Der Kalkstein ist die feste Grundlage der Provence – im wahrsten Sinne des Wortes als ihr Boden, aber gleichzeitig ebenso als Lebensgrundlage ihrer Bewohner. Kalk ist eines der wohl nährstoffreichsten Mineralen und daher idealer Untergrund für die Landwirtschaft der Provence. Doch hier ist das helle Gestein von außerordentlicher Qualität, denn die Region zeichnet sich durch ihren eigenen Kalkstein aus. So ist es beliebtes Baumaterial und wird im großen Stil für den weltweiten Verkauf gefördert. Allerdings birgt der Kalk einige Geheimnisse längst vergessener Zeiten in sich: der Boden der Provence ist wohl das älteste und ergiebigste Zeugnis der regionalen Geschichte. Das strahlend weiße Gestein ist damit ein wahrer Alleskönner, auf den sich die Provenzalen vertrauen können, der jedoch gleichzeitig ihr Leben in entscheidenden Maßen schon seit Menschheitsbeginn beeinflusst.
Eine unglaubliche Geschichte
Als nährstoffreicher Boden erzählt das Kalkgestein von einer Zeit vor der ersten Besiedlung durch die Menschen, als die Provence noch unter Wasser lag und allerlei urzeitliche Lebewesen durch ihr Meereswasser schwammen. Heute kann man daher selbst auf den höchsten Hügeln der Provence Fossilien der urzeitlichen Meereswelt in dem hellen Kalkgestein finden, die seit Jahrmillionen auf dem einstigen Meeresgrund, eingeschlossen sind. Der provenzalische Boden ist vor allem für Geologen und Archäologen von besonderem Interesse, lässt seine Fazies Rückschlüsse auf das Zeitalter des Jura zu, in dem der einstige Superkontinent Pangäa begann, auseinanderzudriften. Die Provence lag in der Jura noch unter Wasser, bildete ein recht flaches Meer und es herrschten hier sehr wahrscheinlich tropische Bedingungen. Die urzeitlichen Meeresbewohner vor mehr als 115 Millionen Jahren, die in dem flachen Wasser verendeten, lagerten sich auf dem Meeresgrund ab. Ihre Schalen und Skelette bildeten den Jurakalk als Riff unter Wasser. Über Jahrmillionen hinweg wurde das Segment immer wieder überlagert und festigte sich mit der Zeit zu einem harten Gestein. Es ist heute der Boden der Provence, denn als sich die Pyrenäen und die Alpen mit der Bewegung von Pangäa erhoben, zog sich das Meer zurück. Doch durch die tektonischen Bewegungen erhob sich das einstige Kalksteinriff und es bildeten sich die provenzalischen Massive. In den Bergmassiven der Provence kann man daher heute noch auf die Meeresbewohner zur Zeit der Dinosaurier stoßen, darf man sich daher nicht wundern, wenn man urzeitliche Muscheln, Skelette oder andere fossile Überreste auf dem Gipfel des Mont Ventoux findet. Denn die charakteristischen Bergketten der Provence sind durch den ehemaligen Meeresboden geprägt: Egal ob die nordöstlichen Alpillen, die Calanques, der Mont Ventoux, die Gorges du Gardon oder das Klippen von Cassis – sie sind alle aus dem Kalksteinriff gebildet.
Allerdings gilt im geologischen Verständnis ein zweigeteilter Blick auf die Provence: Die Region unterscheidet sich geologisch in die „Provence calcaire“ und die „Provence cristalline“ – kalkige und kristalline Provence. Die kalkige Provence, deren Boden aus dem reichhaltigen Kalkstein geformt ist, befindet sich eher im Westen, die kristalline Provence hingegen mit kristallinen Granit- und Schiefergestein aus dem Paläozoikum bildet den östlichen Teil der Provence. Beide sind durch die permische Senke getrennt, die zwischen Toulon und Saint-Raphaël verläuft. Die Kalkstein-Provence unterscheidet sich jedoch selbst in zwei verschiedene Gebiete. So ist es eher der strahlend weiße Kalkstein im Süden und an der Küste, für den die Region so berühmt ist. Im Norden der Kalkstein-Provence wirken die Kalksteinerhebungen flacher, liegen sie nicht direkt am Meer. Wohingegen die eindrucksvollen Massive an der Mittelmeerküste mit ihrem strahlenden Weiß alle Blicke auf sich ziehen, ist der Kalkstein im Norden oft von Kiefernwäldern bedeckt und birgt teils eine weitere Besonderheit: seine rote Färbung. Denn hier gelangte in der Zeit der Oberkreide Eisen in den Boden. Das Eisen oxidierte im Kalkgestein und es entstanden die prächtigen rotgefärbten Ockerfelsen der Provence. Das unbeschreibliches Farbenspektakel aus unterschiedlichen Rot, Orange, Gelb- und Brauntönen strahlt bei dem tiefblauen provenzalischen Himmel nur so intensiver und ist ebenso ein wunderschönes Merkmal der Region. Die Kalkstein-Provence ist damit wahrlich einzigartig vielseitig: Wo beispielsweise die Calanques von Marseille mit ihrem hellen Weiß all ihre Besucher blendet, findet man sich im „colorado provençal“ in Rustrel nahezu im Grand Canyon mit seinem unverwechselbaren rotem Gestein wieder.
Die atemberaubenden Farben
Es ist der sogenannte „urgonischen Kalkstein“ im Süden der Kalkstein-Provence, der die Region für sein Gestein berühmt gemacht hat. Mit seinem intensiven, klaren Weißton und einer außerordentlichen Robustheit ist der Kalkstein einzigartig. Erstmals beschrieben hat der französische Paläontologe Alcide Dessalines d´Orbigny 1847 das außergewöhnliche Kalkgestein. Der Forscher entdeckte in dem Örtchen Orgon nahe Cavaillon den hellen Stein und untersuchte ihn gründlich. Er benannte seine Entdeckung nach dem Fundort, weshalb der Stein seither „Urgonien“ heißt. Schnell stellten Geologen in der gesamten Provence, jedoch insbesondere in der Umgebung von Orgon, fest, dass der urgonische Kalkstein in vielen der provenzalischen Massive zu finden ist. Mit seiner klaren, weißen Färbung und seiner Festigkeit ist er die ideale Grundlage für allerlei Bauten. Rasch sprach sich seine außerordentliche Beschaffenheit auch außerhalb der französischen Grenzen herum und das provenzalische Kalkgestein wurde zu einer kleinen Berühmtheit. Die Provenzalen begann damit, ihren besonderen Stein in großem Stil zu fördern und es entstanden die gewaltigen Steinbrüche, die „carrières“. Vor allem in der unmittelbaren Umgebung von Orgon begann der Abbau aus den provenzalischen Bergen, weshalb insbesondere im Luberon beeindruckende carrières zu finden sind. Was einst nur für den Eigenbedarf abgebaut wurde, wurde nun in großen Umfang gefördert und in die ganze Welt geliefert. Es ist eine mühselige Arbeit, den harten Stein aus den Felsen zu schlagen, doch die Provenzalen erkannten schnell das Potential ihres fabelhaften Materials und ließen sich nicht von der mühevollen Arbeit abschrecken. Denn schnell sicherte ihnen der Kalkstein einen wirtschaftlichen Aufschwung und finanzielle Sicherheit. Immer mehr Steinbrüche entstanden im Zuge der Industrialisierung und Globalisierung mit steigender Nachfrage für den wunderbaren Stein. Noch heute sind die im 19. Jahrhundert angelegten „carrières“ teilweise in Betrieb oder können als eindrucksvoller stillgelegter Steinbruch inmitten der provenzalischen Massive bewundert werden kann. Ein ehemaliger Steinbruch hat es dabei besonderes in sich: die „Carrières de Lumières“ in Les-Baux-de-Provence. Hier kamen einige findige Unternehmer auf die grandiose Idee, den stillgelegten Steinbruch von Les Baux in ein Kunstspektakel sondergleichen zu verwandeln. Denn das einstige Kalksteinabbaugebiet bietet die atemberaubende Kulisse für eine Multimediashow. In wechselnden Ausstellungen werden auf den feinsäuberlich zugeschnittenen Steinen inmitten des Felsens, auf dem Baux-de-Provence thront, verschiedene Künstlerinnen und Künstler und ihre Werke gezeigt. Ihre Kunst wird auf die Steine projiziert, in Bewegung gesetzt und mit Musik unterlegt. Durch seine unvergleichliche Kulisse ist diese Kunstaustellung einzigartig auf der Welt. Es bietet sich ein unbeschreibliches Spektakel, wo die Künstler der Welt, aber insbesondere jene, die die Provence geprägt haben, von völlig neuen Seiten entdecket werden können. Der Kalkstein bekam mit der Errichtung der „Carrières de Lumières“ eine neue Möglichkeit, seine beeindruckende Beschaffenheit zu präsentieren, eignet er sich nicht zuletzt aufgrund seiner außergewöhnlich klaren Färbung als Ausstellungsfläche für weltberühmte Kunst.
Doch auch das rote Wunder der Kalkstein-Provence – die grandiosen Ockerfelsen – blieben nicht unbemerkt. Vielmehr wurden ebenso einige Ockerstollen angelegt, wo das wertvolle Pigment ähnlich wie sein weißer Verwandter gefördert wurde. In riesigen Schächten arbeiten sich die Steinmetzer durch das rötliche Gestein und legten so in den Ockerfelsen einige eindrucksvolle Stollen an. Das Ockerabbaugebiet in Roussillon ist heute das größte Europas. Andere der Ockerminen wurden jedoch mit der Zeit stillgelegt, drohte bei zu großem Abbau der Einsturz der Felsen. Ein besonderer Ort sind die Ockerstollen Bruoux, wo Führungen durch die stillgelegten Ockerstollen in angenehmen 10°C angeboten werden. Daneben entdeckten die Provenzalen hier noch eine weitere Seite der dunklen, kühlen Felsen: Hier, abgeschirmt von der intensiven provenzalischen Sonne und inmitten eines feuchten Klimas, finden sich die idealen Bedingungen für die Pilzzucht. Was zunächst ein wenig abweisend wirkt ist jedoch auf den zweiten Blick gar nicht so abwegig. Denn die Provenzalen wissen, wie sie ihre geliebten Felsen ideal einsetzen können und so werden in Bruoux heute teilweise Pilze kultiviert, die anschließend verkauft werden können.
Die professionelle Förderung ab Mitte des 19. Jahrhunderts bedeutet allerdings nicht, dass das Gestein nicht schon zuvor als Baustoff in der Provence diente. Vielmehr sind es ihre zahlreichen alten Häuser, die „mas“, die zum Großteil aus dem wunderschönen Stein gebaut. Denn schon die ersten Bewohner der Provence bedienten sich selbstverständlich an dem Gestein, dass sie in ihrer Umgebung fanden. Der Kalkstein entpuppte sich als ideale Grundlage für ihre traditionelle Bauweise und den Provenzalen war schon vor der genauen Beschreibung von d´Orgbigny bewusst, dass sie ihrer Regionen einen robusten und gleichzeitig schmucken Stein zu verdanken haben. Im gesamten Mittelmeerraum ist die Art des Trockenmauerns üblich. Schon in der Antike bauten die ersten Bewohner der Region ihre Gebäude Stein auf Stein, ohne dafür Mörtel verwenden zu müssen. Sie mussten sogar nicht einmal die Kalksteine zuschleifen, nahmen sie die natürlich geformten Steine zur Hand, die sie geschickt auswählten, sodass die Steine ideal aufeinanderpassten. Noch heute sind die robusten Trockenmauern zu bewundern, die über Jahrtausenden Wind und Wetter standgehalten haben. Neben der eindrucksvollen Bauweise der Provenzalen ist diese Robustheit vor allem auf ihren festen weißen Stein zurückzuführen, der sich schließlich als ihre Grundlage bewährte. Von ihren mediterranen Nachbarn hebt sich die Provence insbesondere durch ein weiteres Trockenmauerwerk ab, das es nur hier zu geben scheint. Denn hier lassen sich die sogenannten „borie“ inmitten der Felder, Olivenhaine oder Eichenwälder finden. Im ländlichen Gebiet des 18. und 19. Jahrhunderts bauten sich vorwiegend Feldarbeiter, Landwirte oder Hirten in der traditionellen Bauweise des Trockenmauerns kleine Schutzhütten mit umliegenden Steinen. Auffallend ist, das die „Bories“ stets an Feldrändern zu finden sind, die meist etwas weiter entfernt zum nächstgelegenen Ort liegen. Dadurch lässt sich vermuten, das sich Bauern oder Feldwächter diese Rundhütten bauten, um bei der Feldarbeit einen Rückzugsort zu haben. Ebenso dienten sie auch zur Einlagerung von Heu, frisch geehrten Lavendel oder Futtermitteln für die Tiere, die außerhalb der Dörfer weideten. Die Schutzhütten halten bis heute dank der verwendeten Steine, die seine Erbauer aus der Umgebung auflasen. Die „Bories“ bieten mit ihrem wunderschönen weißen Gestein heutzutage pittoreske Motive zu dem tiefblauen Himmel und den lilafarbenen oder sattgrünen Feldern der Provence. Nicht nur die Mauerwerke aus dem strahlend weißen Kalkstein sind charakterisitsch für die Provence und ergänzen ihre bezaubernde Landschaft auf natürliche Art und Weise. Ebenso dient auch das Ockerpigment als Färbemittel ihrer Heimatdörfer, wird jedoch anders als beim weißen Kalkstein damit nur eine Farbe angemischt und nicht der gesamte Stein zum Hausbau verwendet. Trotzdem ist der Anblick auf die Gemeinde Roussillon, das mit seinen roten, rosa, orangefarbenen und gelben Häusern auf einem der Ockerfelsen thront, wahrlich bezaubernd. Egal ob strahlend weiß oder rot gefärbt: Der Kalkstein wird in all seinen natürlichen Formen und Farben in der Provence genutzt, ist und bleibt er allgegenwärtig im künstlerischen Ambiente der Region, von in erster Linie von dem vielseitigen Stein erzeugt wird.