In der Provence begegnen einem einige Redewendungen und Ausdrücke, die nicht nur die provenzalische Sprache lebendig halten, sondern vielmehr Ausdruck der hiesigen Kultur und Identität der Provenzalen ist. Zwischen provenzalisch-okzitanischen Begriffen oder bereits in das Hochfranzösische übergegangene Wendungen beeinflusste das Provenzalische nicht nur das regionale, sondern vielmehr ebenso das landesweite Sprachvokabular. In vielen Ausdrücken lässt sich das provenzalische „savoir-virvre“ mit all seinen Traditionen und kulturellem Erbe erkennen.
Die Provenzalen und das Meer
Avoir/faire des yeux de gobi – Augen haben/machen wie eine Grundel (Fisch)
Die Nähe zum Mittelmeer beeinflusst die regionale Identität stark. Nicht verwunderlich ist es daher, dass die Tiere des Meeres oft in provenzalischen Sprichwörtern eine entscheidende Rolle spielen. Die Grundel (französisch „gobi“) ist ein solcher provenzalischer Meeresbewohner, der sich das Mittelmeer und seine mediterranen Häfen zum Zuhause gemacht hat. Der Fisch zeichnet sich durch seine großen Kugelaugen aus, die bei seinem kleinen Körper ein wenig fehl am Platz wirken und ihn stets ein wenig verwirrt ausschauen lässt. Ist ein Provenzale überrascht und reißt die Augen vor Erstaunen auf, so ähnelt sein Gesichtsausdruck dem der gobi. Der Vergleich zu dem mediterranen Meeresbewohner wird jedoch meist angewendet, wenn jemand einen eher dümmlichen Blick oder eine dumme Bemerkung macht, die, wie die großen Augen der Grundeln, deplatziert wirkt.
Ebenso wie die gobi sind die Sardellen an der Mittelmeerküste von besonderer Wichtigkeit. Sie kommen im Wasser vor wie Sand am Meer, werden entsprechend in Massen gefischt und lassen sich so gut konservieren wie kein anderer Fisch, weshalb sie besonders an der Küste ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel sind. Damit wurden Sardellen schnell zum „Essen der Armen“ und stehen seither als Symbol für Elend und Armut. Sieht man jemanden durch gerötete Augen die Erschöpfung oder Krankheit an, so sind in der Provence die Augen von Sardellen umrandet („Avoir les yeux bordés d’anchois“). Sinnbild sind die Augen von dem Elend umrundet, dass zur Erschöpfung und damit zu den ermüdungsroten Augen führt, die an die rötliche Färbung der zur Konservierung in Salzlake eingelegten Sardellen erinnern.
Sardellen und Grundeln sind jedoch nicht die einzigen Fische, die als Vergleiche in der provenzalischen Sprache herangezogen werden. Nimmt man den Mund hier zu voll, so ist man schnell ein baudroie, ein Seeteufel, der mit seinem großen Mund manchmal zu viel des Guten von sich gibt. Der rascasse (Drachenkopf) ist in den Augen der Provenzalen keine Perle des Meeres. Entsprechend unhöflich ist seine Verwendung in Südfrankreich als Synonym für Hässlichkeit. Zwar bedeutet die Nähe zum Meer Einiges für die Provenzalen, manchen ihrer Bewohner tun sie jedoch teils unrecht mit ihrer Sprache.
Die Provenzalen und die Sonne
Lou soulèu mi fa canta (Le soleil me fait chanter) – Die Sonne lässt mich singen
Na, wer singt denn hier unter dem goldenen Licht der provenzalischen Sonne? Genau: Es ist die Zikade, die mit ihrem Zirpen die heißen Tage in der Provence begleitet.
Diese Expression wurde durch den wohl authentischsten Provenzalen in ganz Frankreich berühmt. Es war kein geringerer als Literaturnobelpreisträger Frédéric Mistral, der diese Phrase in seinem Stück „cigale en céramique“ erfand und die Zikade zum Sinnbild der provenzalischen Sonne machte. Hört man Zikadenzirpen, so ist klar, dass die Sonne in vollen Zügen die Landschaft in ihr unbeschreibliches goldenes Licht taucht und der Sommer hereinbricht. Mistral machte die Zikade so zu einem unvergesslichen Symbol der Provence, das, passend zum Titel seines Werkes, oft als kleine bunte Keramikfiguren verkauft werden und ein kleines Stückchen Sonne in jeden provenzalischen Haushalt bringt.
Doch nicht nur in diesem Sprichwort steht die Zikade im Mittelpunkt des Geschehens. Als Sinnbild der sonnigen Provence bildet sie vielmehr Ausgangspunkt vieler weiterer provenzalischen Redewendungen, die meist in Zusammenhang mit der Sonne stehen. Mit der Redewendung „Fai pas bon travaia quand la cigalo canto“ läutet ein Provenzale daher oft die Siesta ein, denn es lässt sich nicht gut arbeiten, wenn die Zikade singt.
Une journée sans vin est une journée sans soleil – Ein Tag ohne Wein ist ein Tag ohne Sonne
Die Zikade ist wohl nicht das einzige Sinnbild der Provence. Seine herausragenden Weine stehen für die Region wie nichts anderes. Dabei liegt nicht nur den Winzern, sondern allen Provenzalen viel an ihrer immer zu strahlenden Sonne. Wein und Sonne sind unzertrennlich von der Provence und wird von ihren Bewohnern hoch geschätzt, weshalb ein Tag ohne einen Schluck Wein oder ohne die goldenen Sonnenstrahlen unvorstellbar ist.
Mistral du samedi n’a jamais vu le lundi – Mistral am Samstag hat den Montag nie gesehen
Was wäre die Provence ohne ihren geliebten Mistral? Dabei ist der heftige Wind gemeint, der besonderes im Frühling und im Herbst für den deutliche Klimaveränderungen sorgt. Er bringt Trockenheit und Sonne mit sich und läutet so oft das traumhafte provenzalische Wetter ein. Entsprechend von großer Bedeutung ist der nördliche Wind für die Provenzalen und ihre Identität, schließlich beeinflusst er seither ihre Lebensweise, denn nicht nur die provenzalische Landschaft wird durch die starken Böen verändert, sondern vielmehr richtet sich die Landwirtschaft und damit die gesamte provenzalische Kultur nach ihrem Meister, dem Mistral. Doch steht fest: windet es heftig am Samstag, so wird es zwei Tage später am Montag traumhaftes Wetter sein. Die heftigen Böen des Mistral halten also meist nie mehr als zwei Tage an, was sich in dieser alten Bauernweisheit erklärt.
Kurze provenzalische Ausdrücke
Vé (Té vé, regarde qui voilà !)
Das kleine Wörtchen vé hört man vielleicht öfter in der Provence. So ist es die dritte Person des imperatif, also der Befehlsform im Französischen, des Verbes vèire, das provenzalisch für voir (sehen) ist. Entsprechend lässt sich diese zwei Buchstaben auch durch regarde oder vois ersetzten, doch ist dieser kurze Ausdruck für ein schnelles „Schau“ doch oft praktischer. Damit allerdings nicht genug. Meist wird das kurze vé mit dem provenzalischen té verknüpft, das an das französische tiens erinnert und damit ebenfalls ein Ausruf ist. Wo die Franzosen oft tiens (hier) rufen, verbinden die Provenzalen ihre beiden kurzen Wörter zu einem deutlich stärkeren Ausruf „té vé“ – „hier schau“.
Péguer
Dieses kleine Verb vernimmt man ebenfalls nur in der Provence, denn es stammt von dem alt-okzitanischen pegar, was eigentlich „mit (Straßen-)Pech markiert/versehen“ bedeutet und von dem Frédéric Mistral in seinem provenzalischen Wörterbuch „pegá“ für Pech ableitete. Alles, das in irgendeiner Art und Weise gut haftet, klebrig, pechig oder gar schleimig ist, wird hier im weiteren Sinne als péguer bezeichnet. Und in der Provence kann so gut wie alles péguer sein, von einem ungeputzten Boden und tatsächlicher Klebrigkeit bis hin zum sprichwörtlichen Nicht-loslassen. Durch die kurze Vorsilbe em- zu „s´empéguer“ verwandelt sich das Wörtchen zu einem besonders bildhaften Ausdruck, denn ein Provenzale kann sich buchstäblich in alle möglichen Situationen „festkleben“. Oft handelt es sich um Probleme, in die man sich verstrickt hat, wobei „s´empéguer“ oft als Synonym für sich betrinken verwendet wird. Gleichzeitig kann es jedoch ebenso für den besonderen Effort stehen, wenn man sich richtig in seine Arbeit „einklebt“.
À l’an que vèn (à l’an que vient) – Im kommenden Jahr
Im kommenden Jahr, da wird alles besser, oder? Auf jeden Fall geht es den Provenzalen so, die diesen Ausdruck als Abschiedsgruß im Dezember verwenden, wenn das neue Jahr kurz vor der Tür steht. Traditionell lautet die Antwort auf diese Verabschiedung „e se sian pas mai, que siguen pas mens”, was auf Deutsch so viel bedeutet wie „und wenn wir nicht mehr sind, lasst uns nicht weniger sein“. Dieser traditionelle Wortwechsel an den Feiertagen um den Jahreswechsel herum zeigt die Wichtigkeit dieser Zeit in der provenzalischen Kultur. So sind nicht nur die berühmten 13 Weihnachtsdessert der einzige hiesige Brauch zum Ende des Jahres, sondern steht diese Zeit vielmehr ganz im Zeichen der Erneuerung und Belebung. Aus diesem Grund wünscht man sich gegenseitig nur Zuwachs und Leben im nächsten Jahr und hofft auf keine Verluste.