Ocker im Luberon

Ein unbeschreibliches Farbspiel aus Rot-, Orange-, Braun-, Gelb- und Grautönen bildet im Herzen des Luberon eine atemberaubende einzigartige Welt.

Inmitten von unterschiedlich geformten Ockerfelsformationen taucht man in den liebevoll genannten provenzalischen „Colorado“ ein. Die leuchtenden Ockerfelsen verzaubern ihre Betrachter, sodass man inmitten des Farbspektakels schnell die Zeit vergisst, so sehr fasziniert die Landschaft und zieht einen in ihren Bann.

Geschichte

Ocker ist ein uraltes Pigment, denn es wird schon seit Menschengedenken weltweit für zahllose Zwecke verwendet. Erst Zeugnisse lassen sich in prähistorischen Zeiten finden, wo vor etwa 350.000 Jahren Wandmalereien mit Ockerpigmenten entstanden. Zahlreiche Naturvölker nutzten Ocker, um nicht nur Malereien anzufertigen, sondern auch, um seine angeblich heilende und guttuende Wirkung für Körper und Seele zu nutzen. Um das farbenfrohe Pigment rangen sich zahlreiche Mythen und Geheimnisse und wird in manchen Ecken der Welt als heilig verehrt.

Die Ockerfelsen in der Region des Luberon reichen weit in die Vergangenheit zurück. Vor mehr als zweihundert Millionen Jahren war diese Region mit Wasser bedeckt, das mehre tausend Meter Sediment mit sich brachte. Dieses weiße Kalkgestein bildet heute die charakteristischen Felsformationen in der Provence wie den Mont Ventoux und den Luberon. Doch hier lagert sich vor etwa 110 Millionen Jahren auch sogenannter Grünsand über den Kalksteinen ab. Als vor etwa 100 Millionen Jahren sich das Meer zurückzieht und sein Sediment zurücklässt, zersetzt sich der Grünsand durch starke Winde und heftige Regenfälle in seine ursprünglichen Bestandteile. Dabei wird Eisen freigesetzt und der ockerfarbige Sand ist entstanden, der dem neuen Kontinent ein leuchtenden Farbspiel verleiht.

Diese atemberaubende Landschaft verzauberte schon früh die ersten Bewohner des Luberon: die Römer, die sich schon bald von ihrer nahen Kolonie Apta Julia (dem heutigen Apt) von den leuchtenden Felsen faszinieren ließen. Die Vorkommen beim heutigen Rustrel wurden schon in Römerzeiten genutzt und das leuchtende Pigment abgebaut, um es zum Färben von Stoffen zu verwendet.

Doch erst Ende des 18.Jahrhunderts war es der „Roussillonnais“ Jean Etienne Astier, der die wahre Qualität des Ockergestein (wieder-) entdeckte und die ersten Ockerabbaubetriebe entstanden. Von hier an gleicht die Verbindung der Einwohner von Roussillon und den anderen Ockerdörfern einer fortwährenden Liebesgeschichte, die bis heute, Jahrhunderte später, immer noch anhält. Den Höhepunkt der Ockergewinnung war in den 1919er Jahren, wo jährlich etwa 40.000 Tonnen des edlen Gesteins gefördert wurden. Wie zu Römerzeiten wurde das Pigment noch im 20.Jahrhundert als Naturfarbe zum Färben von Textilien und Keramik verwendet. Heute kommt der Naturocker nur noch bei der Herstellung von Kunstgewerbe zum Einsatz.

Ocker

Ocker kommt überall dort vor, wo der Eisengehalt im Boden relativ hoch ist. Dort oxidiert das Eisen in der Erde und verleiht dieser ihren charakteristischen goldgelben Farbton. Somit handelt es sich bei Ocker um ein erdiges Mineralgemisch aus Tonerde und Eisenoxiden. Je höher dabei der Eisenanteil, desto intensiver und roter die Farbe. Abhängig von weiteren Elementen im Boden variiert die Farbpalette der Ockertöne von gelblich über rötlich bis hin zu bräunlichen Nuancen, teilweise vermag man sogar leicht violette oder bläuliche Farbnuancen wahrzunehmen. So lassen sich bis zu 20 verschiedene Farben aus dem Felsgestein gefiltert werden.

Seit Jahrtausenden wird der Farbstoff Ocker aus dem Brauneisenstein der Provence gewonnen. Um diesen zu extrahieren, muss die Farbe aus dem Sandstein gewaschen werden. Dazu wird der Sand mit den tonigen Farbpigmenten zunächst mit starkem Wasserstrahl ausgewaschen und in ein System von steinernen Rinnen geleitet. Hier trennt sich der Ockerschlamm vom Sand, denn der gröbere Sand lagert sich zuunterst, Feinsand und Schluff darüber. Der begehrte farbige Tonschlamm fließt obenauf in der schrägen Rinne weiter. Er gelangt dann in Absetzbecken, an deren Grund die wertvolle Ockererde sedimentiert. Dann wird das Wasser abgelassen und den Rest schafft die südliche Sommersonne.

Der Luberon und seine Ockerfelsen

Die Ockergewinnung ist in der Region des Luberon eine langanhaltende, feste Tradition, mit der die Provenzalen tiefgehende Verbindung pflegen.

So bildet das nach wie vor in Betrieb gehaltene Ockerabbaugebiet in Roussillon das größte Europas. Roussillon ist hierbei das wohl bekannteste Ockerdörfchen des Luberon. Eine tiefe Verbindung zwischen den Einwohnern und dem edlen Pigment ist allein schon daran zu sehen, dass sich das malerische Dorf seine traumhafte Fassade den in den verschiedensten Farben leuchtenden Häusern zu verdanken hat, die allesamt mit den aus den Ockerminen geförderten Pigmenten gefärbt sind.

Auch beherbergt Roussillon zahlreiche Künstlergalerien, in den sich regionale Künstler niedergelassen haben und ihre Werke präsentieren.  Inspiriert von der Region des Luberon und den vielen leuchtenden Farben der Ockerwelt sind hier zahlreiche individuelle Stile zu finden, die einem die Schönheit des Luberon durch andere Augen blicken lässt.

Neben Roussillon zählt auch Rustrel, wo sich der sogenannte provenzalische „Colorado“ finden lässt. Die hier vorzufinden zahllosen Wanderwege laden viele Neugierige ein, in die farbenfrohe Landschaft einzutauchen und sich von ihr verzaubern zu lassen. Auch Orte wie Apt, Gargas oder Joucas bergen Ockersteinformationen in ihrer Umgebung.

Wer mehr über den Ocker im Luberon erfahren möchte, dem ist ein Besuch in einer Ockerfabrik vergangener Zeit in Roussillon im „Conservatoire des Ocres et de la Couleur“ zu empfehlen, wo Ausstellungen und Veranstaltungen rund um das mystische Pigment angeboten werden und das dazu einlädt, sich mit der Bedeutung für die Region des Luberon und seine Bewohner auseinanderzusetzen. In den heißen Sommermonaten ist es zudem eine schöne Abwechslung in die alten Ockerstollen der Region, zum Beispiel in der Ockermine Bruoux, bei einer Führung durch die imposanten, kathedralengleichen Stollen und frischen 10°C, in die Welt des Ockers einzutauchen.

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