Wo römisches Erbe auf moderne Kunst und die provenzalische Lebensweise trifft, ist Arles mit seinem reichen kulturellen Angebot eine wundervolle Stadt zwischen Camargue und Alpillen. Die flächenmäßig größte Kommune Frankreichs erstreckt sich auf einem Gebiet von rund 760 Quadratkilometern und ist mit ihren etwa 50.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt ihres Départements. Von ehemaligem düsterem Sumpfgebiet stieg der Ort unter römischer Herrschaft zu einer bedeutenden Handelsstadt mit glanzvollem Charme auf, von dem heute ein großes antikes Erbe zeugt. Doch Arles verfügt über vielfältige Facetten: neben römischen Vermächtnis und mittelalterlichen Bauten diente die Stadt dem berühmten Künstler Vincent van Gogh lange als Inspirationsquelle für viele seiner Werke und auch Picasso erfreute sich an dem Ort. Im Zusammenspiel zwischen Geschichte und Moderne gibt es in Arles Einiges zu entdecken.
Von Sumpfgebiet zur Kaiserhauptstadt
Auf dem sumpfigen Gebiet gründeten die Salluvier am Ostufer der Rhône eine kleine Siedlung, die sie aufgrund der Lage „Arelate“, keltisch für sumpfiger Ort, nannten. Ausgehend von der wichtigen griechischen Stadt Massalia, dem heutigen Marseille, errichteten im 6 Jahrhundert v.Chr. die Griechen in Arelate ihr Emporion Theline, das seitdem bedeutsame Handelsbeziehungen zu Marseille pflegte. Die zuvor eher gemiedene Gegend erlebte unter griechischer Herrschaft ihre erste Blütezeit, die wesentliche Grundsteine für den späteren Aufstieg der Handelsstadt legten. Zwar blieb die griechische Kolonie beim römischen Vorstoß in die Gegend im 1.Jahrhundert v.Chr. noch unberührt, doch um den Einfluss Massalias einzudämpfen, errichtete der berühmte römische Feldherr Gaius Julius Caesar in Arles eine römische Militärkolonie unter altem neuem Namen. Colonia Iulia Paterna Arelate Sextanorum oder kurz wieder Arelate wurde zum entscheiden Flottenstützpunkt gegen Massalia, das so 49 v. Chr an die Hände Caesars fiel.
Unter römischer Herrschaft erfuhr Arelate eine weitere deutlich stärkere Blütezeit und konkurrierte schließlich mit dem inzwischen ebenfalls römischen Massalia um die Vorherrschaft im Handelsgeschäft. Unter Kaiser Konstantin erreichte die römische Kolonie ihre ausgiebigsten goldenen Jahren, sodass sie im 4. und 5. Jahrhundert n.Chr. zeitweise unter dem Namen Constantia sogar Kaiserresidenz und 395 Hauptstadt Galliens wurde. Keine sieben Jahre später zog obendrein die oberste weströmische Behörde von Trier nach Arles. Neben der politischen Bedeutung stärkte die Stadt ihre geografische Lage am Kreuz der Römerstraßen Via Agrippa und der Via Aurelia, sowie in der Nähe der Via Domitia, die allesamt Rom mit den weiteren Gebieten des riesigen Römischen Reich verbanden. Folglich wurde Arles zum Drehkreuz aller möglichen Handelswaren und kulturellen Austauschs und stieg zu einer entsprechend ökonomischen Größe auf. Doch nicht nur politisch und ökonomisch war Arles bereits in Römerzeit bedeutend. Ebenso religiös nahm die Stadt bald eine entscheidende Rolle zuteil. So wurde sie im 3.Jahrhundert Bischofssitz mit dem Erzbistum Arles und blieb dies bis ins 19.Jahrhundert hinein.
Nach dem Untergang des weströmischen Reiches fiel die Kolonie erst an das oströmische und schließlich an das Frankenreich, nach dessen Teilung Arles 879 Hauptstadt des Königreich Burgunds wurde. Offizieller Teil Frankreichs wurde der später in das Heilige Römische Reich eingegliederte und zwischenzeitlich als Freie und Reichsstadt geltende Ort erst 1481, als Arles nach seiner Unterwerfung 1251 unter Karl von Anjou gemeinsam mit der Grafschaft Provence an das Königreich Frankreich fiel. Mit dem Aufstieg der Eisenbahn Mitte des 19.Jahrhundert wurde der Hafenort an der Rhône ein entscheidender Knotenpunkt des französischen Schienennetzes, denn aus den ehemalig römischen Verbindungen wurden wichtige Bahnverbindungen, sodass Arles über 140 Jahre lang die größte Eisenbahnwerkstatt der französischen Eisenbahngesellschaft SNCF beherbergte. Damit erstrahlte das einstige Sumpfdorf über die Zeit immer wieder in neuem Glanz und behauptet sich seither als unersetzliche Stadt Südfrankreichs.
Arles und die Kunst
Der eher weniger bekannte Künstlersohn der Stadt, Jacques Réattu, der einige wichtige Kunstwerke während der Revolutionszeit Frankreichs erschuf, träumte von einer Künstlerkolonie inmitten seiner geliebten Heimatstadt. Diese Idee sollte Arles einige Zeit später seinen wohl berühmtesten Bewohner zu Teil werden lassen, der hier zwar nicht lange weilte, doch dem Ort einigen Ruhm bescherte und ihn auf zahllosen seiner bekannten Bilder verewigte. Vincent van Gogh zog 1888 angezogen von dem goldenen Licht der Provence und der Idee, hier eine Künstlerkolonie im Sinne Réattus zu bilden, für gute 15 Monate nach Arles. Doch nur seinen Künstlerkollegen Paul Gauguin konnte van Gogh zu einem Umzug in den Ort bewegen, doch die Stadt und ihre Umgebung wurde Muse vieler seiner weltbekannten Werke. Auf der berühmten „Caféterrasse am Abend“ lässt sich heute noch unter gelben Marquisen speisen und der Flair Arles genießen. Sein Aufenthalt in Arles soll zur intensivsten und produktivsten Zeit des Schaffens des Kunstgenies werden, der hier mehr als 300 Werke in dem kurzen Zeitraum erschafft. Beliebt war der Maler bei den Einwohnern der Stadt jedoch nicht, die den Impressionisten regelrecht aus dem Ort vertrieben. Kaum verwunderlich erscheint dies angesichts der vielen heftigen Konflikte, die van Gogh oft mit seinem Künstlermitbewohner Paul Gauguin austrug. Die Hassliebe der beiden Künstler führte zu einem der wohl bemerkenswertesten Handlungen van Goghs, für die der Maler heute berühmt ist. Als die andauernden durchaus blutigen Konflikte mit seinem Mitbewohner nicht mehr aushält und Gauguin die Stadt verlassen möchte, soll van Gogh in eine derartige Lebenskrise geraten sein, in der er sich das linke Ohr abschnitt. Die anschließende Zurschaustellung seiner Tat vor den Augen der Öffentlichkeit hob das Ansehen van Goghs in der Stadt nicht wirklich an, weshalb dieser wenig später Arles verlässt und in eine Psychiatrische Heilanstalt nahe Saint-Rémy geht. Umso erstaunlicher ist es, wie viele der von ihm portraitierten Orte in der Stadt heute noch zu besuchen sind, die zum Teil genauso erhalten oder entsprechend präpariert wurden. Arles besitzt zwar keines der Werke seines bekannten Bewohners, doch schmückt es sich umso mehr mit seinem berühmten Namen und seiner Verewigung in einer Vielzahl von van Goghs Bildern.
Ein anderer Liebhaber der Stadt war Künstler Pablo Picasso, der eine enge Bindung zum ehemaligen Direktor des Kunstmuseums „Musée Réattu“ Jean-Maurice Rouquette pflegte, unter dessen Leitung 1957 in dem Museum eine erste Ausstellung Picassos stattfand. Picasso begann im Folgenden in seinem ehemaligen Atelier nahe Aix-en-Provence eine Serie von acht Portraits von Jacqueline als „Arlésienne“, inspiriert von seiner Zuneigung zu Arles. Kurz vor seinem Tod machte Picasso der Stadt ein ganz besonderes Geschenk: Er stiftete 1971 eine sorgfältige Auswahl 57 seiner Werke an das Museum. Wiederbelebt durch diese Schenkung beherbergt das Kunstmuseum heute noch die Bilder des Künstlers und stellt diese in einer eigens gewidmeten Etage aus. Hier lassen sich einige eher unbekannte Werke des Malers bestaunen, die eine neue Seite Picassos zeigen.
Sehenswertes
Als einer der sehenswertesten Städte der Provence bietet Arles mit seinem vielfältigen historischen Erbe Einiges zu entdecken und zu bestaunen. Nicht umsonst gehört der Großteil der vielen römischen und romanischen Denkmäler zum UNESCO-Weltkulturerbe. Aus der Antike lassen sich hier vordergründig römische Überreste bewundern, doch auch aus vorrömischen Zeiten findet man hier und dort Spuren keltischer und griechischer Herrschaft. Das bekannteste antike Bauwerk ist unbestritten das Amphitheater von Arles, das um 90 n.Chr. gebaut und ähnlich wie jenes in Nîmes von einer bewegten Geschichte zeugt. Begeisterten sich hier etwa 25.000 Besucher bei den römischen Gladiatorenkämpfen, wurde die Arena im Mittelalter zu einer Festung umgebaut und bot den Bewohnern Arles Schutz bei den vielen Übergriffen und Plünderungen. Heute ist das Amphitheater wieder Ort der Unterhaltung und des Sports, denn hier finden mehrmals im Jahr die für die Region bekannten unblutigen Stierkämpfe statt. Ebenfalls zu Unterhaltung diente das antike Theater, das unter Kaiser Augustus um 25 v.Chr. erbaut wurde und 1651 Fundort der berühmten „Venus d´Arles“ war. Die Überreste des eins imposanten Theaters lassen sich heute nahe der Arena bestaunen, sein bekanntes Fundstück hängt jedoch im Louvre in Paris. Neben den beiden bemerkenswerten römischen Bauten stößt man vor allem in der Altstadt immer wieder auf Spuren der einst bedeutenden römischen Kolonie wie Überbleibsel der Thermen, des Konstatinpalastes oder des römischen Forums.
Das wohl bedeutsamste Bauwerk in Arles stammt jedoch nicht aus antiken Goldzeiten unter römischer Herrschaft, sondern vielmehr aus weniger florierenden Tagen der Stadt. Die mittelalterliche Kathedrale Saint-Trophime wurde als Abteikirche der Benediktiner ab 1130 genutzt und wurde später Bischofskirche von Arles. Benannt zu Ehren des ersten Bischofs von Arles, dem heilige Trophimus, zeugt die Kirche von einer unvergleichlichen romanischen Architektur, die auf ihren Bau zwischen 1100 und 1150 zurückführt. Besondere Bedeutung fiel ihr jedoch nicht durch ihren Sitz einer der wichtigsten Erzbistümer der Zeit zu, sondern durch die Krönung Friedrich Babarossa (Friedrich I.), der in den heiligen Hallen der Kirche 1178 zum König von Burgund ernannt wurde. Als Mitte des 15.Jahrhunderts die romanischen Hallen durch den gotischen Chor und einigen weiteren gotischen Erweiterungen ergänzt wurden, bildet die Kathedrale seither ein einzigartiges Ensemble aus romanischer und gotischer Baukunst. Insbesondere das romanische Portal und der Kreuzgang als Mischung beider Stile gehören zu den Schmuckstücken der Stadt, die gemeinsam mit dem Obelisque d´Arles am Place de la republique das Herz Arles bilden.