Der Mistral – ein meisterlicher Wind

Fluch und Segen, Gefahr und Sicherheit, Unruhe und Ordnung – all das ist der Mistral für die Provenzalen. Als Meister der Winde ist er der Herrscher der Provence, räumt er im Frühling und Herbst auf und durchfegt als kalter, trockener Wind das Rhônetal. Essenziell für die hiesige Vegetation und genauso für das provenzalische Gemüt ist der teils heftige Fallwind stets willkommen und angepriesen, jedoch ebenso gefürchtet und mit misstrauen und Argwohn ersehnt.

Meister der Winde

Als „Mistral“ bezeichnen die Provenzalen jenen ihrer 32 Winde, der aus dem Nordwesten weht. Die Lüfte des Mittelmeeres sind bedeutend für die Bewohner der Provence, ordnen sie jedem Wind aus allen Himmelrichtungen einen eigenen Namen zu. Dabei sticht der Mistral besonders hervor, wird er in den regionalen Sprachen stets ähnlich benannt. So heißt er im Provenzalisch „mistrau“ und im Okzitanischen „magistral“, trägt jedoch auch den Namen „maestrale“, sobald er sich in Richtung Italien bewegt. Alle Bezeichnungen zeigen, welch entscheidende Rolle der starke Fallwind in der regionalen Kultur und dem hiesigen alltäglichen Leben haben. Denn er trägt den Titel als „Meister“ der Winde, der herhaben in seinem Herrschaftsgebiet die Natur im Einklang hält. Dabei ist es nicht immer eindeutig, welcher Wind nun der eigentliche Mistral ist, betiteln manche bis an die Côte d´Azur die Böen mit seinem Namen, verbieten andere sich jedoch außerhalb des Nordwestwindes im Rhônetal von ihrem Meister zu sprechen. Für einige andere ist der Mistral Synonym für den kalten, trockenen Wind jeglicher Art.

Als katabatischer Wind ist der Mistral ein kalter, trockner und meist stürmischer Fallwind, der in der Regel heftig weht, jedoch gutes Wetter mit sich bringt. Strömt Polarluft in den Mittelmeerraum, so trifft sie auf die warme Mittelmeerluft und es bildet sich meist das sogenannte Genuatief, ein Tiefdruckgebiet über Italien, und zugleich ein Hochdruckgebiet über der Biskaya. Jetzt fließt die Kaltluft durch den entstandenen Druckunterschied hin zum Genuatief, wo sie durch die Gebirge der Alpen und Cevennen kommt. Und genau hier liegt das Rhônetal – zwischen Alpen und Cevennen. Das enge Flusstal begünstigt die kalten Sturmböen, die von den Gebirgen hierhin abgelenkt werden, denn es wirkt wie eine Düse, sodass die heftige Winde verstärkt werden. Es ist der berüchtigte Mistral entstanden, der über die Provence hinweg noch über Korsika hinaus tobt.

Dabei bahnt sich der Mistral meist lieblich und sanft an, wenn er noch aufgewärmt durch die Landmassen warm weht. Doch schon nach wenigen Tagen ist es aus mit den sachten Böen, jetzt zeigt sich der Fallwind von seiner berüchtigten Seite, für die er seinen Namen trägt. Kalte, stürmische Winde pusten von Nordosten über den Mittelmeerraum, vertreiben zunächst die Wolken, dann die Reste des Sommers oder des Winters und hinterlassen den atemberaubenden tiefblauen Himmel der Provence. Morgens strahlt die intensive provenzalische Sonne und sorgt für ein wenig Wärme inmitten der heftigen Böen. Nachts zeigt sich ein beeindruckender Sternenhimmel. Jetzt ist es die Zeit für Enthusiasten der Astronomie den wundervollen klaren Himmel ungestört beobachten zu können, müssen diese jedoch mit einem deutlichen Temperaturabfall in der Nacht rechnen. Meist weht der Mistral wochenlang über die provenzalischen Böden, reinigt die Natur und schafft Ordnung.

Verwechselt darf der Mistral jedoch nicht mit dem provenzalischen Literaturnobelpreisträger Fréderic Mistral, dessen Nachname von dem meisterlichen Wind herrührt, der jedoch ebenso entscheidend und einflussreich in der hiesigen Kultur war wie seine geliebten Böen. Mistral selbst schätzte seinen namensgleichen Wind als Botschafter Provence und sah in ihm, wie die meisten anderen Provenzalen den Ausgang für die provenzalische Tradition. Damit verehrt die Provence gleich zwei Mistral, die auf ihre eigene Art und Weise ihre Region wie keine andere prägen.

Herrschaftlicher Einfluss

Die Bäume verneigen sich vor dem Meister der Winde. Denn hier lässt sich oft das Phänomen windflüchtiger Bäume sehen, deren Stämme und Baumkronen in die südliche Windrichtung gebogen sind. Nicht nur die Natur gleicht sich gezwungenermaßen an den Mistral an. Selbstverständlich haben die Provenzalen selbst ihre Lebensweise den heftigen Böen angeglichen und damit ihre charakteristische Architektur geschaffen. Diese ist geprägt von allerlei windschützender oder winddurchlässiger Elemente wie den Glockenkäfigen auf den Kirchtürmen oder ganz und gar offenen Glockentürmen. Die Provenzalen passten sich, wie die Natur, an ihren vermeidlichen Herrscher an, und vermieden es in den traditionellen provenzalischen Bauten Fenster zur Nordseite hinauszuhaben.

Allerdings ist der Mistral nicht nur wohlbringend. Besonderes bei Seefahrer im Mittelmeerraum ist der Meister der Winde gefürchtet, tritt er meist doch sehr plötzlich und heftig auf und lässt sich nur ungern bändigen. Mit regelmäßigen Böen von deutlich mehr als 100 km/h oder sogar noch stärkeren Geschwindigkeiten wie dem Rekordsturm von 1967 auf dem Mont Ventoux von 320 km/h, ist er eine eindeutige Gefahr zu See. Einzig allein die östliche Côte d´Azur ist vor dem kräftigen Wind geschützt, sodass die „französische Riviera“ nicht mit den kalten Böen zu kämpfen hat. Anders als die Fischer im Golf du Lion, die zu ihrer eigenen Sicherheit nur mit besonders robusten Booten in See stechen können, die anderes als herkömmliche Fischerboote deutlich teuer in der Anschaffung sind und dennoch keine Garantie sind, bei dem kräftigen Mistral hinaus aufs Meer zu fahren. Ist der Mistral einmal da, so ist es zu gefährlich das Boot zu besteigen und die eigentlich nötige Schiffsfahrt anzutreten. Für andere Liebhaber des Meeres ist der Wind ebenso Fluch und Segen zugleich. Kann er bei Segelsport aller Art die Freude und Leistung nur so ankurbeln, sind und bleiben seine heftigen Böen jedoch stets sehr gefährlich, die zumal wie aus dem nichts auftauchen können. Daher ist es notwendig, die Vorboten des Mistrals lesen zu können. Nicht umsonst zeugen einige uralte provenzalische Weisheiten vom Herrscher der Winde und das Lesen der Wolken ist vielen in Fleisch und Blut übergegangen. Klares Zeichen für den Wind aus Nordwest sind die Lenticulariswolken, die von den ersten Winden des Mistrals in den Höhenlagen langgezogen an Mandeln oder Linsen erinnern. Gemeinsam mit einem romantisch rosafarbenen Sonnenuntergang weiß das geübte provenzalische Auge auch ohne von den typischen Tief- und Hochdrucksystemen zu wissen, dass der Mistral bereits in der Gegend ist.

Nicht nur zu See kann der heftige Sturm Unheil anrichten. In der bereits trockenen Provence ist der ebenfalls trockene Wind, der jegliche Aussicht auf den ersehnten Regen verweht und zusätzliche Trockenheit bringt, ein wirkliches Problem. Der Mistral entzieht dem ohnehin dürren Boden gänzliche Restfeuchte, sodass es nicht nur den Pflanzen schwerfällt zu gedeihen, sondern die Waldbrandgefahr insbesondere in den heißen Sommermonaten zunimmt. Dieses Phänomen hat sich leider in den letzten Jahren intensiviert, regnet es zusätzlich immer weniger und die allgemeine Wasserknappheit wird durch die Mistral Winde stets verstärkt. Zusätzlich werden die Obstbäume und Feldpflanzen durch heftige Böen oft stark beschädigt, sind sie durch die anhaltende Trockenheit zusätzlich geschwächt.

Für die Landwirtschaft ist der Mistral jedoch eigentlich nicht gänzlich von Nachteil, hätte sich sonst in der Obst-, Oliven-, Wein- und Lavendelanbau hier nicht zu jenem essentiellen und charakteristischen Element entwickelt. Dank des heftigen Windes kommen die Bauern oft gänzlich ohne chemische Pestizide aus, vertreibt der meisterliche Wind schädliche Insekten und Pilzsprossen, sodass er zu Land, wie bereits auf dem Meer, Fluch und Segen zugleich ist. Insbesondere für viele Winzer ist der Mistral wesentlich für eine gelungene Saison. Denn, trotz des sich nun verstärkten Regenausfalls, kann es durchaus zu feuchten Weinlesen kommen, die besonderes anfällig für Schädlinge aller Art sind. Durchfegt der trockene Mistral nun die Weinstöcke, ist die Ernte sicher und den köstlichen provenzalischen Weinen steht nichts mehr im Wege. Die ausgezeichnete Qualität der lokalen Produkte ist nicht zuletzt dem Mistral zu verdanken, der nicht nur ihr Äußeres, sondern damit auch ihren Geschmack, auf bemerkenswerte Art und Weise formt.

Für viele Provenzalen steht daher fest: Der Mistral steht wie nichts anderes für ihre Tradition und Kultur. Nahezu ehrfürchtig ersehnen sie die heftigen Winde, die ihre geliebte provenzalische Sonne auf tiefblauen Himmel mitbringt, die Natur reinigt und damit auch das alltägliche Leben eines Jeden ordnet. Meisterlich hält er seine schützende Hand über die Region und ihre Bewohner, und vertreibt allerlei Unerwünschtes. Nicht umsonst trägt er seinen majestätischen Namen, sorgt er in jedem provenzalischen Haushalt für frischen Wind.

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