Oppède wurde einst von der „Rose des kleinen Prinzen“ vor dem Verfall bewahrt. Denn das kleine Dörfchen inmitten der Hügel des Luberon wurde von ein und derselbe Frau geprägt, die gleichzeitig die Muse der wohl bekanntesten französischen Geschichte des „petit prince“ ist. Während der schmerzlichen Trennung von Antoine und Consuelo de Saint-Exupéry im Zweiten Weltkrieges versteckt sich die Ehefrau des berühmten Schriftstellers inmitten einer Künstler-Widerstandsgruppe im Schutz des Dörfchens im Luberon, doch kann ihr Mann die Distanz nur in der kurzen Geschichte verarbeiten, die später zum weltweiten Bestseller wird. Consuelo hingegen hielt ihre Erfahrungen in der mutigen Künstlergruppe in ihrem Werk „Oppède“ fest und brachte das provenzalische Dörfchen nach ihrem Aufenthalt im Luberon nach New York.
Die „Groupe d’Oppède“
1940 eroberte die deutsche Wehrmacht Paris und Frankreich wurde in eine „zone libre“ und „zone occupé“ aufgeteilt. Die Provence fiel in die mehr oder weniger „freie Zone“, wo das Vinchy Regime mit Hitlerdeutschland kooperierte. Zu dieser Zeit trat eine Gruppe von mutigen Künstlerinnen und Künstler zusammen, um gemeinsam gegen den Faschismus im Sinne der „liberté, égalité und fratanité“ für ein freies Frankreich zu kämpften. Es war eine von vielen Widerstandsgruppen in Frankreich, der „Résistance“, doch stach die kleine Künstlergruppe, die sich im heutigen Oppède-le-Vieux formierte, wahrlich hervor. Denn Oppède war zu diesem Zeitpunkt fast komplett verlassen und die wilde Natur des Luberon gewann Oberhand über die verfallenen Mauern der alten Dorfhäuser. Doch war es der ideale Ort für Kunstschaffende aus ganz Frankreich, die hier, abgeschieden und geschützt durch den Luberon ihren Traum von einem freien Frankreich aufrechterhalten konnten. Am Tag nach dem Waffenstillstand von Compiègne im Juni 1940 flüchteten daher die ersten KünstlerInnen in die Ölmühle von Alexey Brodowitsch, einem US-amerikanischen Grafikdesigner russischer Herkunft. Die kleine Mühle in Oppède hatte er ursprünglich als inspirierenden Rückzugsort erworben, doch sollte dieses Schutzreservat nun nicht mehr allein dem Designer gelten, vielmehr wurde es die erste Anlaufstelle für Kunstschaffende aus ganz Frankreich, die Schutz vor den deutschen Besetzern suchten. Zunächst waren es vorwiegend Architektenschüler, die sich in den Hügel von Oppède niederließen, kamen mit ihnen jedoch bald Künstlerinnen und Künstler verschiedenster Disziplinen. Gemeinsam gründeten sie im August 1940 die „Groupe d´Oppède“ und verschrieben sich der gemeinsamen Wahrung der Werte ihres einstigen freien Frankreichs.
Mit ihrer Ankunft in dem verfallenen Dorf, begannen die KünstlerInnen gleichzeitig mittels ihres architektonischen und bildhauerischen Geschicks die zerfallenen Häuser in Oppède zu sanieren. Sie wollten einen sicheren Ort schaffen, an dem sich jeder freiheitliche-künstlerische Geist entfalten könne, weshalb die Ruinen durch feste, aber gleichzeitig ansehnliche Mauern ersetzt wurden. Mit dem raschen Zustrom von Kunstschaffenden aus ganz Frankreich wurde Oppède zu einem Kunstort sondergleichen, an dem Maler, Bildhauer, Architekten, Musiker, Schriftsteller und Komponisten gemeinsam für eine freie Entfaltung ihrer Kunst gegen den Faschismus einstanden. Die „Groupe d´Oppède“ ist damit nicht nur Vorbild der Résistance, sondern steht sie ebenso für eine interdisziplinäre Arbeit zwischen den unterschiedlichsten Künsten, um vereint in derselben künstlerischen Leidenschaft wahrlich revolutionäre Werke zu schaffen. Unter den bald mehr als 40 verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern waren auch einige über die Grenzen Frankreichs bekannte Kunstschaffende, wodurch Oppède auch ein Ort der Lehre für junge Kunsttalente wurde. Dem Engagement der Künstlerinnen und Künstlern verdankt Oppède damit sein Bestehen. Ohne ihre Wahl, das eigentlich verwahrloste Dörfchen inmitten der Eichenwälder und Kalksteinfelsen des Luberon als ihr Protegé anzusehen, wäre Oppède wahrscheinlich in den 1940er Jahren verfallen und würde heute nicht über seinen einzigartigen Charme verfügen. Insbesondere die vielen künstlerischen Studien und Skizzen der Architekten der Künstlergruppe liefern ein besonderes Zeugnis jener Zeit, denn sie dokumentierten Oppède Anfang der 1940er Jahre. Von kaum einem anderen Dorf im Luberon sind daher derartige Abbildungen und in solch einer Fülle für die Zeit im Zweiten Weltkrieg erhalten wie von Oppède. Doch als 1942 die Nazis Gesamtfrankreich besetzten, wurde die Résistance in Oppède zu riskant und die Arbeiten der Künstlergruppe äußerst schwierig. Seine Mitglieder verstreuten sich daraufhin über ganz Frankreich und in die ganze Welt auf der Suche nach einem neuen Ort, wo sie jene freiheitlichen Werte weitervertreten konnten, auf die sie sich in der „Groupe d´Oppède“ berufen hatten.
Nach Kriegsende entdeckten andere Künstlerinnen und Künstler den Charme von Oppède neu, denn das Bergdorf behielt stets seine künstlerisch anregende Atmosphäre. Bald stießen die Neuankömmlinge auf die Spuren ihrer mutigen Vorgänger und so setzt noch heute die aktive KünstlerInnengruppe „Groupe d´Oppède“ für der Bewahrung der freiheitlich Werte ihrer Gründer mittels der Kunst und durch interdisziplinäre Zusammenarbeit ein. Die Gemeinde Oppède verschreibt sich ebenso der Förderung vieler künstlerischer Talente, die nach wie vor das Reichtum ihres Kulturerbes ausmachen und durch ihre Kunst die Tradition von Oppède aufrechterhalten.
Die Rose des kleinen Prinzen in Oppède
Einer der Mitglieder der „Groupe d´Oppède“ war die Ehefrau und Muse des heute berühmten Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry, der sich im Zweiten Weltkrieg als Pilot erwies und später nach New York floh. Consuelo de Saint-Exupéry folgte den couragierten Künstlerinnen und Künstlern in das kleine abgeschiedene Oppède, um sie mit ihrem literarischen Feuer zu unterstützen. Hier fand sie einen sicheren Rückzugsort vor den Besetzern Frankreichs, vor denen sie, als bekannte Persönlichkeit der Künstlerszene von Montparnasse in den Goldenen Zwanzigern, geflohen war. So kam sie in die Hügel des Luberon und schloss sich der freiheitlichen Kunstgruppe in Oppède an. Dabei hielt sie stets Kontakt mit ihrem Ehemann, dem sie immer wieder versuchte Briefe nach New York zu schicken, auch wenn dies nicht immer gelang. Doch in Oppède fühlte sich sie aufgehoben und zugleich durch das einzigartige künstlerische Klima inspiriert. Hier konnte sie, trotz der bedrückenden Situation, ihrer künstlerischen Leidenschaft weiterhin nachzugehen. Sie war wahrlich das Inbild der hiesigen Kunstszene, denn Consuelo war selbst interdisziplinär tätig und drückte sich in der Malerei, Bildhauerei und als Schriftstellerin aus.
Antoine hielt die Ferne zu seiner Geliebten kaum aus, und verfasste daher nicht nur regelmäßige Briefe zur ihr nach Frankreich, sondern beginnt seine Gefühle während der Trennung zu Consuelo in literarischer Form festzuhalten. So entschloss er sich 1943 einen kurzen Text zu veröffentlichen, der unter dem Titel „le petit prince“ seine Gefühlwelt der zurückliegenden Kriegsjahre verarbeitet. Es ist jene weltberühmte Geschichte über einen jungen Prinzen von einem weit entfernten Asteroiden, der mit seinem Flieger auf der Erde notlanden muss. Anlass Reise des Prinzen ist seine Blume, die ihn wie nichts anderes fasziniert, ihn jedoch zugleich auch verzweifeln lässt. Doch es ist jene Rose, die er, wie er auf seiner Reise feststellt, zutiefst liebt und zu der der Prinz zurückkehren muss. Antoine de Saint-Exupéry zeigt in der Figur der Rose des kleinen Prinzen seine Frau Consuelo und beschreibt in der Beziehung zwischen Prinz und Rose seine eigene Liebesbeziehung zu Consuelo. Das schlechte Gewissen Antoines, seine Rose in dem besetzten Frankreich zurückgelassen zu haben, während er in die USA floh, verarbeitet er mittels der Figur des kleinen Prinzen und seiner Notlandung in der Wüste der Erde. Antoines Rose Consuelo befand sich währenddessen in Oppède und behauptete sich mit einigen anderen Kunstschaffenden gegen die faschistische Besetzung.
1942, als sie die Lage in Frankreich zuspitzte, folgte Consuelo de Saint-Exupéry ihrem Mann nach New York. Sie brachte jedoch, wie die anderen Künstlerinnen und Künstler der „Groupe d´Oppède“ die Werte der Widerstandsgruppe sowie ihre abenteuerlichen Erfahrungen in ihrer Zeit im Luberon mit sich. Diese Erlebnisse, die Consuelo in Oppède und inmitten der künstlerischen Gruppe machte, hält die Schriftstellerin in ihrem Werk „Oppède“ fest, das sie 1947 in New York veröffentlichte. Doch möchte sie damit besonderes einer Person über ihre abenteuerliche Zeit im Luberon erzählen: Ihrem Ehemann, der drei Jahre zuvor nicht von seinem letzten Flug über dem Mittelmeer zurückkehrte. Consuelo de Saint-Exupéry widmet daher ihrem Buch Antoine, dem sie im Detail ihre Erfahrungen während ihrer schmerzlichen Trennung beschreibt. Im Mittelpunkt steht das kleine unscheinbare Dörfchen im Luberon, wodurch sie mit ihrem Werk eine außergewöhnliche Rarität schaffte. Denn zum einen zeugt nur wenig über die Résistance in Oppède und zum anderen trägt kaum ein anderes je veröffentlichte Buch den Titel des Dorfes, noch ist Oppède in vielen Büchern so zentral und detailliert beschrieben wie in Consuelos Werk.