Neujahr in der Provence

Kein Böllern, dafür vielmehr ein kulinarisches Spektakel ist das Neujahrsfest in der Provence. Wie das Weihnachtsfest ist stehen die Feierlichkeiten rund um das neue Jahr ganz im Zeichen des Zusammenkommens und Beisammenseins. Die letzten Tage im Jahr sind damit besonderes in der geselligen Provence eine Zeit der Geselligkeit, des gemeinsamen Austauschs und Zusammenseins von Freunden und Familie. Dieses Gemeinschaftsgefühl lässt sich mit nichts anderem besser begleiten als mit dem köstlichen Essen, das hier Begleiter aller guten Einladungen ist und die festlichen Gesellschaften zu einer besonderen Freunde macht.

Zeit der Gemeinsamkeit

Der Abend des 31.12, der „réveillon de la Saint-Sylvestre“, ist in ganz Frankreich ein Fest der Wiedersehens und Zusammentreffens. Egal ob in der Familie oder mit guten Freunden: Niemand sollte Silvester allein verbringen. Dabei ist vor allem die Provence in Frankreich für ihre gemeinschaftlichen Charakter bekannt und Konzerte, Tanzveranstaltungen, gar teils Silvesterbälle keine Seltenheit. Üblich sind daher die Silvesterfeiern in der gesamten Provence, die viele Provenzalen und Touristen dazu animieren, einen kleinen Trip in einer der benachbarten Städte oder Örtchen zu unternehmen und eine der dortigen Silvesterfeste, Abendessen und andere kulturelle Veranstaltungen zu besuchen. Nicht verwunderlich ist daher das breite Angebot allerlei Feierlichkeiten, die oft auch in exklusiveren Rahmen auf altehrwürdigen „Mas“, urigen Hotels, pittoresken Schlösschen oder sonstigen exquisiten Orten stattfinden. Dabei laden diese Veranstaltungen zu einem kleinen Urlaub über die Neujahrstage ein, die oft genutzt werden, um gemütlich und mit neuer Energie in das neue Jahr zu starten. Es zeigt sich mal wieder die Geselligkeit der Provence, wenn in doch intim wirkenden Festlichkeiten Fremde zusammen das Neujahr begrüßen und ausgelassen miteinander feiern. Gerade in der Provence ist diese gelassene Atmosphäre möglich, verbindet sich doch oft das einzigartige Ambiente der Region mit dem Festcharakter und verwandelt jede Silvesterparty in eine besondere Freude.

Oft ist es so sowohl im Privaten als auch auf organisierten Zusammenkünften ein Dinner, auf dem gut und gerne musiziert, getanzt oder anders gemeinsam Zeit miteinander verbracht wird. Dabei ist es in Frankreich generell unüblich zum Überbrücken der Zeit bis Mitternacht ein bestimmtes Fernsehprogramm oder Ähnliches zu schauen, weshalb man als Deutscher überrascht sein wird über das fehlende Silvesterprogramm im Fernsehen. Allerdings ist es von gutem Ton, die „vœux présidentiels“ des französischen Präsidenten aus dem Élysée Palast zu schauen, der sich alljährlich am 31.12 um 20 Uhr mit seinen Neujahrswünsche an die französische Bevölkerung wendet, das Jahr Revue passieren lässt und hoffnungsvolle Ausblicke auf das Kommende gibt.

Vielmehr steht der Abend ganz im Zeichen des gemeinsamen Austauschs ohne Ablenkung, wo die Wartezeit dann oft doch schneller vorübergeht als erwartet. Und wie könnte das Zusammensein besser zelebrieren werden als mit einem fabelhaften gemeinsamen Essen? Genau deshalb steht nun, eine Woche nach dem letzten Festschmaus am Weihnachtsabend, wieder ein kulinarisches Highlight an, wo die französische Küche all ihre Kochkunst unter Beweis stellt. Denn egal ob im privaten familiären, freundschaftlichen oder gesellschaftlichen Rahmen, das Essen ist an diesem Abend oft wohl der Mittelpunkt des Geschehen. Als der perfekte Begleiter über den langen Abend hinweg und für das gesellige Beisammensein verbindet die Silvestergesellschaft in der ganzen Provence. Hier werden wieder allerlei Köstlichkeiten gereicht, die je nach Anlass variieren. Besonders beliebt sind Raclette oder Fois gras, wobei der Champagner natürlich nicht fehlen darf! Aber auch andere Delikatessen, die als besonders edel gelten werden jetzt serviert. Von Austern über Schnecken oder doch mal die Froschschenkel – jetzt ist die Zeit, wo die französische Küche ihre Klischees bedient. Bei dem ungezwungenen Essen reflektieren viele über das, was in den vergangenen Monaten passiert ist, bringen sich gegenseitig auf den neuesten Stand und tauschen untereinander die besten Neujahrswünsche aus. Bei der Reflexion mit seinen Liebsten darf natürlich auch nicht das gegenseitige Schließen von guten Vorsätzen für die kommende Zeit fehlen. Schnell ist damit der Abend überbrückt und der Wunsch des „Bonne année“ zu Punkt Mitternacht erreicht, wobei die drei obligatorischen „bises“ und ein Glas Champagner nicht fehlen dürfen.

Ein großes Spektakel

Die große Begrüßung des neuen Jahres ist in Frankreich jedoch nicht mit privaten Feuerwerkshows und Böllern möglich, ist das Zünden von Feuerwerkskörper als Einzelperson schließlich gesetzlich untersagt. Das heißt jedoch nicht, dass „la nouvelle année“ nicht mit Ach und Krach eingeleitet wird. Nicht nur zu Hause startet man lärmend mittels Musikinstrumente aller Art, Tischkrachern oder durch lautes Hupen ins neue Jahr. Vielmehr übertreffen sich die einzelnen Kommunen von Jahr zu Jahr mit ihren spektakulären Feuerwerken. Jede Gemeinde, egal wie klein, veranstaltet dabei ihr eigenen offiziell organisierten Lichterzauber am Himmel, der mit Feuerwerksraketen in allen möglichen Formen und Farben jenes des Nachbardorfes zu übertreffen versucht. Zu Mitternacht beginnt damit nicht wie in Deutschland das große private Böllern, sondern viele Gemeindebewohner genießen den Beginn des Neuen Jahres auf dem zentralen Platz, von wo aus das gemeinsame, atemberaubende Spektakel bejubelt werden kann und gegenseitig noch mehr „bises“ ausgetauscht werden können. Dabei sind die Neujahrsküsschen vor allem in der Provence entscheidend, tauscht man doch hier ganze drei bises aus, wie es hier ebenfalls zur alltäglichen Begrüßung Brauch ist. Durch das große Feuerspiel am Nachthimmel genießen jedoch auch viele Familien und Festgesellschaften die wunderbare Show von zu Hause aus, die so der krönende Abschluss des Festabends und kürender Beginn des neuen Jahres ist. Die großen Feuerwerksshows sind jedoch eher außerhalb der Provence besonders in den Großstädten zu finden, denn auf dem Lande bieten die provenzalischen Kommunen zwar oft ebenfalls ein (kleines) Feuerwerk, doch wird die angenehme Ruhe der seligen Landschaft mehr genossen als ein riesiges Lichtspektakel am Himmel. Vielmehr steht hier wiedereinmal die Winterruhe im Vordergrund, die die einzigartige Landschaft verbreitet, weshalb die hiesigen Neujahrsfeurwerke natürlich nicht mit jenen in Paris oder Marseille zu vergleichen sind und manche Provenzalen daher die vielen angebotenen Feierlichkeiten nutzen, um in den Großstädten den großen Feurwerkshows beizuwohnen.

Anders als in Deutschland kennt man in Frankreich ebenfalls nicht zeitüberbrückende und zukunftvorhersagende Traditionen wie Blei-, oder Wachsgießen, doch geht der letzte Tag des Jahres nicht ohne kleine Geschenke oder Mitbringsel zu Ende. Dabei sind die sogenannten „étrennes“ eine wunderbare Gelegenheit, sich bei all denen zu bedanken, die einen im vergangenen Jahr begleitet, unterstützt oder anderweitig den Alltag ein kleines Stückchen besser gemacht haben. Es handelt sich oftmals um eine kleine finanzielle Gabe, sei es an die Enkelkinder, die Eltern oder Freunden, aber ebenso an gemeinnützige Unterstützerinnen und Unterstützer aller Art. Über den ganzen Januar hinweg ist es daher üblich, eine kleine Spende an die lokale freiwillige Feuerwehr, Pflegediensten, Reinigungshilfen, Postbotinnen und Postboten und jeder und jedem zu geben, die/der eine kleine Aufmerksamkeit verdient hat. Tatsächlich geht die Tradition der „étrennes“ bis in die Antike zurück, wo die Römer kleine Gaben an all ihre Lieben und Geschätzten zu Beginn des neuen Jahres gegeben haben. Der Name der gütigen Geschenke entspringt daher der römischen Göttin Strena, die im Römischen Reich am ersten Januar für ihre Rolle als Gebende mit Spenden aller Art gefeiert wurde. Bis heute hält sich dieser Brauch in ganz Frankreich, weshalb es jetzt die Zeit ist, wo viele Organisationen zu Spenden aufrufen.

Lange Feststimmung

Die Freude über das neue Jahr verbreitet noch nahezu eine Woche lang ein ausgelassenes Ambiente in den Häusern der Provence. Nicht nur die verteilten kleinen étrennes bereiten noch einige Zeit allgemeinen Frohsinn, sondern steht am 6.1 der Abschluss der Feiertage mit dem Fest zu Ehren der Heiligen Drei Könige an. Die Franzosen feiern „l´Épiphanie“ weniger mit dem in Deutschland verbreiteten Sternsingen, sondern, wie sollte es anders sein, wieder mit einer ganz besonderen Delikatesse. In der Woche ab Neujahr wird auf jedem Tisch in Frankreich eine „galette de rois“ serviert, die zugleich eine ausgesprochene Köstlichkeit als auch Orakel für das kommende Jahr ist. Die Tradition des „tirer les rois“ besagt, im wahrsten Sinne des Wortes, einmal den „König zu ziehen“ und damit für das kommende Jahr Glück und Freunde zu gewinnen. Dabei wird in dem Königskuchen traditionell ein kleines Figürchen, die „fève“, versteckt, die dann dem Glücklichen zufällt, der zufällig genau das Kuchenstück verzehrt, in dem die kleine „fève“ verborgen ist. Dieses Brauchtum ist in ganz Frankreich verbreitet, doch in der Provence wird der traditionellen „galette de rois“ der Zauber der provenzalischen Kultur verliehen. Nicht nur versteckt sich hier eine Miniatur eines „santons“, der kleinen Tonfigürchen in der Provence, die bereits zum hiesigen Weihnachtsfest eine entscheidende Rolle spielen, sondern folgt die Gestaltung des Königskuchens ebenso der provenzalischen Tradition. Wo in den meisten Teilen Frankreich eine „galette de rois“ üblicherweise aus Blätterteig besteht, der mit einer feinen Marzipanpaste gefüllt ist, ähnelnd jener der Provence vielmehr einem stolzen Kuchen als einer luftigen Galette. Deshalb ist hier die Bezeichnung „gâteau des rois“ geläufig, schließlich handelt es sich meist nicht um einen Blätterteig, sondern um einen festeren Briocheteig. Doch damit nicht genug. Ursprünglich blieb der Königkuchen unverziert, doch die Provenzalen versüßen ihr Gebäck mit den hiesigen typischen kandierten Früchten, die auf dem kreisförmigen Briochekuchen wie kleine Edelsteine thronen. Damit ähnelnd der provenzalische Kuchen zu Ehren der Heiligen Drei Könige einer Königskrone, die den französischen Brauch in der Provence wieder einmal zu einem einzigartigen machen. Das Symbol der Krone ist dabei in ganz Frankreich eng mit „l´Épiphanie“ verknüpft, denn der glückliche Finder der „fève“ darf für den Rest des Tages (oder des Essens) eine kleine beigelegte Papierkrone tragen und soll sich entsprechend seines Glücksgriffs im Kreise seiner Geliebten einmal wie ein König oder eine Königin fühlen. In der Provence jedoch kostet jede/r etwas von der köstlichen Krone, auch wenn natürlich hier auch der frohe Finder des Miniatur-Santons eine Papierkrone aufsetzen darf.

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