Cavaillon

Von manchen als das Tor in den Luberon gesehen, von anderen wegen seines reichen kulturellen Erbes geschätzt und für Feinschmecker ein wahres Paradies fruchtiger Delikatessen: Cavaillon ist ein wahrlich facettenreiches Örtchen. Die Gemeinde gehört nicht umsonst zu einer der größten im Luberon, gibt es hier einiges zu entdecken, das nicht allein für den Ort selbst von Bedeutung ist, sondern die gesamte Region nachhaltig prägte.

Die gleichnamige Melone

Cavaillon ist die „Hauptstadt der Melonen“, denn von hier stammt die herrlich süße Melone, die Genießer direkt mit der Provence verbinden. Mit ihrem orange-leuchtenden Fruchtfleisch und ihrer verführerischen Süße trägt die Charentais-Melone, die hier nur liebevoll „Melon de Cavaillon“ genannt wird, die provenzalische Sonne in sich. Dabei versteckt sich hinter dem verzaubernden süßlichen Duft und herrlichen Geschmack der kleinen runden Melone eine wahrlich bewegte Geschichte. Die „Melon Charentais“ ist eine Varietät der Cantaloupe-Melone, jener Zuckermelone, die vor mehr als 4.000 Jahren von den alten Ägyptern und antiken Griechen angebaut wurde. Doch diese sagenumwobene Melone aus dem Orient war bis dahin unter vielen und doch keinem eindeutigen Titel bekannt.  So soll jene Zuckermelone einige hundert Jahre später an einem anderen Ort wiederauftauchen, dessen Namen sie heute trägt. Nördlich von Rom, in dem kleinen mittelalterlichen Fürstentum Cantalupo, wurden in päpstlichen Gärten Samen aus Armenien angepflanzt, aus denen zur süßen Freude des Papstes und seines Hofes alsbald die herrlich runde Melone gedeihen sollte. Schnell wurde die Melone mit ihrem orangefarbenen Fruchtfleisch zur feinen Delikatesse des Papsttums, galt sie noch bis in die Neuzeit als Rarität und ihr Verzehr daher als Ausdruck von Wohlstand der mächtigen Oberschicht. Auch der avignonesische Papst wollte daher nicht auf die herrliche Süßspeise seines römischen Konkurrenten verzichten und brachte die Kostbarkeit mit sich. Doch der Melonenanbau in der Provence soll erst nach dem Papst in Avignon seinen Beginn haben. Um genau zu sein war es im Jahr 1495, als der Anbau der Cantalupo in der Provence erstmals schriftlich erwähnt und genaue Anweisungen zur Kultivierung der bezaubernden Delikatesse genannt wurden. Von nun an begann die Melonenzucht in der gesamten Region, wobei sich die provenzalischen Bauern mit viel Liebe und Eifer dem Anbau widmeten. Alsbald war die Cantalupo-Melone nicht mehr von den Feldern der Provence wegzudenken, denn schnell stellte man fest, dass die hiesigen klimatischen Bedingungen für den Melonenanbau ideal waren. Beides, die Liebe der Provenzalen zu der neueingeführten Melone sowie die hervorragenden Anbaubedingungen, entfachte einen kleinen Wettlauf um die beste Zuckermelone in der Region. Die Bauern wurden erfinderisch und züchteten schließlich eine neue, süßere Melone von feinerem Geschmack und Konsistenz. Es entstand eine Varietät der Cantalupo-Melone, die unter dem Namen „Melon Charentais“ bekannt wurde.

Die ursprüngliche Charentais zeichnet sich durch ihre glatte Schale und ihr weiches Fruchtfleisch aus, das ihre zuckrige Süße besonders fein schmecken und sie intensiv duften lässt. Doch dieses exquisite Charakteristikum der zarten Melone geht zu Kosten auf ihre Haltbarkeit, ist sie vergleichsweise empfindlich und am besten kurz nach der Ernte zu verzehren. Heute sind daher zwei verschiedene Charentais-Melonen auf den provenzalischen Märkten zu erstehen: Die zarte, glattschalige „Charentais Lissé“ und die „Charantais Brodé“. Letztere ist eine Rückkreuzung mit der Netzmelone, weshalb sie über eine etwas robustere Schale verfügt und damit länger haltbar ist. Ihr festeres Fruchtfleisch ist zwar süßer, dafür ist die benetzte Charantais insgesamt weniger duftend als ihre glattschalige Schwester. Beide Charantais Sorten werden jedoch als Melon de Cavaillon betitelt und in der gesamten Provence angebaut. Ihre Melonensaison beginnt Ende Mai, wo zunächst die glattschalige Charentais geerntet werden kann, worauf im Juli jene robustere Cavaillon-Melone auf die Märkte der Provence gelangen.

Doch wenn die süße Melone nicht allein in Cavaillon angebaut wurde und ursprünglich auch nicht von hier stammt, sondern vielmehr ein Produkt der gesamten Provence ist, warum ist sie nach der Gemeinde Cavaillon benannt? Hinter ihrem Ehrentitel steckt eine weitere lebhafte Geschichte. Seit ihrer ersten Kultivierung im 15.Jahrhundert wurde die Canatlupo, die sich später durch gezielte Züchtung in die süße Charentais als provenzalische Varietät ihrer Mutterpflanze entwickeln sollte, in einem großen Gebiet rund um Cavaillon angebaut. Allerdings entwickelte sich der Markt in Cavaillon, sei es aufgrund der zentralen Lage der Stadt oder wegen besonderes ambitionierten Melonenbauern, zum wichtigsten und größten Melonenmarkt in der Region. So kam es, dass im 19. Jahrhundert die Eisenbahn in Marseille, die Südfrankreich mit der französischen Hauptstadt verbindet, mit Melonen der Provence von dem Markt in Cavaillon beladen wurde. In Paris angekommen, erregte die zauberhafte Spezialität aus dem Süden große Freude, weshalb die Pariser nach der Herkunft der Melonen fragten. Von den Lieferanten aus Marseille erfuhren sie, dass die herrlichen Zuckermelonen von dem Melonenmarkt in Cavaillon stammten, weshalb die Pariser sie von nun an nur noch als die „Melon de Cavaillon“ kannten. Seitdem stieg ihr vermeidlicher Heimatort zur wahrlichen Hauptstadt der Melonen auf, was Cavaillon mit einem alljährlichen „Fête du Melon“ (Melonenfest) ehrt.

Reiches historisches Erbe

Nicht nur durch ihre gleichnamige Zuckermelone sticht Cavaillon aus den umliegenden Orten hervor. Denn die Gemeinde gehört zu jenen im Luberon, die über eine beeindruckende Geschichte verfügen, die weit in die Vergangenheit zurückführt. So erkannte bereits der keltische Stamm der Cavarer die Vorzüge des hiesigen Gebietes. Sie gründeten eine Siedlung auf dem Hausberg von Cavaillon, dem St. Jacques, von dem sich ein fabelhafter Rundumblick über die Region auftat. Bald fiel die keltische Siedlung aufgrund seiner strategisch günstligen Lage unter die Herrschaft des griechischen Marseilles, das ihr jedoch eine gewisse autonome Entwicklung zusicherte. Doch nach der römischen Eroberung der Region entschieden die neuen Herrscher, die erhabene Siedlung in die Ebene auszuweiten und sie als römische Kolonie „Cabellio“ zu nennen. Dieser Name sollte jedoch nicht lange Bestand haben, denn er wandelte sich schon im Mittelalter in den heutigen als Cavaillon Teil der Grafschaft Venaissin wurde. 1271 fiel die gesamte Grafschaft unter päpstliche Herrschaft, was auch Cavaillon zugute kam. Nicht nur gelangte damit ihre stolze Delikatesse, die Zuckermelone, in die Region, sondern wurden hier durch päpstliche Finanzierung einige bis heute das Stadtbild prägende Kirchen, Kathedralen und Kapellen gebaut. Dabei war Cavaillon ein bedeutendes Örtchen der „Comtat Venaissin“, die immer wieder Spielball zwischen dem Papsttum und der französischen Krone sein sollte.

Aus der Zeit päpstlicher Herrschaft zog Cavaillon ein reiches kulturelles Erbe, woraus jedoch eine Besonderheit hervorsticht. Schon in der Römerzeit wurden hier und in den umliegenden Gemeinden wie Carpentras, Isle-sur-la-Sorgue und Avignon Zentren jüdischer Kultur geschaffen, die infolge der Judenverfolgung durch die französische Krone entscheidende Fluchtpunkte für Juden aus ganz Frankreich wurden. Denn in der päpstlichen Enklave der Grafschaft Venaissin herrschte eine vergleichsweise tolerante Asylpolitik, weshalb hier einige jüdische Gemeinden aufblühen konnten. Jedoch war es ebenso unter päpstlicher Herrschaft ein Wechselspiel zwischen Toleranz und Ausgrenzung, lebten die „Juifs de Venaissin“ (Juden von Venaissin) isoliert in klar abgegrenzten Wohnvierteln, die sogenannten „carrière“ . Auch in Cavaillon bildete sich eine dieser „carrière“, die sich relativ autonom zur restlichen Ortschaft entwickelte und an der heutigen „Rue Hebraïque“ lag. Mittelpunkt war ihre beeindruckende Synagoge, die bereits im 14. Jahrhundert gebaut und regionale Tradition mit jüdischer Kultur vereint. Nicht nur ist sie bis heute Zeugin der hiesigen jüdischen Gemeinde, sondern ist ebenso faszinierendes Bauwerk im Stil der provenzalischen Kunst im 18. Jahrhundert als die Synagoge restauriert wurde. Mit der rechtlichen Gleichstellung von Juden in Frankreich nach der Französischen Revolution öffnete sich auch die „carrière“ in Cavaillon und die Jüdinnen und Juden konnten sich über die gesamte Gemeinde verteilen, womit das besondere jüdische Erbe zur allgemeinen Geschichte Cavaillons wurde. Diesem nahm sich die Ortschaft an und entschied die unter der Französischen Revolution gelittene Synagoge wiederaufzubauen sowie das ehemals abgegrenzte Viertel als ihr eigenes instand zu halten und die Spuren jüdischen Lebens zu erhalten. Heute zeugt nicht nur die beeindruckende Synagoge von dem jüdischen Erbe, sondern ist in den Räumlichkeiten der ehemaligen Bäckerei, die ungesäuertes Brot herstellte, direkt neben der Synagog das „Musée Juif Comtadin“ zu finden, dass die bewegte Geschichte der Jüdinnen und Juden auch außerhalb von Cavaillon erzählt.

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