Manosque

Manosque gehört zu den wohl authentischsten Orten der Provence, ist er einer der wichtigsten und größten im Herzen des Nationalparks des Luberon und gleichzeitig wie kaum ein anderes Dörfchen Inbild des Provenzalischen. Seine Bedeutung für die Region ist dabei nicht nur an seine vergleichsweise hohe Einwohnerzahl gebunden, sondern vielmehr seinem reichhaltigen historischen Erbe zu verdanken, das so eng mit der Provence verbunden ist wie kaum ein anderes. Als Verkörperung des Provenzalischen lässt sich im idyllischen Stadtbild stets das „savoir-vivre à la provençal“ spüren, das in Vielem seinen Ursprung hier hat. Gleichzeitig eindrucksvoll von seinem berühmten Schriftsteller Jean Giono beschrieben, bleibt Manosque jedoch sagenumwoben, denn seine Geschichte birgt ebenso einige Legenden und Sagen.

Geschichte

Um den Ursprung von Manosque und seiner ersten Besiedlung ranken sich einige Legenden. Unsicher ist es daher, wann genau die Ortschaft gegründet wurde, denn es scheint, als war das Gebiet der Gemeinde schon immer belebt. Fest steht jedoch, dass es bereits zu Zeit der Römer von Ansehen war und damit seine erste Bewohnung im zweiten oder dritten Jahrhundert datiert wird. Sei es, ob Hannibal, der größte Feind Roms, auf seiner Rückkehr aus Afrika mit seiner Armee und seinen Elefanten 218 v.Chr. an der Durance entlang nach Rom das Gebiet des heutigen Manosque durchquerte und hier Halt machte oder ob es ein römischer General namens Manueascu war, der die hier angesiedelten Kelto-Lingurer belagerte – die Ortschaft war in der Antike bereits von Bedeutung. Außerdem gibt ein weiteres Indiz Hinweise auf die Besiedlung zu antiker Zeit. So hieß der Ort ursprünglich „Manasq“, woraus sich später der heutige Name entwickelte. Dies soll sich aus kelto-lingurischer Sprache ableiten und ist das Dorf nach seinem Hügel benannt, auf dem seine Bewohner leben. Denn genau dies soll der Name der Kleinstadt bedeuten: von „man“ für „Hügel oder Berg“, zusammengefügt mit „asq“ für „Leute, die hier leben“.

Die erste namentliche Nennung des Ortes ist jedoch mit einem erschütternden Ereignis verbunden, dass sich um 900 zugetragen haben soll. Die Sarazenen stürmten und plünderten den Ort, sodass seine Bewohner in die benachbarten Dörfer und umliegenden Hügel flüchten, nur um nach dem Sturm in ihr völlig zerstörtes Manasq zurückzukehren. Trotz dieses tragischen Vorfalls erholt sich die Gemeinde im Mittelalter und floriert unter der Herrschaft der provenzalischen Grafen. So werden der Stadt 1207 einige Privilegien zugesprochen, die bis zur Französischen Revolution Bestand haben. Aus dem Spätmittelalter zeugen zwei weitere Sagen, die, wie die Entstehung und der eigentliche Name der Stadt, Manosque bis heute zwei Spitznamen verleihen. Zum einen trägt sie den Namen als „la fleurie“, die Blühende, soll Königin Jeanne 1370 zur Zeit der wundervollen Mandelblüte Manosque besucht haben und dermaßen von dem Blütentraum verzaubert gewesen sein, dass sie das kleine Dorf nach diesem benannte. Gut zweihundert Jahre später sollte der französische König François I. 1516 dem Ort einen Besuch gestatten, dem die bildhübsche Tochter des hiesigen Konsuls, Pérone de Voland, die Stadtschlüssel übergeben sollte. Besorgt um ihr Auftreten und ihr Aussehen, denn die gesamte Aufmerksamkeit des Königs würde auf ihr ruhen, hielt Pérone ihr Gesicht in Schwefeldämpfe, um ja nicht zu erröten. Von dieser Geste war der König so gerührt, dass er der Familie seine Gunst und Freiheiten gewährte und Manosque den Beinamen „la pudique“, die Schamhafte, gab.

Manosque ist jedoch auch Ort eines gefürchteten Naturphänomens. Bereits Anfang des 16. Jahrhunderts wurde das Dörfchen von einem Erdbeben heimgesucht, doch im Jahr 1708 soll es zu mehreren unbeschreiblich heftigen Beben gekommen sein. Starke Erdbeben erschüttern die Stadt, lassen den Großteil der Gebäude einstürzen und hinterlässt nicht nur deutliche Spuren auf dem völlig zerstörten Geländer, sondern vielmehr in den Köpfen seiner Bewohner. Doch wie durch ein Wunder, so scheint es aus heutiger Sicht, wurde kaum ein Bewohner verletzt oder Niemand getötet, obwohl das Beben so heftig wie selten war. Verließen die Bewohner klugermaßen nach ein paar Tagen des Bebens den Ort und kehrten erst zurück, als sie die Erde unter ihren Füßen beruhigt hatte, so ist es trotzdem verwunderlich, dass es genauste Zeugnisse über die Zerstörung gibt, jedoch keine Todesopfer verzeichnet sind. Sogleich beginnen die tapferen Manosquins mit dem Aufbau ihrer Stadt, doch soll das mittelalterliche Stadtbild erst spät verändert werden, denn die Stadt wird erst im 19. Jahrhundert modernisiert.

Sehenswertes

Aus der bewegten Geschichte Manosques birgt die Stadt heute noch einige bemerkenswerte und eindrucksvolle Überreste. Vor allem die Kirche „Notre Dame de Romigier“ ist ein besonderer Ort. Hier ruht eine Statue, die seit Jahrhunderten von den Manosquins verehrt wird: die schwarze Jungfrau. Die Statue aus Ebenholz stammt vermutlich aus dem 12. Jahrhundert und ist Schutzpatronin des Ortes. Laut Legende soll die Beschützerin der Stadt aus einem sagenumwobenen Sarkophag stammen, der ebenfalls in der Kirche zu besichtigen ist und der von einem einfachen Bauern unter einem Rosenstrauch entdeckt worden sein sollte. Denn dort soll sie vor den Sarazenen versteckt worden sein, war sie ursprünglich noch auffälliger in bunter Bemalung und aufwendigen Gewand. Doch sie überstand die Invasion der Plünderer und wurde zunächst nach ihrem Fundort dem Rosenstrauch, „roumi“ auf Provenzalisch, als „Notre Dame de Romigier“ bezeichnet. Ihr zu Ehren wurde die Kirche, die nun auch den Namen ihres wertvollen Schatzes trägt, im 10.Jahrhundert auf den ersten Besiedlungsspuren der Stadt gebaut. Im Laufe der Zeit wurde die eindrucksvolle Kirche mehrmals umgebaut und wiederaufgebaut und vereint daher Elemente verschiedener Epochen und Stile in sich. Stets war dabei die Heilige Jungfrau, die ihr Kind auf ihrem linken Knie trägt, zu besichtigen, so ist sie noch heute Herzstück der Kirche. Bis ins 14 Jahrhundert hinein blieb die „Notre-Dame de Romigier“ das einzige Gotteshaus von Manosque, bekam sie jedoch 1372 Gesellschaft, als die Kirche Saint Sauveur nach beinahe zweihundert Jahren Bauzeit eingeweiht wurde. Beide Kirchen schmücken heute die Altstadt des geschichtsträchtigen Ortes.

Doch neben den beiden bemerkenswerten Kirchen bietet der historische Stadtkern von Manosque noch viele weitere herrliche Gebäude. Zusammen mit liebevoll verzierten Gässchen mit allerlei Geschäften und Platanen gesäumten Plätzen verzaubern die Bauwerke das Dorf zu einer provenzalischen Idylle sondergleichen. Besonderes hervorstechen tut dabei das „Porte de la Saunerie“, das zu einem der vier Stadttore gehört, die einst den Eingang nach Manosque aus allen Himmelsrichtungen ermöglichte. Ehemalig waren es die Tore von Guillempierre, Soubeyran, Aubette und Saunerie, die alle nach und nach mit dem Wachsen der Stadt gebaut wurden und den Zugang besser kontrollierbarer machen sollten. Heute ist jedoch nur noch das „Salztor“ im Süden als imposantes Wahrzeichen der Stadt erhalten, das nach wie vor zahlreiche Besucher willkommen heißt.

Inbild der Provence

Manosque ist Heimatstadt des wahren Provenzalen Jean Giono, der neben seinem Kollegen Fréderic Mistral seine geliebte Heimat in zahlreichen literarischen Werken verewigte. Er gilt als einer der Verfechter und Antreiber der provenzalischen Kultur und Tradition, die er mit seinen Prosawerken befeuerte und überregionalen bekannt machte. Denn als „le voyageur immobile“ (der unbewegliche Reisende), wie Giono gerne genannt wird, verließ er seinen Geburtsort nur ungern und lebte sein gesamtes Leben hier. Kontakt zu anderen Schriftstellern seiner Zeit oder an einer Vernetzung in der nationalen oder gar regionalen Literaturszene lag Giorno wenig, genoss er die Einsamkeit in seinem engsten Verwandtenkreis in seiner geliebten Provence. Inspiriert durch seine geschätzte Region, machte er Manosque zur Kulisse vieler seiner Werke, in denen er das Land nicht nur beschreibt, sondern durch seinen Stil aufwertete und stets würdigt. Die Natur, die Landschaft, die Bewohner und Dörfer – ja alles „Provenzalische“ – nimmt in seinen Werken eine selbstständige Gestalt an, wird mal Hauptfigur, mal Nebencharakter, wenn das hiesige Licht, Farben, Gerüche und Begebenheiten durch die Worte Gionos zum Leben erweckt werden. Gerade deshalb ist Giono Gallionsfigur für die Provence geworden, würdigten sonst nur wenige das Provenzalische auf solch belebende Art und Weise. Tatsächlich ist es jedoch oft Manosque, das selbst Kulisse seiner Prosa wird. So lässt sich oft die Sicht seines Hauses „le Paraïs“ mit Blick auf den „Tour des Mont d´Or“ und auf die Dächer der Kleinstadt, sowie zahlreiche andere Begebenheiten des Ortes und seiner direkten Umgebung, in seinen Werken wiederfinden. Damit erhob er Manosque zum Inbegriff des Provenzalischen und allem, was dazugehört.

Allerdings war es vermutlich nie die Intention Gionos zum Vertreter der Provence gekürt zu werden und eingezwängt in eine Strömung oder Stil erinnert zu werden. Denn er soll stets viel Wert daraufgelegt haben, sich von von der allgemeinen Literaturszene abzuheben und gegen den Strom zu schwimmen. Zudem sprach er selbst kein Provenzalisch, ließ gut die Hälfte seiner Werke auch außerhalb der Provence spielen und bezeichnete sich selbst nie als Verfechter seiner Region. Allein sein Beschluss, sich der Literatur zu widmen, ist angesichts seiner Herkunft überraschend. So stammt der Manosquin aus sehr armen Verhältnissen und musste schon früh zum Verdienst seiner Familie beitragen und konnte daher nie die Schule abschließen. Doch trotzdem faszinierte ihn vor allem das eine: große literarische Werke und die Kunst der Worte und des Schreibens. Angetrieben durch seine Faszination und in der Geborgenheit seiner geliebten Heimat schaffte er es schließlich, seinen Träumen des Schreibens nachzugehen. Durch den wenigen Kontakt zur allgemeinen Literaturszene und seinem Hang zu seinem Heimatort wird er selbst und seine Werke vor allem in Frankreich oft als einfach oder bäuerlich abgetan, erhält er nie eine Auszeichnung auf nationaler Ebene. Dafür jedoch werden seine Werke auf internationaler Ebene angesehen, wo er mehrere Auszeichnungen zur Überraschung der französischen Literaturszene erhält.

Auf seinen bekannten Sohn ist das Dorf trotzdem recht stolz. Es widmet ihm ein eigenes Zentrum mit einer einzigartigen Sammlung an seinen Werken, Manuskripten, Korrespondenzen und anderen Zeugnissen. Imposant in den Räumlichkeiten des ehemaligen Stadtpalais wird im „Centre Jean Giono“ klar, dass sich Manosque der Bewahrung und Ehrung der Literatur verschrieben hat. So wird hier nicht ausschließlich der große Schriftsteller geehrt, sondern vielmehr dienen die Räumlichkeiten als Kultur- und Literaturzentrum für kulturell-künstlerische Veranstaltungen und Ausstellungen aller Art, die gemeinsam mit einer Vielzahl an Festlichkeiten und Festivals Manosque zu einer Kulturstadt machen.

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