Die „Alpilles“ gehören zu einem der charakteristischen Bergzüge der Provence. Mit ihren rauen Hügeln und schroffen Felsen heben sich die Alpillen von dem tiefblauen Himmel ab und verzaubern gleichzeitig mit ihrer sanften Landschaft alle Sinne. Eingebettet in den herrlichen Olivenhainen und weiten Weinfeldern beherbergen sie einige der pittoresksten Dörfchen der Provence, die teilweise zu den schönsten Frankreich gekürt worden. Hier entsteht wahrlich der provenzalische Traum, der durch die wunderschöne Landschaft der Alpillen verkörpert wird. Nicht zuletzt inspiriert ihr atemberaubender Anblick schon immer Künstlerinnen und Künstler der ganzen Welt, die das himmlische Ambiente auf der Leinwand, in der Musik oder als Theaterstück festhalten.
Naturpark
Das „Massif des Alpilles“ ist wie die anderen Bergketten der Provence ein Kunstwerk aus Kalkstein. Doch im Gegensatz zu den anderen provenzalischen Massiven zeichnet es sich durch seine schroffen Felsen und seine beeindruckenden kahl-weißen Gipfel aus. Manchmal erscheinen die zerklüfteten Bergspitzen wie vom Schnee bedeckt, dabei ist es nur das leuchtende weiße Kalkgestein, das besonders vor dem tiefblauen Himmel wirkt. Als letzte Erhebung des Rhônetals kommt dem „Massif des Alpilles“ ebenfalls eine bedeutende Stellung zuteil, scheint es überraschend, wie abrupt die 200 bis fast 500 Meter hohen zerklüfteten Berge zwischen der Rhône und der Durance emporragen. Wie die anderen Kalksteinmassiv der Provence sind die Alpillen in der Kreidezeit durch die Erhebung des Meeres und der tektonischen Bewegungen aufgrund des endgültigen Zerfalls von Pangäa entstanden. Die auffallende Zerklüftung der Felsen, wofür die Alpillen besonders bekannt sind, ist dem provenzalischen Klima zu verdanken, das über Jahrmillionen durch intensive Sonne, Wasserflüsse und heftige Winde die raue Landschaft schaffte. Die höchste Erhebung der Alpilles bildet die „Tour des Opies“ in Eyguières mit einer Höhe von fast 500 Metern, wobei die Bezeichnung dieses Gipfels bereits auf seine zugehörige Bergkette hindeutet. Denn „Opies“ leitet sich von dem provenzalischen Ausdruck für Alpillen, „Aupiho“, ab, womit der höchste Gipfel der als Wachturm über der Region der Alpillen wacht.
Trotz der kahlen Gipfel der Alpillen darf man die Artenvielfalt und die Fruchtbarkeit des Landes nicht unterschätzen. Schon früh siedelten Menschen an den Füßen der Berge bei zahlreichen Quellen, die aus dem Kalkgestein der Alpilles entspringen. Von dieser frühen Besiedlung der Region zeugen heute noch eindrucksvolle Grabungen und Fundstücke, die mitunter zu den aufschlussreichsten und wichtigsten ihrer Art zählen. Die Alpillen bieten daher ein wahres Paradies für Geologen und Archäologen, die hier unseren Vorfahren so nahe wie selten kommen können. Daneben bieten die Alpillen ein ideales Reservoir für zahlreiche Tier und Pflanzenarten. Seit 2007 ist das Gebiet sowie die Bergkette selbst zu einem Naturpark zusammengefasst, wodurch seine außergewöhnliche Artenvielfalt nachhaltig geschützt werden soll. Neben dem Luberon und der Camargue sind die Alpillen seitdem einer der schützenswerten Orte im Westen der Provence.
Schon früh erkannten die ersten Bewohner der Region die Fruchtbarkeit des Landes, weshalb die Landwirtschaft seither von besonderer Bedeutung ist. Neben den weitläufigen Weinstöcken, die die Hänge der Alpillen ausfüllen, ist die Region vor allem für eine Spezialität bekannt: die ausschweifenden Olivenhaine. Denn hier werden zahllose Olivenbäumchen angebaut, die die Landschaft in einen olivgrünen Traum verwandeln. Zwar werden in der gesamten Provence Oliven angebaut, doch gibt es in den Alpillen besonders viele der weitläufigen Haine mit ihren teils jahrhundertealten Bäumen. Von hier stammt oft das „grüne Gold“ der Provence – das Olivenöl. Vor den schroffen Felsen der Alpillen wirken die sanften Olivenhaine zunächst ein wenig fehl am Platz, doch dann spürt ein jeder Besucher die Ruhe, die die Bäumchen in die wilde Landschaft bringen. Wo im Luberon oder den Hochebene von Valensole besonders die weltberühmten Lavendelfelder die Region prägen, stehen die Alpillen für ihre olivigen Traum. Das einzigartige Grün ergänzt das strahlende Weiß des Kalksteins der Alpillen auf bemerkenswerte Art und Weise. Diese beiden Kulturgüter der Provence – der Kalkstein und die Oliven – kommen in den Alpillen daher wunderbar zur Geltung. Dabei ist die südliche Flanke der Alpilles das größte Olivenanbaugebiet Frankreichs, wobei vor allem die Olivenhaine im Vallée-des-Baux für ihr Weltklasse-Olivenöl berühmt sind. Die vielen Olivenölmühlen der Region bauen auf eine lange Tradition auf, die sie bis heute aufrechterhalten. Manche von den altehrwürdigen Mühlen sind immer noch in Betrieb und pressen seit mehreren hundert Jahren das „grüne Gold“ der Provence.
Provenzalische Hingucker
Neben der atemberaubenden Natur ist die Region um die Alpillen vor allem für seine wunderschönen provenzalischen Dörfchen bekannt. Einige der bekanntesten Ortschaften der Provence liegen in den Höhen der Alpillen oder in ihren Tälern. Neben dem Luberon sind es vor allem die Alpillen, wo die berühmten „villages pérches“ zu finden sind. Vorzeigebeispiel ist das traumhafte Baux-de-Provence, das auf einer der Felszungen der Alpillen thront und mit dem leuchtenden weißen Gestein zu verschmelzen vermag. Für viele ist die Gemeinde die Idylle der Provence, schließlich gehört sie zu den schönsten Dörfern Frankreichs. Dabei zeichnet sie sich nicht nur durch ihren wunderschönen Anblick aus, sondern vor allem durch sein imposantes kulturelles Erbe und bewegte Geschichte, die die der Provence entscheidend geprägt hat. Von der mittelalterlichen Burgruine von Baux-de-Provence eröffnet sich ein atemberaubender Rundumblick auf die himmlische Landschaft der Alpillen. Doch nicht nur das: Von hier aus kann die gesamte Schönheit der Provence erblickt werden und bis nach Avignon oder Marseille sehen sowie neben den Alpillen auch die Hügel des Luberon bewundern.
Neben Les-Baux-de-Provence bergen die Alpillen noch einen weiteren einzigartigen Ort. Dabei ist es vor allem Glanum, eine ehemalige römische Kolonie, das ein archäologischer Traum ist. Als größte Ausgrabungsstätte Frankreichs lassen sich hier einige Schätze der Römerzeit finden, die zusätzlich in überraschend gutem Zustand sind. Im Schutze der Alpillen konnten sich die Ruinen aus antiker Zeit erhalten und waren lediglich dem Lauf der Natur überlassen. Vor allem der Triumphbogen von Glanum, der zu Ehren von Kaiser Augustus erbaut wurde, zählt zu den bemerkenswertesten Bauten Glanums. Es ist der älteste bekannte römische Bogen Galliens und ebenfalls in einem bemerkenswert guten Zustand. Zwar wurde er im 18. Jahrhundert leicht verändert, doch ändert dies nichts an seinem Charakter als einzigartiges römisches Bauwerk in überraschend gutem Zustand. Ebenso bekannt ist das Mausoleum in Glanum, das sich direkt neben dem Triumphbogen befindet. Mit seinen 18 Meter Höhe ist es ein wundersames Bauwerk aus der Römerzeit, das um 40 v.Chr. gebaut worden sein soll. In der Römerzeit diente die Kolonie Glanum vor allem als wohltuender Thermalort, so zeugen einige Thermalbäder dieser Zeit sowie eine wundersame Heilquelle von der Anziehungskraft Glanums bei den Römern. So ist der Untergang Glanums ebenfalls mit dem des Römischen Reiches eng verbunden. Um 260 sollen Alemannen die wertvolle Kolonie geplündert und zerstört haben, sodass sich seine Bewohner einige Kilometer weiter ansiedelten.
Aus der Neuansiedlung der Bewohner von Glanum ging jedoch eines der weiteren Schmuckstücke der Alpillen hervor: Saint-Rémy-de-Provence. Das Kleinstädtchen steht heute für Savoir-vivre der Provence und ist für allerlei verschiedene historische Ereignisse und Persönlichkeiten bekannt. Einige Meter weiterer kurierte der holländische Künstler Vincent van Gogh seine Leiden aus und erschuf sein weltberühmtes Werk „Sternennacht“, das die wunderschöne Landschaft der Alpillen zeigen soll. Einige hundert Jahre zuvor erblickte 1503 der wohl berühmteste Hellseher und Sternengucker Nostradamus in Saint-Rémy das Licht der Welt. Der Sternenhimmel seiner Heimat soll ihn seine Prophezeiungen eröffnet haben, die sich heute teilweise immer noch bewahrheiten. Heutzutage ist es unteranderem für sein „fête votive“ bekannt, wo Stierherden durch die kleinen Gässchen der Stadt gedrängt werden und das ganze Dorf für einige Tage sich selbst und seine Geschichte feiert. Generell verfügen die „fête votive“ in den Ortschaften der Alpillen über einen besonderen Charakter, denn hier werden oft Pferderennen veranstaltet. Die sommerlichen Feierlichkeiten in jedem Dorf der Provence sind oft kultureller Höhepunkt für viele Dörfchen der Region. Jeder Ort präsentiert dabei seine eigene Geschichte und versucht mit individuellen Festlichkeiten seine Tradition zu veranschaulichen. In den Alpillen-Dörfern sind vor allem die Pferde von besonderer Bedeutung, weshalb sie, ähnlich wie in der Camargue, auch zu den „fête votive“ die Pferde der Alpillen gefeiert werden.
Doch das sind noch nicht alle besonderen Orte in den Alpilles, denn hier ist so ziemlich jedes Dörfchen ein wahrer Hingucker. Ähnlich berühmt wie Les Baux und Saint-Rémy ist das anmutige Eygalières, das sich im Herzen der Alpillen befindet und wo sich der höchste Gipfel der Bergkette befindet. Hier ist der Charme der Alpillen besonders gut zu spüren, liegt Eygalières am Hang der Alpillen inmitten weitläufiger Olivenhaine und ausschweifenden Weinstöcken. Ebenso bekannt ist das Dörfchen Mouriès ganz in der Nähe von Saint-Rémy und Eygalières, das die meisten Olivenbäume beherbergt. Mouriès ist ein Paradies aus zahllosen Olivenbäumchen, schließlich ist es führend im Olivenanbau und berühmt für sein ausgezeichnetes Olivenöl. Gleich neben Mouriès befindet sich ein weiters der 10 Dörfchen, das in den Alpillen mit dem Titel der „plus beaux villages de la France“ (die schönsten Dörfer Frankreichs) gekürt wurde. Maussane-les-Alpilles trägt nicht nur die Berge im Namen sondern verkörpert durch sein reiches historisches Erbe die Geschichte der Region besonders gut. Daneben lassen sich im Naturpark der Alpillen noch zahlreiche andere Ortschaften finden, die oftmals noch den typischen provenzalischen Charme versprühen und noch zu den kleinen Gemeinden der Region gehören, womit sie oft zu den „typischen“ provenzalischen Dörfern gezählt werden.
Künstlerische Inspiration
Die herrliche Landschaft der Alpilles zieht seit Langem Künstlerinnen und Künstler aller Metiers in ihren Bann. Einige weltberühmte Maler, Komponisten oder Regisseure richteten sich in einem der pittoresken Dörfer ein und ließen sich von der wunderschönen Natur der Alpilles inspirieren. Oft verewigten sie ihre Wahrnehmung der Alpilles mit ihrem eigenen künstlerischen Stil in ihren Werken. Die Alpilles sind daher beliebtes Motiv in der Malerei sowie in der Musik und der Belletristik. Einige Künstlerinnen und Künstler wurden durch ihren Aufenthalt in den Alpilles zu wahren Provenceliebhabern und konnten ihre liebgewonnene Region nur schwer den Rücken kehren. Denn oft kamen sie aus schweren Lebensphasen in die schützende Obhut der Alpillen, wo sie neuen Mut fanden und teils das erste Mal erfolgreich wurden. Das wohl bekannteste Künstlergesicht, das man einige Zeit lang nahe dem Alpillenstädtchen Saint-Rémy-de-Provence antreffen konnte, ist Vincent van Gogh. Der niederländische Künstler verewigte die Alpillen in seinem weltberühmten Werk „Sternennacht“, wo sehr wahrscheinlich die provenzalische Bergkette den Hintergrund bildet. Er hielt sich gut ein Jahr in einem Sanatorium in der Nähe von Saint-Rémy auf, nachdem er bereits ein paar Jahre in Arles verbracht hatte. Doch hier war es ihm möglich wieder unter freiem Himmel zu malen, wie er es in seiner Heimat geliebt hatte. Dabei kam ihm die wunderschöne Landschaft der Alpillen zugute, konnte er nicht nur in dem himmlischen provenzalischen Licht die ausgefallenen Kontraste der Natur festhalten, sondern sich auch in seinem Stil weiterentwickeln, gaben ihm die provenzalischen Farben neue Ideen zum Umgang mit Formen und Farben in seinen Werken.
Neben der bildenden Kunst regte die wilde Landschaft der Alpillen auch Musiker und Lyriker an, die Bergekette und ihre unmittelbare Umgebung in ihren Kunstwerken festzuhalten. Der Provenzale Alphonse Daudet kam Mitte des 19. Jahrhunderts in das kleine Fontvieille, wo er das Schlösschen Montauban für mehr als dreißig Jahre fast jährlich besuchen sollte. Zwar war er in nicht weit entfernten Nîmes geboren, doch zog in die Kraft der Alpillen in seinen Bann. Das Château de Montauban wurde zum Ort seines Schaffens, seiner Inspiration und seiner lyrischen Werke, die er zunächst versucht hatte in der französischen Hauptstadt Paris zu schreiben. Das Schloss Montauban wird zum Hauptschauplatz zahlreiche seiner Romane und gleichzeitig oft Motiv der Ruhe, was es für Daudet wahrscheinlich selbst war. Ebenfalls konnte der einflussreiche Lyriker durch seine regelmäßigen Besuche in Fontvieille den ebenso überzeugten provenzalischen Schriftsteller Fréderic Mistral kennenlernen. Mistral, der später den Literaturnobelpreis für seinen Einsatz für die provenzalische Sprache bekommen sollte, war ebenfalls Liebhaber der Alpillen und soll in der Kirche von Les-Baux-de-Provence seine Inspiration für das Gedicht „Mirèio“ bekommen haben, das später sein berühmtestes und meist geschätztes Werk werden soll. Sein gekürtes Gedicht, das er auf den Felsen der Alpillen schrieb, ist ebenso Ausgangspunkt für einen weiteren Künstler, der aus dem Gedicht eine Oper komponierte: Charles Gounod. Der Pariser Komponist entdeckte 1863 auf der Suche nach Inspiration für seine neue Opernkomposition das provenzalische Gedicht, das nur wenige Jahre zuvor 1859 erschienen war. Das provenzalische Gedicht von Mistral fing ihn in seinem Frust über ausbleibenden Erfolg auf, so verzauberte und betünchte die provenzalische Sprache Gounod regelrecht. Um dieses einzigartige Ambiente, das „Mirèio“ erzeugt, selbst erleben zu können, reiste er kurzerhand in die Provence. Dabei fiel seine Wahl auf eines der Städtchen inmitten der Alpillen, das noch heute für die provenzalische Lebensweise steht: Saint-Rémy-de-Provence. Hier konnte er die Liebesgeschichte des gekürten Gedichtes hautnah nachempfinden, doch gleichzeitig fand er vor allem in der Landschaft der Alpillen als Inbild des provenzalischen Savoir-Vivre neuen Mut, um seine neue Oper zu komponieren. Außerdem kam ihm dabei der Schaffer des Gedichtes selbst zu Hilfe. Mistral war ein Bewunderer von Gounod Kunst und fühlte sich zutiefst geehrt, dass Gounod nun sein gekürtes Gedicht in eine Oper verwandeln wollte. Gounod begab sich auf die Spuren der Liebesgeschichte in „Mièro“ und trat dabei eine Entdeckungsreise durch die gesamte Provence an, wobei ihm Saint-Rémy als idealer Standort diente, um an alle wichtigen Orte der Geschichte wie Les Baux-de-Provence oder Arles reisen zu können. Mit der Unterstützung Mistrals erschuf Gounod in nur zwei Monaten ein kleines Meisterwerk, das das provenzalische Lebensgefühl ausdrückt und selbstverständlich an seinem Entstehungsort uraufgeführt wurde. In Saint-Rémy-de-Provence wurde im heutigen Hotel Gounod das erste Mal die Oper „Mireille“ aufgeführt, die sich von den Alpillen in ganz Frankreich und in die Opernhäuser der Welt verbreiten sollte. Charles Gounod wurde damit, wie viele andere Künstler, von den Alpillen verzaubert, die für ihn die Provence verkörpern. Durch seinen Aufenthalt inmitten der Alpillen gelang es ihm schließlich das bereits ausgezeichnete provenzalische Gedicht auf die große Bühne zu bringen.