Forcalquier

In dem kleinen verschlafenen Dörfchen inmitten der Berge zwischen den Montagne de Lure und dem Luberon vermag man nicht jene bedeutende politische Wirkung und Einfluss vermuten, mit dem Forcalquier bereits im Mittelalter die Weltbühne betrat. Gleichzeitig Zentrum für den herrlichen Duft der Provence, Ort des kulturellen Austauschs und der Kunst, und als Idylle eines provenzalischen Dorfes verspricht Forcalquier seither das Provenzalische nicht nur zu leben, sondern ebenso weit in die Welt hinauszutragen.

Geschichte

Die Ortschaft gilt für viele als die Mitte der Provence, ist es stets zwischen den Bergen und dem Flachland, inmitten der fabelhaften provenzalischen Natur. Bot es seither all jene Vorzüge des provenzalischen Landes, ist es von Anbeginn Dreh- und Angelpunkt für Handel und Austausch. Diese ideale Lage wurde schon früh von dem kelto-ligurische Volk der Sogionten genutzt, die das Gebiet vor der Römerzeit besiedelten. Doch auch die Römer erkannten die hervorragenden Bedingungen, die die kelto-ligurische Siedlung mit sich brachte und nahmen das Gebiet im Zuge ihrer Eroberung ein. Strategisch günstig sollte damit ab dem zweiten Jahrhundert einer der wohl wichtigsten Handelsstraßen des Römischen Imperiums das Landes von Forcalquier durchlaufen. Die Via Domitia, die Italien und Spanien auf dem Landwege verband und zur Blüte in vielen umliegenden Orten unter römischer Herrschaft führte, brachte auch nach Forcalquier allerlei Händler mit Waren und Informationen aus allen Ecken der Welt.

Doch es soll im „düsteren“ Mittelalter geschehen, in einer Zeit, in der seine umliegenden Dörfer oft um ihren Glanz aus der Römerzeit bangen, als Forcalquier seine wahre Blüte erfährt. Die Christianisierung, die sich über die Via Domitia von Italien aus in ganz Europa ausbreitete, machte auch vor Forcalquier nicht Halt. Langsam nimmt das bedeutende Bistum Sisteron-Forcalquier seine Konturen an und es bahnt sich seine einflussreiche Machtposition inmitten der Provence an. Mehr als zweihundert Jahre, inmitten des Hochmittelalters vom 11. bis 13. Jahrhundert, verfügt die Gemeinde Forcalquier über ihre größte Ausdehnung und das meiste Land ihrer Geschichte. Inzwischen eigene Grafschaft, spielen die Herrscher dieses weiten Landes im internationalen politischen Kontext eine entscheidende Rolle. Jene Zeit ist geprägt von heftigen Machtkämpfen und Streitigkeiten um die Vorherrschaft im provenzalischen Raum; es stehen sich französische und spanische Grafen gegenüber und auch die Kaiser des Heiligen-Römischen-Reiches mischen sich in die Machtspiele ein. Die Grafen von Forcalquier hingegen nutzen geschickt die Auseinandersetzungen in ihrer Region und waren wohl die wirklichen Gewinner dieser turbulenten Zeiten. Sie schaffen es, Forcalquier zur Hauptstadt ihrer eigenen, souveränen Grafschaft zu erhalten, die mit eigener Währung handelt und nach eigenem Recht richtet. Seine Gerichtbarkeit reicht bis an die Berge von Paris, an die Grenzen von Genf und entlang der Durance zu zahlreichen Gemeinden der umliegenden Region wie Apt, Manosque, Sault oder Isle-sur-la-Sorgue. Teilweise beeinflussen die Grafen von Forcalquier sogar Teile von Avignon, wo alsbald der zweite Papst regieren soll. Geschickt verhandelte der Graf von Forcalquier 1209 die Eheschließung seiner Tochter mit dem Grafen der Provence, wodurch die beiden mächtigen Staaten vereint werden, jedoch daraufhin die entstehende Grafschaft lediglich unter dem Namen der Provence bekannt und mächtig sein wird. Obwohl Forcalquier nun nicht mehr namentlich unter den Mächtigen des Mittelalters vertreten war, war es jedoch stets auf seine Autonomie und Souveränität bedacht und verteidigt diese im Spiel um seine politische Macht.

Denn schon der erste Sohn der neu vereinten Grafschaft, Raimund Berengar V. von der Provence, erster Herrscher der Provence und Forcalquier, wird vier Töchter hinterlassen, die im international politischen Machtgefüge einigen Einfluss haben werden und das edle Blut aus Forcalquier in die Adelshäuser in ganz Europa bringen. Wenigen ist bekannt, dass von hier die „vier Königinnen“ stammen, die mit jenen Königen verheiratet werden, die zu den wohl mächtigsten ihrer Zeit und wenn nicht sogar des gesamten Mittelalters zählen. Die Erbinnen der nun deutlich einflussreicheren Grafschaft der Provence brachten es in das französische, englisch, römisch-deutsche und italienische Königshaus, womit Europa in ihrer Zeit durch und durch von provenzalischem Blut durchflossen wurde. Alle Schwestern hinterließen die Erben der mächtigsten europäischen Königshäuser, womit die vergleichsweise kleine Grafschaft der Provence und Forcalquier in ganz Europa zuhause sein wird.

Ende des 14. Jahrhunderts macht jedoch die allgemeine Krise des Mittelalters, geprägt von Pestepidemien, den ewigen Machtkämpfen und zunehmender Instabilität, auch der stolzen Grafschaft inmitten der Provence zu schaffen. Die Pest macht nicht vor seinen Toren hat, wütet das erste Mal 1348 heftig und bricht immer wieder aus. Jene, die die Epidemien überleben, flüchten aus den verseuchten Ortschaften und so werden auch viele Dörfer der Grafschaft Forcalquier unbewohnt. Sie erholt sich, wie die gesamte Provence, nur schwer von den fatalen Folgen der Krankheitswellen, sodass manche seiner Dörfer jahrhundertelang verlassen und erst mit der Französischen Revolution wiederbelebt werden sollen. Zudem erleidet die stolze Grafschaft Ende des 15. Jahrhunderts einen weiteren Schlag. 1481 annektiert der König von Frankreich die Provence und damit auch das Autonomie liebende Forcalquier, das sich stark gegen die Truppen von Louis XI. von Frankreich wehrte. Erst nach der Französischen Revolution in der ersten République, soll die ehemalige Grafschaft einen Teil ihrer einstigen Macht zurückgewinnen und wird Unterpräfektur. Forcalquier ist und bleibt damit einer der zentralen Pole der Provence und Hauptstadt seines eigenen Kantons.  

Sehenwertes

Aus dieser bewegten Zeit zeugen heute einige Bauten, die Forcalquier mit besonderer Sorgfalt pflegt und hegt, sodass sie sich in einem bemerkenswert guten Zustand befinden. Auf eine Reise zurück in die mittelalterliche Blütezeit lassen sich heute vor allem einige romanische Denkmäler bestaunen. Herausragend ist besonders das Franziskanerkloster „Les Cordeliers“ aus dem 13. Jahrhundert, das 1236 als einer der ersten Niederlassungen der Franziskaner in der Provence erbaut wurde und damit lange Zeit zentraler Ausgangspunkt für die Predigen und Forschung des Ordens war. Leider wurde es während der Hugenottenkriege schwer beschädigt, weshalb sich die hier lebenden Franziskanermönche zurückzogen, sodass zu Zeiten der Französischen Revolution lediglich zwei Mönche im Kloster lebten. Trotz der einstigen starken Zerstörung und darauffolgenden Verwahrlosung sind heute noch ein paar der Räumlichkeiten erhalten, wurden diese jedoch ebenso restauriert, weshalb die Anlage auch Zeuge späterer Baustile ist. Heute ist das ehemalige Kloster wieder Ort der Forschung, widmet sich die „Université européenne des Senteurs et des Saveurs“ hier ganz ihrer Untersuchung von Düften und Aromen, die unteranderem in den ehemaligen Klostergärten angebaut werden. Bereits vor dem bedeutenden Franziskanerkloster wurde jedoch die Kirche „Notre-Dame du Bourguet“ in Forcalquier errichtet, ist ihre Existenz seit 1155 bekannt. Daher ist sie das wohl älteste Gebäude des Ortes, vereint jedoch wie das Franziskanerkloster durch mehrere Anbau- und Wiederaufbauarbeiten verschiedene Elemente unterschiedlicher Zeiten in sich. Generell zeugt Forcalquier von einem reichen kirchlichen Erbe, lassen sich hier noch mehrere religiöse Bauten finden, die von der Bedeutung der Religion in der ehemaligen Grafschaft zeugen.

Auf den Grundsteinen des ehemaligen eindrucksvollen Schlosses der Grafen von Forcalquier erhebt sich heute die Kapelle „Notre Dame de Provence“. Die im neo-byzantinischen Stil erbaute Kapelle wurde 1868 soll an das bedeutende Erbe jener Grafen erinnern, die sich einst auf der globalen Bühne behauptet haben. Daher wird sie von den Forcalquins auch liebevoll „Notre Dame de la Paix“ genannt, sollen die Glocken der Zitadelle nun wie die schützenden Hände der ehemaligen Grafen stets den Frieden und sichere Zeiten in Forcalquier versprechen.

Kulturstadt

Doch Forcalquier ist nicht nur „düsteres“ Mittelalter, vielmehr glänzt es seither durch seinen Hang zu Kultur, Kunst und Handwerk. Als Grafschaft war es bereits zu seiner umkämpften Zeit Mittelpunkt des kulturellen Geschehens und als Hauptstadt eines so wichtigen Herrschaftsgebietes Ort der Innovation, Neugründungen und Selbstverwirklichung. Bereits als zentraler Handelspunkt entlang der römischen Via Domitia gewöhnte sich Forcalquier an seine Rolle als Zentrum des Austauschs und entwickelte eine Toleranz bis hin zur Akzeptanz und Förderung einer Multikulturalität inmitten der Provence. Trotz der allgemeinen Christianisierung des Landes und dem Status als Bistum, kamen seither allerlei Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt hierher und brachten nicht nur ihre Waren mit, sondern vielmehr ihre eigene Kultur, Religion und Geistesüberzeugung, die hier auf ein offenes und tolerantes Klima traf. So war Forcalquier stets offen für Neues und vor allem für Glaubensflüchtling oft Rettung und sicherer Rückzugsort. Erst konnten hierhin Juden vor den mittelalterlichen Prognomen flüchten, besitzt Forcalquier noch heute einer der eher selten anzutreffenden Synagogen in der Provence. Später fanden auch die Waldenser, wie in vielen südfranzösischen Orten, in Forcalquier einen Platz. Seine Glaubensvielfalt verhalt dem Örtchen nicht nur intellektuell und kulturell aufzublühen, sondern soll es später auch vor Angriffen schützen. So blieb es in der Französischen Revolution von deren, hauptsächlich gegen die katholische Kirche gerichteten, Verwüstungen im Vergleich zu anderen umliegenden Ortschaften weitestgehend verschont.

Dieses offene, multikulturelle Ambiente macht Forcalquier zur beliebten Wahlheimat einiger Künstler, Literaten und anderer Kulturbegeisterte. Der Künstler des Fauvismus Raoul Dufy, dessen Werke heute zum festen Repertoire der größten Museen gehören, verbrachte sein Lebensende in Forcalquier. Schon früh war er von Paul Cézanne beeinflusst, der die Schönheit der Provence wie kein anderer einfing und sehr wahrscheinlich in Dufy die Liebe und Neugier auf diese außergewöhnliche Region lenkte. In Forcalquier fand Raoul Dufy schließlich den idealen Ort, um seiner Faszination gerecht zu werden.

Auch in aktueller Zeit ist und bleibt Forcalquier beliebt bei Genießern der Kultur. Als Inbild der herrlichen Düfte der Provence zog es den Gründer der Kosmetikmarke, die wie keine andere die Natürlichkeit und Reinheit der provenzalischen Natur verbreitete, hierher. Olivier Baussan, Gründer von „L´Occitane en Provence“ lebt heute in Forcalquier und lässt sich weiterhin von dem duftenden Erbe des Ortes inspirieren. Denn dafür ist die Stadt ebenfalls bekannt: Sie bringt den traumhaften Duft der Provence in die große weite Welt. Aus den lokalen Destillerien beziehen einige große Parfümerien und Kosmetikunternehmen ihre Aromen und Ingredienzen für ihre Produkte jeglicher Art. Zusammen mit der Außenstelle der europäischen Universität für Düfte und Aromen im Franziskanerkloster und dem hiesigen „Musée Artemisia“, das neugierigen Nasen durch Ausstellungen und Workshops in die Welt der herrlichen Duftwelt der Provence einführt, verspricht sich Forcalquier ganz dem Traum von Lavendel, „Herbes des Provence“ und all den anderen sinneseinnehmenden Aromen seiner einzigartigen Region.

Eine weitere kulturelle Besonderheit, die zugleich ebenso bedeutend für die Region ist, lässt sich jeden Montagmorgen in der Altstadt beobachten. Denn zwischen acht und dreizehn Uhr ist hier einer der wohl schönsten und authentischsten provenzalischen Märkte zu besuchen, der mit seiner Farbenvielfalt, seinen Düften nach allerlei lokalen Delikatessen und Leckereien und seinen zahlreichen traditionellen Ständen und Händlern die Verkörperung der Markkultur ist, für die die Region so berühmt ist. Zwischen mehr als 200 Markständen kann sich zu Füßen der „Notre-Dame du Bourguet“ das Auge gar nicht sattsehen an all den Farben, die Nase wird von den vielen Düften betüncht und es lässt sich die provenzalische Tradition so nahe ergreifen wie selten. Als größter „marché provençal“ der Haute-Provence ist das Geschehen jeden Montagmorgen wahrlich sinnesbetäubend und lässt den Ort wöchentlich in all seiner Schönheit erstrahlen. Für besondere Genießer der provenzalischen Markkultur hält Forcalquier jedoch auch donnerstags ein weiteres traditionelles Ereignis bereit: den Bauernmarkt. Es wird besonders heimlich und traditionell, wenn am Donnerstagnachmittag von 15 bis 19 Uhr rund 15 Händler ihre Produkte anpreisen. Hier kann man sicher sein, ausschließlich Lokales und Regionales erhalten, dürfen hier nur Händler und Erzeuger aus der direkten Umgebung ihre Waren anpreisen. Auf dem „marché paysan“ kann daher jede/r in die reichhaltige provenzalische Kultur eintauchen und diese in ihrem ganzen Reichtum entdecken.

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