Stierkämpfe, römisches Amphitheater und Jeans haben alle eins gemeinsam: Sie gehören wie nichts anders zur südfranzösischen Idylle von Nîmes. Die Stadt blickt auf eine sehr bewegte Geschichte zurück, in der sie seither ein entscheidendes Zentrum am Mittelmeer bildet. Heute zählt sie mit einem außergewöhnlich vielfältigen kulturellen Erbe zu einer der größten Städte der Region. Wo Geschichte und Moderne zusammentreffen, wird es in Nîmes nie langweilig.
Nîmes und die Römer
Insbesondere die „Heilquelle“ von Nîmes sorgte schon früh für eine gewisse Attraktivität und Anziehungskraft des Gebiets. Zunächst von den Kelten besiedelt und auf den Namen ihrer keltischen Quellgottheit „Nemausus“ getauft, die an der hiesigen Quelle verehrt wurde, entstand eine erste Siedlung des späteren Nîmes. Die Kelten erschufen einen regelrechten Kult um die heilige Quelle von „Nemausus“, den die Römer nach der Eroberung um 121 v.Chr. übernahmen und mit der Verehrung ihrer Nymphen verbanden. Der heilige Quellort stieg unter römischer Herrschaft zu einer regelrechten Metropole auf, die unter Kaiser Augustus zur Kolonie mit gleichem Namen erhoben wurde. Colonia Augusta Nemausus florierte durch ihre günstige Lage an der wichtigen Handelsstraße Via Domitia, der Verbindung von Italien nach Spanien an der Mittelmeerküste, an der Nîmes zu einer der wichtigsten und größten Handelsstätten heranwuchs. Im Zuge ihres Status als römische Kolonie diente Nîmes ebenso als Stützpunkt römischer Soldaten, die im verfeindeten Ägypten kämpften, jedoch von der Mittelmeerküste aus aufbrachen.
Mit dem raschen Wachstum musste die ehemalige keltische Siedlung schnell ausgebaut und befestigt werden. Die heilige Stätte der Quelle wurde bei der römischen Bebauung jedoch nicht missachtet und der vorrömische Turm „Tour Magne“ oberhalb der Quelle mit einigen römischen Tempeln ergänzt. Beeindruckend in den „Jardins de la Fontaine“ sind heute damit nicht nur die Überreste des hohen Turmes, sondern ebenso jene des „Temple de Diane“, dem Dianatempel, die die prachtvollen Gärten der Fontäne, die im 18.Jahrhundert angelegt wurden, zu einer Idylle sondergleichen machen.
Die Heilquelle reichte hingegen nicht aus, um den wachsenden Bedarf an frischem Wasser der sich stetig vergrößernde Kolonie zu decken, weshalb Nîmes eine entscheidende Rolle für eines die heute wohl bekanntesten und am besten erhaltenden Aquädukte spielte. Zwischen Nîmes und dem heutigen Uzès erbauten die Römer eine Leitung, die frisches Wasser über 50 km hinweg bis in die römische Kolonie brachte und deren wohl bekanntester Teil der „Pont du Gard“ über dem Fluss Gardon ist. In Nîmes selbst steht ebenfalls ein außergewöhnliches Überbleibsel des Aquädukts. Das Castellum, eine Art Wasserschlösschen, bildete den Endpunkt der Wasserverbindung und ist eins von zwei römischen Wasserkastellen mit diesem außgezeichnetem Zustand.
Die Römer errichteten jedoch nicht nur Funktionsbauten, vielmehr ist die gesamte Stadtgestaltung römischen Ursprungs, denn die römische Kultur durfte bei der Erweiterung ebenso nicht zu kurz kommen. Nach dem Vorbild italienischer Städte entstand an der Mittelmeerküste ein kleines Rom, das sich allerdings mit seiner reichen gallorömischen Kultur hervorhob. Neben den Tempeln an der heiligen Quelle ließ der bedeutende Feldherr und Schwiegersohn Kaiser Augustus Marcus Vipsanius Agrippa zu Ehren seiner beider Söhne den heute unter dem Namen „Maison Carrée“ bekannten Tempel des Augustus errichten. Mitten im Stadtzentrum lässt sich der imposante Podiumstempel bestaunen, der weltweit der letzte noch vollständig erhaltende antike Tempel ist und damit wie kein anderer beispielhaft für die klassische augusteische Baukunst ist.
Neben dem römischen Tempeln entstand im 1.Jahrhundert n.Chr. das Bauwerk, wofür Nîmes heute wohl am bekanntesten ist. Nach dem Vorbild des Kolosseums wurde das hiesige Amphitheater errichtet, das zu einem der besterhaltenen Arenen der Römerzeit gehört und kulturelles Zentrum der Stadt wurde. Schätzungsweise knapp 24.000 Besucherinnen und Besucher konnten den spannenden Gladiatorenkämpfen beiwohnen, die hier vor den Augen der Öffentlichkeit ausgetragen wurden. Doch das Amphitheater hat nicht nur aufgrund seiner Unterhaltungsfunktion einen besonderen Platz im Herzen der Bewohner von Nîmes. Bei den Belagerungen der Stadt in der Spätantike boten die Ringmauern sicheren Schutz der Bevölkerung, die hierhin flüchtete und sich vor den Eroberungsversuchen verschiedenster Völker versteckte. Kaum zu glauben ist, dass hier so eine Kleinstadt in der Stadt entstand: Das ehemalige römische Amphitheater wandelte sich im Mittelalter zu einer Festung mit sage und schreibe mehr als 200 Häusern, zwei Kirchen und sogar Burganlage. Während außerhalb der sicheren Mauern die Stadt Opfer der Zerstörung durch verschiedene Herrschaftswechsel wurde, blieb das Amphitheater aufgrund seiner Funktionsumwandlung in seinem heute so guterhaltenen Zustand bestehen.
Nîmes und die Jeans
Denim – klingt doch irgendwie wie „de Nîmes“, also „aus/von Nîmes“, oder? Wer hätte gedacht, dass der berühmte Jeansstoff aus dem verschlafenen Örtchen in Südfrankreich kommt. Denn tatsächlich: Der Ausdruck denim geht auf die Bezeichnung zurück, mit der die Händler in der Neuen Welt den robusten blauen Stoff beschrieben, den sie an der Mittelmeerküste erstanden hatten. Aus Nîmes stammt das strapazierfähige Gewebe, das in den USA später Grundlage für die weltbekannte Jeans werden sollte und heute wohl jeder schon einmal getragen hat. Das „Serge de Nîmes“ (Gewebe aus Nîmes) stellte seit einiger Zeit ein bedeutendes Handelsgut der Stadt dar. Direkt weiterverarbeitet zu Schiffssegeln, die den heftigen Stürmen auf See wie keine andere standhielten, verbreitete sich der Stoff schnell in aller Welt. Bereits vor seinem Import über den großen Ozean hinaus verwendeten einige pfiffige Seeleute von Genua das beständige Gewebe, um ihre Arbeitskleidung wie ihre Segel den harten Wetterbedingungen auf hoher See anzupassen, denn dafür eignete sich der das „serge de Nîmes“ überraschend gut. Schließlich fand das Textil seinen Weg nach Amerika, wo es vom deutsch-amerikanischen Großhändler Levi Strauss um 1870 entdeckt wurde, der in der Not der Goldgräber auf der Suche nach funktionsfähiger Arbeitskleidung im Wilden Westen den idealen Stoff gefunden hatte. Aus dem „Serge de Nîmes“ wurde kurz „denim“ und mit der Orientierung an der aus „Genes“ (Genua) stammenden Seemannshosen wurde die neue Goldgräberhose als Jeans weltberühmt. Den Ursprung des weltbekannten Gewerbes ist jedoch nur wenigen bekannt, obwohl bis heute Textilfabriken von Nîmes ihren besonderen Stoff produzieren und in die gesamte Welt hinaus exportieren.
Nîmes als Kulturstadt
Das Nîmes über ein reiches antikes Erbe verfügt ist kaum zu übersehen. Unter dem Spitznamen „Antike der Gegenwart“ lassen sich zahllose einzigartig gut erhaltende Bauten aus der Römerzeit bestaunen. Doch nicht nur aufgrund seines historischen Erbes ist Nîmes das Kulturzentrum schlechthin. Zahlreiche kulturelle Veranstaltungen und Feste zieren das gesamte Jahr über vor allem das Amphitheater der Stadt, dem kaum eine kulturelle Pause vergönnt ist. Nach wie vor Ort der Unterhaltung und Spiels, beginnt das Jahr mit dem Flamenco-Festival und vielen spanischen Künstlerinnen und Künstlern und gipfelt im Sommer im kulturellen Höhepunkt mit dem „Festival de Nîmes“. In der atemberaubenden Kulisse der Arena treten hier jährlich im Juni und Juli die großen Namen der Musikerszene auf. Zuvor versetzten die alljährlichen Römischen Spiele im Frühling die Stadt zurück in ihre antike Blütezeit. Auch das gut besuchte Pfingstfest sorgt mit etwa 1 Millionen Besucherinnen und Besuchern für einen lebendigen Trubel in der Stadt. Doch nicht nur für Konzerte oder Theateraufführungen wird das Amphitheater genutzt. Anstelle von Gladiatorenkämpfen finden hier dreimal jährlich im Zuge der „Courses camarguaises“ Stierkämpfe statt, bei denen die Tiere unverletzt bleiben.
Damit trifft in Nîmes traditionsreiche Geschichte auf lebendige moderne Vielfalt wie sonst selten und macht die Stadt zu einem außergewöhnlichen Ort an den Toren der Provence, wo es stets Neues zu entdecken gibt.