gestein zu fließen, vertiefen und verändern sich die Formen des Kalksteins. Über die Zeit entstanden so unterschiedliche geformte Steinschichten, die den Wasserweg zeigen. Durch die runden und geschichteten Balsame gräbt sich das Wasser in das Tal der Schlucht und vertieft diese immer weiter. Das Wasser bringt Leben in die Tiefen der Véroncle Schlucht und an die schroffen Kalksteinfelsen. Einmal auf dem einstigen Flussbett angelangt befindet man sich in einem grünen Paradies aus allerlei verschiedenen Bäumen. Mit ihrem satten Grün komplettieren sie den Traum der provenzalischen Natur – weißer Kalkstein vor tiefblauen Himmel mit kleinen grünen Tupfern auf den schroffen Felsen. Hinzukommt die Vielzahl an Vögeln, Schmetterlingen und Insekten, die das reichhaltige Reservat inmitten des Grüns als ihr ideales Zuhause nutzen können.

Die Geschichte des Wassers ist nicht nur ein Teil der Pflanzen- und Tierwelt. Vielmehr erzählt sie ebenso von der Besiedlung der Region und ist fester Bestandteil der ökonomischen Grundlage der Bewohner im Luberon. Denn im 16. Jahrhundert wurde am Rand des Dörfchens Murs der Staudamm „Les Étangs“ unmittelbar am damals noch fließenden Fluss erbaut, der das tiefe Tal der Gorges de Véroncle gebildet hat. Die Kraft des Wassers, das bereits den harten Stein entzweit hatte, sollte nun den Bewohnern des Luberon zugutekommen. So wurde zu dieser Zeit nicht nur der imposante Staudamm erbaut, dessen Überreste heute noch zum Schatz von Murs gehören, sondern auch die besondere Gegebenheit, die die Véroncle-Schlucht so außergewöhnlich macht: Zehn Mühlen schlängeln sich entlang des Flussbettes. Diese Wassermühlen nutzten die Kraft des fließenden Flusses, um ihr Mühlrad anzutreiben, welches wiederrum meist Getreide oder andere Rohstoffe mahlte. Es war eine mühevolle Arbeit die kostbaren Wassermühlen ab dem 16. Jahrhundert zu errichten, weshalb sich ihre Erbauung in ein mehrere Jahrhunderte andauerndes Projekt verwandelte. Wo die erste Mühle zur selben Zeit wie der dem Bau des „Les étangs“ im 16. Jahrhundert erfolgte, so wurde die letzte Mühle, erst drei Jahrhunderte später im 19. Jahrhundert fertiggestellt. Die ständige Ausbesserung und der Neubau der Wassermühlen in der Schlucht trotz ihrer eigentlichen Unzugänglichkeit zeigt, welchen Wert dieser Ort für die Provenzalen hat. Denn trotz des anstrengenden und komplizierten Weges hinunter zum reißerischen Fluss gelang es ihnen schließlich all diese zehn Wassermühlen aufzubauen. Es ist eine Geschichte von meisterlicher Anstrengung und einiger lastenreicher Arbeit. Mehr als vier Jahrhunderte lang schleppten Menschen und Nutztiere, vorwiegend Esel und Ziegen, die mit dem steinigen Untergrund vertraut waren, das Gestein und der gemahlene Weizen hoch hinauf aus dem Mund der Schlucht. Die Überreste dieser meisterlichen Anstrengung sind noch heute bei der Wanderung durch die Gorges de Véroncle zu bestaunen.

Die „Gorges de Badarel“

Die Gorges de Badarel ist als Ausflug in die wunderschöne Natur des Luberon ein beliebtes Ziel bei den Einheimischen der Region. Für Wanderfreunde, die auf Reise in den Luberon sind, ist die Gorges de Badarel jedoch meist noch ein kleiner Geheimtipp. Von Les Taillades oder Robion erreicht man das Wandergebiet, wobei die meisten Ausflügler von Les Taillades aus starten. Hinter dem Pinienwald von dem kleinen Örtchen beginnt ein grandioser Rundweg, der hinunter in die Schlucht der Badarell führt, aber auch in die Höhen des „Plateau des Carne“ und zurück in das Tal „de la Brayette“ bei Robion, bis man schließlich wieder zum Startpunkt zurückkehrt. Als Ausgangspunkt eignet sich der Rathausparkplatz im Zentrum von Les Taillades, von dem man sich zur Kapelle „Saint-Gens“ begibt, die nur ein paar hundert Meter entfernt ist. An der kleinen Kapelle beginnt ein Pfad, der in das Gebiet des Petit Luberon hineinführt. Der Rundweg, der all die eben genannten Punkte miteinander verbindet, ist von hier an gelb markiert. Nachdem man ein wenig durch die bewaldete Landschaft gelaufen ist kehrt man sich in Richtung des Berges „Castelas“. Nun kommt der wohl schwierigste Teil der Strecke: der Aufstieg durch das Kieferwäldchen hoch auf die „Rochers de Baude“ (Felsen von Baude). Dies ist der Teil der Wanderung, wo man durch die Gorges de Badarel wandert und entlang der sich links und rechts auftürmenden Felswände den Weg durch die Schlucht bahnt. Oben angekommen werden die Mühen mit einem wirklich atemberaubenden Blick über die gesamte Region entlohnt. Von den vielen kleinen Dörfchen, die nun unter einem liegen, fällt das Auge schnell auf den Mont Ventoux im Norden und die anderen Bergketten der Provence. Hier oben befindet man sich inmitten der für den Luberon typischen Zedernwälder, die mit ihrem wunderbaren Duft und dem leisen Rascheln ihrer Blätter das Naturerlebnis im Luberon bestimmen. Der Abstieg nach diesem lohnenden Rundumblick kann ebenso pittoresk gestaltet werden und der Rückweg begonnen werden. Zunächst wandert man durch die Ausbuchtungen des „Rochers de Baude“, der mit seinen runden, vom Wasser geformten Felsen eine phänomenale Form besitzt. Nach der anschaulichen „Source de Boulon“ (Flussquelle des Boulon) betritt man den Felsvorsprung von Les Taillades, wo ein breiter Weg über den Felsen langsam in ein immer grüneres Gebiet führt. Zwar ist der Übergang von den Felsen in das angrenzende Waldgebiet teils ein wenig steil, doch bietet der Untergrund allerlei sicheren Halt. Betritt man den Wald, so kann man sich mit einem Blick nach oben auf den Gipfel des Castelas den Weg erahnen, den man gerade zurückgelegt hat. Auch die Felsenformationen des „Rochers de Baude“ sind von dem waldigen Abschlusspfad noch einmal von Weitem zu bewundern. Nun betritt man wieder den Pinienwald von Les Taillades und kann zurück zum Startpunkt an der Kirche gehen.

Auf diesem Weg bietet sich jedem Naturfreund die wundervolle Möglichkeit, die verschiedensten Ecken des Luberon hautnah zu erleben. Nicht nur kann man die beiden pittoresken Örtchen Les Taillades und Robion kennenlernen, sondern die verschiedenen Ecken des Luberon kennenlernen. Selbstverständlich gibt es auch hier zahlreiche Möglichkeiten, den Weg nach seinem eigenen Geschmack anzugleichen. Die Gorges de Badarel gelten nicht zuletzt als Wandergebiet, wo sich verschiedene Pfade finden lassen. Zwischen zwei und drei Stunden kann man bei verschiedenen Schwierigkeitsgraden in dem Gebiet der Badarel verbringen. Ein weiteres Highlight, die das Wandergebiet zu bieten hat, ist die „Grotte de la Brayette“ im gleichnamigen Tal in der Nähe von Robion. Die Höhle wurde vor mehreren Tausendjahren bewohnt und zeugt noch heute von der ersten Lebensweise und Besiedlung der Region. Zwar ist sie nicht offiziell ausgeschildert, doch macht die Höhle ein besonderer Punkt auf der Wanderung durch die Gorges de Badarel aus.

Der Weg durch die Badarel-Schlucht ist nicht ganz so ausgesetzt wie in der Véroncle-Schlucht, so lädt die Schlucht in der Nähe von Les Taillades nicht wirklich zu den kleinen Kletterpartien ihrer Verwandten nahe Gordes ein. Zwar erscheint der Ausgang der Badarel Schlucht auf den Gipfel des „Castelas“ zunächst etwas eng, doch wurde dieser extra erweitert und mit einigen Stufen, Seilen und einem Geländer befestigt. Durch diese Arbeiten ist heute eine Art Gang am Ende der Schlucht entstanden, wodurch ein Felsvorsprung über den letzten Metern bis zum Gipfel hängt. Das Wandern auf dem Plateau selbst ist ebenfalls recht leicht und ansehnlich, denn die Landschaft hier oben ist flach und wird durch einige farbenfrohe Blumen ergänzt. Der Gang durch die Badarel vermag daher ein wenig einfacher sein als durch die Véroncle, doch darf man auch hier nicht die teils schroffen Kalksteinfelsen vergessen, die die Schluchten des Luberon bilden.

Die „Gorges du Régalon“

Gleich in der Nähe der Gorges de Badarel befindet sich ein weitere, wohl etwas bekanntere Schlucht im Petit Luberon. Im Süden des auslaufenden Luberon, in der Nähe von Cheval Blanc und an der Grenze zu Mérindol liegt die Gorges du Régalon. Das Wandergebiet wird hier vorwiegend – ähnlich wie bei der Gorges de Véroncle – durch den tiefen Canyon geprägt, der durch ein kleines Bergflüsschen vor Millionen von Jahren entstanden ist. Sie gehört zu einer der spektakulärsten Schluchten im Luberon, doch ist sie nicht immer für die Öffentlichkeit zugänglich. Aufgrund von starker Erosionsgefahr und der allgemeinen Trockenheit ist es meist eine kleine Sensation die streng reglementierte Schlucht betreten zu dürfen. Dabei liegt dem Umweltamt des Luberon besonders der Schutz der hiesigen Artenvielfalt am Herzen. Sie bitten daher darum, die Gorges du Régalon nicht zwischen Januar und September zu besuchen, um die, durch zunehmende touristische Nutzung verursachte, Zerstörung der hiesigen Flora und Fauna so gering wie möglich zu halten. Denn die Gorges du Régalon gilt als einzigartiges Biotop, in dem allerlei seltene Arten ein Zuhause gefunden haben und im Luberon als besonders natürliches Erbe geschätzt wird.

Der Rundweg, der hier gut ausgeschildert ist, ist ebenfalls ein eher leichter Weg und mit einer Länge von höchstens 7 Kilometern gut meisterbar. Die Gorges de Régalon gehört wohl zu den best ausgeschilderten Schluchten, denn die bereitgestellten Informationen und Karten, die sich immer wieder auf dem Weg finden lassen, sind hervorragende Wegweiser und mit allerlei Hinweisen versehen. Dabei wandert man primär entlang des Flussbettes und immer geradeaus zwischen den Felswänden, die sich links und rechts in die Höhe türmen. Denn dieser Weg ist sowohl Hin- als auch Rückweg. Der Beginn der Wanderung ist auf dem extra für die Gorges du Régalon angelegten Wanderparkplatz. Von hier aus startet die Wanderung durch einen pittoresken Olivenhain, der zur Schlucht führt. Schon von weiten lassen sich die beiden beeindruckenden Felswänden erkennen, zwischen denen sich einst das Flüsschen gegraben hat. Einmal in der Schlucht angekommen, ist der Weg relativ leicht zu finden, denn es gibt keine andere Möglichkeit außer der natürlichen Form der Schlucht zu folgen. Am Ende der Schlucht stößt man auf die Ebene „Garrigue“, wo ein erneut gut beschriftetes Hinweisschild den Weg zurückweisen. Zwar führt der Rückweg teilweise erneut durch die Schlucht, doch wandert man zunächst ein wenig auf dem Plateau durch die Landschaft des Luberon, bis man wieder hinunter auf den Boden der Gorges du Régalon zurückkehrt.

Die Gorges du Régalon mag zwar nicht allzu abwechslungsreich sein wie das Wandergebiet um die Gorges de Badarel, doch gilt die Régalon-Schlucht nichtsdestotrotz als spektakulärste Schlucht im Luberon. Denn hier dreht sich alles um die Schlucht selbst, die sich durch ihre wundersamen Felsformationen und der Nähe zum Kalkstein, an dem man während der Wanderung so gut wie immer vorbeigeht, auszeichnet. Es ist die alleinige Kraft des Steins, der den Luberon formt, die an keiner anderen Stelle der Region so gut zu spüren ist wie in der Gorges du Régalon. Allerlei verschiedene Gesteinsformationen, die über Millionenjahre hinweg dank des Klimas mit Wind, Wasser und Sonneneinstrahlung geformt wurden, bilden die Faszination dieser Schlucht südlich des Petit Luberon. Dabei lassen sich hier, wie bei den meisten Schluchten und Hügeln des Luberon auch, einige Höhlen und Ausbuchtungen bewundern, die teilweise auch einen kleinen Blick hinein erlauben. An manchen Stellen kann die Schlucht etwas eng werden, schließlich befindet man sich stets zwischen den beiden imposanten Felswänden. Allerdings eröffnet sich immer mal wieder ein hervorragender Blick durch die beiden weißen Wände hindurch auf den tiefblauen provenzalischen Himmel über das Grün der vielen Pflanzen, die sich aufgrund des Wassers im Tal angesiedelt hat. Hier erlebt man alle Seiten einer Schlucht, von engen Passagen über Felsvorsprünge bis hin zu jenen phänomenalen Weitblicken auf die noch bevorstehende Strecke inmitten des leuchtenden Steines der Provence.

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