Marseille

Direkt am Mittelmeer, erfüllt von der frischen Seeluft und provenzalischem Charme, liegt die älteste und zugleich zweitgrößte Stadt Frankreichs: Marseille. Als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der Provence ist die Küstenstadt damit Mittelpunkt des mediterranen Lebens. Schon vor römischer Besiedlung bedeutend und für ihren kulturellen Austausch bekannt, ist Marseille seither Vorbild für ein multikulturelles Miteinander, weshalb sie 2013 den Titel als Kulturhauptstadt Europas trug. Untrennbar vom Meer, aber ebenso vom provenzalischen „savoir-vivre“ hat die Handelsstadt Einiges zu bieten.

Marseille und seine Geschichte

Bereits seit seiner Gründung nimmt Marseille nicht nur eine zentrale Rolle im Süden Frankreichs, sondern auch im Mittelmeerraum und damit im gesamteuropäischen Gefüge ein. Es rankt sich jedoch eine wundervolle Legende um die Entstehung der Stadt.

Als griechischen Seefahrer aus Kleinasien in die Gewässer des Mittelmeeres die Südküste Frankreichs erkundeten, fanden sie in den Buchten Marseilles Schutz vor den rauen Winden und Wellen des Meeres. Ihre Ankunft an dem bis dato von Kelto-Lingurern besiedelten Gebiet fiel genau auf jenen Tag, an dem der hier regierende keltische König Nann einen Gatten für seine Tochter Gyptis suchte. Diese sollte unter allen jungen Männer der Siedlung auswählen und demjenigen den wunderschönen keltischen Kelch überreichen, den sie zu heiraten wünschte. Doch sie übergab den Kelch nicht an einen Kelten, sondern an den Anführer der griechischen Seefahrer Protis. Ihre Vermählung wurde zu einer Heirat zwischen Kelten und Griechen, aus der die Siedlung Massalia, das heutige Marseille entstand.

Wie viel an der Legende der Wahrheit entspricht ist ungewiss, doch steht fest, dass griechische Seehändler aus Phokaia im 7. Jahrhundert v.Chr. in den sicheren Buchten von Marseille anlegten und mit den keltisch-ligurischen Stämmen Handel trieben. Dabei herrschte ein friedliches Einvernehmen zwischen Griechen und Kelten-Ligurern vor, sodass ligurische Fürsten alsbald ihren treuen Handelspartnern Land an der Mittelmeerküste schenkten. Damit entstand hier zwischen 620 und 600 v.Chr. die griechische Siedlung, die von ihren Bewohnern Massalia genannt wurde.

Unter griechischer Herrschaft erblühte die Polis (griechische Kolonie) und wuchs zu einer der größten und bedeuteten Apoikien im Mittelmeerraum an. Als Apoikia war Massalia selbständig und unabhängig von ihrer Mutterstadt. Alsbald wurden von Massalia aus weitere Polis in der heutigen Provence und an der Mittelmeerküste gegründet, die auch heute noch großen Einfluss auf die Region haben. Bis zur iberischen Halbinsel gründeten Händler und Siedler aus Marseille neue Handelsposten und Städte, wodurch Massalia eine Art regionale Hauptstadt und Knotenpunkt der Region wurde.

Zwar entsprang die Gründung dem Einvernehmen zwischen Griechen und Kelten-Lingurern, doch kam es in der Zeit immer wieder zu Konflikten mit verschiedenen keltischen Stämmen. Massalia behielt zwar oft die Oberhand, musste jedoch 125 v.Chr. das Römische Reich um Unterstützung bitten. Dadurch gelangten die Römer erstmals in die Gebiete Südfrankreichs und eroberten im Zuge weiterer Auseinandersetzungen mit keltischen Stämmen oft mit Unterstützung griechischer Truppen weite Teile der späteren Provence. Als zentraler Verbündeter blieb Massalia daher unberührt von der römischen Eroberung und bewahrte als einer der einzigen Siedlungen an der Mittelmeerküste seine Unabhängigkeit zu den Römern. Als Massalia jedoch während des Bürgerkriegs zwischen Julius Caesar und seinem Rivalen Gnadeus Pompeius Neutralität bewahrte, wurde die Handelsstadt Zeichen des Machtspieles Julius Caesars. Dieser belagerte die Stadt sechs Monate lang und nahm sie schließlich 49 v.Chr. ein. Seitdem zählte Massalia zum Römischen Reich, in dem sie ihr griechisches Prestige als bedeutende Handelsstadt behielt.

Mit dem Untergang des Weströmischen Reiches fiel Massalia 481 an die Westgoten und schließlich an die Ostgoten. Im Zuge der Ausbreitung der Franken wurde die durchgehend bedeutende Handelsstadt 536 Teil des heranwachsenden Frankenreichs. Dabei war die Hafenstadt stets von großer Bedeutung im südlichen Frankenreich, denn sie war im internationalen Austausch im Mittelmeerraum fortwiegend von besonderer Wichtigkeit. Ergänzt durch die Gründung des Erzbistums Marseille spielte die Stadt auch in der klerikalen Struktur eine nicht unbedeutende Rolle. Der rege Handel über das Mittelmeer hinein in das Inland des Frankreichs und nach Europa brachte jedoch nicht nur erwünschte Ware mit sich. So sollen die Häfen Marseilles Ausgangspunkt der Pest sein, die von den hier einlaufenden Schiffen und ihren blinden Passagieren auf den europäischen Kontinent im 14. Jahrhundert eingeführt worden sein soll. Damit war Marseille besonders von dem Schwarzen Tod betroffen und mehrere Pestepidemien schwächten die Handelsstadt stark. Allerdings blieb Marseilles Schauplatz einiger Machtkämpfe um die Krone Frankreichs und in den Hugenottenkriegen, wo sie am hartnäckigsten den Katholizismus verteidigte.

Seither ist die Stadt für ihren Kampfgeist und ihre Rebellion gegen die Obrigkeit bekannt und stellte in der Französischen Revolution eine entscheidende Stütze der Bürgerbewegung dar. Es waren viele Kämpfer aus Marseille, die vom Mittelmeer nach Paris geschickt wurden, um den dortigen Freiheitskämpfern zur Seite zu stehen. Kaum verwunderlich scheint daher der Name des Liedes, das die Franzosen auf den Straßen während der Französischen Revolution antrieb und daher später die Nationalhymne Frankreichs werden sollte. Die Marseilles zeugt noch immer vom Kampfgeist Marseilles und zeigt die Bedeutung der Stadt für Frankreich.

Noch heute lässt sich die bewegte Geschichte Marseilles im pittoresken Quartier du Panier entdecken, denn genau hier begann die Besiedlung Marseilles. Besonders bemerkenswert ist hier die Unberührtheit der Geschichte Marseilles, denn vieles, was man heute hier findet, ist in seiner ursprünglichen Form erhalten. Antike Treppen, mittelalterliche Pflastersteine und barocke Bauten reihen sich daher zu einem einzigartigen Ensemble aneinander, das auf eine Reise durch die Zeit einlädt.

Marseille und seine Kirchen

Nicht nur wirtschaftlich als Handelsstadt nimmt Marseille eine entscheidende Rolle in der Provence ein. Auch im konfessionellen Rahmen macht sich die Hafenstadt einen Namen. Unveränderlich scheinen daher die vielen beeindruckenden sakralen Bauten, die die Hafenstadt wie nichts anders prägen.

Herausragend ist das Wahrzeichen der Stadt, die „Notre-Dame de la Garde“, welche schützend auf dem höchsten Hügel von Marseille in 147 Meter Höhe als „Bonne Mère“ über der Stadt wacht. Die Wallfahrtskirche empfängt etwa zwei Millionen Besucherinnen und Besucher jährlich, die von der hohen Terrasse einen atemberaubenden Blick auf Marseille und das Mittelmeer genießen. Auf den Boden einer ehemaligen mittelalterlichen Marienkapelle erbaute Henri-Jackues Espérandieu Mitte des 19.Jahrhunderts die Basilika auf den Kalksteinfelsen und machte sich damit einen Namen in der Kirchenarchitektur.

Vom Mittelmeer aus ist jedoch nicht nur die hoch gelegene Notre-Dame de la Garde zu sehen, sondern ebenso die größte Kirche Marseilles, die in der Altstadt vor dem Hafen ruht. Nicht nur als Sitz des Erzbischofs von Marseille die ist die „Cathédrale de la Major“ von besonderer Bedeutung. Als sechstgrößte Kirche der Welt begrüßt die Kathedrale von Marseille täglich Seefahrer und Reisende aller Welt in der Hafenstadt. Die majestätische Bischofskirche überzeugt jedoch nicht nur von Außen. Auch im Inneren lässt sich über die gewaltige Architektur staunen, die ebenfalls Architekt Espérandieu wie für die „gute Mutter“ Marseilles entwarf.

Marseille und das Meer

Eins ist in Marseille nicht wegzudenken: die Verbindung der Hafenstadt mit dem Meer. Von griechischen Seefahrern gegründet, spielt das Mittelmeer seither eine entscheidende Rolle im Selbstbewusstsein der Marseillais und ihrer Stadt. Der beeindruckende Hafen Marseilles bildet das Herzstück des Küstenortes. Der Vieux Port ist damit gleichzeitig historischer sowie kultureller Mittelpunkt, der bereits in der Antike für den Handel mit der Welt von den Griechen angelegt wurde und bis ins 19.Jahrhundert wirtschaftliches Zentrum am Mittelmeer war. Heute fahren von hier zwar nicht mehr Fischerboote oder Handelsschiffe aus, doch verzaubert der Alte Hafen weiterhin mit seinem ursprünglichen Charme als Schmuckstück der Stadt. Heute Yachthafen, Versammlungsort, Treffpunkt und Ausgangspunkt für kleinere Schiffstouren hinaus auf das Mittelmeer, vermag der Vieux Port Nabel der provenzalischen Welt sein.

Besonders charmevoll und ganz im Sinne des französischen „savoir-virvre“ ist der tägliche Fischermarkt, auf dem in den frühen Morgenstunden fangfrischer Fisch am Quad de la Fratanité von zahlreichen Fischern verkauft wird. Wie sollte es daher anderes sein, stammt von hier eins der wohl bekanntesten Gerichte der weltberühmten provenzalischen Küche: die Bouillabaise. Nicht verkaufter Fisch vom traditionellen Fischmarkt verwerteten die Fischer zu einer Suppe, die im ganzen Land und über seine Grenzen hinweg schnell an Beliebtheit erlangte. Zu der Marseiller Variante des Fischeintopfes wird traditionell das Weißbrot Marette gereicht, das anders als in anderen Zubereitungsarten nicht geröstet, sondern frisch aus dem Backofen in den Teller gelegt wird, um die Suppe aufsaugen zu können.

Marseille ist daher so vielfältig wie seine Bewohner selbst und erstrahlt in allerlei verschiedenen bunten Facetten, sodass hier wirklich jede Besucherin und jeder Besucher von der Kulturstadt verzaubert wird.

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