Der provenzalische Sternenhimmel

So nahe kommt man dem Himmel und seinen Sternen selten wie in der Provence. Wenige wissen um das besondere Erbe eines kleinen 1.000-Seelen Dorfes inmitten des vermeintlichen Nichts in den sanften Hügeln der Provence, wo kaum einer die phänomenale Entdeckung vermutet, die die Welt bewegte. Denn die Beobachtung des provenzalischen Himmels wird in der Region mit besonders viel Liebe betrieben, kommen hier Begeisterte jedes Alters, egal ob Amateur oder Profi, zusammen, um die Erde zu verlassen und sich auf eine Reise zu fremden Galaxien zu begeben.

Fabelhafte Sicht

Bereits Hobby-Astronomen und Sternenthusiasten erfreuen sich an dem provenzalischen Nachthimmel. Abseits der großen Metropolen, einzig allein in der ruhigen Natur ohne große Lichtverschmutzung, lässt sich alsbald die Sonne untergeht, oft in einen fabelhaften Sternenhimmel blicken, der allerlei Geheimnisse des Alls präsentiert. Besonders, nachdem der Mistral über die Gegend gebraust ist und jegliche Wolken und Partikel aus der Luft vertrieben hat, sind die sternenklaren Nächte eine besondere Vergnügung für alle, die einen Blick hinauf in das Universum werfen wollen. Besonders eignen sich hier natürlich die zahlreichen Hügel der vielen Erhebungen des Vaucluse, des Luberon oder anderen Bergmassiven, von wo aus man nicht nur dem Himmel näher ist, sondern sich oft ein atemberaubender Weitblick eröffnet, der eine vertiefte Beobachtung der Sterne erlaubt. Nicht umsonst existieren in manchen Dörfern kleine Beobachtungsposten, wo sich Begeisterte jedes Alters, egal ob Amateur oder Astronom, immer wieder zusammenfinden und gemeinsam in die Sterne blicken.

Der provenzalische Himmel steht damit stets unter Beobachtung. Dabei gibt es nicht nur einige astronomische Aussichtspunkte, von denen der (Nacht-) Himmel hervorragend zu beobachten ist, sondern tatsächlich mehrere Observatorien in der Gegend des Luberon. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich in der höchsten Gemeinde des Vaucluse, Lagarde d´Apt, eine professionelle Sternenwarte befindet. Im Observatoire „SIRENE“ auf dem Gelände einer ehemaligen Raketenstartzone, die einst von Général de Gaulle persönlich angelegt wurde, in einer Höhe von 1100 Metern ist man den Sternen wahrhaftig so nahe wie selten. Hier verlässt ein jeder Neugieriger bei einem Besuch die Erde, durchwandert Planeten, Sterne und fremde Galaxien und begibt sich auf eine Reise durch Raum und Zeit, wenn der Führung und Präsentation der hiesigen Geschichte, grundlegenden Fachwissens und Instrumente gelauscht wird. Ist die Sternwarte seit 1901 in den Händen eines gemeinnützigen Vereins, haben sich einige Astronomie Begeisterte, die gleichzeitig Profis ihres Handwerks sind, freiwillig dazu entschieden, die Geheimnisse des Alls einem breiten Publikum zu präsentieren und jedem ebenso Begeisterten das atemberaubende 360° Panorama von dem Albion-Plateau aus zu eröffnen.

Der Ort der Sterne

Neben dem etwas kleineren Observatoire SIRENE ist es vor allem die Haute-Provence, die eine tradierte Geschichte mit der Astronomie verbindet. Denn hier ist der Sternenhimmel besonderes klar, die Nächte bieten ideelle Bedingungen für eine erfolgreiche Sternenbeobachtung. Als in den 1920er die Bestrebungen der französischen Regierung, ein modernes Observatorium außerhalb der Lichtverschmutzung von Ballungsräumen auf nationalem Boden zu errichten, fiel schnell die ruhigen Weiten der Haut-Provence auf. Lokale Sternenforscher Forcalquier und Digne hatten hier bereits erste Pionierarbeit geleistet und festgestellt, dass 260 von 280 Nächte pro Jahr ein ausgesprochen qualitatives Bild des atemberaubenden Sternenhimmels garantierten. Damit stand fest, dass das nationale astronomische Projekt in der Provence Früchte tragen soll. Als idealer Standort wurde das bis dahin sehr bescheidene Örtchen Saint-Michel ausgewählt, dass inmitten des ersehnten Nichts ruht, und doch einige Erhebungen bietet, auf denen eine Sternenwarte erbaut werden konnte. 1938 gab sich der kleine Ort d deshalb den Zusatz seiner außergewöhnlichen Sehenswürdigkeit und nennt sich seither „Saint-Michel-l´Observatoire“. Zwar ist das Dorf noch heute sehr klein, zählt es knapp 1.200 Einwohner, doch sind bei der häufigen klaren Sicht mehr als dreimal so viele Sterne an seinem Himmel zu beobachten. Die lokalen Pionierastronomen Jean Dufay und André Couder, die bereits mit ihren Messungen die Standortwahl erleichtert hatten, wurden sogleich mit in die Planung, Regie und Umsetzung des großen Vorhabens einbezogen, sodass Dufay 1937 sogar erster Direktor des neuen „Observatoire de Haute-Provence“, kurz OHP, werden würde.

Damit waren die Grundsteine des sich anbahnenden Erfolgs und internationalen Ruhms gelegt. Dafür musste jedoch zunächst das Herz der Sternenwarte, das Teleskop, aufgerüstet und stets dem neuesten Forschungsstand angepasst werden. Immer leistungsfähiger und genauer wurden die Beobachtungen des Sternenhimmels, fing alles mit einem vergleichsweise kleinen Teleskop von 80cm Durchmesser an. Schnell sollte dieses jedoch aus Paris die neueste Technik in der Warte eintreffen und 1942 jenes 1,20m-Teleskop eingebaut werden, dass zuvor im „Observatoire de Paris“ installiert gewesen war. Jedoch kam zu dieser Zeit, inmitten des Zweiten Weltkrieges, dem Sternenort eine weiter essenzielle Funktion zu Teil. Denn hier wurde der Spiegel, das Kernstück des revolutionären 1,93m großen Teleskops versteckt, mit dem die Franzosen nach dem Krieg in der Astronomie ein internationales Prestige erlangen würden. Gut verborgen in den Hügeln von Saint-Michel, abseits der großen Zivilisation, überstand der wichtige Spiegel den Krieg unbeschadet und konnte danach vervollständigt werden. Nun sollte jener jedoch wieder in sein sicheres Versteck zurückkehren und wurde 1958 am Teleskop des OHPs angebracht. Damit stand hier, im vermeintlichen Nichts, jenes Teleskop, das für sehr lange Zeit das größte Europas sein sollte und stets mit der modernsten und besten Technik aufgerüstet wurde. Inmitten der Haut-Provence, nur den Sternen und dem Universum gewidmet, entstand aus dem anfangs rein nationalen Projekt eine international vernetzte Forschungsgemeinschaft mit Astronomen, Geologen und Physikern aus aller Welt, die gemeinsam unter dem provenzalischen Sternenhimmel forschten.

Eine weltbewegende Beobachtung

Nun sollte es nicht mehr lange dauern und die innovative Technik und das ausgefeilte Engagement der hiesigen Forscher würde zu weltweitem Ruhm führen. Das Team rund um die französisch-schweizerischer Astronomen Michel Mayor und Didier Queloz machten 1995 mit dem ELODIE-Spektrografen, der liebevoll nur „Sophie“ genannt wurde und an dem hiesigen meisterlichen Teleskop befestigt war, eine spektakuläre Entdeckung: Sie fanden den ersten Exoplaneten, Planet 51 Pegasi b. Für ihre phänomenale Beobachtung wurden sie 2019 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet, bieten extrasolare Planeten Hoffnungen auf ihre Bewohnbarkeit für den Menschen und mögliches außerirdisches Leben. Mit dieser Entdeckung wurde das einst bescheidende Dorf inmitten der provenzalischen Natur zu einem global renommierten Ort.

Doch damit nicht genug. Das OHP ist nicht nur für die Astrophysik von entscheidender Bedeutung. Vielmehr ist es heutzutage Pilotstation der Geophysik. Seit Beginn an wird von hier aus neben den Sternen die Atmosphäre untersucht und wichtige geophysische und klimatische Messungen durchgeführt. Mithilfe der hier in den 1970er Jahren erstmals von Gérard Mégie angewendeten LIDAR-Technik, die eine genaue Untersuchung der Atmosphäre bietet, wird noch heute in der „Mégie-Station“ die Entwicklung von Temperatur, Treibhausgase, Umweltverschmutzung, Aerosole oder Winden erforscht und bestimmt. Diese Messungen sind auf nationaler wie internationaler Ebene essenziell, um die Atmosphäre besser verstehen und den Klimawandel mit all seinen Auswirkungen bestimmen zu können.

Damit nimmt das Observatoire de Haute-Provence nach wie vor eine Spitzenposition in der globalen Forschung der Astronomie und Geophysik ein. Immer wieder nehmen die verschiedensten Forschungsteams an Weltraummissionen und Versuchsprojekten überall auf der Welt und an anderen renommierten Observatorien teil. Zudem macht sich die Universität „Aix-Marseille“ die Nähe zu dem geschätzten Ort zu Nutze, ist er immer wieder Zentrum universitärer Forschung. Generell ist es ein besonderes Anliegen der Gemeinde, ihre astronomische Besonderheit einem bereiten öffentlichen Publikum zugänglich zu machen und möglichst viel Wissen und ihre Begeisterung für die hiesige Wissenschaft Jung und Alt zu vermitteln. Daher kann das berühmte Teleskop, das das Einzige Frankreichs ist, das tagsüber besichtigt werden kann, jedoch nach wie vor nachts von Forscherinnen und Forschern aus aller Welt verwendet wird, in einer Führung durch die Sternenwarte besucht werden.

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  1. Avatar von Frank Klingner provefan sagt:

    Die Provence und der Luberon, nicht nur wegen des tolles Tageslichtes immer eine Reise wert, wie man liest. Auch bei Nacht eine tolle Location.

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