Kein anderes Fest ist in der Provence von so großer Bedeutung wie Weihnachten. Fest eingebunden in die provenzalische Tradition folgt es bis heute uralte Riten und Bräuchen, die den Weihnachtszauber „à la façon provençale“ erzeugen. Zwischen köstlichen Speisen, geselligem Beisammensein und lichtender Weihnachtsdekoration entfaltet sich am 24.Dezember die Magie von Weihnachten in jedem provenzalischen Haushalt, die die Provenzalen alljährlich entgegenfiebern.
Die Vorbereitung
Bereits den gesamten Dezember über stimmen sich die Provenzalen auf das wohl wichtigste Fest ihrer Region ein. Zwischen traumhaften Weihnachtsmärkten, funkelnder Weihnachtslichtern in den kleinen Gässchen und eigner heimischen Weihnachtsdekoration ist diese Zeit vor allem durch einige verschiedene Bräuche und Riten geprägt, die jeden auf das große Fest einstimmen. Überall beginnen damit jetzt die Vorbereitungen auf das Weihnachtsessen, das die Krönung dieser Brauchtümer sein wird.
Am bekanntesten ist die Provence wahrscheinlich für ihre köstlichen 13 Weihnachtsdesserts, die den krönenden Abschluss des Weihnachtsessens am 24.12 bilden. Zuvor ist „le gros souper“ bereits ein wahrer Festschmaus, denn beim großen Weihnachtsessen am 24. Dezember zeigen die Provenzalen so ziemlich alles, was ihre köstliche Küche zu bieten hat, schließlich ist es das wichtigste Essen im gesamten Jahr. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Weihnachtsabendessen einem strengen, uralten Protokoll folgt. Jedes einzelne Element, von dem Tischgedeck über die richtige Reihenfolge und den Speisen selbst, trägt daher eine eigene Symbolik mit sich und hat einen festen Platz im gesamten Weihnachtsritus der Provence. Damit bildet es den pompösen Beginn der Weihnachtsfesttage, denn das „gros souper“ wird traditionell vor der Mitternachtsmesse im Rahmen der Familie serviert.
Vor dem Essen ist jedoch bereits das Decken des Tisches von großer Bedeutung und folgt strengen Regeln. Mit ganzen drei Tischdecken wird die Festtafel für die anstehenden Weihnachtstage bedeckt, die jeweils für eins der drei großen gemeinsamen Essen genutzt werden. Beginnend mit dem ersten, wohl größten und wichtigsten Essen am Weihnachtsabend, wird das darunterliegende Tischgedeck für das Mittagessen am folgenden Weihnachtstag genutzt und schließlich dient die letzte Tischdecke für das abendliche Essen am 25.12 oder bleibt als Dekoration für die nächsten Tage bis zum Neujahr auf dem Tisch liegen. Die Anzahl der Tischgedecke ist dabei kein Zufall, sondern folgt der strengen Symbolik des gesamten Weihnachtsfestes in der Provence. Daher stehen sie für die Dreifaltigkeit von Gott, Jesus und dem Heiligen Geist.
Passend zur Trinität wird der Tisch mit drei Kerzen geschmückt, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft repräsentieren. Jede Kerze soll damit zur Reflexion über seinen eigenen Platz in Raum und Zeit anregen. Je nachdem, welche der drei zeitigen Kerzen man während des Festschmauses betrachtet, soll man Vergangenes, Gegenwärtiges oder Zukünftiges gleichwertig würdigen, wobei hier vor allem das Gedenken an die Familie im Vordergrund steht. Das Betrachten der Vergangenheitskerze ist zum Erinnern an verstorbene Geliebte gedacht, wohingegen die Kerze, die die Gegenwart repräsentiert, zur Wertschätzung der derzeitigen Familie und Freunde in seinem Leben dient und die Zukunftskerze ganz im Zeichen der Familienerhaltung steht, die zum Denken an zukünftige Kinder und Geliebte anregt, die bald ebenfalls am Weihnachtstisch sitzen werden. Neben den Kerzen dienen das bereits Anfang Dezember angepflanzte „blé de la Saint Barbe“ (Weizen der Heiligen Babara) als weihnachtliche Dekoration auf den Tischen.
Was ebenso nicht fehlen darf ist ein kleiner Weihnachtsbaum und eine Weihnachtskrippe. Dabei ist der Weihnachtsbaum wohl eher eine neue Übernahme und Adaption an das allgemeine Weihnachtstradition. Vielmehr ist es die Krippe, die einen altehrwürdigen Platz in der provenzalischen Kultur einnimmt. Insbesondere die Krippenfigürchen sollte man hier ganz genau betrachten und besonders wertschätzen. Es handelt sich schließlich um die „santouns“; kleine handgefertigten Tonfigürchen, die auf das uralte Handwerk der Santonniers zurückgeht. Diese mit sehr viel Liebe und einer über Generationen weitergegebenen Tradition durch die Hände der Santonniers geformten und bemalten Figürchen bilden in der Krippe eine kleine Provence mit all ihren Eigenarten. Die Weihnachtsgeschichte ereignet sich so inmitten der provenzalischen Landschaft, wo Jesusfamilie vom gesamten provenzalischen Dorf mit Bäcker, Bauer, Bürgermeister bis hin zu Markthändler oder Winzer besucht wird, die von ihren geliebten Tieren wie Schafen, Stieren oder Pferden begleitet werden. Diese einzigartige Weihnachtskrippe der Provence wird bereits in der Vorweihnachtszeit aufgestellt und bleibt bis zum Besuch der Heiligen Drei Könige. Am Weihnachtsabend wird sie jedoch von allen Gästen mit großen Augen beäugt und bildet das Herz des weihnachtlichen Heims.
Das große Weihnachtsessen
Das große Weihnachtsessen glänzt jedoch selbstverständlich nicht allein durch seine traditionelle Dekoration, sondern vielmehr durch seine köstlichen Speisen, auf die sich die Provenzalen das gesamte Jahr über freuen. Wie bereits die weihnachtliche Ausschmückung der Festtafel, ist das eigentliche Weihnachtsessen ebenso aufgeladen von einer Symbolik sondergleichen. Insgesamt sieben verschiedene Gänge werden während des Weihnachtsabends aufgetischt, die allesamt „maigre“ (leicht), das heißt traditionell ohne Fleisch, zubereitet sind. Teilweise hält sich ebenfalls die alte Tradition, beim Kochen nicht nur auf das Fleisch, sondern auch auf tierisches Fett zu verzichten, doch wird auf dieses Ritual nur noch in manchen provenzalischen Haushalten geachtet.
Trotz des Verzichts auf Fleisch sind die einzelnen Gerichte jedoch nicht weniger prunkvoll. Dabei wird in jeder Familie die bunte Vielfalt provenzalischer Produkte auf ganz individuelle Art und Weise genutzt und in sieben köstliche Speisen verwandelt. Oft beginnt das Festmahl mit einer Gemüsesuppe wie dem „aigo bouildo“ oder der „soupe de crouzé“, worauf Fischgerichte mit Gemüse und Salate folgen. Oft dienen auch Schnecken als außerordentliche Delikatesse zum besonderen Essen, sodass das Reichtum der Region in jedem der Gänge feierlich präsentiert wird.
Nach der Verkostung der vorzüglichen sieben mageren Gerichte, machen sich die provenzalischen Familien zur Mitternachtsmesse auf, um die Geburt Christi zu feiern. Ähnlich wie in Deutschland wird diese Nachtmesse zwar als Mitternachtsmesse betitelt, doch beginnt diese oft zwischen 18 und 22 Uhr statt und startet nur noch vereinzelnd tatsächlich um Mitternacht. Denn für die Provenzalen kann es für das eigentliche kulinarische Highlight des Jahres nach der Messe nicht schnell genug nach Hause gehen: Jetzt warten zwar nicht die Weihnachtsgeschenke unter dem Baum, doch es werden die berühmten dreizehn Desserts serviert! Besonders für die Kinder ist dies natürlich nicht die wirkliche Sensation an Weihnachten, denn der Weihnachtsmann kommt in der Nacht vom 24. auf den 25. 12 durch die Kamine der provenzalischen Haushalte, sodass es am Morgen des 25.12 zur großen Überraschung und dem eifrigen Auspacken der Geschenke kommt. Allerdings bildet die dreizehn Süßspeise wohl die süße Krönung des langen Weihnachtsabends, der ganz im Zeichen der provenzalischen Kulinarik steht.