Der Mont Ventoux

Er ist gigantisch, kraftvoll und sagenumwoben: Die Kraft des Mont Ventoux ist nicht nur in der Provence allgegenwärtig, sondern strahlt über ihre Grenzen hinaus. Dabei ist der höchste Berg der Provence in allerlei Hinsicht gigantisch. Egal ob Extremwettersituationen, atemberaubende Artenvielfalt, jahrhundertealte Sagen und Traditionen oder aktueller Leistungssport – der Gigant der Provence vereint all dies in seinen beachtlichen Höhenmetern.

Gigant der Provence

Mit seinen wahrlichen 1.909 Metern Höhe macht der Mont Ventoux seinem Spitznamen alle Ehre. Denn die Provenzalen nennen ihren bemerkenswerten Berg „Le Géant de Provence“ (der Gigant der Provence), schließlich faszinierte er mit seiner atemberaubenden Höhe schon die ersten Bewohner der Region. So gehört er zu den drei „heiligen Bergen der Provence“ und ist dabei neben dem „Massif de la Sainte-Baume“ und dem „Montagne Sainte-Victoire“ der größte der drei mystischen Kalksteingebirgen der Provence. Seit Anbeginn der Zeit zieht der „Mont Ventoux“ die Bewohner der Region in seinen Bann, sprachen schon die Kelten dem gigantischen Berg sagenumwobene Kräfte zu und verneigten sich ehrwürdig vor dem Giganten, der ihre Heimat bestimmt. Der Riese übte schon zu ihrer Zeit eine solche Faszination aus, dass manche mutige Kelten den Versuch unternommen haben sollen, den windigen Gipfel zu besteigen. Denn noch heute wurden Überreste keltischer Kultur in den Höhen des Mont Ventoux gefunden, die die Anziehungskraft des Giganten bezeugen.

Diese besondere Kraft des Mont Ventoux blieb daher ebenso wenig nur in seiner direkten Umgebung spürbar. Schon recht früh erlangte der Gigant aus der Provence überregionales Ansehen. Denn als der berühmte frühhumanistische Dichter und zugleich Abenteurer Francesco Petrarca 1336 seinen schwierigen Anstieg auf den Mont Ventoux in einem Brief mit wunderbarer Sprache wiedergab, verbreitete sich die Sage um den legendären südfranzösischen Riesen wie ein Lauffeuer. Besonders die einzigartige Natur, betont Petrarca in jenem Brief, habe ihn und seinen Bruder zu dem Wagnis angeregt und alle Mühen der anstrengenden Wanderung belohnt. Die Schilderungen des Frühhumanisten sind daher sinnbildlich für den Sinneswandel seiner Zeit, in dem sich immer mehr vom Mittelalter abwenden und sich einer Renaissance der Antike zuwenden, womit besonders der Natur eine neue Wertigkeit zugesprochen wurde. Auf dem Gipfel des Mont Ventoux mit Rundumblick auf die Landschaft der Provence soll Petrarca die Schönheit der Welt erkannt und sich von der mittelalterlichen Vorstellung, die diesseitige Welt sei als Durchgang zum Jenseits wertlos und ablehnend, abgewendet haben. Wie viele Gelehrte seiner Zeit drückt er damit ein neues Denken aus, in dem der Natur eine eigene Wertigkeit zugesprochen und damit das diesseitige Leben selbst neu erfahren wurde. Die Besteigung des Mont Ventoux durch Petrarca und seine anschließende Reflexion gilt daher in Forschungskreisen als einer der Schlüsselmomente beim Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit. Ebenfalls begründete diese dokumentierte und sprachlich schmuckvoll ausgedrückte Bergbesteigung die Kunst des Bergsteigens maßgeblich mit, fühlten sich nun viele durch Petrarca inspiriert für ähnliche Naturerfahrungen sich dem Alpinismus zu widmen.

Die Begeisterung, die der Frühhumanist beim Besteigen des Mont Ventoux verspürte, machte den Giganten der Provence so zu einem Sinnbild der humanistischen Naturverbundenheit und kraftvollen Symbol natürlicher Schönheit. Von dieser waren und sind immer wieder KünstlerInnen begeistert, dient nicht allein die Gestalt des Berges als Inspiration und Mittelpunkt zahlreicher Werke, sondern inspiriert ebenso seine besondere Ausstrahlung immer wieder zu künstlerischen Schaffen aller Art. Oft treten KünstlerInnen dabei in die Fußstapfen Petrarcas und wagen sich selbst an den Anstieg des Mont Ventoux. Selbstverständlich soll daher Frédéric Mistral, der wie kein Anderer die Provence in seinen literarischen Werken verewigte und hervorhob, den Riesen seiner Region bestiegen haben.

Dabei stellt die wunderbare Natur des Mont Ventoux, die einst Petrarca zu revolutionären Einsichten bewegt haben soll, mit ihrer erstaunlichen Artenvielfalt ein einzigartiges Biosphärenreservat dar, das als solches von der UNSECO 1990 erklärt wurde. Bereits der hier ansässige einflussreiche Entomologe Jean-Henri Fabre konnte durch das genaue Studieren der reichen Biodiversität vor seiner Haustür wegbereichernde Beobachtungen für sein Fachgebiet machen und damit die Einzigartigkeit der lokalen Natur auf internationale Bühne präsent machen. Denn durch seine beeindruckende Höhe durchläuft man die verschiedensten Vegetationszonen vom Fuße inmitten der charakteristischen provenzalischen Landschaft bis zum kahlen Gipfel. Neben den verschiedenen Höhenlagen ist die bunte Vielfalt an Tieren und insbesondere jene der Pflanzen dem reichhaltigen Kalkstein geschuldet, aus dem der Mont Ventoux besteht. Dabei mag es ein wenig überraschend klingen, dass das Gestein des hohen Berges als Riffkalkgestein einige fossile Meeresbewohner in sich trägt. Doch ist die Provence generell für ihren kalksteinreichen Boden bekannt, der einst Meeresboden war und sich vor Millionen vor Jahren zu dem Giganten der Provence auftürmte und das einzigartige Reservoir für allerlei Pflanzen auch in verschiedenen Höhen ermöglichte. Besonders bekannt ist jedoch eine ganz exklusive Delikatesse der Region, die vor allem in der Biosphäre des Mont Ventoux hervorragend wächst: der Trüffel

Ein Berg mit vielen Namen

Ebenso vielfältig wie die beeindruckende Natur und gleichzeitig sagenumwoben ist die Bezeichnung des Mont Ventoux. Für die Einen soll sein Name von einem weiteren gigantischen Phänomen zeugen, für das der hohe Berg berüchtigt ist. Auf dem „windigen Berg“, so könnte die wörtliche Übersetzung seines Namens heißen, tobt der Meister der Winde, der Mistral, besonders heftig. Nicht ohne Grund fegte der Mistral hier 1967 mit seiner Rekordgeschwindigkeit von 320 km/h über den kahlen Gipfel. Stürmisch ist es daher nahezu täglich in den unbewaldeten Höhen des provenzalischen Riesens. Nicht verwunderlich ist es daher, dass bereits die Kelten auf dem stürmischen Gipfel eine Windgottheit vermuteten und verehrten, wofür einige mutige Kelten sogar den steilen Anstieg hoch hinauf gewagt haben sollen.

Es ist daher umso erstaunlicher, dass nach neuerer etymologischer Forschung der Name des Giganten der Provence gar nicht in Zusammenhang mit dem windigen Klima steht und nicht einfach mit „windiger Berg“ übersetzbar sei. Umstritten ist dabei, woher das Attribut „ventoux“ stammt, welches nur in der Bezeichnung des gigantischen Berges vorkommt. Langezeit galt es als gesichert, dass der Berg nach seinem stürmischen Klima betitelt wurde und ähnlich wie sein vermeidlicher lateinischer Name „Mons Ventousus“ benannt ist. Allerdings lassen sich in der Heimat des Mont Ventoux vermehrt Bezeichnungen für Orte oder Kulturgüter finden, die die Vorsilbe Ven- tragen. Orte wie Venasque oder Vence in der Provence, aber auch Venaco auf Korsika zeugen vom Erbe der provenzalischen bzw. südfranzösischen Sprachen. Überraschend mag es dabei sein, dass diese Silbe jedoch nicht, wie man ebenfalls aus dem französischen Wort für Wind „vent“ vermuten könnte, von stürmischen oder vom Mistral geprägten Klimabedingungen zeugt. Vielmehr haben all diese Orte gemeinsam, dass sie sich in leichter Erhöhung oder auf einer Anhöhe befinden und daher eher eine Art Erhebung beschreiben. Neben Ven- findet man in Ventoux ebenfalls die in der Provence geläufige Nachsilbe -tur, die üblicherweise eine Distanz ausdrückt. Verbindet man diese beiden provenzalischen Silben, wie es bei Ventoux der Fall ist, so ist der Gigant der Provence womöglich nicht aufgrund seines Klimas benannt, sondern nach seiner beeindruckenden Größe. Einige Etymologen gehen daher davon aus, dass der Berg als jener bekannt ist, „der schon aus der Distanz zu sehen ist“, denn dies könnte Ventoux im provenzalischen Sinne ebenso heißen.

Es fällt schnell auf, dass der Mont Ventoux viele Namen trägt, egal ob er als heilig, windig oder gigantisch bezeichnet wird. Selbstverständlich ist der hohe Berg bei den Provenzalen trotz seiner eventuell andersdeutigen Benennung für sein stürmisches Wetter berüchtigt und wird daher gerne als „Berg des Windes“ bezeichnet. Doch damit nicht genug. Neben seinem Spitznamen als „Géant de Provence“ trägt er ebenso aufgrund seines kahlen Gipfels und teils unbewaldeten Flanken den Titel eines „geschälter Berg“, als „Mont Pélé“. Doch dieser Name ist keineswegs auf eine rein natürliche Gegebenheit des hohen Berges zurückzuführen. Vielmehr erlangte der Mont Ventoux diesen Spitznamen zur Zeit des Ancien Régime, als seine ehemals üppigen Wälder an seinen Flanken gerodet wurden, um den enormen Holzbedarf der französischen Krone decken zu können, mit dem insbesondere militärisches Gerät gebaut werden sollte. Der Mont Ventoux wurde mitleidig als „nackt“ oder „rasiert“ von den Provenzalen bezeichnet, verlor der hohe Berg nicht nur seine prachtvollen Bäume, sondern mit ihnen eine ganze Reihe an Tier- und Pflanzenarten, deren ehemaliges Habitat durch die massiven Abholzungen zerstört wurden. Noch heute ist es daher ein Bemühen, den ehemaligen Bestand der Bäume und seinen Bewohnern wiederherzustellen, so sind die Hänge des Mont Ventoux bereits wieder aufgeforstet, doch ist sein Spitzname als „Mont Pélé“ insbesondere bei dem gigantischen Schotterfeld unterhalb des natürlich kahlen Gipfels nach wie vor sichtbar.

Radsport

Der Mont Ventoux ist nicht nur einer der „heiligen Berge“ der Provence. Vielen ist der mystische Berg in diesem Kontext eher als einer der „heiligen Berge“ der Tour de France bekannt und als solcher wie kein anderer Berg im Süden Frankreichs berüchtigt. 1951 erstmals als einer Etappe des bekanntesten Radrennens der Welt etabliert, führte die Tour seitdem 17 Mal über den hohen Gipfel des windigen Berges. Der steile Anstieg mit dem Fahrrad gilt daher zurecht nicht nur während der Tour de France als besonderer Reiz für Radsportlern. Dabei ist er nicht nur wegen seiner enormen Steigung gefürchtet wie beliebt, sondern gilt auch angesichts seines Extremwetter als besondere Herausforderung. Nicht nur die häufig stürmischen Böen des Mistrals gefährden den Anstieg oft, sondern ist insbesondere die Sonne auf dem kahlen Kalkgestein besonders intensiv zu spüren. Jährlich wagen sich trotzdem hunderte von Radsportlern auf den Weg hoch hinauf und versuchen den extremen Bedingungen zu trotzen. Doch sollte man den Aufstieg keinesfalls unterschätzen. Schließlich erlangte der Mont Ventoux in der Radsportszene 1967 auch zu trauriger Berühmtheit als bei der Tour de France der Radsportprofi Tom Simpson kurz vor dem Gipfel zusammenbrach und wenig später noch auf dem Mont Ventoux verstarb. Als sich später herausstellte, dass er große Mengen Amphetamine und Alkohl genommen hatte, um dem enormen Leistungsdruck gerecht zu werden. Sein Gedenkstein am Mont Ventoux steht daher auch im Zeichen gegen Doping und unwirklichen Erfolgsdruck und macht den Berg zu einem ganz besonderen Ort des Extremsports.

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