Zurück in die Antike reist man südlich von Saint-Rémy-de-Provence inmitten von Pinienwäldern und Kalkfelsen gleich neben der Landstraße D5. Hier stößt man auf eine archäologische Sensation, wo ein Spaziergang zwischen zerfallenen und doch überraschend gut erhalten Ruinen einen spektakulären Eindruck vom ehemaligen Glanz der römischen Kolonie Glanum verspricht. Besonders zwei Monumente stechen bei der Zeitreise hervor, die als „les Antiques“ kleine Berühmtheiten der Region und ihrer antiken Geschichte sind.
Von den Kelten zu den Römern
Bei der Ausgrabungsstätte von Glanum handelt es sich um die Größte Frankreichs und damit eine wahrliche Schatzkammer für Archäologen. Zwar verbindet man auf den ersten Blick die antike Forschung mit der ehemaligen römischen Kolonie Glanum, doch beginnt die Geschichte der Stadt nicht mit ihrer Blütezeit unter römischer Herrschaft. Vielmehr lassen sich hier Spuren der vorrömischen Bewohner der Provence entdecken. Die hier gesammelten Fundstücke zählen aufgrund ihrer Fülle und gutem Zustand zu den wohl wichtigsten Fundstücken zur Erforschung präantiker Besiedlung der Provence. So sollen sich auf dem Gebiet des späteren Glanums der keltische Stamm der Salluvieren angesiedelt und hier ein Oppidum auf dem Mont Gaussier errichtet haben. Rückstände einer Trockenmauer, die ein etwa zwanzig Hektar großes Gebiet abgegrenzt haben soll, sowie Überreste eines Schreins für den Keltengott Glanis aus dem 4. Jahrhundert v.Chr. weisen eindeutig auf kelto-ligurische Besiedelung hin.
Auch der Name der Stadt geht nicht auf ihre bekannte römische Beherrschung zurück. Im 3.Jahrhundert v.Chr. errichteten die Griechen auf ehemaligem kelto-ligurischem Boden ihr Handelszentrum Glanum, das ausgehend von der nahegelegenen bedeutenden griechischen Siedlung Massalia, dem heutigen Marseille, rasch zu einem florierenden Mittelpunkt des Handels wurde. Dabei wurden keineswegs die keltischen Stämme aus Glanum vertrieben, sondern vielmehr lebten griechische Händler und Kelto-Ligurer friedlich nebeneinander und arbeiteten hier Hand in Hand. Angesicht der sonst oft konfliktreichen Spannungen zwischen Kelto-Ligurern und Griechen stellte diese Siedlung damit durchaus eine kleine Besonderheit dar. Griechische Händler, die oft von Massalia aus die Rhône hinaufzogen, brachten nicht nur griechische Ware mit, sondern ebenso ihre Kultur mit Alphabet, Sprache und Architektur. Diese verband sich in Glanum mit der lokalen kelto-ligurischen Kultur, wodurch die Handelsstadt zu einem kulturellen Zentrum des Austausches und friedlichen Miteinanders wurde. Diese Mischkultur brachte erste schriftliche Zeugnisse in keltischer Sprache hervor, die heutzutage wesentlich für die Forschung sind. Deutlich sichtbar ist zudem der architektonische Einfluss der Griechen auf die Gestaltung der Stadt. Im charakteristischen griechisch-hellenistischen Stil erbauten sie den Tempel und das Theater von Glanum, sowie den zentralen Versammlungsplatz, die Agora der Stadt. Überreste dieser unverkennbaren Architektur verewigten die vorrömischen Zeiten und damit bis heute zu bestaunen.
Nachdem die Römer um 125 v.Chr. mit der Eroberung der Mittelmeerküste begannen, fiel auch Glanum im 1.Jahrhundert v.Chr. unter römische Herrschaft. Kaiser Augustus wertete die Handelsstadt zur römischen Kolonie auf, wodurch der zuvor bereits bedeutende Ort eine erneute Blütezeit erlebte. Viele der griechischen Bauten wurden in römische umgebaut und zahlreiche römischen Tempel, Thermen und der Triumphbogen ergänzt. Doch die Römer übernahmen genauso einiges Lokales, wobei sich hier insbesondere Gottheiten, Schrein und Heiligtum der Stadt mit der römischen Kultur vereinbaren ließen. Glanum wurde im römischen Handelsnetz an der Mittelmeerküste immer bedeutender, weshalb im Zuge des architektonischen Umbaus die Funktionalität der Kolonie nicht Außeracht gelassen wurde. Ein ausgeklügeltes Wasserversorgungssystem mit eigenem Staudamm und brillantem Kanalisationssystem sicherten der Stadt ihre Position als lokales Handelszentrum. Die drohende Gefahr einer Überschwemmung des engen Tals wurde mit einem Regenwasserabfluss geschickt umgangen und der zu vorigen Probleme in regenreichen Zeiten Abhilfe geschafft. Glanum erstrahlte nun unter römischer Herrschaft in ganz neuem Glanz und war um einiges gewachsen.
Als jedoch um 260 n.Chr. die Allemannen im Rahmen ihrer Raubzüge die florierende Kolonie angriffen, wurde der antike Glanz der Stadt zerstört. Viele der imposanten Gebäude vielen dem Sturm zu Opfer, dem die Einwohner nicht entgegenwirken konnten. Nach dem Allemannensturm verließen die römischen Bewohner die verwüstete Kolonie und begannen einige Kilometer weiter ein neues Leben, aus dem später der heute bekannte Ort Saint-Rémy entstehen sollte. Die ehemalige Handelsstadt wurde jedoch in ihrer Zerstörung zurückgelassen und an dem steilen Hängen der Alpillen vergessen. Übertüncht vom baldigen Glanz und Größe Saint-Rémy blieben die Ruinen auch im Mittelalter und Neuzeit größtenteils unangerührt und sich selbst überlassen.
Ausgrabungen
Lange blieb die einst bedeutende römische Kolonie mit ihren beeindruckenden Bauwerken unberührt und ihre Ruinen außer durch natürlichen Zerfallsprozessen unverändert. Zwar geriet sie nie komplett in Vergessenheit, schließlich kamen die Gründer Saint-Rémys ursprünglich aus der zerfallenen Stadt, doch wurde sie nie wirklich umgebaut oder das römische Erbe vollends abgebaut. Dadurch entpuppte sich Glanum als kleiner archäologischer Schatz bei den erst 1921 beginnenden Ausgrabungen. Viele der römischen Konstruktionen sind erstaunlich gut erhalten, weshalb Glanum seither zu einer der bedeutsamsten antiken Fundstätten Frankreich zählt. Seit 1921 fanden unter verschiedener Leitung, unteranderem von 1942 bis 1962 unter jener des angesehenen Archäologen und Numismatiker Henri Rolland, unterschiedliche Grabungen statt, die schließlich immer mehr römische Artefakte zu Tage förderten. Langsam offenbarte sich der einstige Glanz der Fundstätte und dessen Wert in der antiken Welt wurde für heutige Augen sichtbar. Allerdings blieben die Ausgrabungen bis heute auf das mittlere Tal beschränkt, obwohl davon ausgegangen wird, dass in den goldenen Jahren Glanums ebenfalls zwei Seitentäler sowie einige Hügel der Umgebung bebaut und bewohnt waren. Zentrum der ehemaligen Handelsstadt vermag jedoch das mittlere Tal gewesen sein, dass heute für Besucherinnen und Besucher zu besichtigen ist.
Ein besonderes Augenmerk wurde seither zwei außerordentlich gut erhaltenden Monumenten gewidmet, die unter ihrem Spitznamen „les Antiques“ bereits im 17.Jahrhundert zu kleinen Berühmtheiten wurden. Der eindrucksvolle Triumphbogen von Glanum ist nicht nur aufgrund seines fabelhaften Zustandes bemerkenswert, er ist zugleich der älteste gefundene Triumphbogen des ehemaligen Galliens, denn er stammt aus der späten Regierungszeit Kaiser Augustus zwischen 27 v.Chr. und 14 v.Chr. Bereits der spätere französische König Louis XVIII. setzte sich bei einem Besuch Saint-Rémys 1777 eigens für den Erhalt des eindrucksvollen Bogens ein, wodurch sein heutiger guter Zustand zu verdanken ist. Im Zuge dieser ersten, noch nicht wissenschaftlichen Restaurationsarbeiten in Glanum entstand der noch heute die beiden „Antiques“ zusammenfassende Platz, dessen Bau für den Erhalt beider römischen Bauwerke maßgeblich war. Damit profitierte ebenso das beeindruckende Mausoleum von dem Ruhm seines wunderschönen Nachbarn. Zu Ehren ihrer Eltern ließ die Familie der Julier um 35 v.Chr. einen mit prachtvollen Reliefs geschmückten Turmbau errichten, der mit seiner beträchtlichen Höhe von 18 Metern das Stadtbild deutlich geprägt haben muss.
Neben den ehrenwerten „Antiques“, die sich vor der Stadtmauer befinden, lassen sich in der Stadt selbst einige gleichwertig bemerkenswerte Bauten finden, die nicht nur von der römischen Herrschaft zeugen. Überreste von Thermen im östlichen Teil der Stadt stehen gegenüber von Ruinen ehemaliger hellenistischer Häuser mit Marktplatz, die die unterschiedlichen Einflüsse auf die ehemalige Handelsstadt deutlich werden lassen. Ein ebenso signifikanter Ort bildet das zentrale Forum, das vier unterschiedliche Bebauungsphasen von gallo-griechischen bis römischen Architektur erkennen lässt. Seine nicht zu übersehenen Reste eines Tempels im toskanischen Stil der gallo-griechischen Architektur stehen heute neben römischen Wohnhäusern, die einst die Agora der Stadt überbauen sollten.
Der Großteil der Funde aus den verschiedenen Epochen Glanums lassen sich im Hôtel de Sade in Saint-Rémy bestaunen, das dadurch eine ganz einzigartige archäologische Ausstellung präsentiert. Die Ausgrabungsstätte und die Ruinen der Stadt selbst lassen sich teils mit Führung von Januar bis November in einer ganz wunderbaren Zeitreise zurück in die Antike besuchen.