Die Ortschaft könnte bereits nach ihrem Namen nicht provenzalischer sein: Sie wurde nicht nur nach ihrer Heimat benannt, sondern trägt auch einen Ausdruck der provenzalischen Sprache in sich. Doch so einheimisch und traditionell die Bezeichnung von „les Baux-de-Provence“ auch klingen mag, sind es bis heute der Fürst von Monaco, der den Titel als „Marquis des Baux“ trägt. Dennoch bildet Baux-de-Provence mit seinen schroffen Felsen, dem atemberaubenden Rundumblick von seinem Gipfel aus, den umliegenden duftenden Feldern und grünen Olivenhainen ein Idealbild des Provence-Traums.
Provenzalischer Traum
Das Dörfchen auf einem Felsvorsprung der Alpillen ist ein wahrer Hingucker. Zurecht wurde es als einer der ersten provenzalischen Ortschaften 1988 als eines der „plus beaux villages de France“ (die schönsten Dörfer Frankreichs) ausgezeichnet und darf sich seither mit diesem Ehrentitel schmücken. Les Baux-de-Provence, das von den Provenzalen nur liebevoll „les Baux“ genannt wird, thront hoch erhoben über der atemberaubenden Landschaft und scheint mit der umliegenden provenzalischen Schönheit zu verschmelzen. Seine Steinhäuschen und die hohe Burgruine sind mit ihrem weißen Kalkgestein wie seine raue Umgebung ein auffallender Kontrast zu dem kräftigen Blau des provenzalischen Himmels und den auffallend vielen grünen Olivenhainen am Fuße der Felsen. Damit ist es Inbild eines der provenzalischen Merkmale: dem Kalkstein, der die Grundlage für die gesamte Provence schafft. Baux-de-Provence verschwimmt mit dem weißen Gestein, wird Eins mit den zerklüfteten Felsen und hebt das wunderschöne Mineral seiner Heimat besonders hervor. Bereits sein Name deutet auf die Verbundenheit mit dem schroffen Gestein hin. „Baux“ stammt von dem provenzalischen Ausdruck „Bau“, das übersetzt so viel wie „schroffer Felsen“ heißt. Das Dörfchen bildet damit „die schroffen Felsen der Provence“, die sein steinernes Äußere bilden, das Les Baux so sensationell macht.
Betritt man die Mauern des Bergdörfchen, so stellt man schnell fest, welche natürliche Pracht dieser Ort verkörpert. Immer weiter nach oben schrauben sich zahlreiche kleine Gässchen, die mit ihrem gepflasterten Boden und den Steinfassaden der Häuser zunächst etwas bedrängend wirken können. Doch der Ort legt sehr viel Wert auf den Erhalt seines pittoresken Äußeren, lassen sich in jeder Ecke neue Blickfänger entdecken, die die Gemeinde zu einer ganz besonderen machen. Hinzukommt, dass immer wieder von kleinen Aussichtspunkten aus der fabelhaften Umgebung von Baux-de-Provence genossen werden kann. Hoch oben, an der überraschend gut erhaltenden Burgruine aus dem 13. Jahrhundert, lässt sich nicht nur ein Schatz für Historiker finden, sondern für jedes Auge ist die Aussicht ein wahres Wunder. Es eröffnet sich ein unbeschreiblicher Rundumblick über die gesamte Provence: die nah gelegenen Alpillen, den etwas entfernten Luberon, ja sogar Marseille im Süden und Avignon im Norden – all das kann bei aus der Vogelperspektive bewundert werden. Dazu die herrlichen Olivenhaine, duftenden Felder und die grünen Eichenwälder, die den Naturpark der Alpillen auszeichnen vor dem tiefblauen provenzalischen Himmel machen das Postkartenmotiv der Provence perfekt.
Sagenumwobener Ort
Es ist die faszinierende Aussicht von Baux-de-Provence auf die wunderschöne, wilde Landschaft der Alpillen, die bereits die Griechen fesselte. In ihrer Bewunderung für die hiesige Schönheit spürten sie die Kraft der weißen Felsen, die Les Baux zu einem besonders energischen Ort macht. So ist das Bergdorf Ursprung für zahlreiche Mythen und Sagen, die sich bereits in der Antike um seine Umgebung, Gestalt und Ursprung ranken. Die zerklüfte Landschaft von Les Baux machte auf die alten Griechen ausgesprochen viel Eindruck. In ihrer Mythologie entwickelte sich daher eine Geschichte um die Entstehung seiner unbändigen, wilden Landschaft. Diese soll von dem mächtigen griechischen Gott Zeus erschaffen worden sein, als er dem griechischen Helden Herkules zu Hilfe kam. Herkules war auf der Rückreise aus Spanien in seine Heimat nach Griechenland als er inmitten der Provence von dem hier heimischen keltischen Stamm der Ligurer angegriffen wurde. Herkules war gegenüber dem keltischen Stamm wehrlos, hatte er all seine Pfeile aufgebraucht und fürchtete seine kostbare Herde zu verlieren. Doch da ließ der Himmelsvater Zeus Steine vom Himmel regnen, die auf die Ligurer und ihre Landschaft einschlugen. Herkules, der selbstverständlich nicht von den Steinen getroffen wurde, konnte sich befreien und sicher in das antike Griechenland zurückkehren. Der Steinhagel sollte jedoch nicht nur Herkules seine Rückreise ermöglichen, sondern formte die zerklüftete Landschaft, wo heute Les Baux liegt.
Die Entstehung der wilden Landschaft von Baux-de-Provence ist damit wahrlich mystisch. Doch auch die Ortschaft selbst beruft sich auf einen ebenso sagenumwobenen Ursprung. Sein Name geht auf das mittelalterliche Fürstengeschlecht „Les Baux“ zurück, welches über der von Zeus geformten Landschaft auf dem Felsvorsprung der Alppillen ihr Zentrum errichteten. Das Fürstenhaus war im Mittelalter eines der mächtigsten der Provence und zählte insgesamt 79 Orte in der Umgebung unter seiner Herrschaft. Ihr Mittelpunkt war ab dem 10. Jahrhundert der Ort, der noch heute ihren Namen trägt. Die Herkunft der Fürsten „les Baux“ ist dabei besonders sagenhaft. Denn sie leiteten ihr Geschlecht von Balthasar, einem der Heiligen Drei Könige, ab, der zur Geburt des Jesuskindes dem Stern von Bethlehem folgte und Weihrauch als Geschenk zur Krippe mitbrachte. Der Stern von Bethlehem sollte Balthasar jedoch nicht nur zum Jesuskind führen. Er folgte dem hellen Stern aufs Geratewohl, bis er in das heutige Baux-de-Provence kam. Die Fürsten „Les Baux“ sahen sich in der Nachfolge dieses berühmten Königs und seinem führenden Stern verpflichtet, weshalb sie den Stern von Bethlehem in ihr Wappen einführten, der noch heute hell auf rotem Grund des Ortswappens leuchtet.
Dieses mystische Ambiente des Ortes hält bis heute an, zieht es allerlei Besucherinnen und Besucher in seinen Bann. Doch auch auf die Kunstwelt hat das provenzalische Bergdorf einen großen Einfluss. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler verewigten Baux-de-Provencein ihren Werken. Besonderes seine lebendige Landschaft inspirierte viele Kunstschaffenden, hielten unteranderem Vincent van Gogh, Jean Cocteau und Yves Brayer die Züge der Alpillen in ihren eigenen Stilen auf der Leinwand fest. Allerdings ist es auch der Ort selbst, der mit seinem reichen Erbe und seiner engen Verbindung zu den zerklüfteten Felsen einen besonderen Charme besitzt. Der provenzalische Schriftsteller Frédéric Mistral soll hier, in der alten Kirche, die Inspiration für sein Gedicht „Mirèio“ in provenzalischer Sprache bekommen haben. Immer wieder kehrte er an diesen heiligen Ort zurück, um sein Gedicht schließlich vollenden zu können. Es entstand das literarische Werk, wofür Mistral wenig später mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, verkörpert es in großen Maßen den Einsatz des Schriftstellers für den Erhalt der provenzalischen Kultur mittels ihrer eigenen Sprache.
Bewegte Geschichte
Les Baux hat eine bewegte Geschichte hinter sich, ist es nicht ohne Grund Teil der griechischen Mythologie. Tatsächlich wurde das Gebiet bereits früh besiedelt, lassen sich die ersten Spuren einer menschlichen Besiedlung aus der Steinzeit ca. 6.000 v. Chr. finden. In den zahlreichen Höhlen der zerklüfteten Landschaft fanden unserer Vorfahren hervorragende Unterkünfte, die sie in der wilden Natur schützten. Etwa 200 v.Chr. errichten die Liguren, ein Stamm der Kelten, die sich in der gesamten Provence ausbreiteten, auf dem Felsvorsprung von Les Baux inmitten der Alpillen ein Oppidum. Sie erkannten damit schon früh die ideale Lage auf dem hohen Felsen mit dem weiten Rundumblick und gleichzeitig allumfassenden Schutz, den das Gestein ihnen bot.
Hoch erhoben über der anziehenden Landschaft bauten das Adelsgeschlecht „les Baux“ im 10. Jahrhundert ihre Residenz, die noch heute als eindrucksvolle Ruine die Silhouette des Dorfes prägt. Von hier aus behaupteten sich die Fürsten und stiegen zu einer bedeutenden Macht in der Provence auf. Ihr Hauptsitz auf dem Felsvorsprung der Alpillen wurde zum kulturellen Zentrum des Mittelalters, kamen aus ganz Europa Dichter, Sänger und andere Künstler, die in der Hochburg der Minnekunst ihr Schaffen präsentieren wollten. Es war die erste kulturelle Blüte von vielen, die Les Baux in seiner langen Geschichte erleben sollte. Jedoch starb das Fürstenhaus Anfang des 15. Jahrhunderts aus und mit dem Beginn der Frühen Neuzeit fiel ihre einstige Residenz in die Hände von König Ludwig III. d´Anjou, dem Grafen der gesamten Provence. Damit war Les Baux nicht mehr autonome Ortschaft inmitten der Provence. Allerdings war die Provence unter den Anjous souveräne Grafschaft im Königreich Frankreich und so sicherte sich auch Les Baux den provenzalischen Sonderstatus. Es sollte allerdings nicht so lange dauern, bis die Provence und damit auch Les Baux ihre Autonomie verlieren sollten. Als die Grafschaft 1481 die französische Krone erbte, wurde auch Baux-de-Provence französisch.
Trotz offizieller französischer Hand und der angestrebten Vereinheitlichung wurde Les Baux auf andere Art und Weise zu einem exklusiven Ort. Als inmitten der Reformation die französischen Hugenotten immer mehr Anklang bekamen, suchten sie nach einem möglichst sicheren Ort, wohin sie vor der einsetzenden Verfolgung durch den französischen, katholischen König fliehen konnten. Hunderte Hugenotten zogen daher gen Süden und fanden in der wilden Landschaft von Les Baux einen Rückzugsort. Gewohnt an ihren eigenständigen Status wurde das Dorf schnell Zentrum der Hugenotten. Doch dieses Prestige brachte ihm bald einige Probleme ein. Denn es wurde damit zu einem der Schauplätze der Religionskriege, die 1618 in den Dreißigjährigen Krieg gipfelten. Besonders Les Baux fiel in das Augenmerk des französischen Königs Ludwig XIII., der die Stadt 1632 besetzten ließ. Hatte der Ort bis dato beinahe nur goldene Zeiten erlebt, bahnte sich jetzt ein heftiger Niedergang an. Denn die Stadtmauern wurden eigerissen und die ehemalige Fürstenresidenz zerstört. Baux-de-Provence konnte nicht mehr mit seiner militärischen Stärke glänzten und verlor zunehmend an Bedeutung. Jetzt verließen viele Bewohner ihren Heimatort in den Höhen der Alpillen und siedelten sich in der Ebene an, wo eine „Unterstadt“ entstand, dessen Einwohnerzahl niemals an die einstige Grafschaft herankommen sollte.
Doch neben der Zerstörung und dem massiven Bedeutungsverlust war das Dorf inmitten der Machtkämpfe in den Religionskriegen auch Spielball der französischen Krone. Ludwig XIII. überließ 1642 Les Baux-de-Provence den Fürsten von Monaco, der Adelsfamilie Grimaldi. Denn Monaco hatte unter der Führung der Grimaldis das französische Königshaus im Kampf gegen die Hugenotten unterstützt. Der französische König übergab ihnen als Dank vier Gemeinden auf seinem Hoheitsgebiet, von denen eine die ursprünglich so autonomieliebende Ortschaft auf dem Felsplateau war. Das Fürstenhaus Grimaldi, das heute noch Oberhaupt von Monaco ist, schmückt sich seitdem mit dem Titel „Marquis des Baux“. Zwar wurde ihnen in der Französischen Revolution von 1789 ihr Besitz in den Alpillen offiziell entzogen, doch tragen die Grimaldis bis heute diesen Titel. Les Baux-de Provence ist daher heutzutage zwar offiziell französisch, aber immer noch stark mit der monegassischen Familie und ihrem Königsreich verbunden.
Nach der französischen Revolution wurde es ruhig hoch oben in den Bergen der Alpillen. Kaum einer wohnte noch in der mittelalterlichen Hochburg, wo einst die Minnekultur gefeiert wurde. Viele zogen in das untere Dorf im Tal, wo die Versorgung einfacher war. Nach wie vor blieb das Gestein des Felsplateau vor allem für geologische Forschung von großem Interesse. Denn hier sollte bald ein neues Mineral entdeckt werden, dass nach dem Dorf benannt wurde. Als 1821 der Geologie Pierre Berthier die Steine in Les Baux untersuchte, stieß er auf ein rotes, aluminiumreiches Felsgestein, das er nach seinem Entdeckungsort „Bauxit“ taufte. Bauxit kommt nicht nur in der Provence vor, sondern wird heute noch auf der ganzen Welt gefördert. Es war jedoch hier, hoch oben in den Alpillen, wo das wichtige Erz zur Aluminiumherstellung erstmals entdeckt und seine qualitative Wertigkeit erkannt wurde. Heute wird in Les Baux selbst nicht mehr das Mineral gefördert, stellten sich die hiesigen Förderungsbedingungen als kompliziert heraus. Allerdings begann gleichzeitig mit dem Abbau von Bauxit der Kalksteinabbau, eignete sich der gesamte Gemeindegrund für die Förderung des weißen Gesteins. Denn seine alten Steinhäuser, in denen nun kaum mehr jemand lebte, waren aus Kalkstein gebaut, der bereits ideal zurechtgeschliffen war. So folgte zunächst eine Welle an Gebäudeabrissen, deren Steine wiederverwendet wurden. Ebenso wurden die ursprünglichen „Carrières“ (Steinbrüche) in dem Felsen von Les Baux ausgeweitet und zahlreiche Blöcke aus dem Kalkgestein geschlagen.
Allerdings sollte es eine ganze Weile dauern, bis Les Baux als Wohnort wiederentdeckt werden sollte, kamen im 19. Jahrhundert und weit in das 20. Jahrhundert hinein vornehmlich Arbeiter in die Steinbrüche, lebten sie jedoch nicht in den windigen Höhen. Erst nach dem zweiten Weltkrieg entdeckten Künstler den pittoresken Charme des Dorfes neu und fingen an, ihn aufwendig mit ihrem künstlerischen Auge zu sanieren. Ihnen ist das heute so außergewöhnliche Ambiente von Les Baux-de-Provence zu verdanken, das schließlich 1988 mit der Auszeichnung „Les plus beaux villages de France“ (die schönsten Dörfer Frankreichs) sowie 2019 mit dem Titel „sites patrimoniaux remarquables“ (Bemerkenswerte Kulturstätten) gekrönt wurden. Les Baux-de-Provence verschrieb sich seit der Ankunft der Künstler seinem kulturellen Erbe und der Förderung der Künste. So entstand in seinen nun stillgelegten Kalksteinbrüchen die „Carrières de Lumières“, wo in einem einzigartigen Lichtspektakel beeindruckende Kunstinstallationen und Multimedia Shows gezeigt werden.