Inmitten duftender Zedern verbirgt sich der Traum eines pittoresken provenzalischen Dorfes, dessen Gestaltung dem Geist des berühmten Modeschöpfers Pierre Cardin entspringt. Lacoste erstrahlt in einer unwirklich eleganten Fassade aus weißen Kalkstein, dessen Krönung die alte Ruine des verfallen Schlösschens hoch oben auf dem Berggipfel ist. Ein kleines Dorf mit umso größerer Geschichte und Persönlichkeiten von Literaten und Philosophen bis hin zu Designern und Künstlern, die hier seither ein und aus gehen. Doch das traumhafte Ambiente kann täuschen – sein einzigartiger Charme und internationaler Ruhm ist nicht immer im Sinne der Bewohner Lacostes. Zwischen Weltbühne, perfekten erscheinenden Häuserfassaden und einem vermeidlichen Inbild des provenzalischen Charmes versuchen seine Bewohner stets ihren Alltag à la facon provencal zu bewahren.
Geschichte und das Château
So klein Lacoste mit seinen rund 400 Einwohnern auch sein mag, die Geschichte des verschlafenen Dörfchens ist dafür umso bewegter. Dabei ist sie eng mit einigen großen Namen verbunden – insbesondere jener des Hauses Sade mit ihrem berühmten Vertreter Marquis de Sade, deren Anwesen als Schlösschen auf dem Gipfel über den Ort wacht. Die heute nur noch als Ruinen vorhandene Burg geht jedoch keineswegs aus der Zeit des Adelsgeschlechtes Sade zurück, sondern beweist, dass Lacoste bereits unter den Römern besiedelt war. Die ideale Lage am berghang des Luberon mit Blick auf die Calavon Ebene wurde bereits in der Antike entdeckt, sodass die heutige Burgruine auf gallo-romanische Besiedlung zurückgeht. Doch blieb Lacoste unter römischer Besatzung eher ein kleiner, weitgehend unbedeutender Stützpunkt. Allerdings erlangte es hier schon aufgrund seines reichen Vorkommens an dem außergewöhnlich reinem Kalkstein einen überregionalen guten Ruf. Die Steinbrüche von Lacoste sind daher noch heute ein essentieller wirtschaftlicher Faktor der Gemeinde und förderten seither maßgeblich deren Entwicklung.
Im Mittelalter kam dem kleinen Örtchen jedoch eine neue Funktion zuteil. Nach der römischen Herrschaft war es in der gesamten Region des Luberon eher ruhig geworden und viele Ortschaften weitgehend verlassen. Hinzukommt, dass das 14. Jahrhundert hier als das Jahrhundert der Plagen, Kriege und Raubzüge angesehen wird, von dem auch Lacoste nicht verschont wurde. Das optimal gelegene Örtchen wurde hingegen im 15. Jahrhundert von den Waldensern entdeckt, die als Glaubensgemeinschaft mit offener Kritik an der etablierten christlichen Kirche einen sicheren Rückzugsort in Frankreich suchten. Die Herrschenden der Region begrüßten die Wiederbelebung ihrer Ortschaft und unterstützen die von der damals mächtigen und einflussreichen Kirche verfolgten Waldensern in ihrer Ansiedlung im Luberon. Allerdings traf die Ansiedlung der Waldenser nicht bei allen Herrschenden der Region auf Zustimmung. Lacoste wurde daher Schauplatz eines großen Massakers, dem 1545 viele Waldenser zu Opfer fielen oder sich daraufhin von ihrem einstigen sicheren Ort verabschiedeten. Trotzdem gelang es Lacoste durch die Wiederbesiedlung im Gegensatz zu vielen seiner Nachbarorte wieder an Wirtschaftskraft zu gewinnen und den hiesigen Kalksteinabbau wiederzubeginnen. Doch sicherte die Besiedlung der Waldenser der Gemeinschaft nicht nur ihre finanzielle Grundlage, sondern vergrößerte dabei ihr historisches Erbe, das durch die einzigartigen Überreste der Waldenser zu einem ganz besonderen im Luberon wurde.
Als wäre diese Einzigartigkeit in der Geschichte Lacoste nicht genug, so ergab sich gleichzeitig machtpolitisch eine weitere Besonderheit im ausgehenden Mittelalter. Das kleine Dörfchen fiel im Gegensatz zu seinen Nachbarorten relativ früh an die französische Krone, war es schließlich nicht Teil der Grafschaft Venaissin, die die anderen Ortschaften rund um Carpentras umfasste, sondern Teil der Grafschaft der Provence. Als die Provence 1481 an den französischen König fiel, wurde Lacoste ebenso französisch, während seine direkten Nachbarorte erst nach der Französischen Revolution in Frankreich eingegliedert wurden.
Nach diesen zunächst eher turbulenten Zeiten blühte Lacoste schließlich endgültig durch ihren Handel mit ihrem besonders feinen Kalkstein auf. Das Schlösschen, welches hoch oben über dem Dorf wacht blieb bis ins 16. Jahrhundert in Besitz der Familie Simiane, die mit dem Hause de Sade verwandt war. Erst 1716 vermachte Isabelle Simiane ihr wunderschönes Anwesen ihrem Cousin Gaspard François de Sade, womit die Burg in die Hände der Familie de Sade fiel. Nur wenige Jahre später sollte damit sein wohl bekanntester Bewohner in das Château einziehen: Donatien Alphonse François de Sade, besser bekannt als der Marquis de Sade, der das traumhafte Anwesen aufwendig renovieren und zu einem wahrlichen Schlösschen ausbauen ließ. Als sein Landsitz diente Lacoste dem Marquis als Rückzugsort, unternahm er jedoch stets nur kurze Besuche dorthin. Zwar wertete die Renovierung des thronenden Schlosses das kleine Örtchen deutlich auf, doch wurde durch die Machtübernahme des berühmt-berüchtigten Marquis das hoch gelegene Anwesen Schauplatz seiner gewalttätigen Orgien, in denen er seine obszönen Phantasien auslebte. Hinter den traumhaft hergerichteten Fassaden des edlen Schlosses spielten sich in dieser Zeit einige erschreckende Szenen ab, die bis heute Großteils hinter den schweren Türen der Burg verborgen bleiben. Im Zuge der Französischen Revolution und der Festnahme des Marquis änderten sich die Umstände in Lacoste deutlich. Ohne die regelmäßigen Besuche des Marquis zerfiel das Schlösschen, bis seine ehemalige noble Fassade vielmehr einer Ruine glich. Die Witwe des Marquis verkaufte es schließlich an Bewohner von Lacoste, wodurch das Anwesen nun endlich in die Hände der Gemeinde kam. Ausgebaut wurde es jedoch von den Dorfbewohnern nicht; vielmehr wurden einige der edlen Materialen zum Ausbau von Lacoste verwendet, das ebenfalls unter der Französischen Revolution gelitten hatte.
Es sollte eine ganze Weile dauern, bis das Anwesen hoch oben über Lacoste wiederentdeckt werden sollte. 1952 erwarb der Lehrer André Bouer die zaghaften Überreste des einstigen Châteaus, das nur mehr eine verwahrloste Ruine war. Bouer widmete sein Leben der aufwendigen Restaurierung der Schlossruine und brachte mühevoll Jahr für Jahr wieder Leben auf den Berggipfel von Lacoste. Zwar konnte er niemals den alten Glanz des Schlosses wiederaufbauen, doch ist sein liebevoller Einsatz für den Erhalt der Ruine umso bemerkenswert; restaurierte er teils mit seinen Schülerinnen und Schülern das Anwesen, wodurch der Aufbau zu einem gemeinschaftlichen Projekt der Bewohner von Lacoste wurde. Dies sollte sich jedoch 2001 ändern, als der Modeschöpfer Pierre Cardin sich in den Traum von einem provenzalischen Schlösschen erfüllte und das Gemeinschaftsprojekt zum Investitionsprojekt Cardins wurde. Nun standen deutlich größere finanzielle Mittel zur Verfügung, das Château konnte aufwendig renoviert werden, doch erfolgte der Umbau ganz noch den Vorlieben des Designers aus Paris.
Die Einwohner von Lacoste werteten jedoch nicht nur ihren geliebten Ort durch den beginnenden Aufbau der Burg auf, sondern verwandelten durch ihre Initiative das Dörfchen in einen nicht nur kulturell und geschichtlich bemerkenswerten Ort. Ab den 1860er begannen sie auf ihrem Berghang des Luberon hunderte „Cédrus atlantica“, Atlas-Zedern, zu pflanzen. Die eigentlich aus den hohen Bergen Nordafrikas stammenden Bäume dienten im Naturpark des Luberon als Aufforstungsmittel und sind daher ein besonderes Charakteristikum der Region. Die Förster und Einwohner von Lacoste schufen jedoch ein einzigartiges Refugium am Hang des Petit Luberon. Die „Cédraie“ (der Zedernwald) der Gemeinde zählt zu einer der schönsten Europas, deren wundervolle Flora und Fauna auf einem extra dafür angelegten botanischen Pfad entdeckt werden kann.
Zwischen Traum und Realität
Lacoste scheint stets ausgezeichneter Ort für die Verwirklichung der verschiedensten Träume zu sein. Angefangen bei dem traumhaften weißen Kalkstein, der sich immerzu als wirklicher Traum seit der Antike bewehrte. Auch das einzigartige Naturschauspiel des bezaubernden Zedernwaldes am Petit Luberon ist ein wahrlicher Traum. Doch sei es die Hoffnung der Waldenser hier einen sicheren Rückzugsort gefunden zu haben, die an dieser Stelle zwar ein vergleichbar reiches Erbe hinterließen, gleichzeitig jedoch einem besonders brutalen Massaker zum Opfer fielen. Oder der Marquis de Sade, der sich an diesem Ort ein glanzvolles Schlösschen erbauen ließ, das für viele seiner Gäste hingegen zum Alptraum wurde – Lacoste steht damit immerzu zwischen großen Vorstellungen und einer Realität, in der sich nicht immer alles als traumhaft entpuppt.
Den wahrlicher Ausdruck dieser Ambivalenz bildet der bis dato letzte große Lacoste-Träumer Pierre Cardin. Der Pariser Modeschöpfer erfüllte sich 2001 den Traum eines pittoresken Dörfchens, das ganz nach seiner Feder gestaltet und aufgebaut werden sollte. Mit ihm hatte das Schlösschen nun wieder einen weltberühmten Besitzer, der dabei wie sein Vorgänger André Bouer nicht nur das Château aufwendig renovieren ließ, sondern ebenso von einem malerischen provenzalischen Örtchen träumte. Lacoste scheint seither auserkoren, die Vorstellungen im Sinne der Kunst zu dienen und entsprechend umgestaltet zu werden. So erwarb Cardin nicht nur das Schlösschen, sondern ebenso zahlreiche weitere Häuschen und Grundstück des Ortes und ließ alles mit einer Millioneninvestition in seine Kunststadt umbauen. Dabei lockte er viele Einwohner mit damals phänomenal guten Angeboten, ihm seinen Besitz zu verkaufen und trieb damit gleichzeitig die Immobilienpreise nicht nur in Lacoste, sondern in der gesamten Region maßgeblich in die Höhe. Doch nicht nur durch das Aufkaufen ist es heute nicht verwunderlich, dass Lacoste kaum noch Bewohner, sondern vielmehr Zweitresidenzen aus aller Welt beheimatet. Die Umbauarbeiten und der Traum eines Kunstdorfes inmitten des Luberon stießen bei vielen Dorfbewohnern auf großen Widerstand. Zwar kurbelte Cardin durch seine Maßnahmen den Tourismus und die Grundstückspreise an, doch erschuf er ein rein nach seinem Gusto gestaltetes Dörfchen, dessen plötzliche Veränderung nicht dem entsprach, was die Bewohner von Lacoste über Generationen hinweg aufgebaut hatten. Betrachtet man den Namen der Initiative „Verein für eine harmonische Entwicklung von Lacoste“, so fällt schnell auf, dass die großen Veränderungen des pittoresken Ortes für viele sehr schnell und flüchtig erfolgten. Die Angst, dass die „fremden“ Investoren nur eine kurzfristige Belustigung in der Umgestaltung von Lacoste sehen und das Dorf schnell wieder fallen lassen würden trat neben den generellen Unmut, dass Lacoste nach den unrealistischen Vorstellungen eines reichen Fremden von Grund und Boden renoviert werden sollte. Trotzdem setzte Cardin viele seiner Projekte um und verwandelte Lacoste in einen beigen Traum aus uniform wirkenden Kalksteinhäusern. Allerdings gelang es durch den Widerstand der Ortsansässigen dem Modedesigner nicht all seine beachtlichen Ideen und Projekte umzusetzen, so wurde kein Platz für mehr als 500 parkende Autos geschaffen und auch keine gewaltigen Touristenhotels erbaut, sondern das verträumte Dörfchen behielt zu mindestens von außen den Charme eines malerischen provenzalischen Örtchens.
Ganz unrecht darf man Cardin jedoch nicht tun, immerhin war der Designer wie viele von der atemberaubenden Landschaft des Luberon so fasziniert, dass er in die Region Millionen investierte und dadurch nicht nur Lacoste deutlich aufwertete. Des Weiteren setzte er sich für das Aufblühen der Kultur und Kunst in der Region auf unvergleichbare Weise ein, schließlich wollte er Lacoste in ein „Saint-Tropez der Kultur“ verwandeln. Nicht nur sind ihm die zwei Kunstwerke an der Burgruine zu verdanken, die die Schwere seines Erbes durch seinen Bewohner Marquis de Sade verdeutlichen, sondern ist Cardin das jährliche Musik- und Theaterfestival zu verdanken, dass nicht nur in der einmaligen Kulisse des Châteaus stattfindet, sondern besondere Aufmerksamkeit auf den wohl wichtigsten Ort des Dörfchens lenkt: seine Kalksteinbrüche. In den steilen Abbruch „carrières“ fand Cardin einen traumhaften Schauplatz, der Kunst und Kultur miteinander auf einzigartige Art und Weise vereint, schließlich wird dadurch dem bedeutenden Kalkstein eine besondere Bühne geboten. Damit verwandelte der Modeschöpfer aus Paris Lacoste zu einem Kunstzentrum sondergleichen, das daraufhin sogar den Außensitz der amerikanischen Kunstschule „Savannah College of Art and Design“ beheimatet, die den kunstvollen Charme Cardins in Lacoste in angemessenen modernen Stil weiterführt.