Was einst mit den Römern begann, große Namen wie Nostradamus hervorbrachte und einige bedeutende Künstlern wie van Gogh verzauberte, macht die Kleinstadt am Fuße der Alpillen zu einem ganz besonderen Fleckchen Erde in der Provence. Mit dem inoffiziellen Titel als „Hauptstadt der provenzalischen Lebensart“ hängt an Saint-Rémy seit der Gründung durch die Römer ein außergewöhnlicher Charme. In dem vergleichsweisen kleinen Ort gibt es daher umso mehr zu entdecken und zu staunen.
Saint-Rémy und die Kunst
Weltberühmt ist die Kleinstadt durch seine Verewigung in einem der wohl bekanntesten Werke überhaupt: In „Sternennacht“ fängt der Impressionist Vincent van Gogh von seinem Fenster während seines Aufenthalts im hiesigen Sanatorium die unbeschreibliche Atmosphäre Saint-Rémys auf atemberaubende Art und Weise ein. Seither verzaubert die idyllische Landschaft gemalt im einzigartigen Stil van Goghs ein Weltpublikum und zieht zahlreiche Neugierige in die kleine südfranzösische Stadt. Der Künstler selbst wurde hier nach seiner Lebenskrise 1889, der sein linkes Ohr zum Opfer fiel, in der Psychiatrische Klinik Saint-Paul nahe Saint-Rémy untergebracht. Besonders wohl fühlte sich van Gogh in der ehemalige Klosteranlage nicht, die ihn wie einen Gefangenen fühlen ließ. Er erlebte daher einige weitere Krisen, in denen er sich stärker denn je an seine Kunst klammerte. Glücklich über die Erlaubnis weiter Malen zu dürfen und alle benötigten Utensilien bereitgestellt zu bekommen, entstanden an diesem trostlosen Ort einige seiner später bedeutendsten Werke. Van Gogh verewigte das ehemalige Kloster und seine Umgebung, portraitierte sich in seiner Zelle selbst in einer eindrucksvollen Reihe von Bildern und setzte eine seiner zuvor schwarz-weiß gehaltenen Gemäldereihe in eine farbige um. Zeitgleich erlangten seine Werke durch das Engagement seines Bruders Theo erstmals zu seinen Lebzeiten an gewisser öffentlicher Aufmerksamkeit, die ihm bekanntermaßen erst nach seinem Tod einen gewissen Ruhm bringen sollte. Heute schmückt sich die Abtei mit ihrem berühmten Bewohner, dessen Werke in den großen Museen der Welt hängen.
Doch nicht nur aufgrund van Goghs Aufenthalt in der Kleinstadt zählt Saint-Rémy heute zu einem außergewöhnlichen Ort der Kunstszene. Neben provenzalischen Geschäften, Bistros und Cafés lassen sich immer wieder kleine Galerien in den Gässchen Saint-Rémys finden, in denen Künstler ihre wunderschönen Werke inspiriert von der Idylle des Orts ausstellen. Sein einzigartiger Flair, aber auch seine fabelhafte umgebende Landschaft direkt am Fuße der Alpillen, ist Sinnbild der provenzalischen Schönheit und dient damit Einigen als Quelle ihres künstlerischen Schaffens.
Saint-Rémy und die Römer
Das Gebiet Saint-Rémys begeistert nicht nur Künstlerinnen und Künstler, sondern wirkt seither anziehend und ideal für ein Leben in der pittoresken Landschaft. Bereits einige Felsmalereien in Höhlen der Umgebung zeigen Zeichnungen von der Region und einige Pfunde kelto-ligurischer Bewohner bezeugen die frühe Besiedlung der Terrains . Doch die eigentliche Geschichte der Stadt beginnt mit dem Ende einer anderen, dessen Ruinen noch heute einige Meter südlich von Saint-Rémy zu bestaunen sind. Als um 260 n.Chr. die römische Kolonie Glanum von Allmannen angegriffen und zerstört wurde, siedelten sich die Bewohner der ehemalig bedeutenden Handelsstadteinige nur ein paar Meter weiter neu an und errichteten eine neue römische Siedlung, aus der später das heutige Saint-Rémy entstehen sollte. Überreste aus der römischen Gründung lassen sich heute jedoch eher weniger in der Kleinstadt finden, dafür ist die benachbarte Ausgrabungsstätte Glanum umso bedeutender. Als größte Fundstätte Frankreichs ist die ehemalige römische Stadt ein wahrer Traum für Archäologen aus aller Welt, die hier zum Teil bemerkenswert gut erhaltende Überreste römischer, aber auch griechischer Beherrschung fanden. Mit zwei der hiesigen römischen Monumente, die unter ihrem Spitznamen „les Antiques“ als kleine Berühmtheiten bekannt sind, macht sich die Grabungsstätte einen ganz besonderen Namen.
Weiteres Wissenswertes
Weniger bekannt ist die Kleinstadt jedoch für ihren wohl bekanntesten Nachfahren, den Apotheker und Astrologen Michel de Notredame, besser bekannt als Nostradamus, der hier 1503 das Licht der Welt erblickte. Überraschend scheint die Herkunft des wissenschaftlichen Genies, denn in seiner Heimatstadt weist kaum etwas auf seine Abstammung hin. Das Erbe des später in Avignon und Montpellier studierende Nostradamus fällt vielmehr seiner späteren Wahlheimat Salon-de-Provence zu, wo er sich um 1547 ansiedelte. Im nur wenige Kilometer entfernte Saint-Rémy zog es den bedeutenden Apotheker hingegen nach seinem Auszug zum Studium 1518 nicht mehr, weshalb auch heute in der Kleinstadt nicht viel auf sein Wirken hindeutet.
Zu Nostradamus Zeiten entstand in Saint-Rémy ein heute hingegen sehenswertes Gebäude. Das„Hôtel de Sade“ wurde 1513 von der Adelsfamilie de Sade als Stadtpalast auf dem Boden ehemaliger spätrömischer Thermen aus dem 4.Jahrhundert errichtet. In einer architektonischen Mischung aus Gotik und Renaissance integrierte der Bau einige Überreste der Thermen. Damit stößt man hier auf einzigartiges Ensemble verschiedenster Stile und Epochen, was den ehemaligen „palais“ unter Denkmalschutz stellt. Allerdings ist nicht nur seine eigene bewegte Geschichte von Interesse, sondern vielmehr seine heutige Funktion als archäologisches Museum mit den Funden der nahegelegenen Ausgrabungsstätte Glanum. In den eindrucksvollen Gemäuern des „Hôtel de Sade“ werden seit 1968 die bemerkenswertesten Funde aus den Grabungen in Glanum ausgestellt, die mit der Präsentation des eigenen verbauten Erbes des Gebäudes, das Museum für Geschichtsinteressierte zu einem besuchswerten Ort machen.
Neben seiner Bedeutung und Geschichte darf in Saint-Rémy natürlich nicht sein eigener Charme übersehen werden. Mit den zahllosen kleinen Geschäften der pittoresken Gässchen, den vielen wunderhübschen Brunnen an Gebäudefassaden und kleinen Plätzchen mit einladenenden Cafés und Bistros, ist der Ort nicht ohne Grund inoffiziell „Hauptstadt der provenzalischen Lebensart“. Landschaft, Leute und Architektur erwecken den charakteristischen Zauber der Provence und lassen ihre Besucherinnen und Besucher eintauchen in das südfranzösische „savoir-vivre“. Hier sollte man sich die Zeit nehmen für einen kleinen Bummel durch die Stadt, um sich von ihrem einmaligen Glanz verzaubern zu lassen.