Der Königskuchen der Provence

Das neue Jahr beginnt in ganz Frankreich mit einer süßen Tradition: der „galette des rois“. In der ersten Woche im Jahr und vor allem um „l´épiphanie“ am 6.1 zu Ehren der Heiligen Drei Könige kann jede/r mit etwas Glück einmal zum König oder zur Königin werden, wobei dem dafür gereichten Gebäck eine besondere Rolle in der Provence zuteilwird. Hier wird nicht „nur“ eine einfache leichte Galette serviert, sondern ein wahrlicher Königskuchen, der zugleich die Region und seine Bewohner krönt. Zu den Feierlichkeiten der Heiligen Drei Könige zaubert die provenzalische Backwelt wieder einmal ein wahrliches Meisterstück aus ihren Öfen, die traditionell aufgeladen ebenso die lokalen Delikatessen kürt und damit zu einer Spezialität der Provence gehört.

Herkunft

Ursprünglich wird zu Ehren der Heiligen Drei Könige in den ersten Tagen des neuen Jahres und insbesondere am 6.1 in ganz Frankreich ein Kuchen gereicht, der traditionell aus einem luftigen Blätterteig besteht, der eine feine Marzipanpaste, die „frangipane“ umschließt. Im Kreise der Familie und Freunde wird die „galette des rois“ in gleichgroße Stücke geteilt und gemeinsam als geselliges Zusammenkommen vernascht. In der Marzipanfüllung versteckt sich ein kleiner Glücksbringer, die „fève“, und wartet auf seinen Finder, der zufällig das Stück verzehrt, in der sie sich verbirgt. Es dreht sich alles darum, im Brauch des „tirer les rois“, den „König zu ziehen“. Dem glücklichen Finder kommt dabei große Ehre zuteil, schließlich darf er oder sie nun die beigelegte (Papier-) Krone aufsetzten und sich einmal wie ein/e König oder Königin fühlen. Nicht nur verheißt der Fund der „fève“ Glück und Zuversicht für das kommende Jahr und soll den/die frisch gekrönte König/in in dieser Zeit stets begleiten, sondern soll bis zum Ende des Tages oder des Essens er oder sie von den Anwesenden auf Füßen getragen, bedient und als König/in wunschlos glücklich sein.

Diese Tradition geht bis in die Antike zurück. Im alten Rom wurde ein ähnliches Fest gefeiert, das jedoch sieben Tage lang andauerte und ein paar Wochen vor dem heutigen 6.1 gefeiert wurde, von von dem allerdings die köstliche „galette des rois“ bis in die Gegenwart erhalten ist. In der Woche vom 17.12 bis zum 23.12, der Zeit, in der vor allem der Saturn am Nachthimmel hell leuchtet und die Wintersonnenwende stattfindet, feierten die Römer die Saturnalien. Zu Ehren ihres Gottes Saturn stand in dieser Woche die Landwirtschaft im Mittelpunkt des Geschehens, weshalb ein Erntedankfest den Anfang bildete, das zugleich die gerade vollbrachte Aussaat der Winterpflanzen ehrte. Als wohl größtes Bauernfest im antiken Rom war diese Zeit für die Römer von entsprechender Bedeutung, schließlich ging es um die Nährbarkeit und grundlegende Versorgen mit dem, was heute wohl noch das wichtigste Kulturgut der Franzosen ist: dem Essen. Schnell etablierte sich bereits in der Antike ein Fest, das dem heutigen Weihnachten sehr ähnlich ist. Man beschenkte sich gegenseitig und genoss das Zusammenkommen im feierlichen Rahmen, für den teils sogar Bäume geschmückt und besondere Speisen zubereitet wurden. Neben dem gegenseitigen Beschenken, Schmücken von Bäumen, Festschmäusen, geselligem Zusammenkommen und allgemeiner Feststimmung, war es in dieser Zeit nicht unüblich, die gesellschaftlichen Rollen und Klassen verschwimmen zu lassen oder gar zu vertauschen. Könige organisierten Essen für ihre Untergebenen und beschenkten diese teils mit kleinen Almosen, sodass Seite an Seite über gesellschaftliche Grenzen hinweg gefeiert wurde. Eben aus diesem Brauch des Überkommens von eigentlichen sozialen Barrieren und dem gemeinsamen Feiern entstanden einige religiöse Riten an Feierlichkeiten wie Weihnachten, Karneval oder eben wie die „galette de rois“. Hier kann jede/r durch das Zufallsrad einmal König oder Königin des Festes und des Tages werden, unabhängig von sozialer Stellung, Geschlecht, Alter, Beruf oder sonstigen gesellschaftlichen Rollen.

Verbreitung

So geschah es, dass im 14. Jahrhundert der Anfang heutigen „galette des rois“ gelegt wurden. Tatsächlich beginnt schon hier die entscheidende Rolle der Provence, genauer gesagt jene Avignons, für die Verbreitung des Königskuchens in ganz Frankreich. Als Brauch des Papsttums gelang in der Zeit des Abendländischen Schismas durch den Gegenpapst in Avignon ein runder Kuchen nach Frankreich, der bei der ersten Ziehung der Könige im Dominikanerkloster entscheidend war. Verfeinert mit Feigen, Datteln und Honig wurde dieser Königskuchen zwischen den Herren und Bediensteten zu gleichen Teilen aufgeteilt, doch versteckte sich im Inneren die „fève“, eine Bohne. Derjenige, egal ob Herr oder Bediensteter, der auf die Bohne traf, wurde für diesen Tag zum König ernannt. Diese christliche Tradition verbreitete sich rasch von Avignon aus in ganz Frankreich, wo es an manchen Königstafeln bereits ein beliebter Spaß war, den König des Festmahls zu bestimmen, der nun vermehrt mittels des aus den Mauern des Avignonesischen Papstpalastes entlehnten Kuchens ermittelt wurde.

Zur Unterhaltung des Königs und seines Hofes erfreute sich dieser Brauch auch in der Zeit der französischen Monarchie so großer Beliebtheit, dass er zum festen Bestandteil der Adelswelt wurde. Allerdings war es manchen Königen zuwider, an der Königstafel durch ein einfaches Spiel den Titel für den Abend abgeben zu müssen, weshalb Sonnenkönig Louis XIV. diese Tradition missbilligte und untersagte. Doch seine Nachfolger verzichteten trotz der geschaffenen strengen Etikette oft nicht auf den Königskuchen als Belustigung an der Königstafel. Damit entwickelte sich der einfache Kuchen durchaus zu einem politischen Instrument und wurde zum entsprechenden Symbol des zufälligen Rollentauschs zwischen König und Untergebenen. Doch nicht nur in der Oberschicht war die Tradition eine besondere Freude zum Tag der Heiligen Drei Könige. Durch sein ebenso politisches Symbol kam der Königskuchen auch auf viele Familientische in ganz Frankreich, wobei es sich hier gleichzeitig um den Ausdruck von Wohlstand handelte, es mit den Gewohnheiten des Hofes aufzunehmen und sich den edlen Kuchen leisten zu können. In der Zeit der Französischen Revolution wurde die „galette des rois“ damit zu einem höchst umstrittenen Thema, stand er gleichzeitig im Namen der Kirche als auch des Adels und war somit Sinnbild der beiden Gegner der Revolutionäre. Versuche, den beliebten Dreikönigskuchen zu verbieten, scheiterten jedoch, denn auf ihre besondere Delikatesse wollten die Franzosen beim Umbau ihrer République nicht verzichten. Deshalb wurde das Gebäck kurzerhand in „galette de l´Egalité“ (Kuchen der Gleichheit) umbenannt und zum „Tag der guten Nachbarschaft“ am abgeschaften Fest der Heiligen Drei Könige im Sinne des Teiles und klassenlosen Gesellschaft gereicht.

Dadurch überstand die Galette die turbulenten Zeiten und wird seither wieder als „galette des rois“ traditionell am 6.1 von den Bäckern in ganz Frankreich als edle Süßspeise angeboten und im ganzen Land in allen Gesellschaftsschichten mit großer Freude verspeist. Allerdings bleibt der kleine runde Blätterteigkuchen bis in jüngste Vergangenheit nicht verschont von heftigen Diskussionen. Im Zuge der heute strengen Trennung von Kirche und Staat in Frankreich unter dem Gebot der „laïcité“ sind Religionssymbole jeglichen Glaubens, zu denen auch die „galette des rois“ als Zeichen der Heiligen Drei Könige angesehen werden kann, im öffentlichen Rahmen, also in öffentlichen Gebäuden, Schulen oder Ämtern, untersagt. 2014 und 2015 entbrannte so eine Diskussion über das Reichen einer „galette des rois“ in den Schulen zur Freude der Kinder um den 6.1, schließlich kann diese im Symbol des christlichen Glaubens stehen. Allerdings wurde hier kein einheitliches Urteil gefällt und Schulen in ganz Frankreich verfahren bis heute unterschiedlich mit der Tradition des Königskuchens, der nicht zwingend als religiöser Brauch angesehen, sondern ebenso als Hommage an ihren tatsächlichen Ursprung in der Antike im Zeichen der Wintersonnenwende und der Winterernte dient oder sinnbildlich für das Überkommen von gesellschaftlichen Barrieren begriffen wird. Gleichzeitig bleibt es der Brauch, dem französischen Präsidenten alljährlich eine riesige Galette zu servieren, die vierzigmal größer ist als eine herkömmliche, jedoch ebenfalls keinesfalls religiös motiviert ist, sondern vielmehr im Sinne einer „galette de l´Egalité“ ohne „fève“ die Wertschätzung der Prinzipien der französischen République repräsentiert.

Der provenzalische Königskuchen

Zwar steht heute nicht mehr der Rollentausch im Mittelpunkt des süßen Beisammenseins, ist dies eher einige Tage später zu Karneval der Fall, doch verewigte sich das königliche Ambiente nicht nur in Verbindung mit dem Heiligen Drei Königstag, sondern mit dem servierten Gebäck selbst. Dabei bleibt die Tradition eine ganz besondere in ihrem Ursprunggebiet, der Provence. Der eigentlich luftige Blätterteigkuchen mit der edlen Marzipanfüllung kommt daher hier einige Besonderheiten zugute, die sich bereits in der Bezeichnung als „gâteau des rois“, also als tatsächlicher Königskuchen, widerspiegeln. Teils wird er hier in unterschiedlichen Regionen sogar als „couronne des rois“ (Krone der Könige) oder gar als Königreich („royaume“ oder „fouace des rois“) betitelt. Doch damit nicht genug. Durch seine besondere Zubereitung im Süden Frankreichs verbindet sich die königliche Präsenz mit jener der Region selbst, denn es werden durch regionale Spezialitäten, die charakteristisch für die Provence und ihre Kultur sind, ein einzigartiger Königskuchen in den provenzalischen Backstuben kreiert.

Anstelle des leichten Blätterteiges bildet hier ein festerer Teig, meist ein Briocheteig, die Basis für die Delikatesse. Anders als im Rest Frankreichs ist dieser nicht als (durchgehender) Kreis geformt, sondern als Ring, durftet nach Orangenblütenwasser und funkelt besetzt mit Hagelzucker und kandierten Früchten wie eine Krone. Damit ähnelnd dieser Kuchen jenem, der über das Avignonesische Papsttum in die Provence gebracht wurde und verbindet dabei die Region als königliches Meisterwerk. Die glitzernden kandierten Früchte, die auf dem runden Briochekuchen thronen, sehen nicht nur so aus wie Kronjuwelen, sondern sollen genau an diese erinnern. Doch nicht allein als Edelsteinersatz verzieren die edlen Früchte den Kuchen. Sie tragen ebenso die provenzalische Sonne in sich und repräsentieren als besondere Delikatesse nicht nur das traditionelle provenzalische Handwerk zur Herstellung von Süßwaren aller Art, sondern ebenso die bunte Obstvielfalt der Region und damit die hiesige bedeutende Landwirtschaft. Der frische Duft nach Orange ist dem Orangenblütenwasser zu verdanken, mit dem der Briocheteig beträufelt ist und das ebenfalls eine außerordentlich edle Zutat der provenzalischen Küche ist, die allerlei Delikatessen verfeinert.

Nicht nur Bezeichnung und Zubereitung des Königkuchens sind in Südfrankreich anderes als in den anderen französischen Gemeinden. Ein origineller „gâteau des rois“ der Provence wäre kein Königkuchen, wenn sich nicht auch die wohl entscheidenste Zutat mit dem Charakter der Region verbinden würde. Die „fève“ spielt daher eine besondere Rolle im provenzalischen Briochekuchen. Versteckt wird nämlich eine Miniatur eines „santons“, einer kleinen Porzellanfigur, die normalerweise Herzstück der bedeutenden provenzalischen Krippen sind. Das alt ehrwürdige Handwerk der „sanntoniers“ kommt damit nicht nur zu Weihnachtszeit zum Einsatz, sondern ist ebenso an der Kreation des exquisiten Gebäcks beteiligt. Sind die kleinen Figürchen schließlich oft Ebenbilder der Provenzalen selbst und sehr aufwendig in ihrer Herstellung, so sind sie wahrlich achtenswerte Glücksbringer in den  „gâteaux des rois“, die dadurch ein ganzes Stück veredelt werden.

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