Leises Plätschern, glitzernden Wassers, sanftes Rattern hölzerner Wasserräder und schroffe Felsen – dieses einzigartige Ensemble lässt sich nur an einem Ort der Welt finden: In Fontaine-de-Vaucluse. Das Dorf ist tief verbunden mit dem Wasser, denn hier entspringt die größte Quelle Frankreichs: Die Quelle der Sorgue verwandelt den Ort durch ihr kristallklares, smaragdgrün leuchtendes Wasser in ein kleines Wundermärchen. Damit ist Fontaine-de-Vaucluse einer der wohl bekanntesten Gemeinden Südfrankreichs und zieht jährlich tausende von BesucherInnen an, die sich vom Charme des märchenhaften Wassers verzaubern lassen.
Die Bedeutung des Wassers
Es ist gar nicht so lange her, da ließ sich die sagenumwobene Quelle der Sorgue nicht gleich am Namen seines Ursprungsortes erkennen. Fontaine-de-Vaucluse hieß bis 1946 eigentlich nur Vaucluse, lateinisch von vallis clausa „geschlossenes Tal“, und war damit nach seiner Lage in der engen Schlucht inmitten schroffer Felsen benannt. Unbedeutend war die Stadt jedoch keineswegs, schließlich wurde das Département Vaucluse nach ihm benannt als im Zuge der Französischen Revolution ganz Frankreich eine neue Struktur erlangte. Knapp 150 Jahre teilten sich Gemeinde und Region den Namen, bis zum besseren Verständnis nach dem 2.Weltkrieg die Bedeutung der Sorgue-Quelle Einzug in die Ortsbenennung fand.
Doch der Wert des Wassers wurde nicht erst mit der Umbenennung vom Dorf geschätzt, vielmehr ist seit Menschengedenken Fontaine-de-Vaucluse eng mit der Sorgue verbunden. Es scheint, als entspringe Quelle der Sorgue wie aus dem Nichts aus der mehr als 230 m hohen Felsmauer und bahnt sich ihren Weg entlang des steilen Gesteins. Hier kommen die Gewässer des Mont Ventoux, der Monts de Vaucluse und des Montagne de Lure zusammen, die sich allesamt in einem unterirdischen Becken von mehr als 1.000 Quadratkilometer Fläche sammeln und genau hier in Fontaine-de-Vaucluse aus dem Gestein seinen Weg ins Freie findet. Entsprechend der Jahreszeiten sprudelt die Fontaine nach der Schneeschmelze am Mont Ventoux mit einer außerordentlichen Intensität, was jährlich Spektakel für hunderte Neugierige ist.
Die Schönheit des glitzernden Sprudelns verewigten einige Literaten wie Petrarca, Mistral oder Boccace, die von der machtvollen Magie der Quelle inspiriert wurden. Zur Zeit der literarischen Romantik wurde Vaucluse zu einem Pilgerort für große Talente der französischen Literatur, die dem Rauschen der Sorge folgten und entlang des Ufers einige ihrer berühmtesten Werke verfassten. Der Italiener Petrarca soll sogar so sehr von der Schönheit dieses wundersamen Ortes verzaubert worden sein, dass er ihn zu seiner Wahlheimat erklärte und den Großteil seiner bedeutenden Gedichte verfasste, die den Renaissance-Humanismus entscheidend prägen sollten.
Die Geschichte des Ortes
Doch neben den faszinierten Schriftstellern, war der riesige Felsenkessel stets Anziehpunkt für Neugierige alle Art, die als Geologen, Höhlenforscher, Naturliebhaber oder Abenteuertaucher dem rätselhaften Naturphänomen auf den Grund gehen wollten. So ist es gar nicht so lange her als Anfang der 2000er Gerüchte über einen möglichen Schatz in den tiefen Höhlen der Quelle aufkamen, der nun endlich gefunden worden sei. Tatsächlich spukt der tiefe Schlund oft kleine Kostbarkeiten vergangener Zeiten aus, die sich über Jahrtausende im Höhlensystem verirrten. So beginnt eine kleine Schatzsuche, wenn die Quelle nach der Schneeschmelze über die Ufer getreten ist und Münzen oder andere kleine Gegenstände zu Tage fördert, die vom örtlichen Höhlenverein eingesammelt werden. Zwar handelt es sich hier meist um Münzen der zahllosen Touristen, die ihr Geld aus aller Welt in die Quelle als glücksbringendes Ritual werfen, doch tauchen immer wieder echte kleine Schätze auf, wie antike Bronzemünze aus der Römerzeit, die mehr als 2000 Jahre im unterirdischen System verborgen lagen. Ausgehend von den Gerüchten eines verborgenen Schatzes, machten sich daher 2002 Archäologen auf die Suche nach weiteren römischen Kostbarkeiten. Sie folgten vereinzelten Münzen und stießen schnell auf eine ganze Ansammlung von Münzen, sodass sie letztlich mehr als 1.500 römische Bronze-, Gold- und Silbermünzen zutage förderten.
Diese Entdeckung sagt Einiges über Fontaine-de-Vaucluse und die Bedeutung der Sorgue und ihrer Quelle im Laufe der Geschichte aus. Die verschieden zu verordnenden Prägungen der unterschiedlichen Münzen zeigen die vielfältige Besiedlung des Ortes zur Römerzeit, der bereits zu dieser Zeit zu einem beliebten Besuchsziel gehört haben muss. Damit scheint Vaucluse seit seiner Gründung eine besondere Anziehungskraft auszustrahlen, die die Kraft des Sorgue-Wassers weit über die regionalen Grenzen hinaus verbreiten lässt. Aus diesem Kult um die Quelle als Pilgerort lässt sich jedoch noch etwas anderes Entscheidendes schließen: Die gallo-römische Bevölkerung folgte nicht blindlings des sich etablierenden römischen Christentums, sondern behielt ihre eigenen heidnischen Bräuche, wo sie weiterhin ihre Götter des Wassers und der Quelle verehrten, die die mystische Quelle in der Provence zu einem ganz besonderen Ort machten.
So ist es nicht verwunderlich, dass im Laufe der Geschichte Kultur und Gesellschaft in Vaucluse stets in Verbindung mit der plätschernden Sorgue steht, die die gesellschaftliche Entwicklung entscheidend prägte. Die noch heute erhaltende Papiermühle am Ufer des Flusses zeugen daher von der einstigen Größe des Ortes in der Papierindustrie. Wo ab dem 13.Jahrhundert bis Anfang des 18. Jahrhunderts Vaucluse Zentrum der Papierherstellung war und die Region mit dem immer wichtiger werdenden Rohstoff versorgte, eröffnet heute das Papiermuseum Interessierten die Türen in die Welt des Schreibens und Lesens. Geschickt machten sich die BewohnerInnen Vaucluse seit dem Mittelalter die Kraft ihrer Sorgue zu Nutzen. Sie betrieben zahlreiche Papiermühlen am Ufer des Flusses, die für eine unermüdliche Produktion des kostbaren Materials sorgten und damit die Gemeinde finanziell absicherten.
Wer bei dem Spaziergang zum Quelltopf entlang des Ufers der Sorgue, vorbei an der alten Papiermühle den Blick über die rauen Felsmauern des „geschlossenen Tals“ schweifen lässt, der erspäht hoch oben die Schlossruine, die mit ihren alten Mauern über dem Ort wacht. In direkter Verbindung mit dem Wasser steht diese jedoch nicht, auch wenn sie das Ensemble aus smaragdgrünem Wasser, begrünten steilen Felsen und schäumenden Fluten zu einem wahrlichen Märchen ergänzt. Diese im 4. Jahrhundert erbaute ehemalige Residenz der Bischöfe von Cavallion war jedoch nicht unbedeutend in der Region und machte das Dorf so auch im religiösen Raum zu einem unverzichtbaren Machtzentrum.
Neben den Überresten des einst prächtigen Schlosses, lässt sich ebenso die Kirche Saint-Véran aus dem 11. Jahrhundert im Dorf finden, die auf den Boden eines ehemaligen Wasserheiligtums gebaut wurde. Hier lassen sich also wieder die Spuren der Vergangenheit mit dem Wasser der Sorgue verknüpfen.
Auf Erkundungstour
Besondere Aufmerksamkeit kam der sagenumwobenen Sorgue-Quelle durch die Erforschung des Höhlen- und Quellsystems durch den berühmten französischen Taucher Jaques-Yves Cousteau, der mit seinem Team 1946 die unterirdischen Tiefen des smaragdgrünen Wassers ergründete. Vor ihm hatten mutige Taucher nur bei besonderen Wassertiefständen einen Vorstoß in die Tiefen der Unterwelt gewagt. Ungefährlich waren die Arbeiten des Pioniers der Meeresforschung jedoch mit Nichten: bei ihrem ersten Tauchversuch entkamen die Taucher nur knapp dem Tod, doch Cousteau blieb Zeit seines Lebens von den Tiefen der Sorgue fasziniert. Sein Team kehrte daher immer wieder zurück und versuchte mit neuen Technologien, dem Rätsel der Quelle auf den Grund zu kommen.
Doch es dauerte einige Zeit, bis der Grund der Quelle erreicht wurde. Erst 1985 gelang es mithilfe von Tauchrobotern den tiefsten Punkt der Höhle zu bestimmt, der sich in 308m Tiefe befindet und die Quellenhöhle so zur tiefsten der Welt macht. Bis zu dieser Erkenntnis hatte sich ein regelrechter Wettbewerb um das Tauchen in der Fontaine etabliert, in dem einige Abenteuertaucher dem Nervenkitzel des extrem gefährlichen Tauchens hinunter in die Tiefen nicht widerstehen konnten und sich ein ums andere Mal um den tiefsten Tauchgang überboten. Am weiteres in den Schlund schaffte es der deutsche Tauchpionier Jochen Hansenmayer 1983, als er wahrhaftige 205 Meter in die Tiefe tauchte und damit einen nahezu unmenschlichen Rekord aufstellte. Selbst einzelne Tauchroboter, außer Modexa, der tatsächlich 1985 auf dem Grund landete, erreichten diese Tiefen nicht und versanken im Sog der Quelle. Die Sorge-Quelle stellt damit ein ganz besonderen Ort in der internationalen Tauchercommunity und Höhlenforschung dar, denn er birgt noch immer einige ungelöste Rätsel.