Unscheinbar und trotzdem außergewöhnlich sind die „villages perchés“ in der Provence. Die kleinen Dörfchen, die auf den Gipfel der Region sitzend, gibt es häufig in der Provence. Durch ihre spektakuläre Lage gehören sie nicht selten zu den schönsten Dörfern Frankreichs und werden als eigenständiges Phänomen der Provence betitelt. Sie zeichnen sich durch seine Verbundenheit zu den Bergen aus, so sind seine Bewohner und sein Ambiente eng mit den Höhenlagen verknüpft und das Leben entsprechend den ungewöhnlichen Bedingungen angepasst. Hoch oben mit grandiosem Blick auf die herrliche Landschaft, lässt sich die Idylle der Provence besonders intensiv wahrnehmen.
Provenzalische Idylle
Wörtlich übersetzen lässt sich der Ausdruck des „village perché“ als „hockendes Dorf“, denn die Dörfchen sitzen auf den Gipfeln der provenzalischen Berge und verschmelzen oft mit dem Gestein. Es scheint von Weitem, als seien die Gemeinden natürlicher Teil der Bergkette und aus dem hellen Felsen emporgestiegen. Hinzukommt, dass sich die ersten Bewohner an dem festen Material ihrer unmittelbaren Umgebung bedienten, um ihre Häuser aus dem weißen Kalkgestein zu bauen, wodurch die Illusion einer Erhöhung des Berges verstärkt wird. Nicht nur durch ihre Lage auf dem Gipfel eines Berges zeichnen sich die „villages perchés“ als solche aus. Vielmehr gibt es eine Reihe von Kennzeichen, die ein provenzalisches Dörfchen in den Bergen zu einem solchen Ort machen. Dabei sind die auf Berggipfel sitzenden Dörfer ein klassisches Phänomen der Provence und nur selten in anderen Teilen Frankreichs und schon gar nicht in anderen Ländern der Welt zu finden. Die „villages perchés“ sind somit einzigartig in der Provence und prägen die regionale Idylle als wunderschönes Merkmal.
Die Auszeichnung als „village perché“ hängt in erster Linie mit der exponierten Lage der Ortschaft zusammen, ist sein Zugang meist schwierig und müßig. Es sind kleine, enge Sträßchen, die sich mühsam den hohen Berg hinaufwinden, um schließlich in das Stadtzentrum zu gelangen. Auch die Gässchen innerhalb des Dorfes sind meist eng und führen allesamt nach oben. Um den mühevollen Weg nach oben zu erleichtern, sich die engen Sträßchen innerhalb des Dorfes in der Regel mit kleinen Stufen ausgestattet. Doch der steile Weg wird mehr als entlohnt: Durch ihre außergewöhnliche Lage auf Felsvorsprüngen oder Plateaus der Region bieten die Bergdörfer allesamt einen spektakulären Ausblick. Oben angekommen eröffnet sich ein atemberaubender Rundumblick über die gesamte Region. Teils kann bis an die Küste und zu weit entfernten Großstädten der Provence geblickt werden. Es war diese Sicht, die bereits die ersten Bewohner der Region zum Bau ihrer Orte in den Bergen ermutigte. Die die exponierte Lage bot ihnen nicht nur hervorragenden Schutz vor Angreifern, sondern auch einen Vorteil im Überblick über weite Teile ihrer Umgebung.
Außerdem sind Architektur und Struktur der Bergdörfer besonders auffällig. Durch ihre Verbundenheit mit dem Berg ist so ziemlich alles in den „villages perchés“ aus dem hellen Kalkstein der Provence gbaut. Es sind hohe, schmale Häuser, die die engen Gässchen flankieren und die aus dem Gestein gebaut sind, auf dessen Boden sie stehen. Sie bilden die traditionelle provenzalische Architektur und seine Kultur ab, die die gesamte Region prägt. In den schmalen Häusern lässt sich dabei gut die einstige provenzalische Lebensweise erkennen. Denn es war Langezeit in der ländlichen Bevölkerung der Provence üblich, dass die Menschen gemeinsam als Familie und mit ihren Tieren in demselben Haus lebten. Die ärmliche Bevölkerung konnte sich nur wenig Vieh leisten, das in den schmalen, unteren Etagen unterkam. Oft bewohnten mehrere Generationen einer Familie dasselbe Haus, die auf unterschiedliche Stockwerke aufgeteilt waren. Brauchte es mehr Platz für die wachsende Familie, so war die Erweiterung des Familienhauses in vertikale Richtung oft die einzige Lösung, denn der Erwerb eines neuen Grundstückes war für die armen Provenzalen mit deutlich mehr Kosten verbunden. Im Erdgeschoss der Stall für die wenigen Tiere, darüber mehrere Stockwerke von teileweise fünf Etagen für die verschiedenen Generationen und oben ein Dachboden als eine Art Kellerersatz, oftmals zur Einlagerung der Lebensmittel für alle Bewohner des Hauses – das sind die typischen provenzalischen Häuser, die hoch in den tiefblauen Himmel ragen. Mit ihrem weißen Kalkgestein oder den ockrigen Pigmenten sind sie der typische provenzalische Kontrast zu dem strahlenden Himmel und leuchten ihre Farben in der intensiven Sonne besonderes stark.
Neben den hohen Häusern gibt es in nahezu jedem der „villages perchés“ eine kleine, schlichte Dorfkapelle, die als einziges Gotteshaus fungiert. Wie sein Äußeres ist auch das Innere der Kapellen meist einfach gehalten und kommt mit wenigen Verzierungen aus. Es sind zumeist Kirchen im romanischen Stil, glichen die ersten Bewohner der Dörfer ihre Gotteshäuser den kargen Bedingungen ihrer Umgebung an. Die schlichten Gotteshäuser in den „villages perchés“ stehen damit in einem Gegensatz zu den teils prunkvollen Kirchen in den Tälern der Provence, die oft Zeugnisse der Renaissance oder des Barocks sind.
In der Häuser- und Kirchenarchitektur lassen sich bereits die deutlichen Unterschiede zwischen den hohen Bergdörfern der Provence und den Städten im Tal erkennen. Denn meist waren es die Orte auf dem tieferen, fruchtbaren Gebieten der Provence, die zu Wirtschafts- und Kulturzentren der Region wurden. Die Bergdörfer hingegen sind eng umschlossene Gemeinden, die über vergleichweise wenig Grund verfügen. Streusiedlungen im Tal, aus denen sich später besagte Städte entwickeln sollten, zeigen ehemalig große Besitztümer einzelner wohlhabender Bewohner der Provence. Viele der heutigen Großstädte des französischen Südens wie Marseilles, Avignon, Aix-en-Provence oder Nizza sind daher nicht in den Bergen, sondern in den Schwemmlandschaften bzw. an der Küste zu finden. Die „villages perchés“ wiederum verzaubern noch heute mit ihrer Intimität und Überschaubarkeit, wo das einstige provenzalische „savoir vivre“ von jedem Besucher nach wie vor gespürt werden kann.
Mittelalterliche Hochburgen
Die „villages perchés“ sind allerdings nicht nur aufgrund ihrer charakteristischen Architektur und phänomenalen Lage einzigartig. Vielmehr sind sie besondere Zeugnisse der Geschichte und eng mit einer vergangenen Zeit verbunden, die sich heute noch in den alten Gemäuern wiedererkennen lässt. Denn meist handelt es sich um ein Dorf, das im Früh- oder Hochmittelalter erbaut wurde. Es sind nahezu all´ die Dörfer der Provence, die im Mittelalter aufblühten und anderes als ihre, aus der Antike stammenden, Nachbarn von dieser Zeit profitierten. Auffällig ist häufig die mittelalterliche Burgruine am höchsten Punkt der „villages perchés“, die von dieser Zeit zeugt. Die Bergdörfer entwickelten sich zumeist um eine Festung oder Burg von ehemalig einflussreichen Fürsten und Grafen, die die Provence im Mittelalter von ihren Bergen aus regierten. Die Höhen waren die perfekten Standorte für die Residenzen der provenzalischen Herrscher, boten si ihnen nicht nur Schutz und gute Sicht, sondern hatten sie ebenso direkten Zugriff auf das feste Gestein der Berge. Damit konnten die mittelalterlichen Herrscher einen sicheren Ort für ihre Bewohner schaffen, die in den massiven Steinhäusern in der kriegerischen Zeit gut geschützt waren. Gleichzeitig erschuf diese steinerne Bauweise jene Verschmelzung der Bergdörfer mit den Gipfeln, für die die „villages perchés“ heute so bekannt sind.
Die Bergdörfer sind wichtige historische Zeugnisse einer lang übersehenen Zeit, die selten so greifbar ist wie hier. Viele der mittelalterlichen Bauten, Strukturen und Anlagen sindbis heute zu bewundern und kaum verändert wurden. Nach dem Niedergang der provenzalischen Autonomie und damit dem Ende der einzelnen provenzalischen Grafschaften und Fürstentümer mit Mittelpunkt auf den Bergen, wurden die Dörfchen nämlich meist ihrem Schicksal überlassen. Viele der Bewohner wanderten in die Täler ihrer Gebirge, fiel ihnen hier die Versorgung deutlich einfacher als in den Höhen. Denn oftmals hatte es hoch oben nur eine einzige Wasserquelle in Form eines tiefen Brunnens in der Mitte des Dörfchens gegeben. Die Wasserversorgung war bereits in den Hochzeiten der „villages perchés“ ein allgemeines Problem, doch nach dem mittelalterlichen Glanz erschwerten sich die Bedingungen. Ebenfalls waren die landwirtschaftlichen Tätigkeiten zur Selbstversorgung und als wirtschaftliche Grundlage der bäuerlichen Bevölkerung in den Tälern besser gesichert. Nur für die vereinzelten Ziegen- und Schafshirten waren die Höhenlagen von Vorteilen, denn ihre alpinen Nutztiere sind die Extrembedingungen der felsigen Landschaft gewohnt.
Die steigernde Fassade aus dem Mittelalter zerfiel nach dem Abwandern in die Täler leider häufig. Langezeit sahen Wenige den Sinn im Erhalt der schwer zugänglichen Ortschaften. Erst Mitte des letzten Jahrhunderts entdeckten einige Künstler den Charme der nun oft zerfallenen Dörfer hoch oben auf den Gipfeln der Provence. Den Künstlern ist es zu verdanken, dass viele der „villages perchés“ heute wieder zugänglich, ja sogar zu den Idyllen der provenzalischen Dörfchen geworden sind. Sie restaurierten die zerfallenen Steinhäuser zu charmantem Bleiben und inspirierenden Orte ihrer künstlerischen Arbeit, pflegten die alten Steingässchen und wandelten den uralten Brunnen in plätschernde Fontänen um, die heute meist den Ortskern bilden. So war es in Oppède-le-Vieux, Les Baux-de-Provence oder Ménerbes, wo Künstlerinnen und Künstler sich dem Wiederaufbau der verfallenen Steindörfer widmeten und mit ihrem künstlerischen Geschick neuen Glanz in die Höhen der Provence brachten.
Die verschiedenen „villages perchés“
Vor allem die „villages perchés“, die in den Hügeln des Luberon liegen, sind heute besonders bekannt. Doch verstecken sich in der gesamten Provence immer wieder die charakteristischen Bergdörfer, die durch ihre sensationelle Lage stets ein Hingucker sind. Lediglich in den Schwemmlandschaften und Küstenregion wie der Camargue und den provenzalischen Tälern wie dem Rhonetal und dem Durance-Tal lassen sich logischerweise keine dieser pittoresken Dörfchen finden. Meist werden die Bergdörfer nach ihren jeweiligen Gebirgszügen unterschieden, gibt es viele „villages perchés“ im Luberon, den Alpillen oder den provenzalischen Alpen. Allerdings sind es oft die Bergdörfer, die ihre jeweilige Umgebung berühmt machen und diese besonderes prägen. So ist es die provenzalischen Träume Gordes, Les Baux-de-Provence, Èze, Ménerbes, Oppède-le-Vieux, Roussillon oder Eygalières, die allesamt zu den „villages perchés“ gehören. Doch neben diesen berühmten Idyllen gibt es zahlreiche weitere Bergdörfer, die noch heute durch ihre Lage und mittelalterlich-künstlerischen Charme wahre Geheimtipps sind. Vor allem in der Haute-Provence ist das kleine Kulturzentrum Banon mit seinen umliegenden Dörfern zu nennen, die zu den „villages perchés“ gehören. In der Var wird man auf Fayence, Tourrettes oder Montauroux stoßen, die allesamt zu den Bergdörfern gezählt werden. Neben dem berühmten Èze lassen sich in der Nähe von Nizza ebenfalls weitere Örtchen mit spektakulärem Ausblick finden, wie La Gaude oder Coaraze.