Fête votive

Stiere, Arenen und Stierkampf – das ist doch eigentlich spanisch, oder? – Schließlich stammt von hier der weltberühmte „toreo“. Umso verwunderlicher scheint es daher, in den vielen südfranzösischen Örtchen in den Sommermonaten bei einem vermeidlich unbekümmerten Besuch auf einmal inmitten von Stieren zu stehen, die durch die schmalen Gässchen des Dorfes getrieben werden. Doch was auf den ersten Blick vielleicht überraschen mag, bildet in der Provence, und insbesondere in der Camargue, das kulturellen Highlight des Jahres. Jedes Dörfchen veranstaltet hier zu Ehren ihres Patrons ein „fête votive“, bei dem die Stiere eine ganz besondere Rolle spielen. Doch keine Sorge: Im Gegensatz zu den spanischen Stierkämpfen sind die südfranzösischen zwar nicht ungefährlich, dafür aber völlig unblutig.

Herkunft

Das traditionelle „fête votive“ ist religiösen Ursprunges, denn damit feiert jeder Ort seinen heiligen Patronen. Die daher ebenso als „fête patronale“ (Patronatsfest) bekannten Feierlichkeiten stammen aus der Region des Languedoc und der Provence und gehören seither zur festen südfranzösischen Tradition. Jeden Sommer veranstaltet jedes Dorf ihr eigenes „fête votive“, bei dem es vor allem um das gemeinsame Zusammenkommen geht. Diese Tradition lässt sich zurückverfolgen bis zur Gründung vieler Gemeinden im Mittelalter. Hier bedeuteten die alljährlichen Feierlichkeiten zum Fest des Heiligen der jeweiligen Pfarrei eine Verschnaufpause von der harten Feld- und Handarbeit unter der heißen provenzalischen Sommersonne. Oft fiel das Patronatsfest damit ebenfalls auf die erste Ernte, die ebenso wie der Schutzpatron mit den Feierlichkeiten gemeinsam gehrt wurde. Nicht umsonst handelt es sich daher um ein Votiv-Fest, das ganz im Sinne des Gelübdes gegenüber dem lokalen Schutzpatron steht.

Ganz zu Beginn wurde jedoch noch zwischen Votiv-Fest und Patronatsfest unterschieden. War das Votiv-Fest dem Kirchenpatron (der Heilige der Ortspfarrei) gewidmet, veranstalteten viele Gemeinden zusätzlich ein Fest zu Ehren des Schutzpatrons des Dorfes, der nicht immer derselbe Heilige der Pfarrei war. Doch aus den zwei ähnlich begründeten Festlichkeiten wurde ein großes Dorffest, auf dem zusätzlich die ganz besonderen Spezialitäten und Charakteristika der Region und des Ortes hervorgehoben wurden. Damit wurde auch der Veranstaltungszeitpunkt nicht nur nach den Gedenktagen der jeweiligen Heiligen gewählt, sondern ebenso den regionalen Gegebenheiten angepasst, sodass zum Beispiel die erste Ernte von lokalen Produkten gefeiert werden konnte. So werden zum Beispiel in Isle sur la Sorgue Wasserspiele veranstaltet, in den Alpillen finden Pferderennen statt und in der Camargue stehen die Stierkämpfe im Mittelpunkt der Festlichkeiten.

Heute steht das Votiv-Fest nicht mehr (nur) im religiösen Rahmen, sondern ist vielmehr oft das jährliche Dorffest, auf das sich alle Bewohner im Sommer freuen. Bis in die 1950er Jahre spielte es zudem für junge Erwachsene eine Rolle, um sich untereinander bekannt zu machen und in das Erwachsensein einzutreten. Da es oft das einzige und größte Dorffest der Gemeinschaft war, kamen hier alle zusammen und konnte bei gemeinsamen Essen, Spielen oder Wettbewerben auf sich aufmerksam machen und sich gegenseitig kennenlernen.

Zwischen Paraden, Feuerwerk, Musik und Tanz wird in kleineren Wettbewerben in Pétanque (Boule) oder an Tombola triumphiert, wobei das gemeinsame Essen natürlich nicht zu kurz kommen darf. Die Dörfer können teils an Karneval erinnern, wenn Umzügen und Paraden durch die Sträßchen ziehen und die Einwohner teils verkleidet, teils in traditioneller Kleidung, in festlicher Stimmung zusammen feiern. Es gibt allerlei zu entdecken auf den bunten Festen, die in den Sommermonaten bis in den September hinein in den verschiedenen Örtchen zu finden sind. Jedes „fête votive“ ist dabei einzigartig und charakteristisch für das Dorf selbst, denn es feiert schließlich jede Gemeinde ihren eigenen Schutzpatronen und lokalen Charakteristika. Vergleichbar sind die Festlichkeiten mit Volksfesten oder teils lokalen Jahrmärkten oder Kirmessen, denn nicht selten sind bei einem „fête votive“ allerlei „attractions foraines“, also Jahrmarkt-Attraktionen wie Karusselle, Los- und Schießbuden oder Dosen- und Angelspiele bis hin zu kleineren Achterbahnen zu finden. Oft werden die Attraktionen auf dem zentralen Dorfplatz aufgebaut und durch eine Bühne ergänzt, auf der allerlei Musik, Tanz oder Schauspiel aufgeführt wird. In der bunten Vielfalt der bis bis zu einer Woche andauernden Festlichkeiten ist also für Groß und Klein etwas dabei!

„Fête votive“ und die Stiere

Vor allem in der Camargue, die für ihre wildlebenden Stierherden bekannt ist, sind die Festwochen ein besonderes Spektakel und für die lokale Identität von entscheidender Bedeutung. Das „fête votive“ in Saintes-Maries-de-la-Mer oder in Aigues-Mortes gehören daher zu den bekanntesten und ausschweifendsten. Das Treiben der Stiere durch die Straßen der Orte bis zur Arena, der anschließende unblutige Stierkampf und das Herausführen der Tiere zurück auf die Weiden der weiten Camargue-Landschaft mittels der Gardians auf den weißen Camargue-Pferden – all das bildet die Camargue-Identität. Bei dem unblutigen Stierkampf in der jeweiligen Ortsarena stellen sich ganz in weiß gekleidete Mutige den wilden Stieren und versuchen ein um seine Hörner gebundenes Tuch oder Schnur zu ergattern, ohne dabei von den Tieren selbst erwischt zu werden. Ganz ungefährlich ist dieser „course camarguais“ nicht; so kommt es immer wieder zu schweren Verletzungen, doch gilt dieser insbesondere für die jungen Männer des Dorfes als Mutprobe und Muss bei den sommerlichen Festlichkeiten. Letztlich geht es jedoch um die Anmut und die Kraft des Stieres, dessen Bedeutung für die Region durch die Spiele hervorgehoben werden soll und der daher, anders als beim spanischen „toreo“, nicht um sein Leben bangen muss.

Nicht zu kurz darf dabei allerdings nicht ein weiteres Wahrzeichen der Camargue kommen: Das berühmte weiße Camargue-Pferd, das im Treiben der Stiere durch die Stadt und zurück auf die Weiden eine wichtige Rolle spielt und teils auch in den Arenen eingesetzt wird. Majestätisch auf den Rücken der anmutenden weißen Pferde sitzend, ist es für die Gardians, die „Camargue-Cowboys“, eine Ehre die Stiere geordnet durch das Dorf zu leiten. Auch in den Alpillen sind die Pferde von großer Bedeutung für das Land und die regionale Identität, weshalb hier während der Votiv-Feste Pferderennen zu bestaunen sind. Damit stehen das „fête votive“ an der Mittelmeerküste ganz im Zeichen der Tiere, die zu Ehren der Schutzpatrone der Orte ebenso gefeiert werden.

Zwar geht es in erster Linie um das gemeinsame Feiern als Dorfgemeinschaft und Herausheben der eigenen lokalen Ortsspezialitäten, doch wird der „course camarguais“ wird nicht nur in der Camargue veranstaltet, sondern ist ebenso Höhepunkt einiger anderer „fête votive“ im Midi de France, also in Südfrankreich. So lassen sich in den Gemeinden des Luberon bei einem „fête votive“ nicht selten Stiere finden, die durch die Gässchen der pittoresken Dörfer getrieben werden. Sollte man im Sommer also an einer Herde Stiere inmitten von Saint-Rémy, Oppède oder anderen Gemeinden stoßen, so nicht direkt die Flucht ergreifen, sondern besser zuschauen, staunen und eintauchen in die regionalen Traditionen des Luberon.

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